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War Keynes ein Keynesianer?

Bei John Maynard Keynes wurde der Name zum Programm: Keynesianismus steht für kreditfinanzierte Konjunkturprogramme und mehr Wachstum durch höhere Löhne. Doch es gibt Zweifel, ob sich Keynesianer bei ihren Forderungen zu Recht auf den britischen Ökonomen berufen.

Selbst jenen, die an seinen ökonomischen Theorien zweifelten, war der Mann sympathisch. Er hatte die Erscheinung eines englischen Gentleman – weltgewandt und mit einem leichten Hang zu exzentrischem Nonkonformismus. Seine umfassende Bildung, der er immer einen Anstrich von kalkuliertem Understatement beifügte, beeindruckte sogar Kritiker unter seinen Bekannten wie den späteren Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek: „Er war so vielseitig, dass es für seine Einschätzung als Mensch beinahe irrelevant schien, dass man seine ökonomischen Theorien sowohl für falsch als auch gefährlich hielt.“ Keynes sammelte Kunst und verkehrte unter den Literaten der „Bloomsbury Group“ wie Virginia Woolf oder Bertrand Russell. Seine Heirat mit der russischen Balletttänzerin Lydia Lopokova machte ihn zur schillernden Figur des öffentlichen Lebens, zum „Promi“. Kurz: John Maynard Keynes (1883-1946) war ein „Star“ unter den Ökonomen, jemand, der mit seinen Ideen die öffentliche Meinung beeinflussen konnte. Seine Integrität, die er 1919 durch seinen Austritt aus der britischen Delegation bei den Friedensverhandlungen von Versailles bewiesen hatte, trug viel dazu bei. Die Reparationen, die Deutschland zahlen sollte, hielt Keynes als Ökonom für zu hoch und aus politischer Sicht für gefährlich. Es war daher kein Wunder, dass Keynes’ Ratschlag, wie man mit der nächsten großen Krise fertig werden müsse, auf besondere Resonanz stoßen würde. Diese Krise kam mit dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft 1929, die Millionen von Arbeitslosen produzierte und schließlich Demokratie und Frieden gleichermaßen unterhöhlte. Im Jahre 1936 kam Keynes’ Antwort auf die Krise. Seine „General Theory of Employment, Interest and Money“ wurde innerhalb weniger Jahre weltweit zur Bibel aller Sozialdemokraten – ganz gleich, welcher Partei sie angehörten. Ohne Rücksicht auf mikroökonomische Zusammenhänge beschrieb Keynes die Gesamtwirtschaft als Zusammenspiel makroökonomischer „Aggregate“ (Gesamtarbeitslosigkeit, Gesamtnachfrage et cetera). Zwischen ihnen, so Keynes, ließen sich kausale Zusammenhänge beobachten. Damit bewegte er sich trotz mancher von ihm dagegengerichteter Polemik im Rahmen der neoklassischen Gleichgewichtstheorie, die Autoren wie Léon Walras, Francis Edgeworth und vor allem Alfred Marshall begründet hatten. Keynes postulierte jedoch zwei erhebliche Unterschiede: Erstens ergaben sich für ihn die Gleichgewichte auf den Märkten der Volkswirtschaft – Arbeitsmarkt, Gütermarkt und Geld- und Kapitalmarkt – nicht „natürlich“ durch die „unsichtbare Hand des Marktes“, sondern erst durch gezielte Makropolitik des Staates. Zweitens sei Arbeitslosigkeit eine Folge mangelnder Nachfrage, die Betriebe zwinge, Arbeitskräfte abzubauen. Lohnkürzungen, die den Betrieben auch bei sinkendem Absatz die Möglichkeit gäben, Arbeitsplätze zu erhalten, seien nicht nur „politisch unmöglich“ (das heißt gegen die Gewerkschaften nicht durchsetzbar), sondern auch sonst abzulehnen, weil sie nicht das ursächliche Problem der Arbeitslosigkeit angriffen, die Nachfrageschwäche. Hier müsse der Staat steuernd eingreifen. Durch Steigerung der Ausgaben, durch zunehmende Verschuldung und Defizite sowie durch Ankurbelung der Inflation werde die Nachfrage gestärkt. Belebe sich dann die schwache Konjunktur wieder, müsse man Ausgaben, Defizite, Schulden und Inflation wieder „antizyklisch“ zurückfahren und Sparsamkeit üben. Das neue Wirtschaftswachstum führe dann schon alleine zum Abbau der Arbeitslosigkeit. Dies, in aller Kürze, war Keynes’ neue Politik der „Vollbeschäftigung“. Bei den Politikern wurden Keynes’ Ideen schnell populär. Denn sie versprachen schnellen Ruhm durch wirtschaftspolitischen Erfolg und erlaubten die großzügige Verteilung von „Geschenken“ an die Wähler. Der Keynesianismus bestärkte den Glauben der Politiker an „Machbarkeit“, weil das drängende Problem der Arbeitslosigkeit nun einfach lösbar schien. Er befreite sie von lästigen „Zwängen“, die von traditionellen Ansätzen in der Wirtschaftspolitik ausgingen – etwa von dem Zwang, eine sparsame Haushaltspolitik zu betreiben. Kritiker dieser Politik unter den Ökonomen wurden bald zu Außenseitern der Zunft. Und bis in die siebziger Jahre schien man mit dem Keynesianismus