Der Schriftsteller Wolf Wondratschek trinkt eine Tasse Kaffee
Lilo Rinkens/dtv

Wolf Wondratschek - „Dann sollen sie mich für einen Angeber halten“

Frech, arrogant, größenwahnsinnig und radikal links: Der Schriftsteller Wolf Wondratschek hat den Sechzigern und Siebzigern eine Stimme verliehen. Heute wird er 70 Jahre alt. Eine Erinnerung

Autoreninfo

Wolf Reiser (64) lebt und arbeitet in München als Buchautor, Reporter und Essayist. Mehr hier

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Auch mit nun siebzig Jahren steht sich Wolf Wondratschek – Deutschlands letzter lebender Rockpoet, Dichter, Autor und Journalist – noch gerne mal selbst im Weg. Bei einem unserer Treffen in der Schumann-Bar in München vor einigen Jahren deute ich auf den Buchrücken des Reportage-Bands „Die weißen Jahre“. Dort findet sich ein Selbst-Zitat aus seiner wirklich großartigen Stern-Reportage über die Dreharbeiten damals von John Hustons Malcolm Lowry-Verfilmung „Unter dem Vulkan“: „Und ich, guter Gott, ich hatte nun die Wahl, entweder mit John Huston zu pokern oder mit Jack Nicholson zu kiffen. Dass ich mich überhaupt entscheiden konnte, wundert mich noch heute.“ Ich frage, ob er sich denn nicht vorstellen kann, dass manche treue Leser dies als Kotzbrocken-Koketterie empfinden? Oder auch als unnötige und nervende Wichtigtuerei?

„Meine Güte“, antwortet Wondratschek, „dann sollen sie mich für einen Angeber halten. Nur ich stand an jenem Nachmittag im Garten dieser von Huston angemieteten Milliardärsvilla vor genau diesem Problem. Kiffen oder Pokern. Ich bedauere nachträglich, dass ich nicht die Nerven hatte, beides zu tun, aber das Zeug von Nicholson war der Hammer, bestes Gras aus Hawaii, weswegen ich die Kurve nicht mehr kriegte, an Johns Pokertisch zu gehen. Ich blieb also am Pool liegen, schaute mir die Flamingos an, den schnell dunkel werdenden Himmel, trank, was John servieren ließ und träumte.“

Auf seinem langen und kurvenreichen Weg des endlosen Fights, den man Leben nennt, hatte der einst als Hurendichter und Berufsrebell gefeierte Wondratschek „wirklich nichts ausgelassen, was mich töten könnte. Meine Generation war nicht darauf vorbereitet, alt zu werden. Wir wollten doch alle jung draufgehen.“ Pech gehabt. Höchst erfolgreich erreichte er ab Ende der sechziger Jahre die Herzen seiner Generation. Kleine Bände – im Selbstverlag herausgebracht – wie „Chuck’s Zimmer“ und „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“ gehörten in jede Studentenbude und Kifferkommune – wie die Zappa-und Che Guevara-Poster, die Mao-Bibel und Dylans grandiose „Freewheeling“-LP. Selbst Scharfrichter Reich-Ranicki erkannte in dem eigenwilligen Mann Ende der siebziger Jahre einen „Klassiker der jungen Generation“.

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Warum Wondratschek 2010 nicht da ist, wo Grass und Walser immer noch hölzern herumthronen und seltsam polierte Figuren wie Kehlmann, Zeh und Schätzing inzwischen Platz genommen haben, ist rätselhaft. Zumindest beherrscht er die Klaviatur der Starpose.

