Wladimir Putin
Lenin habe mit der Ukraine ein künstliches Gebilde erschaffen, so Putin in seiner Rede / dpa

Rede des russischen Präsidenten - Russland und die Ukraine: Geschichtsstunde mit Putin

Während die ersten russischen Truppen im Donbass stationiert werden, hält Putin keine Brandrede. Stattdessen doziert er im russischen Fernsehen trocken über die Zwickmühlen der sowjetischen Nationalitätenpolitik, über verschiedene geopolitische Zankäpfel und über die Geschichte der Ukraine und Russlands. Ein Versuch, seine geschichtspolitischen Auffassungen noch einmal näher anzuschauen

Autoreninfo

Nathan Giwerzew studierte Literatur- und Politikwissenschaft in Berlin und absolvierte ein Redaktionspraktikum bei Cicero.

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Als die ersten russischen Truppen gestern in den Donbass verlegt wurden, wurde eine Rede von Wladimir Putin live im russischen Fernsehen übertragen. Putin versteht diesen Krieg, so können wir dieser Rede entnehmen, vor allem als eine praktische Revision bisheriger geschichtspolitischer Paradigmen. Besonders deutlich wird in der Rede der Bruch mit der relativ liberalen Nationalitätenpolitik der frühen Sowjetunion: Sie wird für nichts Geringeres als für den Untergang des Sowjetreichs maßgeblich verantwortlich gemacht. In Putins Russland, das lernen wir hier schnell, wird der leninistische Ansatz durch einen zunehmend aggressiven Nationalismus abgelöst. Und der duldet immer weniger Abweichung.

Die Ukraine sei, so Putin in seiner Rede, immer schon „ein integraler Bestandteil unserer eigenen Geschichte, Kultur, unseres spirituellen Raums“ gewesen. „Wir“ – damit ist selbstverständlich Russland gemeint, das für sich ein natürliches Herrschaftsrecht über die Ukraine reklamiert. Die ersten Ausprägungen der ethno-politischen Loslösung der Ukraine von Russland verortet Putin nicht – wie es allgemein unter Historikern üblich ist – im 17. Jahrhundert, sondern in der sowjetischen Nationalitätenpolitik ab 1917. Lenin habe mit der Ukraine ein künstliches Gebilde erschaffen, indem er in sie einige vormals russische Territorien integriert habe. Chruschtschow habe dieses zerstörerische Werk fortgeführt, indem er der Ukraine „aus irgendeinem Grund“ auch die vormals russische Krim einverleibt habe. Dass die Krim 1954 vor allem aufgrund von infrastrukturpolitischen Erwägungen der Ukraine zugeschlagen wurde, ist aus Putins Perspektive aber vermutlich so unspektakulär, dass davon in seinen Ausführungen gar nicht die Rede war.

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Romuald Veselic | Di, 22. Februar 2022 - 17:05

Der Westen, durch seine Zahnlosigkeit und Servilität, hat alle Kanten verloren und steht auf verlorenem Posten.
Wer hat's gesagt, Charlie Chaplin? Wenn du Frieden willst, vorbereite dich auf den Krieg? Oder waren dies die alten Römer, die das schon vor 2500 Jahren wussten?
Denn, auf einmal, im Kriegsfall, wer wird das Klima retten oder sein Anti-CO2-Agieren perfektionieren?
Und nach dem Krieg, werden die Menschen weiter keine Zeit für CO2 + x haben.
Wetten wir? ✔ 😈

Tomas Poth | Di, 22. Februar 2022 - 17:17

Die Kiewer Rus 882 bis 1240 n. Chr., (russisch Киевская Русь, ukrainisch Київська Русь, belarussisch Кіеўская Русь), auch Altrussland oder Kiewer Russland genannt, mittelalterliches Ostslawisches Großreich schon vergessen?

Jeder kann so seinen Ansatz für seine historische Sichtweise finden und reklamieren!

Es gibt einen Konflikt zu lösen der seit 8 Jahren in den Oblasten Luhansk und Donezk schwelt und von EU/Nato mit befeuert wird.
Wenn den Menschen dort und in der Ukraine geholfen werden soll, dann wäre ein Krieg nicht die Lösung!!

