Sebastian Haffners „Die Zeitung“ - Die letzte freie deutsche Zeitung Europas

Vor 75 Jahren erschien die letzte Ausgabe der „Zeitung“ - einer Exilzeitschrift nach London geflüchteter Deutscher, zu denen auch Sebastian Haffner gehörte. Die Lektüre der Ausgaben offenbart, wie vielfältig und zum Teil auch zerstritten die Gemeinschaft der Emigranten war.

sebastian-haffner-zeitung-exil-zweiter-weltkrieg-london-nationalsozialismus
Die Londoner feiern 1945 den Sieg über Nazi-Deutschland / dpa

Autoreninfo

Jan Hoffmann studierte Rechtswissenschaften in Berlin und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Veröffentlichungen u.a. im Logbuch Suhrkamp und bei Zeit Online. (Foto: Sibylla Hirschhäuser)

So erreichen Sie Jan Hoffmann:

jan-hoffmann

„Unser Ziel ist erreicht. Der Nationalsozialismus und der deutsche Militarismus sind geschlagen, hoffentlich für immer vernichtet.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich Die Zeitung am 1. Juni 1945 von ihrer treuen Leserschaft. Sie verstand sich als einzige freie und unabhängige deutschsprachige Zeitung in Europa sowie als Instrument gegen die nationalsozialistische „Herzverhärtung“ und „Gehirnerweichung“.

Mit politischen Analysen des Kriegsgeschehens, Gedanken zum vereinigten Europa und dem Wiederaufbau Deutschlands, Fortsetzungsromanen und Gedichten geflohener Literatinnen und Literaten erreichte Die Zeitung von London aus tausende Leser: Emigranten in Großbritannien und Übersee und dank der Royal Air Force, die sie in Kleinformat abwarf, auch Teile der deutschen Bevölkerung. 

Der Gründer Sebastian Haffner

Die Gründungsidee wird Raimund Pretzel zugeschrieben. Nachdem er das Gemeinschaftslager „Hanns Kerrl“ in Jüterbog durchlaufen hat, in dem angehende Rechtsreferendare die Gesetzbücher gegen Gewehre und Spaten eintauschen mussten, entscheidet sich der gebürtige Berliner gegen eine juristische Karriere im NS-Staat. 1938 emigriert Pretzel nach England, wo er 1940 unter dem Pseudonym Sebastian Haffner (Eine Anlehnung an Johann Sebastian Bach und Mozarts Haffner-Symphonie) ein einflussreiches Buch veröffentlicht.

In „Germany. Jekyll and Hyde“ teilt er die Gesellschaft im NS-Staat in 20 Prozent Nationalsozialisten, 40 Prozent loyale Bevölkerung, 35 Prozent illoyale Bevölkerung und fünf Prozent Opposition ein. Die Redaktion sieht Die Zeitung als wirksame Waffe, um diese (retrospektiv betrachtet, optimistischen) Prozentsätze zu Ungunsten der Nationalsozialisten zu verschieben. Johannes Lothar, der ehemalige geschäftsführende Direktor der Frankfurter Zeitung, 1936 emigriert, erhält die Erlaubnis zur Herausgabe der ersten Ausgabe vom britischen Informationsministerium, das Die Zeitung auch finanziell unterstützt. Ein großer Vertrauensvorschuss. 

Auch in der Fremde diskriminiert

Seit 1940 fliegt die Luftwaffe verheerende Angriffe auf London und andere englische Städte, denen im gesamten Kriegsverlauf über 70.000 Zivilisten zum Opfer fallen. Die Stimmung der britischen Bevölkerung gegenüber den deutschsprachigen Flüchtlingen wird zunehmend schlechter. In der Folge werden tausende von ihnen interniert, darunter auch Künstler jüdischer Herkunft wie Fred Uhlmann. Ausgerechnet ihr Deutschsein, das ihnen in der Heimat abgesprochen wurde, führt in der Fremde zur Diskriminierung. Auch das gehört zur brutalen Absurdität der Exilerfahrung.

