Visionär und Twitter-Chef Elon Musk / dpa
Visionär und neuer Twitter-Chef Elon Musk / dpa

Elon Musk kauft Twitter - Exklusiv für Xing-Leser: Die Heidenangst der Bessermeinenden vor der Meinungsfreiheit 

Nach der Übernahme von Twitter durch den Unternehmer Elon Musk übertreffen sich populäre Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und sonstige Bessermeinende darin, vor den Folgen zu warnen. Die Bandbreite reicht von Angst vor zu viel Meinungsfreiheit über blanke Hysterie bis zu Märtyrergehabe zum Fremdschämen. 

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Ben Krischke ist Redakteur bei Cicero und lebt in München.

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„Hier bleiben. Solange demokratischer Disput noch möglich ist. Unterdrückte noch Stimmen haben. Ungehörte noch gehört werden. Der Hass nicht gesiegt hat. Es braucht Gegenstimmen. Auch hier. Ich bleibe. Noch.“ Wer sich bei der Lektüre dieses Zitats wahlweise an Sophie Scholl oder Mahatma Gandhi erinnert fühlt, liegt ob Intensität und Duktus dieser Aussage nicht ganz falsch. Doch um den Kampf gegen den NS-Terror oder für die Unabhängigkeit eines ganzen Landes geht es hier nicht, sondern um den Kurznachrichtendienst Twitter und seinen neuen Besitzer Elon Musk

Der Visionär hinter Tesla, dem Raumfahrtprogramm SpaceX und „Starlink“, einem Satellitenprogramm, das maßgeblich mitverantwortlich ist, dass die ukrainische Armee noch immer kämpfen kann gegen den russischen Aggressor, hat nach längerem hin und her Twitter für 44 Milliarden Dollar übernommen – und angekündigt, die Plattform wieder zu einem Ort der Rede- und Meinungsfreiheit zu machen. Weil dem so ist, sind populäre Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nun ebenso besorgt wie Leute, deren Lebensleistung bisher darin besteht, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie zu sagen und zu denken haben. 

Jede Generation bekommt die Helden, die sie verdient

Das eingangs erwähnte Zitat ist ein Tweet von Georg Restle, der hauptberuflich gegen alles kämpft, was ihm nicht links, grün oder woke genug ist, und nebenberuflich die ARD-Redaktion von „Monitor“ leitet. Georg Gandhi, pardon, Restle ist besorgt wegen Elon Musk – und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er will Hass und Hetze auf der Plattform konsequent bekämpft sehen, oder halt das, was er darunter versteht. Ehrenmann, finden andere Twitter-Empörungsschleudern wie Mario Sixtus und Jasmina Kuhnke

Statt den Kurznachrichtendienst Twitter zu verlassen – was eine halbwegs glaubwürdige und konsequente Reaktion auf so viel Besorgnis wegen des neuen Besitzers wäre –, hat sich Restle also für den Weg des Märtyrers entschieden. Er bleibt. Trotz Elon Musk. Ein bisschen so wie Gandhi blieb. Damals in Indien. Ein Schelm, wer glaubt, das liege an Restles über 150.000 Followern bei Twitter. Nein, es geht natürlich um alles. Über 4000 Menschen haben Restle deshalb ein „Gefällt mir“ unter seinem Tweet hinterlassen, was mich einmal mehr zu der Feststellung bringt: Jede Generation bekommt die Helden, die sie verdient. 

Der Untergang des Abendlandes

Restle ist freilich nicht der einzige Vertreter seines Milieus, der nach der Übernahme von Twitter durch Musk den Untergang des Abendlandes fürchtet. „Die Frage ist nun, was der Exzentriker Musk mit der Plattform vorhat? Die Befürchtung ist, dass er die Grenzen des Sagbaren weiter ausdehnen könnte“, sorgt sich auch Anne Gellinek, stellvertretende Chefredakteurin des ZDF, in einem TV-Kommentar. Und selbstredend sorgen sich eine ganze Menge Leute mit, die sich auch sonst immer ganz viele Sorgen machen, wenn nicht alle konsequent in die gleiche Richtung marschieren. Also dorthin, wohin der Pöbel gefälligst zu laufen hat. Auch in den sozialen Medien.

Schön war auch eine Twitter-Einlassung von Jan Philipp Albrecht zu dem Thema, der irgendwann einmal jüngster Abgeordneter für die Grünen in Brüssel war und mittlerweile als Vorstand in der Beletage der Heinrich-Böll-Stiftung entspannt. Er twitterte: „Wir verfolgen eine weitere Geschichtsstunde darüber, wie schnell große zivilisatorische Errungenschaften zerstört werden können, wenn man bösen, narzisstischen und inkompetenten Menschen die Macht dazu gibt.“ Lustig, dachte ich sofort, das Gleiche habe ich mir jüngst wegen der Ampelregierung gedacht.
 

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Abgesehen davon muss man sich diese Aussage auf der Zunge zergehen lassen: Der Grünen-Politiker Jan Philipp Albrecht wirft dem Erfinder von Paypal und Visionär hinter Tesla, SpaceX und „Starlink“ Inkompetenz vor, während seine Partei immer noch mehrheitlich glaubt, man könnte die Welt vor der Klimaapokalypse retten, wenn Markus Söder in Bayern endlich mehr Windräder in die Landschaft rammt. Jene Partei, die behauptet, Atomkraft sei auch in Deutschland eine „Hochrisikotechnologie“, die Einnahme von Zuckerkügelchen eine alternative Behandlungsmethode und es gebe mehr als zwei biologische Geschlechter. 

Eine Heidenangst vor der Rede- und Meinungsfreiheit

Ehrlich gesagt, weiß ich angesichts solcher Tweets und Kommentare nicht, ob ich nun lachen oder weinen soll. Denn derlei Aussagen und mehr zum Thema Elon Musk und Twitter taugen zwar für gute Pointen. Wenn ich aber genauer darüber nachdenke, der Hals vor lauter Kopfschütteln schon ganz steif ist, der Geist aber hellwach, frage ich mich schon, wohin ein Land steuert mit journalistischem und politischem Personal, das offensichtlich eine Heidenangst vor zu viel Rede- und Meinungsfreiheit hat. 

Das Beruhigende bei Ängsten ist ja, dass sie oft ziemlich irrational sind. Auch wenn es um Elon Musk geht, der Twitter gerade erst übernommen und übrigens bereits verkündet hat, einen „Moderationsrat“ für Twitter einzuberufen, in dem „sehr unterschiedliche Meinungen vertreten“ sein sollen. Das Beunruhigende bei Ängsten wiederum ist, dass die Folgen real sind, wenn man sich zu sehr von ihnen überwältigen lässt. In der Politik. In den Medien. In der Gesellschaft. Angesichts der derzeitigen Debattenkultur im Land. Deshalb braucht es Gegenstimmen. Auch hier. Ich bleibe. Noch. Und warte auf die mögliche Rückkehr von Donald Trump auf Twitter. Dann wird’s erst richtig lustig.