Walter Bühler | Di, 22. Februar 2022 - 17:22

vielen Dank für diesen Versuch, sich gründlich mit der Rede Putins auseinanderzusetzen. Es ist mutig, solche Gründlichkeit in einer Zeitung zu versuchen, und es ist mutig von Cicero, sich auf ein so intensives Niveau der Auseinandersetzung einzulassen und so etwas zu drucken.

Natürlich kann man auf einen solchen Text in einem kurzen Kommentar kaum reagieren, zumal man sich Zeit zum Durchlesen nehmen muss.

Jedenfalls: Respekt!

Wolfgang Peters | Di, 22. Februar 2022 - 18:17

"Während die ersten russischen Truppen im Donbass stationiert werden, hält Putin keine Brandrede. Stattdessen doziert er im russischen Fernsehen trocken über die Zwickmühlen ..."

Ich weiß nicht, welche Rede Putins der Autor im Fernsehen gesehen hat. Ich habe die Rede im Original auf "Echo Moskvy" verfolgt und habe einen aufgewühlten Putin erlebt, der nach jedem zweiten Absatz einen Seufzer getan hat.
Er hat ganz im Gegenteil eine Brandrede gehalten, welche die Staatlichkeit der Ukraine überhaupt in Frage stellt. Er hat dabei von "Machthabern", "Machtclique" in der Ukraine gesprochen. Man spürte förmlich seine Aversion gegen die Ukraine. Ich kenne weder aus dem Geschichtsunterricht noch aus meinem bewussten politischem Erleben keine derart schreckliche Rede seit 1945!
Das rhetorische Ausmaß der Herbwürdigung der UKraine steht in keinem Verhältnis zu der "mikrigen" Anerkenung zweier halber ukrainischen Verwaltungsbezirke am Ende der über einstündigen Intervention.
Da kommt noch was!

Putin spricht von Machthabern und Machtclique, er spricht explizit NICHT vom Volk!! DAS ist der Unterschied, den Sie jedoch nicht merken. Schade. Er hat keine Aversion gegen die Ukraine, sehr wohl aber gegen das dortige Führungspersonal. Und das ist durchaus verständlich. Ja, ich war auch schon in Kiew und habe von der Geschichte der Kiewer Rus gehört. Also, woher soll da eine Aversion kommen? Es gehört zusammen.

Jens Böhme | Di, 22. Februar 2022 - 22:28

Russischer Geschichtsunterricht auf niedrigstem Niveau. Die Ukraine ist im 21.Jahrhundert unabhängig geworden. Es spielt keine Rolle, wann ein Land unabhängig wird und von der Völkergemeinschaft anerkannt. Sogenannte Revolutionen werden in vernunftorientierten Staaten per Wahlen im Nachgang bestätigt oder zurückgenommen. Vielleicht hat Deutschland nach putinscher Deutung auch kein Recht auf Eigenständigkeit, weil erst 1871 gewaltsam per Krieg mit Frankreich zum Nationalstaat gekrönt? Und die bösen Waräger haben zwischen 9. und 12.Jahrhundert widerrechtlich eigene Staatsgebiete errichtet und seltsamerweise Rus nannten.

Gerhard Lenz | Di, 22. Februar 2022 - 22:32

Den Eindruck muss man gewinnen, wenn man ihm zuhört. Immer offensichtlicher werden Putins pathologische Züge, wenn er beispielsweise doziert, Frieden sei nicht grundsätzlich "gut, oder wenn er von der Bedrohung durch die NATO halluziniert, sich scheinbar mitten im Krieg (den er höchstens selbst anzettelt) befindet.

Der Aggressor im Kreml entwickelt mit zunehmenden Alter die Züge eines kriegslüsternen Militaristen, der scheinbar in Feldherrenart jenen Schlachten sucht, die ihn zum vaterländischen Helden machen sollen. Das russische Volk dürfte ihm egal sein, zu groß seine Macht, unangreifbar seine Position, ein Diktator, der sich mit einem Scheinparlament umgibt und die Opposition ermorden oder verschwinden lässt.
So mancher afrikanische Staat is politisch weiterentwickelt, als das Russland unter Putin.

Bleibt die Frage, ob Putin die ganze Ukraine unterwirft, ob er danach weitere Staaten angreift - Länder mit russischsprechenden Bevölkerungsteilen (die Balten), Schweden, Finnland?

