En Passant - Merkels Strategie

Im Film „Being John Malkovich“ tauchen Fans für kurze Zeit in das Leben des Schauspielers ein. So ähnlich können das Wähler nun auch bei Angela Merkel tun

Illustration von Sophie Dannenberg.
Illustration: Anja Stiehler / Jutta Fricke Illustrators

Autoreninfo

Sophie Dannenberg, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Debütroman „Das bleiche Herz der Revolution“ setzt sich kritisch mit den 68ern auseinander. Zuletzt erschien ihr Buch „Teufelsberg“

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In diesem Bundestagswahlkampf bin ich noch niemandem begegnet, der vorhat, eine Partei zu wählen, die er wählen will. Ich habe mit klassischen CDU-Anhängern gesprochen, die jetzt ihr Kreuz bei der SPD machen, damit sich ihre Partei in der Opposition von den Merkel-Jahren erholt. Zugleich treffe ich auf SPD-Wähler, die, um Schulz zu verhindern, Merkel wählen. Von einigen Linken weiß ich, dass sie FDP wählen, um eine Große Koalition zu verhindern, und ein Bündnis einer großen Partei mit der FDP halten sie eben für wahrscheinlicher. Einen Grünen-Wähler, der die Grünen wählt, habe ich auch noch nicht getroffen. Das liegt wohl daran, dass Merkel in den letzten Jahren so was wie einen politischen Identitätsdiebstahl begangen hat. In Sachen „anti Atomkraft“ und „pro Asylpolitik“ reicht ihr keiner mehr das Wasser. Die Nichtwähler wählen AfD, und die AfD-Wähler wählen nicht mehr, weil sie sich die Alternative anders vorgestellt hatten. Und einen habe ich kennengelernt, der sich aus lauter Raffinesse für die Tierschutzpartei entscheiden will. 

Strategisches Denken auf beiden Seiten

Bestimmt gleicht sich das dann alles aus, und alles bleibt so, wie es keiner mehr will. Denn so viel ist klar: Die Leute wünschen sich ihre alten Parteien zurück. Sie glauben, dass es die noch gibt: die gute alte Arbeiter-SPD, die durch und durch konservative Christdemokratie. Sie wollen die Politiker endlich wachrütteln. Vielleicht wollen sie sich auch nur rächen, mit Schulz an Merkel, mit Merkel an Schulz, mit Lindner an den Linken und mit der AfD an allen zusammen. Am Ende werden die Motivationsumfragen repräsentativer sein als das Wahlergebnis. Aber nur das wird zählen. Und der Clou dabei: Wer nicht inhaltlich, sondern taktisch wählt, der wählt genau so, wie Merkel Politik macht. Irgendwie ist sie ja doch ein Vorbild.

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