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Digitale Innovation - Deutschland überlässt den USA die Zukunft

Die Zukunft ist digital. Doch deutsche Unternehmen überlassen den digitalen Markt zunehmend den USA. Der Mangel an amerikanischem Wagemut kann zu einem immer größeren Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland werden

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Wulf Schmiese leitet das „heute journal“ im ZDF. Zuvor hat er als Hauptstadtkorrespondent, jahrelang auch für die FAZ, über Parteien, Präsidenten, Kanzler und Minister berichtet.

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Es sagt sich leicht, Deutschland solle nicht den amerikanischen Weg gehen. Diese Warnung ist hierzulande so alt, wie die Wirtschaft der USA überhaupt. „Der Amerikaner kennt nichts, er sucht nichts als Geld; er hat keine Idee.“ Wumm! Eine Dröhnung aus der Romantik vor 180 Jahren. So beschrieb es der österreichische Dichter Nikolaus Lenau, der in Ohio sein Glück suchte und nicht fand, 1833 enttäuscht heimkehrte aus dem vermeintlichen „Land ohne Kultur“, dem „Hort der Geldgier“. Seine Worte wurden zum Klischee. Exakt so denken bis heute viele über die USA. Die Weltfinanzkrise hat amerikanisches Wirtschaften vielen Deutschen wieder als Gefahr überdeutlich gemacht. Und was die Staatsverschuldung angeht, mögen sie recht haben.

Trotzdem kann der Mangel an amerikanischem Wagemut zu einem immer größeren Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland werden. Apple, Microsoft, Facebook, Twitter, Ebay – keine einzige deutsche Firma mischt bislang oben mit in der Web-Wirtschaft. Dabei sind 40 Millionen Menschen in Deutschland Online-Kunden. Doch der Anteil der Internet-Wirtschaft am Bruttoinlandsprodukt liegt bei kargen drei Prozent. Das ist weit unter Durchschnitt innerhalb der G-20-Staaten. Woran liegt dieser lahme Start ins digitale Zeitalter ausgerechnet in dem Land, das in der alten Industrie immer ganz vorne dabei war?

Die deutsche Start-up-Szene im Internet braucht viel mehr Kapital, damit auch aus ihren Ideen große Marken werden können. Doch dieses Geld fehlt mangels Mut. Positiv gewendet kann man auch sagen: wegen großer Vorsicht. Gerade hier wird deutlich, wie sich ein echter Mentalitätsunterschied zwischen amerikanischen und deutschen Unternehmern auswirkt.

In den USA profitieren Start-ups von der sogenannten Accelerator-Methode. Accelerator heißt Gaspedal, und genau das wird im Silicon-Valley schnell getreten, wenn eine gute Idee auftaucht. Dann gilt es für vermögende Unternehmer, keine Zeit zu verlieren, sondern viel Geld in die Hand zu nehmen, um diese Idee schleunigst auf die Straße, auf den Markt zu bringen.

In Deutschland hingegen herrscht die Company-Builder-Methode vor, also die der guten alten Existenzgründung. Bevor irgendwer großes Geld für eine Idee gibt, werden erst einmal ausführliche Studien verlangt, am besten abgeschlossene Markttests. „Proof of Concept“ nennen Projektmanager diese Machbarkeitsnachweise. Deutschland ist ein Industrieland, und der Ingenieur tüftelt so lange, bis es klappt.

In den USA gilt weit häufiger: Trial and error. Die Gefahr des Scheiterns ist dadurch dort viel größer, und damit auch die Gefahr, Geld zu verbrennen. Viele amerikanische Start-ups kommen unausgereift auf den Markt. Dann werden sie zuweilen von Deutschen kopiert, verbessert und ergeben eine fein schnurrende Copy-Cat, wie so etwas in der Szene genannt wird. Aber die Gründer-Idee bleibt amerikanisch – und führt Lenau ad absurdum. Von wegen: Amerikaner hätten keine Ideen.