Den in der Politik - & Politik ist mehr wie schmutzig - geht es nur wie beim Pokerspiel um bluff, um zu gewinnen.

An Macht, an Geld, an Land & Immobilien, an ansehen, an irdischen Reichtümern. Aber garantiert nicht an Freunde, wenn es auch sicherlich Sympathien zwischen Politikern gibt.

Jedenfalls liegt fmp. wie immer die Wahrheit zwischen beiden Seiten:

1. Erstens haben die Amerikaner & dadurch die Schoßhunde Europas verpasst, Russland wirtschaftlich nach Europa einzubinden, ohne dass ihre Macht & Größe zu irgend einer Gefahr eines kleineren Staates werden könnte.

2. Klare Linien & Positionen zu den Verträgen der 90-iger zu bestimmen. Dann hätte sich aber das englisch sprechende Empire & ihre damaligen Verantwortlichen festlegen müssen. Wollte man das?

3. Wollte man überhaupt eine Klärung zum Problem Krim & Schwarzmeerflotte oder war die eingetretene Konstellation bestimmten Kreisen des Empire gerade recht?

4. Ist manchmal eine Teilung/ Trennung nicht vernünftiger für ALLE

W.D. Hohe | Mi, 23. Februar 2022 - 00:06

Putin ist nuur ein Beispiel – vor eigener Haustüre
Diese Konfiguration des Menschseins, In unterschiedlicher Ausprägung, gab und gibt es überall.
Jedem Land, jeder Stadt, jedem Dorf, in jedem Verein.
Dann und wann sogar in Familien.
Und ebenso dann und wann erhält eine dieser "Ausgaben" Zugang zu Macht. Gefolgt von jenen die gerne an dessen Position wären, sie früher oder später beneiden - hängen
Täglich zu hören, zu lesen, zu erleben.
Seit Beginn der Existenz dieses, überaus begabten, Zweibeiners.
Die Frage ist der Umgang mit diesen Gegebenheiten?
Demokratie oder Diktatur ?
In welcher Ausführung ?
Fragen auf Basis der Jetztzeit - nicht einer imaginären Wunschzeit
Bis sich -vielleicht- eine "bessere" Form der Verwaltung "Seiner" findet. Beachtung erzwingt.
Wohl gemerkt >erzwingt<
Freiwilligkeit von Herrschenden zu erwarten, heißt den Menschen an sich zu ignorieren. Tatsächlich wird diese In der Regel nur in Not gewährt. .
Wenn nicht...?
S. oben
Lösung ?
Eine Impfung :-)

Clara Schwarze | Mi, 23. Februar 2022 - 06:35

Der Autor geht auf Putins eigentliches Argument nicht ein. Und das sind ja weniger diese auch immer zu bewertenden Geschichtsherleitungen, als Putin vorwirft, sich mit Russlands Gegnern gegen Russland verbunden zu haben.
Was immer das Problem des ukrainischen Patriotismus ist. Er hat einen massiven anti-russischen Edge und die Behauptung ist auch nicht nur falsch. Die Uraine war fixiert auf die USA und NATO. Dazu kommt heute, dass sich das auch noch mit massvien Affekten gegen Putin persönlich - auch im Westen mischt.
Da wird man also ziemlich schwer rauskommen. Unabhängig von einzelnen Geschichtsdeutungen.

Hans Schäfer | Do, 24. Februar 2022 - 10:28

In reply to by Clara Schwarze

Dazu muss man vollständisch unvoreingenommen an die Analyse gehen. Die erkenne ich zwischen den Zeilen lesend nicht.
Man wollte diesen Konflikt – man bekommt diesen Konflikt, um Sanktionen verhängen zu können. Die, die dies wollten, ziehen im Hintergrund weiter die Strippen und verdienen daran. Die dummen sind wie immer das Volk, die die Zeche bezahlen müssen.
Schnatter-Lieschen, mit als Krisenmanagerin. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man lachen.

Martin Falter | Mi, 23. Februar 2022 - 10:59

oder ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt.

Wenn es nicht um Krieg oder Frieden gehen würde könnte man über den Typ nur müde lächeln.

Am Ende wird Putin genau das Gegenteil erreichen was er sich erhofft hat.

Nichts hätte den Westen einiger machen können, als dieser Psychopath.

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