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Stil - Herrschaftssymbol Dresscode

Kolumne: Stilfrage. Kleiderordnung hat nur eine Funktion: die der sozialen Abgrenzung. Die Auflösung von Kleidungskonventionen war also ein Akt der Befreiung. Leider interpretieren viele die Freiheit als Freibrief für Geschmacklosigkeit

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Januar erschien von ihm „Entfremdet. Zwischen Realitätsverlust und Identitätsfalle“ bei zu Klampen.

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Ach, was sind wir doch für eine lockere Gesellschaft. Alles ist erlaubt. Jeder kann seinen eigenen Lebensstil pflegen, seine Mode, seinen Geschmack. Das nennt man Pluralismus.

Vorbei sind die Zeiten, in denen genau festgelegt war, was man zu tragen hatte: als Landwirt, als Zunftmitglied, als Bürger, am Morgen, nachmittags und schließlich zum Dinner. Kein Morning Dress mehr, kein Dinner Dress, kein Evening Shirt. Wer Genaueres wissen möchte über diese alteuropäische Kleidungskultur, der studiere „Downton Abbey“.

Da bekommt man die feinen Nuancen der Kleidungscodes einer längst vergangenen Epoche akribisch vorgespielt. Etwa als der Earl of Grantham in einem Anflug von Modernität zum Dinner im Black Tie erscheint und seine Mutter, die wunderbare Dowager Countess Violet, giftet: „Really? Well, why not a dressing gown? Or, better still, pyjamas?“

Ja, so war das einst. Aus und vorbei. Heutzutage latscht man in der Jeansjacke in die Oper, in der Philharmonie gilt das ausgebeulte Tweed-Jackett schon als Reminiszenz an die gehobene Kleidungskultur, und auf die Idee, sich für den Theaterbesuch einen Tagesanzug oder ein Kleid anzuziehen, kommen nur noch ein paar stockkonservative Bildungsspießer.

Kleidungscodes und soziale Ausgrenzung
 

Und irgendwie ist das ja sogar gut so. Denn letztlich waren die Kleidungscodes des 19. Jahrhunderts nichts anderes als Herrschaftssymbole, Ausdruck einer Standesgesellschaft, in der es als unverzeihlicher Ausrutscher galt, wenn sich die höhere Tochter wie eine Büroangestellte kleidete.

Denn schließlich hatten diese Codes nur eine Funktion: die der sozialen Abgrenzung. Man musste es sich erst einmal leisten können, sich drei oder vier Mal am Tag umzuziehen. Das war das Privileg des Besitzenden, derjenigen, die nicht arbeiten mussten für ihren Lebensunterhalt, die aber eine Heerschar von Bediensteten beschäftigten, um zu jeder Tageszeit und jedem Anlass den richtigen Anzug und das passende Kleid herauszulegen.

Die Auflösung von Kleidungskonventionen war also ein Akt der Befreiung. Keine Frage. Sie löste den Einzelnen aus seiner gesellschaftlichen Rolle und gab ihm die Möglichkeit, sich als Individuum zu inszenieren und nicht als Angehöriger einer Schicht oder eines Berufsstandes. Ein großer Fortschritt.

Die Nachteile dieser Emanzipation sind allerdings auch offensichtlich. Denn leider neigt der Mensch dazu, die ihm gegebene Freiheit als Freibrief für Geschmacklosigkeit und Banausentum zu interpretieren.

Ok, das war jetzt richtig reaktionär. Man kann denselben Sachverhalt natürlich auch freundlicher formulieren. Etwa so: Der Zerfall der traditionellen Kleiderordnung führte auch zum Wegfall standardisierter und konfektionierter ästhetischer Normen und schließlich zur Diskreditierung allgemeinverbindlicher ästhetischer Vorgaben überhaupt.

