Die 68-er - Ein schönes, böses Märchen

Heute vor 50 Jahren wurde der Wortführer der Studentenbewegung, Rudi Dutschke, Opfer eines Attentats, an dessen Folgen er später verstarb. Die 68er polarisieren bis heute. Wie ist ihr Erbe zu beurteilen? Das fragte sich Sophie Dannenberg in der Titelgeschichte der Cicero-Ausgabe „Der Muff von 50 Jahren“

Der Studentenführer und Ideologe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Rudi Dutschke, am 6. März 1968 in der Aula der Halenpaghenschule im niedersächsischen Buxtehude am Rednerpult.
Rudi Dutschke am Rednerpult / picture alliance

Autoreninfo

Sophie Dannenberg, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Debütroman „Das bleiche Herz der Revolution“ setzt sich kritisch mit den 68ern auseinander. Zuletzt erschien ihr Buch „Teufelsberg“

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Ich bin eine gebürtige Linke. Aufgewachsen zwischen Solidaritätskonzerten der DKP und antiautoritärem Kinderladen. Beides, DDR-Kommunismus und antiautoritäre Bewegung, passte allerdings nicht zusammen. Im Rückblick erleben wir die 68er-Studentenrevolte als eine ideologisch einheitliche Bewegung, aber das war sie ganz und gar nicht. Jede Splittergruppe hatte ihre eigene Agenda, und eher kaum hätte sich ein Trotzkist zu den Maoisten, ein Spartakist zu den Spontis oder eine Feministin vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen zum SDS gesellt – es sei denn, um Tomaten aufs männliche Präsidium zu werfen. Aber die Freunde meiner Eltern waren kommunistische Exilchilenen und schleppten sie zu den DKP-Festen, wo es selbst gestrickte Pudel und Empanadas zu kaufen gab, und meine Eltern nahmen deren Tochter dann eben in den Kinderladen mit. Und vielleicht ging es meinen Eltern schon damals, wie vielen anderen, mehr um die Stimmung als um die Theorie. Es war ein Mix aus Aufruhr, Hoffnung, Glück und Wut.

Ohnesorgs Tod als Auslöser zur Politisierung

Der Beginn der 68er-Studentenrevolte wird meist auf 1967 datiert, also auf heute vor 50 Jahren, als während der Anti-Schah-Demo in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde, eben nicht von einem „faschistischen Bullen“, sondern, wie man heute weiß, vom Stasi-IM Karl-Heinz Kurras. Für viele Studenten war Ohnesorgs Tod aber der Auslöser ihrer Politisierung. Die Radikalisierung der politischen Kräfte hatte indes schon früher begonnen, 1959 mit dem großen Anti-Atomwaffen-Kongress an der Freien Universität. Damals gelang es einer Fraktion der Zeitschrift Konkret, darunter Ulrike Meinhof, den moderaten SPD-Kurs auszuhebeln und den Kongress zu kapern, um am Ende eine prokommunistische Resolution durchzusetzen. Auch wann die Revolte endete, ist nicht klar. Wohl 1980 mit ihrer endgültigen Institutionalisierung durch die Gründung der Grünen. Manchmal wundert es mich, dass wir einen so langen, intensiven Zeitraum mit einer Zahl codieren.

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Johan Odeson | Mi, 11. April 2018 - 13:42

Einen der besten Artikel den ich über die 68 gelesen habe. Auch wenn ich zeitlich kurz danach erwachsen wurde, die hier aufgeführten Widersprüche sind mir aus meiner Jugend bestens bekannt: "Zerschlagt die NATO" Graffities aller Orten; körperliche Angriffe auf Afghanen, die auf der Bonner Friedensdemo gegen die Besetzung ihres Landes durch die Sowjetunion protestierten; hasserfülltes Niederbrüllen von Meinungen in Hörsälen; der WDR Rundfunk mit unwidersprochenen Lobpreisungen der Nationalen Volksarmee als Friedensarmee; die geduldete Verächtlichmachung und Hasstiraden auf konservative Politiker die heutige Postings blass aussehen lassen; usw. alles wieder da, wenn ich das lese. Ich kann an den angeblichen "Leistungen" 68 nichts finden. Letztlich ging es immer trotz ihnen, aber nicht wegen ihnen. Irgendwie setzte sich dann immer die Vernunft durch. Ich hoffe auch diesmal und dann geht's ans aufräumen der Hinterlassenschaften. "Macht's gut und danke für den Fisch".

Jürgen Waldmann | Mi, 11. April 2018 - 16:16

An das Jahr 1968 kann ich mich gut erinnern , beendete ich doch im Herbst mein Studium zum Maschinenbau Ingenieur . Meine Kollegen , die ein Jahr später fertig werden wollten , die verloren durch Demos und Streik ein zusätzliches Jahr ! Ich hatte Glück , war fertig geworden und fand in München eine Anstellung .
Wer studierte und Arbeiten wollte , dem ging das Getöse der Dutschke Anhänger am A.... vorbei . Von einer besseren Welt träumten viele , brachten aber nur Gewalt auf die Strasse , was mich nur abschreckte , Neues und Besseres sah ich nicht . Viele Freunde verloren wertvolle Jahre , da sie glaubten Marx und Mao bringen eine bessere Welt . Die 68 èr brachten uns nichts , das es Wert wäre, darüber ein paar Zeilen zu verlieren !

Holger Stockinger | Mi, 11. April 2018 - 17:12

Als damals "Antifaschist" mit 21 Jahren hier zur Historie: Der "Wortführer", ein junger Grieche mit absolut kommunistischer Überzeugung duldete keinen Widerspruch.

Da nach einem Jahr "Rote Fahne" frisch gedruckt aus der "Volksrepublik China" den Quatsch ich satt hatte, beschäftigte ich mich mehr mit Medizin & Musik.

Jahre später erfuhr ich dann, dass zwei Frauen der "Roten Zelle" Selbstmord begangen hatten.

Das "rote Märchen" war denen offenbar zum Albtraum geworden ...

Romuald Veselic | Do, 12. April 2018 - 08:01

waren eigentlich die 5-Kollonne der DDR resp. des damaligen Kommunismus, was man daran erkennen konnte, dass sie nicht gegen die CSSR Besetzung durch die Warschauer-Pakt-Soldateska protestiert haben. Sie haben sich dadurch charakteristisch selbst diskreditiert u. für mich sind die 68-er-Typen nur unproduktive, narzisstische Krawallmacher mit Hang zum Destruktiven, die nichts bewirkt haben, im Unterschied zu Dissidenten im Ostblock. Ein Rudi Dutschke u. seine Nachfolger wie Josef Fischer, haben nie das Format erreicht, wie Andrej Sacharow, Alexander Solschenizyn oder Vaclav Havel.