Blick zurück etwa dreißig Jahre: Für uns etwas jüngere Autoren ist Wondratschek – wiewohl es damals keiner zugab – ein Vorbild gewesen. Er war frech, jung, arrogant, eloquent, größenwahnsinnig, radikal links-chic, konsequent in der Verachtung des Kulturbetriebs und dennoch erfolgreich. Wo immer man hinkam, in der verruchten Ritze in St. Pauli, Domenicas Herbertstraße, den Jazzkellern von Paris, dem Ocean Drive in Miami mit dem alten Gym von Muhammad Ali, der Stierkampfarena von Ronda, den Souks von Tanger, den Redaktionsstuben von „Playboy“ oder „TransAtlantik“ – er war längst schon da gewesen. Immer zur richtigen Zeit am richtigen Platz, was uns Nachrückende auf Dauer ordentlich nervte. Sein Impetus: „Spannende Menschen zu treffen, der Langeweile zu entkommen, Neugier auszuleben auf andere Leben, andere Milieus, Bücher, Musik. Ich trieb mich herum, mit Vorliebe bei Blitz und Donner, seelenruhig im strömenden Regen stehend, glücklich in der Rebellion dagegen, nicht im Trockenen sitzen zu müssen, meine Wut, meine Wünsche und Träume aufzuschreiben. Die gekränkte und großartige Phantasie. Und das Alleinsein, in das ich mich verliebte.“

Kindheit in Karlsruhe, väterliche Rohrstockedukation, über dem Bett der Nietzsche-Satz: „Wenn dir deine Eltern nicht passen, such dir neue.“ Während der Schulzeit verduftet er mit einem Gedichtband von Ezra Pound unterm Arm nach Paris. „Ich konnte es kaum erwarten, erwachsen, arm und ein Dichter zu sein und mich zu verlieben.“ Also schläft er dort unter Brücken, verliebt sich, wird erwachsen und schreibt Briefe an Baudelaire, bis ihn Interpol nach ein paar Wochen aufsammelt. Später studiert er in Heidelberg und Frankfurt Gadamer, Nietzsche und Adorno undzieht 1972 nach München, ins Weltzentrum von Müßiggang und bittersüßen Ekstasen. „Auf der Tagesordnung stand Dummheit als Glücksgefühl. Ich sah die Stunde meiner Größe verrotten. Ich stand an der Theke des Cafe Capri, unserem Hauptquartier auf der Leopoldstraße und vertrödelte mein Leben. Hier standen wir rum, ohne zu reden, größenwahnsinnig wie kleine Berge, zu alt für Motorräder, zu schüchtern für das ganz große Verbrechen.“

Eines Tages taucht in seiner Taubenschlagbude dann auch noch der Milliardenerbe und Philanthrop Paul Getty jr. auf, nur noch mit einem Ohr, aber die Gesäßtaschen voller Heroin. Wondratschek rettet sich augenblicklich in die Selbstdisziplin und legt eine Serie bemerkenswerter Hörspiele und Drehbücher hin, schreibt brillante Reportagen, provokante Essays und Songtexte. Er porträtiert etwa Nelson Algren, Charles Bukowski, Lady Di, Yves St. Laurent, Veruschka, Maria Callas, Max Schmeling, Fassbinder. Diogenes Verleger Daniel Keel wird vorstellig. „Dabei hatte ich nichts in der Schublade. Ich hatte nicht mal Schubladen.“ Aus dieser Not entsteht 1986 der grandiose Sonette-Zyklus: „Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre?“

Hämisch stehen ihm die meisten Kritiker bei der Suche nach der Antwort bei. Mit der Zärtlichkeit eines Wolfs offenbart er da die Sehnsucht, Hingabe, Vergeblichkeit einer blutenden Männerseele. Zeilen wie „In deinen Augen sah ich das dunkelste Licht. Du bist wie ich, arme Schwester. Glücklich sein, damit begnügst du dich nicht“, lesen sich heute noch wie die deutschen Untertitel zu Dylans düsterem „Blood on the tracks“- Album. Als er als Honorar eine Kiste Gold fordert, beendet Keel das Thema Diogenes für immer. Sein aktueller Verleger bei dtv, Wolfgang Blank, zeigt da mehr Gelassenheit: „Rimbaud, Dylan, Wondratschek – Dichter also, die süchtig machen können, gibt es nicht so viele. Seine Gedichte, Erzählungen oder Reportagen sind geschliffene Steine: facettiert und pointiert, nüchtern und liebestrunken. Wenn er seinen Geltungsdrang zügelt, ist er ein bezaubernder und herzlicher Mensch. Sein bizarrer Erfahrungshorizont, seine gern versteckte hohe Sensibilität und die Diskontinuität des Ruhms verlangen ihm selbst und anderen einiges ab. Ich mag ihn sehr und ich bin glücklich, eine elf Bände umfassende Gesamtedition seiner Werke verlegen zu dürfen.“ Diese verdeutlicht auch, welchen Bestand viele seiner Arbeiten haben, die einem damals oft als flüchtige Zeitgeistmoden erschienen, und zeigt auf, was uns dieser seltsame Outlaw zu sagen hat.

