Digital-Therapeutin - „Nur Sklaven sind ständig erreichbar”

4,8 Mrd. Menschen besitzen ein Handy, aber nur 4,2 Mrd. können eine Zahnbüste ihr eigen nennen. 68% der Handybesitzer leiden an eingebildetem Vibrationsalarm. Jeder zweite nimmt das Handy mit ins Bett. Warum lassen wir uns so bereitwillig von Maschinen bestimmen? Digital-Therapeutin Anitra Eggler gibt Auskunft

Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Cebit 2013
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Autoreninfo

Christophe Braun hat Philosophie in Mainz und St Andrews studiert.

So erreichen Sie Christophe Braun:

Frau Eggler, in Ihren Büchern schreiben Sie gegen „E-Mail-Wahnsinn“, „Sklaven-Phonitis“ und „Facebook-Inkontinenz“ an – Probleme, die Sie aus eigener Erfahrung kennen.
Ja. Ich bin als Journalistin gestartet und habe in den Jahren ab 1998 den ersten Internet-Boom miterlebt. Damals waren alle in Goldrauschstimmung. Auf einmal hieß es: Wer nicht rund um die Uhr erreichbar ist, der arbeitet nur halbtags. Dann denkt man ganz schnell: Ständige Erreichbarkeit ist eine Karrieretugend.

Woher kam diese Idee?
Das Internet ist ein Echtzeit-Medium. Man wird nie fertig. Alles geht immer noch besser: perpetuum beta. Dazu kam während des Online-Booms auch, dass wir das Gefühl hatten: Hier passiert gerade etwas ganz Großes, wir arbeiten hier an einer neuen Welt.

[[{"fid":"52392","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":220,"width":161,"style":"width: 120px; height: 164px; float: left; margin: 5px;","alt":"Autorin Anitra Eggler","title":"Autorin Anitra Eggler","class":"media-element file-teaser"}}]]Die Online-Arbeiter haben ihre ständige Erreichbarkeit also selbst propagiert?
Je größer die Chancen einer neuen Technologie sind, desto größer sind auch ihre Gefahren. Wir wollten eben die Chancen. Wenn Du in Goldrauschstimmung bist, arbeitest Du rund um die Uhr – und hast auch noch Spaß dabei. Ich selbst kommuniziere gerne und denke schnell. Das habe ich vorgelebt und von meinen Mitarbeitern auch eingefordert. Ich habe jeden Abend bis 23 Uhr, 24 Uhr gearbeitet und bin mit dem Handy ins Bett gegangen. Niemand hat mich dazu gezwungen; ich wurde auch nicht ausgebeutet. Das kam aus mir selbst. Bis ich dann nach zehn Jahren gemerkt habe, dass es so nicht weitergehen konnte.

Wie haben Sie das bemerkt?
Das letzte Unternehmen, das ich aufgebaut habe, war ein Online-Medienhaus. 60 Mitarbeiter. Junge Journalisten, Durchschnittsalter 25. Jeder von uns hatte den „sechsten Finger“ – ein Smartphone. Die Redaktion war rund um die Uhr besetzt, wir haben Schicht gearbeitet. Irgendwann wurde mir klar, dass das Diktat der ständigen Erreichbarkeit die Leute ausbrannte.

Gab es dafür  einen konkreten Auslöser?
Zwei. Zum Einen: Mein Team. Ich hatte einen Kollegen, der wirklich Blackberry-abhängig war. Der hat eines Tages seine Tochter von der Schaukel geschubst, weil er gerade meine sonntägliche Qualitätscheck-Mail studiert hat. Kurz darauf hat er sein Blackberry abgegeben und um ein Handy gebeten, mit dem man telefonieren kann und sonst nichts. Das war ein Auslöser. Der andere: Ich habe einfach mal nachgerechnet, wie viel Lebenszeit ich schon im Internet versurft hatte – und kam auf vier Jahre! Dann habe ich eine Studie gelesen, derzufolge ein junger Mensch von heute bis zu seinem 75. Geburtstag acht Monate mit dem Löschen unerwünschter Mails verbringen wird. Wer täglich zwei Stunden auf Facebook verbringt, verliert sechs Jahre!

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Sie warnen außerdem, digitale Dauerablenkung beeinträchtige die Konzentrationsfähigkeit.
Das ist ein gewaltiges Problem. Wenn ich ständig versuche, alles gleichzeitig zu tun, mache ich nichts mehr richtig. Wissensarbeiter werden im Schnitt alle elf Minuten abgelenkt. Stellen Sie sich einen Marathonläufer vor, dem alle elf Minuten die Schnürsenkel aufgehen.