Es geht in dieser Branche also vor allem um Zeitgewinn. Zeit, die Geld kostet. Wer zuerst kommt, mahlt zu erst, sagten die Müller zu Lenaus Zeit. Die Bauern, die ihr Korn erst besonders gründlich ernten wollten, hatten das Nachsehen. Nur: Auch sie kamen irgendwann an die Reihe. Das ist bei den Internet-Gründern nicht selbstverständlich; jedenfalls nicht in Deutschland.

Denn hier gilt Scheitern als Makel. Wessen Idee ein Flop war, der gewinnt keine deutsche Bank und kaum einen Geldgeber, der bereit ist, weitere Projekte eines Gestürzten zu finanzieren. In den USA gehört das Scheitern zum schnellen Geschäft. Dort gilt: Immer wieder rauf auf´s Pferd. Das wird allein semantisch deutlich: ein „Venture Capitalist“, also ein Geldgeber für Unternehmen, ist immer auch ein Adventurer, ein Abenteurer. In Deutschland ist das Wagniskapital für Start-ups 2012 gesunken um 15 Millionen Euro – obgleich es mit 240 Millionen Euro ohnehin keine riesige Investmentsumme war für die Zukunft. Noch, so scheint es, überlässt der deutsche Geldadel den digitalen Markt den USA. Und Geld-„Adel“ ist hier wörtlich zu nehmen, denn darin liegt ein weiterer Grund der Zurückhaltung beim Investieren in Start-ups. Von den reichsten Deutschen haben die meisten ihr Vermögen geerbt. Die reichsten US-Amerikaner sind dagegen überwiegend Selfmade-Milliardäre. Daraus ließe sich interpretieren: Die Deutschen fühlen sich also verantwortlich für das Kapital der Ahnen, dass sie klug investiert für die kommenden Generationen mehren, zumindest erhalten wollen. Die Amis wissen aus höchst eigener Erfahrung, dass Geld kommt und geht und auch wieder kommt. Also don´t worry. Vor wenigen Tagen trafen in Berlin auf einem Kongress Unternehmer der alten, analogen Firmenwelt mit den wenigen erfolgreichen deutschen Internet-Unternehmern zusammen. Die Start-up-Gründer fragten: Warum traut ihr euch nicht, mehr Geld in uns zu investieren? Die Zukunft ist digital! Die Eisenbarone antworteten: Weil ihr nur schnell Kasse machen wollt. Eine Idee macht noch keine Firma. Nur echte Wertschöpfung schafft Arbeitsplätze. Beide Seiten haben gute Argumente. Die Alt-Industriellen haben Recht, dass Web-Unternehmer den schnellen Exit suchen. Das heißt, sie wollen, sobald die Internet-Idee zum Geschäft geworden ist, die Firma möglichst schnell für möglichst viel Geld verkaufen. Und in der Regel wird so ein Jungunternehmen dann von einem großen derselben Branche gekauft, was es auch in der alten Unternehmenswelt immer gab - ein klassischer „Trade Sale“. Weil es in der Internet-Branche aber wirklich große Firmen nur in den USA gibt, stärkt Deutschland damit am Ende bloß die Monopolisten. Google etwa kann es sich leisten, die kleinste Ameise für viel Geld einzusaugen, damit daraus nie ein Konkurrent werde. Die Web-Unternehmer aber haben gute Gründe, warum der Exit Teil ihres Geschäftsmodells ist. Denn durch den möglichen Riesengewinn, den sie mit dem Verkauf an die Großen machen, können sie weiter investieren – und zwar auf dem deutschen Markt. Gründen, verkaufen, investieren – durch diesen Dreisatz werden dann immer mehr deutsche Ideen geboren. Eines Tages könnte dann eine darunter sein, die Deutschland auch in der digitalen Welt zu einem großen Wirtschaftsstandort macht. Und je mehr Geld auch andere zu geben wagen, desto schneller könnte es gehen.

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