 

Als gefragter Experte für gesellschaftliche Randzonen taucht er in den neunziger Jahren ein bisschen zu häufig in TV-Talkshows auf, mit zu weit geöffnetem Hemd, zu großer Sonnenbrille, löchrigen Jeans, texanischen Krokoleder-Boots und großer Klappe. Immer geht es dabei ums Boxen, ums Rotlicht und mafioses Insidertum, womit er vor allem seine traditionellen Gegner in den kulturaristokratischen Feuilletons bei Laune hält. Sein 1992 erschienenes Ludenepos „Einer von der Straße“ wurde dann auch trotz 70 000 verkaufter Exemplare so gnadenlos wie einhellig verrissen. 1995 verließ er München: „Die letzten fünfzehn Jahre hätten nicht mehr sein müssen. Aber ich blieb und war nichts als ein durchgeschwitzter Eisschrank.“ Seither wohnt er meistens in Wien, frei wie ein Nomade in ständig wechselnden möblierten Altbauwohnungen, ohne Fernsehapparat, im Zentrum die achtunddreißig Jahre alte IBM-Kugelkopfschreibmaschine mit aufgeklebtem Cello, einem Pinup-Girl und einer Robert Crump-Comicfigur. „Wien ist für mich keine Stadt“, erzählt er, „sondern die Echokammer einer untergegangenen Welt. Unaufhörlich Musik. Kulissen übrig gebliebener Habsburger Pracht, die Paläste der Aristokratie neben geduckten Vorstadthäusern und eben überall Musik in leisen, weinenden Wiederholungen.“

Erzählungen und Romane erschienen in rascher Folge, fast jedes Jahr gab es ein neues Buch. Die morbide Bohemian-Atmosphäre mit all den Kaffeehäusern, den Opern, dem dämmrigen Stillstand tat seiner Produktivität gut. Viele seiner alten Fans aber mögen keine Erzählungen etwa aus der Perspektive eines weitgereisten Cellos oder Bücher mit dem Titel „Mozarts Frisör“. Für sie ist der einst hungrige „lonely wolf“ zum satten Salonlöwen mutiert – mit höfischer Musik und dem ganzen, diffusbourgeoisen Opernzirkus als neuem Soundtrack. Er sieht es vom andern Ufer der Donau ähnlich: „Einige tauchen heute noch auf meinen Lesungen auf. Spießer, harmlose, resignierte, angepasste und fett gewordene Kleinbürger, die nicht einen einzigen Traum von damals ins Alter gerettet haben.“

Lutz Hagestedt, Kritiker der „Frankfurter Rundschau“, attestierte Wondratschek 2001 eine „trostlose Prosa, überschätzt, eine einzige Quälerei“, und sah darin einen „Trauerfall der deutschen Gegenwartsliteratur“ – auf der anderen Seite, etwa von Fritz Raddatz, gab es hymnische Anerkennung für Wondratscheks an Nabokov angelehnten L’art pour l’art-Ästhetizimus. Schmerzt Kritik? „Über ein mäßiges Bedauern geht meine Anteilnahme an diesen Dingen nicht heraus. Was mich eher amüsiert, ist, wenn von einem Comeback die Rede ist. Comeback, das trifft auf einen Boxer nach einer Niederlage zu. Ich kann mich aber an keine Niederlage erinnern. Ich habe immer geschrieben, war immer da, immer präsent.“