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Aber suchen wir uns diese Ablenkung nicht selbst, wenn wir ständig unseren E-Mail-Posteingang oder unser Facebook-Konto kontrollieren?
Doch, verrückterweise. Unser Gehirn wird süchtig nach den Dopamin- und Adrenalinausschüttungen, die einen Aufmerksamkeitsreiz begleiten. Wir gehen diesen Ablenkungen nach, weil wir einfach nicht imstande sind, das abzuschalten. Deshalb rate ich zum Beispiel, bei Smartphones den automatischen Mail-Download abzuschalten. Dann sieht man nicht dauernd, dass schon wieder zwanzig ungelesene Mails im Postfach liegen. Wir können nämlich nicht anders – wir wollen dann „nur mal kurz gucken“, daraus wird aber meistens „ziemlich lang“. Unser Hirn ist süchtig nach diesen Glückserlebnissen.

Ihr Tipp lautet also: Abschalten?
Ja, Abschalten ist extrem wichtig. Ständig wird so getan, als sei Multitasking eine Karrieretugend. Schauen Sie sich Stellenanzeigen an: Da wird nach der Krake gesucht, die siebzehn Dinge auf einmal tun kann. Das ist absurd. In meinen Augen zählt es heute zur unternehmerischen Verantwortung, den Leuten zu sagen: Wir wollen keine ständige Erreichbarkeit. Ständige Erreichbarkeit steht für mich synonym für ein miserables Zeitmanagement. Nur Sklaven sind ständig erreichbar. Das ist ein falscher Karriere-Götze, der gestürzt werden muss.

Verursacht dieser Götze wirtschaftliche Schäden?
Mit Sicherheit. Dazu gibt es verschiedene Erhebungen. Einer Studie zufolge verursacht der Konzentrationsverlust durch die digitale Dauer-Ablenkung am Arbeitsplatz der Weltwirtschaft jährlich einen Schaden von 588 Mrd. US-Dollar.

Die Technologien, die uns schneller, flexibler, produktiver machen sollten, bewirken also de facto das Gegenteil?
Das ist der Stand der Dinge. Man lügt sich selbst in die Tasche. Fragt man die Leute, wie oft sie pro Tag auf Facebook gehen, dann hört man in aller Regel: Naja, zweimal, vielleicht dreimal, immer nur für ein paar Minuten. Schaut man sich dann die Mediadaten von Facebook an, stellt man fest: Die durchschnittliche Verweildauer eines Facebook-Nutzers beträgt zwanzig Minuten. Unsere Zeitwahrnehmung beim Nutzen sozialer Netzwerke ist total verzerrt. Wenn ich dreimal am Tag für zwanzig Minuten auf Facebook bin, macht das schon eine Stunde. Rechnen Sie jetzt noch die Mittagspause dazu und ein bisschen Kaffeeklatsch hier, ein bisschen ins Nirwana googeln da, plus die Dauerablenkung durch pseudo-wichtige E-Mails, die „sofort“ beantwortet werden müssen – und Sie kommen auf einen beachtlichen Arbeitszeitverlust. Kein Wunder, dass die Leute dann glauben, sie müssten abends und am Wochenende nacharbeiten.

[[{"fid":"52401","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":220,"width":171,"style":"width: 120px; height: 154px; margin: 5px; float: left;","alt":"Anitra Eggler: Facebook macht blöd, blind und erfolglos (Orell Füssli)","title":"Anitra Eggler: Facebook macht blöd, blind und erfolglos (Orell Füssli)","class":"media-element file-teaser"}}]]Wann wird ein Umdenken einsetzen?
Es hat längst begonnen. Die Personalabteilungen merken, dass es immer mehr Krankheitstage aufgrund psychischer Erschöpfungen gibt; die Chefetagen erfahren vom Arbeitsverlust durch digitale Ablenkungen am Arbeitsplatz. Verschiedene Zusammenhänge, dieselbe Schlussfolgerung: Dieser Trend ist gefährlich. Wir sollten die Technik intelligent nutzen – aber wir sollten uns dabei nicht an die Technik outsourcen.

Frau Eggler, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Anitra Egglers neues Buch „Facebook macht blöd, blind und erfolglos” erscheint im April bei orell füssli.

Das Gespräch führte Christophe Braun.

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