Vor diesem Hintergrund erscheint am 12. März 1941, während die ersten Juden aus dem Reichsgebiet deportiert werden und die Wehrmacht Norwegen und Dänemark besetzt, die erste Ausgabe: „Möge Zeitung zu guter Waffe im Kampf um die Ehre der Menschheit und deutscher Menschlichkeit werden“, wünscht aus Kalifornien kein Geringerer als der Nobelpreisträger Thomas Mann in einem auf der Titelseite abgedruckten Telegramm. 

Hoffnung auf eine baldige Invasion

Für die Gestaltung dieser Ausgabe ist unter anderem Nelly Rossmann verantwortlich, die man wegen ihrer jüdischen Herkunft 1935 aus der Gestaltungsabteilung der Frankfurter Zeitung geworfen hat. Auf insgesamt vier Seiten werden Leserinnen und Leser darüber informiert, dass die noch neutralen Vereinigten Staaten die Lieferung von Kriegsschiffen an England erleichtern wollen. Chancen für eine baldige Invasion des „Mainlands“ werden erörtert. Und weil die Redaktion annimmt, dass „keine Zeitung Erfolg haben kann, die nicht die Billigung der Frauen findet“, wird für die folgende Ausgabe die Fortsetzungsveröffentlichung eines Romans von Ruth Feiner angekündigt. Sie schrieb Chansons für das Berliner Kabarett, bis sie - so eine der vielen Anekdoten, die ihr Leben umranken - einen SA-Mann, der sie als Jüdin beschimpft, ohrfeigt und nach London emigriert, wo sie zur erfolgreichen Romanautorin avanciert.

Das Feuilleton bleibt neben der politischen Berichterstattung ein Schwerpunkt der Zeitung. Nicht länger will man die Deutungshoheit über Sprache und Kultur den Nationalsozialisten überlassen. Es erscheinen Fortsetzungsromane, Gedichte und Kurzgeschichten heute - zu Unrecht - vergessener Literaten wie Arnold Bender, Rita Hausdorff oder Kurt Hiller.

Realpolitisch keine Gemeinschaft

Ab der 252. Ausgabe wird Die Zeitung von vier auf zwölf Seiten erweitert, eine halbe Seite davon ist für Anzeigen reserviert: Im „Blue Danube Club“ des österreichischen Librettisten Peter Herz in der Finchley Road wird der „Walzertraum“ von Oscar Strauss mit anschließendem Kabarettprogramm aufgeführt. Foules in der Charing Cross Road bietet deutsche Bücher an, in der Worthing Road wird ein erfahrenes Kinderfräulein für eine deutsche Familie gesucht, jemand möchte seine 23-bändige Nietzsche-Gesamtausgabe abgeben.

Aber jenseits von Liedgut und Leibspeisen findet man nicht allzu viele gemeinsame Nenner. Realpolitisch ist die Gemeinschaft der Emigranten keine Gemeinschaft. Haffner ist der Überzeugung, dass die Zukunft Deutschlands alleine von Emigranten gestaltet werden kann, da die deutsche Bevölkerung durch ihren ausgebliebenen Widerstand das Vertrauen der Völkergemeinschaft verspielt habe. Sozialistische Emigranten widersprechen diesem Führungsanspruch aus der Retorte. Für sie kommt gerade den im Untergrund kämpfenden Genossen eine Schlüsselrolle für die Neugestaltung Deutschlands zu.

Der Umfang des Wiederaufbaus

Ihre Positionen bleiben in der liberal-konservativ ausgerichteten Zeitung zunächst unterrepräsentiert. Weil einfach mehr Rechtsanwälte als Industriearbeiter ausgewandert sind, spotten linke Stimmen, denen erst 1944, als sich die bevorstehende Niederlage des Deutschen Reiches bereits deutlich abzeichnet, ein eigenes Diskussionsforum zugestanden wird. Der Sozialdemokrat Fritz Eberhard hofft, dass sich in Anbetracht der gigantischen Aufgabe des Wiederaufbaus die politischen Diskussionen versachlichen und die alten Kampfbegriffe „Gewerkschaftsspalter“, „Sozialfaschist“, „Kleinbürger“ und „Reaktionär“ aus der Weimarer und der Ersten Republik in Vergessenheit geraten.