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Wie schafft es der Hobby-Cellist, den Bogen zu spannen von St. Paulis erhebenden Niederungen hinüber zum Wiener Opern- Milieu? Und wie von Dylan zu seinem Freund Gulda? „Ich sehe da keinerlei Widerspruch. Wie gesagt – ich liebe und lebe das Entdecken ganz unterschiedlicher Milieus. Es war, glaube ich, 1980, da saß ich abends in der Kieler Ostseehalle am Ring beim Comeback-Versuch meines Freundes, dem Ex-Champion Eckhard Dagge, die Stunden danach feierten wir mit gemeinsamen Freunden in einem Bordell, und mit der Frühmaschine flog ich nach München, um rechtzeitig ein Mozartkonzert mit Friedrich Gulda zu besuchen.“ Sein Mobiltelefon klingelt jetzt. So wie er mit dem Gerät umgeht, dürfte es der erste Anruf seit dessen Erwerb sein. Eine Frauenstimme wollte wissen, ob man heute Abend zusammen ins Ballett geht oder doch in das „The Who“- Konzert. „Verstehen Sie jetzt, was ich meine?“

Wochen später trafen wir uns nochmals im Kursaal von Garmisch, wo er die Richard Strauss-Festspiele mit einer Rede eröffnete. Vor dem Portal bliesen Männer in Ledertracht in goldblechglänzende Almhörner, Polizisten eskortierten Edmund und Karin Stoiber in den Saal, und angesehene Damen und Herren der Region führten Kollektionen vor, die an einen moldawischen Seniorenfasching erinnerten. Wondratschek, in nadelgestreifter Cordsamtjacke, seiner von Keith Richards geschenkten Hose und gelbgepunktetem Einstecktuch, rauchte in der Cafeteria gemütlich Kette und schaute kopfschüttelnd amüsiert über die Fest gemeinde. Sein direkter Vorredner beschloss dann den Übergang mit den Worten: „Sie haben einen etwas verwirrenden Titel gewählt, aber wir sind alle schon sehr gespannt und werden Ihre Rede vermutlich sehr genießen.“

Sein Titel lautete „Der Virtuose, der Arzt, die Poesie – oder: leise Klopfgeräusche im Holz dreibeiniger Tische.“ Ohne den Namen Strauss nur einmal zu erwähnen, widmete er sich – seelenruhig und mit wohltuender sonorer Stimme den psychosomatischen Leiden der einzelnen Orchestersektionen und den Absurditäten des Musikmarkts. Da war viel Witz, viel Schärfe, viel Provokation dabei, doch statt angebrachtem Pfui und Protest gab es am Ende jenen höflichzugeneigten Applaus, den man auch Charterpiloten nach geglückter Landung zugesteht. Danach hatte er es ziemlich eilig, nach München zurückzufahren. Im ZDF sollte ein TV-Boxabend anstehen. So etwas schaut er sich dann am liebsten alleine an. Wie er denn als einstiger Musterknabe der Forever Young-Generation mit dem Alter umgeht? How does it feel, Mister WW? „Wer George Tabori begegnen durfte, konnte einen wahren Meister bei der Arbeit des Alterns sehen. Ich habe bei ihm jede Minute unserer Begegnungen genutzt, um in die Lehre zu gehen.“ Und unter rein schriftstellerischen Aspekten? „Ich bin wieder so unabhängig wie damals, als ich gerade mit dem Schreiben angefangen hatte. Ich dehne die Zeit in den Sätzen, lasse sie anders atmen, höre zu, wie sich die Sprache mit sich selbst unterhält.“ Und die Liebe, die Lust? „Aber ja, der Hunger, eine Art Gier nach allem Intensiven, nach Sex, Schönheit, Geheimnis ist immer noch da. Ohne Einschränkungen. Aber es verbindet sich alles nicht mehr so mit dem Wunsch nach Zerstreuung, sondern mit der Hoffnung auf Erlösung.“

 

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