tatsächlich gut zu fahren – zumindest dort, wo er allenfalls in kleinen Dosen verabreicht wurde, wie in der Bundesrepublik. In Großbritannien jedoch, wo die neue Lehre als Universalmedizin galt, wurden die üblen Nachwirkungen schnell sichtbar. Schließlich geschah, was nach keynesianischer Logik nie hätte geschehen dürfen: Stagflation. Inflation, so hatten keynesianische Politiker gedacht, produziere Wachstum. Wachstum wiederum produziere Vollbeschäftigung. Sie hatten Keynes geglaubt und die Inflation für ein göttliches Zaubermittel gehalten. Nun gab es plötzlich Inflation, aber kein Wachstum. Und Vollbeschäftigung schon gar nicht. Woran lag das? Zunächst hat es sich in Zeiten des Booms als fast unmöglich erwiesen, die zur Bekämpfung der Rezession aufgetürmten Schulden „antizyklisch“ wieder abzubauen. Der Staat müsste sich dazu mit gerade noch von seinem Geld hochgepäppelten Lobbygruppen anlegen, was ihm in demokratischen Gesellschaften nur schwer und selten gelingt. Die Schuldenspirale ist daher in Keynes’ Idee der antizyklischen Fiskalpolitik vorprogrammiert. Aber es gibt noch ein tiefer liegendes, theoretisches Problem: Keynes war ein reiner Makroökonom. Auf die mikro-ökonomische Fundierung seiner Theorie, also auf die Berücksichtigung individueller Handlungsanreize, hat er weitgehend verzichtet. Dabei ist es durchaus fraglich, ob „Aggregate“ in so einfachen kausalen Verbindungen zueinander stehen können, wie Keynes es behauptete. Denn eine vermeintlich einfache Veränderung eines „Aggregats“, etwa eine Steigerung der Inflationsrate, ist mehr als eine gleichmäßige Steigerung des Preisniveaus. Denn es ändert sich die gesamte Preisstruktur, also das Verhältnis der Preise von einzelnen Gütern zueinander. Der durch die Inflation verursachte „Boom“ führt daher zu zahlreichen Verzerrungen, unter anderem auf dem Arbeitsmarkt, weshalb die Arbeitslosigkeit auch nach der Überwindung der konjunkturellen Talsohle bestehen bleibt. Diese ist dann aber bereits strukturell bedingt, nicht mehr nur konjunkturell. Langfristige Probleme entstehen auch durch die Verzerrung des Kapitalmarktes. Durch staatlichen „Anschub“ erhöhte Geldmengen produzieren Schuldenüberhänge, die nicht mehr hinreichend durch Produktion gedeckt werden können. Irgendwann gelingt es selbst in Perioden des konjunkturellen „Aufschwungs“ nicht mehr, von der strukturell bedingten Sockelarbeitslosigkeit herunterzukommen. Deutschland hat diesen Punkt bereits vor über 20 Jahren erreicht. In dieser Notlage müsste der Keynesianer noch mehr Inflation herbeiführen, noch mehr Verschuldung in Kauf nehmen, noch mehr „deficit spending“ betreiben. Das Resultat wären aber nur „Strohfeuer“ auf dem Arbeitsmarkt und ein weiteres Wachstum der Verschuldung. Die deutsche Wiedervereinigung liefert dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Durch den Wechselkurs von 1:1 zwischen D-Mark und DDR-Mark wurde im keynesianischen Sinne die Kaufkraft enorm erhöht. Dies bewirkte nur kurzfristig und hauptsächlich im Westen einen Aufschwung, hinterließ im Osten aber nicht lebensfähige Wirtschaftsstrukturen mit hoher Arbeitslosigkeit. Ist Keynes’ „Theorie“ angesichts der ernüchternden Erfahrungen in der Praxis nur als spontane Ad-hoc-Antwort auf die Krise nach 1929 ohne weiter reichende Geltung zu interpretieren? Obwohl der Titel des Buches („Allgemeine Theorie“) anderes suggerierte, machte Keynes immer wieder entsprechende Andeutungen. Dass auch nach dem Krieg weiter gezielte Inflationspolitik betrieben wurde, bereitete ihm – so Äußerungen im Bekanntenkreis – ernsthafte Sorgen. Zu dieser Zeit hatte eine neue Generation von Ökonomen begonnen, seine Theorien zu systematisieren und auszubauen und damit erst den eigentlichen „Keynesianismus“ zu schaffen. Wäre Keynes nicht 1946 gestorben, hätten wir dann bald einen „neuen Keynes“ gesehen, der der Makrosteuerung der Wirtschaft ebenso abgeschworen hätte, wie er zuvor dem Wirtschaftsliberalismus seiner früheren Schriften abgeschworen hatte? Wie stand er überhaupt zur liberalen Wirtschaftsordnung? War er ihr Überwinder oder ihr vermeintlicher Retter? Sah Keynes, dass seine Rezepte zu einem unkontrollierten Staatswachstum führten, das seinen liberalen Instinkten widersprach? Es kann sein, dass Keynes das Schicksal von Machiavelli widerfuhr, der auch kein Machiavellist war, oder das von Marx, der sich vom Marxismus distanzierte. Indizien weisen in diese Richtung. Kurz vor seinem Tode meinte Keynes: „25 Prozent ist sicher der maximale tolerierbare Steuersatz.“ Das jedenfalls würde heute kaum ein Keynesianer sagen.

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