Aber egal welcher politischen Fraktion die Kommentare zuzuordnen sind, grundiert werden sie von Unsicherheit über den Umfang des bevorstehenden Wiederaufbaus. Der antideutsch eingestellte britische Politiker Sir Robert Vansittart war der Überzeugung, Deutschland müsse entindustrialisiert werden, zumindest was die Produktion von Sprengstoff, Flugzeugen, Chemiestoffen und anderen für Rüstungszwecke benötigten Industriezweige betrifft. Henry Morgenthau, ein amerikanischer Staatssekretär, geht sogar noch weiter: Deutschland muss Agrarstaat werden, zwischen Maas und Memel sollen nur noch Schafe und Kühe weiden dürfen.

„Miserable Kreaturen“

Liberale Politiker aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten dagegen plädieren für den industriellen Wiederaufbau, allerdings unter strenger internationaler Überwachung. Die Sowjetunion drängt auf rasche Kompensationen für ihre massiven Kriegsverluste, Teile der Industrie sollen dafür demontiert werden. Welche der Positionen sich durchsetzen wird, bleibt bis zur letzten Ausgabe, Nummer 430, unklar.

Die Ausgabe 430 titelt eine Liste „miserabler Kreaturen“, deren Namen nicht vergessen werden dürfen. Robert H. Jackson, genannt Justice Jackson, später Chefankläger der Nürnberger Prozesse, ist bereits in London eingetroffen. Hitler, Himmler, Goebbels und Bormann gelten als tot. Göring und Hess wurden verhaftet. Mit ihrer Verbrecherliste will Die Zeitung auf Systemprofiteure aufmerksam machen, die sich einer Verurteilung als Kriegsverbrecher höchstwahrscheinlich entziehen werden.

Kritik „zwischen den Zeilen“

Und tatsächlich werden einige von ihnen in Nürnberg von allen Punkten freigesprochen. Zum Beispiel Franz von Papen, der zum Ende seiner langen Karriere als Botschafter in der Türkei jüdische Emigranten bespitzeln ließ. Oder Hjalmar Schacht, Hitlers schillernder Bankier, dem amerikanische Gefängnispsychologen den höchsten IQ aller Angeklagten attestierten.

Auch Journalisten-Kollegen stehen auf der Liste. So Friedrich Sieburg, der seine Sprachmächtigkeit in den Dienst der NS-Propaganda stellte und zu einem der wichtigsten Literaturkritiker der jungen Bundesrepublik wird. Oder Rudolf Kircher, der Hauptschriftleiter der 1943 eingestellten Frankfurter Zeitung, die ihre Kritik am System vor allem „zwischen den Zeilen“ äußerte. Die ästhetisch bewundernde, aber politisch vernichtende Kritik von Ernst Jüngers Faschismus-Parabel „Auf den Marmorklippen“, deutet an, dass die Redaktion aus der inneren Emigration verfasste, verdeckte Schreibweisen nicht für die wirksamsten Formen des Widerstands hält.

Sebastian Haffner, der sein Pseudonym nie ablegen wird, kehrt 1954 als Korrespondent für den Observer nach Deutschland zurück, wo er in den 1970er Jahren mit seinen „Anmerkungen zu Hitler“ ein großes Publikum erreicht. Wie die Gestalterin Nelly Rossmann und viele tausende weitere Emigranten wird er britischer Staatsbürger. Die Zeitung ist ihr Vermächtnis. Wie in einer Zeitkapsel konserviert sie ein lebendiges Bild von Existenzen, die zwischen Resignation und Hoffnung, Ankommen und Fortwollen schwanken. 

Alle Ausgaben der Zeitung und weiterer Exilzeitungen lassen sich in der digitalen Sammlung der DNB kostenlos online lesen.

Jürgen Keil | Mo, 1. Juni 2020 - 15:00

Ich bedanke mich für den interessanten Beitrag und für den Link zur DNB.

Urban Will | Mo, 1. Juni 2020 - 16:05

gerade an die Fraktion derjenigen, die dazu neigen, die Rolle der SPD zu Beginn der Nazizeit allzu sehr zu verherrlichen, hätte ich noch „Der Verrat“ von Sebastian Haffner.

Da ließt man u.a. auch ein bisschen was über die Hintergründe der Morde an Liebknecht und Luxemburg.

Und vieles mehr.