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Goetz Schleser

Die Krawatte - Strategischer Stofflappen

Spitzenpolitiker weltweit trauen sich, die Krawatte auch mal wegzulassen. Wann ist sie verzichtbar?

Autoreninfo

Wilkens, Katrin

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Sie baumelt herab, engt den Kehlkopf ein und titscht in die Suppe, wenn man nicht aufpasst. Die Krawatte ist eigentlich das lächerlichste aller westlichen Männer-Machtsymbole, schlimmer als militärische Schulterklappen. Schon die Synonyme zeigen, dass man zu ihr allenfalls eine ambivalente Beziehung unterhält: Schlips, Binder, Senkel – respektvoll hört sich das alles nicht an. Für fahrige Frauenhände ist ein Krawattenknoten ähnlich schlecht zu lösen wie für Männer der BH-Verschluss.

Aber wir haben uns an sie gewöhnt, und so sehen bisweilen die Männer lächerlich aus, die meinen, ohne sähen sie besser aus: Philipp Rösler mit der Figur einer Aluminiumleiter, steif, wetterfest, aber am sinnvollsten eingesetzt, wenn er irgendwo anlehnt: Ohne Krawatte wirkt er teilangezogen, als trage er nur einen Socken. Frank-Walter Steinmeier, der gern mal krawattenfrei in den Medien auftritt, macht den Eindruck, als hätte ihn eine Brandschutzübung zu früh aus der Ankleide getrieben. Horst Seehofer, beim traditionellen Sommerempfang des Landtags ohne hängendes Schmuckwerk, symbolisierte mit seinem Casual Look eher Unzuverlässigkeit als Lässigkeit. 
 
Trotzdem ist es ein Signal, dass sich Politiker aller Parteien überhaupt trauen, die Krawatte wegzulassen. Wie verzichtbar ist sie? Und wann? 
Es sind wenige, die ohne Krawatte ausnahmslos gut angezogen wirken. Beileibe sind es nicht per se die Grünen, die einst im Pullover in den Bundestag einzogen. Einer der überzeugten Krawattenträger ist Winfried Kretschmann. 
 
Während die meisten erfolgreichen Revolutionen von unten beginnen, ist der Schlips-Streit nur von oben zu gewinnen. In 20 Jahren wird man von Barack ­Obama einige ikonografische Bilder im Gedächtnis haben: ein paar von ihm mit seiner Frau im ärmellosen Kleid, ein paar von ihm selbst im nachtblauen Anzug – und eben jenes, das ihn im Weißen Haus zeigt, als er live Osama bin Ladens Erschießung verfolgt: krawattenlos. Auch während des Wirbelsturms Sandy 2012 zeigte sich der Präsident der Vereinigten Staaten auffällig leger. „Ich bin einer von euch“, tröstete das ausgewaschene blaue Hemd, das er trug. 
 
Worte riechen leicht nach PR-Strategie, so lässt Obama lieber die Kleidung sprechen, die zwar mindestens ebenso sorgfältig ausgewählt wurde, aber immer noch den Ruch von Individualität und Spontaneität vermittelt. Als könne sich ein US-Präsident aussuchen, wann und zu welchem Anlass er Krawatte trägt!
 
Während früher das Kleidungsprotokoll gouvernantenhaft von der strengen Erica Pappritz („Das Buch der Etikette“) verfolgt wurde, sind heute hauptsächlich die Ehefrauen dafür zuständig zu entscheiden, was protokollarisch erlaubt und was schlichtweg daneben ist. Die Frage, wann eine Krawatte kleidet und wann der freie Kragen das richtige Signal aussendet, gehört zu einer klugen Inszenierung. 
„Wenn heute Politiker ohne Krawatten auftreten, dann tun sie das aus sehr strategischen Gründen“, erklärt Silke Frink. „­Obama in aufgekrempelten Ärmeln demonstriert: Trotz Freizeitlook ist er im Arbeitsmodus. Die fehlende Krawatte ist als Nicht-Symbol fast noch stärker als eine vorhandene.“
 
Silke Frink ist Imagedramaturgin, auf Deutsch: Stilberaterin. Die Friseurmeisterin und jahrelange Maskenbildnerin von ARD und ZDF lebt heute davon, Unternehmer, Politiker und Medienmenschen zu beraten, wie sie sich individuell und dennoch angepasst an die jeweilige Unternehmenskultur kleiden, um einen souveränen Auftritt vor der Kamera oder auf dem Podium zu absolvieren. Wer zu ihrem Kundenkreis gehört, verrät sie nicht, kaum etwas wäre für einen Politiker so demütigend wie das Eingeständnis: „Früher hat mir Mami die Hemden rausgelegt, heute gehe ich zu einer Imagedramaturgin.“ 
 