Also entwickelten die Menschen eigene ästhetische Maßstäbe oder kamen zu dem Schluss, dass Ästhetik ihnen eigentlich ziemlich schnuppe ist und Kleidung vor allem bequem zu seien hat und praktisch. Warum etwa eine Krawatte tragen? Hat keinen Sinn, ist unpraktisch, und dann auch noch der blöde Knoten. Und Turnschuhe und Fleecejacke sind schließlich bequemer und kuscheliger als Lederschuhe und Jackett – angeblich.

Die groteske Renaissance
 

Doch wie das so ist: Immer wenn eine Kulturtechnik ausstirbt, erfährt sie vor ihrem endgültigen Niedergang ein kurzes Revival. Die Krawatte ist dafür ein gutes Beispiel – oder der Kolbenfüller. Ob das auch für den in der letzten Woche angesprochenen Filterkaffee gilt, wird sich weisen.

Ganz sicher gilt das aber für Dresscodes und Bekleidungsregeln. Seit den 90er Jahren erfahren Stil- und Moderatgeber aller Art eine bizarre und bisweilen groteske Renaissance.

Es gibt wahrscheinlich kein einziges Hochglanzherrenmagazin, das seinen Lesern nicht mindestens einmal im Jahr erklärt, wie das nun genau ist: mit White Tie, Black Tie, Morning Dress, Business, Semi-formel, Business Casual und Casual. Schaut man sich in Deutschland um, kommt man allerdings zu dem Ergebnis, dass hierzulande zwei Kategorien ausreichen müssten: Baggy Suit und Trekking Casual. Besonders erfolgreich scheinen diese Aufklärungsmaßnahmen also nicht zu sein.

Getoppt wird das Ganze dann nur noch durch jene Oberschlauberger, die einem im Namen angeblicher Regeln für den wahren Gentleman erklären, welche Schuhe genau zum Black Tie zu tragen sind (auf keinen Fall Derbys), dass zum White Tie eine einfache Manschette angelegt wird (und keine mit Umschlag) und man zum Geschäftsanzug nur weiße und blaue Hemden kombinieren darf (auf keinen Fall braune, graue zur Not), wenn man nicht als vollkommener Provinzdepp dastehen will.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Im Kern sind diese Ratschläge vollkommen richtig. Nur: Es sind eben Tipps oder Hilfen, keine Dogmen. Und wer sich nicht an sie hält, muss kein kulturloser Vollpfosten sein. Im Gegenteil, die wirkliche Gentlelady und der wahre Gentleman zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie souverän mit angeblichen Regeln und No-Gos spielen.

Die neue Lust an der Regel und die sich kultiviert vorkommende Besserwisserei in Fragen der Kleidungsetikette hat etwas Streberhaftes und Angestrengtes und ist daher alles andere als „gentle“. Sie wirkt enorm parvenühaft.

„No Brown in Town“, „zum Anzug kein Buttondownhemd“ oder „zum Doppelreiher nur Hose mit Umschlag“. Es sind diese und ähnliche Weltläufigkeit simulierenden Weisheiten, die in ihrer orthodoxen Beschränktheit nicht nur jede Gelassenheit vermissen lassen, sondern vor allem eigenständiges ästhetisches Denken. Denn es ist kaum zu glauben: Es ist durchaus vorstellbar, dass ein doppelreihiger Geschäftsanzug mit braunen Schuhe und einem Hemd mit Buttondownkragen ungemein lässig aussieht. Kommt immer drauf an.

Es ist naheliegend, die neue Begeisterung an angeblich ewig gültigen Bekleidungsvorschriften als Ausdruck von Verängstigung und Desorientierung zu verstehen. Mag sein. Vermutlich ist es so. Aber das ist nicht einmal das Schlimme daran. Wirklich ärgerlich ist, dass die selbsternannten Stilwächter und Inquisitoren kultivierter Garderobe der Kleidungskultur einen unermesslichen Schaden zufügen. Denn geschmackvolle und meinetwegen auch stilsichere Kleidung ist immer Ausdruck von Freiheit und Nonchalance, ganz sicher aber nicht von Engstirnigkeit und Dogmatismus.

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