„Es ist vielfach schwieriger geworden als früher, sich in der modernen Arbeitswelt angemessen zu kleiden“, sagt Frink. Früher sei das anders gewesen: Der Mann über 21 Jahre hatte im öffentlichen Raum eine Krawatte zu tragen. Anders kam man nicht einmal in ein Restaurant. Also gab es auch nicht besonders originelle Varianten. Man band sich das Ding um – und gut. „Die Krawatte war früher ein männliches Rangordnungs- und Fruchtbarkeitssymbol“, sagt Frink, „es wurde nicht nur als Schmuck getragen, sondern war ein gesellschaftliches Diktat. Heute hat sich die Bedeutung der Krawatte, obwohl sie weniger getragen wird, potenziert. Die Krawatte ist zum Inszenierungsinstrument eines sozialen Bildungsspiels geworden. Die Verantwortung, es zu beherrschen, liegt bei jedem Einzelnen. Warnung der Imagedramaturgin: „Es ist viel schlimmer, eine billige Krawatte zu tragen oder den Knoten nicht perfekt binden zu können, als keine Krawatte zu tragen.“ Politiker mit einem jungen Image à la ­Obama – selbst in der zweiten Amtszeit und mit 51 Jahren profitiert er noch von seinem Ruf, sportlich und deshalb tatkräftig zu sein – dürfen sich selbstverständlich auch krawattenlos zeigen, „vorausgesetzt, sie haben einen trainierten Oberkörper“.
 
Daraus kann man schlussfolgern: Die Krawatte an sich ist wichtiger geworden, obwohl sie seltener getragen wird. Das ist wohl so ähnlich wie mit dem englischen Königshaus: kaum noch was zu sagen – aber eine Mordssymbolkraft in den Medien.
 
Königshaus und Krawatten: Sie sind keine Pflicht mehr, sondern Gestaltungsoptionen. Wenn man sich schon zu ihnen bekennt – dann auch mit einem gewissen Spaß am Pomp. 
Was für eine Wendung in der Geschichte eines Stofflappens, der ursprünglich lediglich eine reinigungsarme Erkennungsfunktion für Soldaten hatte. Zwar findet man schon beim ersten chinesischen Kaiser Halsbinden als Grabbeilage (circa 200 v. Chr.) und auch die Römer schützten ihren Hals durch Toga-Umwicklungen, aber so richtig zum Einsatz kamen sie erst im Dreißigjährigen Krieg. Damals benutzten die kroatischen Söldner („­cravate“ = „Kroate“) sie statt der pflegeaufwendigen Halskrausen. Ähnlich wie bei den Parteibändern im Sportunterricht sah man auf den ersten Blick: Wer ist Freund, wer ist Feind? 
 
Männer, die diese Mode übernahmen, demonstrierten mit der Krawatte von Anfang an ihre reale oder vorgebliche Verbundenheit zum Militär.
Sehr schnell nach Einführung der Krawatte im Militär trugen die Hauptleute der Kompanie Krawatten aus besserem Stoff als die bloßen Söldner. Von Anfang an signalisierte der Knoten also auch den Rang. Das ist so geblieben, nur sind die Stoffe heute edler, das Design und die Funktion durchdachter. Krawatten müssen fernsehtauglich sein (kein Blau, kein wildes Muster), erkennbar teuer (Hermès), aber dennoch ganz und gar durchindividualisiert. Wäre die Krawatte ein Getränk, wäre sie heute ein edler Himbeerbrandwein. Ein destilliertes Hochkaräter-Getränk, das maßgeblich über Genuss oder Verdruss einer guten Mahlzeit entscheidet.
 
Der bunte Hund der Krawattenindustrie sitzt in Berlin-Kreuzberg und leitet Deutschlands einzige Krawattenmanufaktur „Edsor“, kontrastreich zwischen Dönerbude und Telefonladen. Zwanziger-Jahre-Chic über einem verranzten Hinterhof.
 
Jan-Henrik Scheper-Stuke sieht aus wie ein gepellter Abtanzballschüler. Muttis Liebling, Gelfrisur, Handkuss. „Natürlich geht der Kulturtrend, Krawatten zu kaufen, zurück. Aber langsamer als von der Industrie befürchtet“, bilanziert auch er. „Was zunimmt, ist der Wunsch, auch mit Krawatten eine Geschichte zu erzählen.“
 
Das tun seine Krawatten. Zu jedem Stoff kann er Anekdoten liefern, dieser Zwirn kommt aus Mailand, jener ist dreifach verschieden gewebt, und besonders gut laufen bei ihm – Motivkrawatten. Jene Scheußlichkeiten, von denen wir hofften, seit zu Guttenberg sei keiner je wieder darauf gekommen, Binder mit Gämsen oder Ziegen zu tragen. 
Gibt es Männer, die gewinnen, wenn sie Bärchen auf ihrer Krawatte haben? Die man für erotischer, charmanter, gar intelligenter hält, als sie sind, wenn man die Tierchen-Motive auf dem Stoff zwischen Hals und Gürtel betrachtet? 
„Aber natürlich gehen auch Bärchen. Diese hier sogar besonders gut – kein Blau, kein Grün, fernsehtauglich, von weitem wirkt es wie ein geometrisches Muster.“ Scheper-Stuke sagt das mit einer Verve, mit der auch keiner Reich-Ranicki widersprechen würde, wenn er von Charlotte Roche schwärmen würde. 
 
Und dann zeigt er noch all die anderen Tiere aus seiner Kollektion, die gut funktionieren, daher viel gekauft werden: Elefanten, na klar, Dickhäuter-Symbol, der FDP-Generalsekretär Patrick Döring habe sogar die gesamte Elefantenkollektion bei sich zu Hause im Schrank, Libellen – selbst Marienkäfer. „Das ist eine Art Verspieltheit, die man sich erst verdienen muss. Ein Praktikant sieht damit lächerlich aus. Ein Chef bricht spielerisch das Macht-Image, das man von ihm hat“, sagt Scheper-Stuke. Er selbst ist so eine Mischung aus Lars Windhorst und Dorian Gray und hegt sein mediales Image wie ein ganz und gar kostbares Straußenei, das noch lange nicht ausgebrütet ist.
 
Früher hat er Politikerfahrung gesammelt, saß für die CDU im Gemeinderat von Lohne in Niedersachsen, dicker sei er damals gewesen, schnaubt er verächtlich, unattraktiver, das viele Essen, das Zusammenhocken. Na, und modisch gesehen war es ein Desaster. Politiker sind alles, aber keine ästhetischen Vorbilder! „Spitzenpolitiker kommen oft aus kleinen Dörfern. Da hat man keine Ahnung von Geschmack und darf auch um Gottes willen nicht aus der Reihe tanzen. Sonst wird man nicht gewählt“, erklärt er die Melange aus Fantasielosigkeit und Opportunismus.
 
Politiker wollen nicht damit in Verbindung gebracht werden, dass sie Geld für etwas vermeintlich Oberflächliches ausgeben, man erinnere sich an den Eklat, als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping in Verdacht geriet, sich Anzüge von einem PR-Berater kaufen zu lassen. 
 
Gleichzeitig wollen Politiker so seriös wie möglich erscheinen. Diese Mischung kriegen sie nur hin, wenn sie sich konsens­orientiert kleiden. Ähnlich uniform wie der weiße Kittel beim Arzt, die schwarze Soutane beim Priester, erwarten wir von Politikern eine Vertrauensuniform, eine Kleidung, die Ernsthaftigkeit und Schwere symbolisiert. Offenbar erwarten das Politiker auch untereinander. 
Obwohl es keine vorgeschriebene Kleiderordnung für Abgeordnete gibt, verweigerte 2011 Bundestagspräsident Lammert zwei Politikern von Linkspartei und Grünen das Amt des Schriftführers, weil sie ohne Krawatten nicht angemessen gekleidet seien. Absurde Strafe maulten welche, Willkür! Der Ältestenrat des Bundestags verteidigte jedoch Lammerts Sanktion: „Es geht weder um freie Entfaltung der Persönlichkeit noch um das Selbstbestimmungsrecht der Abgeordneten.“ Also gilt zumindest für bestimmte Aufgaben weiterhin ein ungeschriebener Uniformzwang im Bundestag. In anderen Ländern, England, Spanien, Italien, Türkei, ist das Tragen der Krawatte eine Selbstverständlichkeit, mal mit mehr, mal weniger Synthetikanteil. Aber ausgerechnet Deutschland ist seit den Achtundsechzigern Vorreiter im Casual Friday Look am Montag.
 
Laufen aber Ärzte ohne Kittel herum, Politiker ohne Krawatte, Geschäftsleute ohne Anzug, nimmt das den Berufen ihren Identifikation stiftenden Wiedererkennungswert. Die Funktion, die optische Rollenzuschreibung fällt weg, alles ersäuft in Jack-Wolfskin-Pfötchen-Mode. Und: die optische Trennung zwischen Beruf und Privatleben verschwindet ebenfalls. In den Sechzigern und Siebzigern wussten Kinder frühzeitig, dass sich ertragreicher ums Taschengeld verhandeln ließ, wenn der Vater zuerst den strengen Knoten am Hals mit zerrender Geste gelockert hatte.
 
Heute ist das Ignorieren der Krawatte ein Indiz, dass sich Arbeit und Freizeit miteinander vermischen. Da die Symbolik immer wichtiger wird, wird man eines Tages Krawattenmuster womöglich kunsthistorisch deuten wie heute die roten Schuhsohlen von Ludwig XIV. Freilich entstehen nach und nach neue Signale für Macht und Profession. Handy, Smartphone oder Tablet-PC zum Beispiel jeweils mit der individuellen Hülle. Die Lederkleidung fürs iPad kommt bestimmt. Mit Bärchenmotiv. 

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