Prüfungen im digitalen Corona-Semester - Wie Universitäten Ehrlichkeit bestrafen

Die Coronakrise zwang die Universitäten zur Onlinelehre. Doch die digitalen Leistungsnachweise öffnen alle Türen für eine ungehemmte Schummelei. Der Student Tobias Knörich warnt vor den Auswirkungen des akademischen Betrugs.

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Blieben in diesem Semester meist leer: Hörsäle an Universitäten / dpa

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Tobias Knörich, 21 Jahre, studiert International Relations and Management an der OTH Regensburg.

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Tobias Knörich

In der Coronakrise mutierten innerhalb weniger Wochen alle Hochschulen und Universitäten zu Fernuniversitäten. Die Onlinelehre ersetzte vollständig die Vorlesungen, Übungen und Seminare an den Fakultäten. Dies wird die akademische Bildung wohl nachhaltig prägen und verändern – auch nach der Krise wird sie digitaler und flexibler sein. Doch die erste Prüfungszeit zeigt leider auch mit aller Wucht die Schattenseiten und Grenzen des digitalen Semesters und offenbart den rücksichtslosen Eigennutz vieler Studierender, die hilflose Untätigkeit der Prüfenden und die systematische Benachteiligung der Ehrlichen.

Das Digitalsemester schafft neue Betrugsmöglichkeiten

Schon immer haben sich viele Studierende durch Plagiate, Ghostwriting, spicken und schummeln einen Vorteil in Leistungsnachweisen verschafft. Nach der fairuse-Studie betrügen fast 80% der Studierenden mindestens einmal in ihrem Studium. „Gelegenheit macht Diebe“ heißt auf Studierendendeutsch „Ich bescheiß, wo ich nicht erwischt werde.“ 

Was man früher in Präsenzprüfungen mit Abständen und Prüfungsaufsichten noch einigermaßen eindämmen konnte, daran scheitern digitale Prüfungskonzepte oft kläglich. Nun wird meistens auf sogenannte Take-Home-Klausuren in verschieden Variationen gesetzt. Teils muss Download, Bearbeitung zu Hause und Upload der Prüfung in wenigen Stunden, teils in mehreren Tagen erfolgen. Teils sind Hilfsmittel und Internetrecherche in Open-Book-Klausuren zugelassen, teils verboten. Öfter wird Transferwissen, manchmal nur Reproduktion des Gelernten abgefragt. Teils wird die Bearbeitung über die Laptopkamera „überwacht“, teils die vorgegebene Arbeitsweise auf Vertrauensbasis durch eine Unterschrift bestätigt.  

Schummeln gehört zum guten Ton

So oder so, die digitalen Leistungsnachweise öffnen alle Türen für eine ungehemmte Schummelei. Ob man einfach die Aufgaben gleich als Gruppenarbeit ausfüllt, sich externe Bekannte als Hilfe dazu holt, die Ergebnisse über WhatsApp verbreitet oder nur die Lehrmaterialien und das Internet nebenher benutzt – der Kreativität des Betrugs sind keine Grenzen mehr gesetzt und die Überwachung ist rudimentär bis völlig abwesend. Mit Sanktionen muss man also nicht wirklich rechnen, es kann ja auch nichts bewiesen werden. Wenn sich Prüfende auf die Unterschrift der Selbsterklärung der Studierenden verlassen, sind sie bestenfalls naiv.

Schummeln, wenn erwischt werden ausgeschlossen werden kann, gehört quasi zum guten Ton. Man wird eher mit fragenden Blicken angeschaut, wenn man es nicht tut: Warum sollte man so dumm sein, eigentlich geschenkte Top-Noten mit viel Mühe und weniger Erfolg ohne Hilfe zu bearbeiten?  In einer schriftlichen Sprachklausur hatte ich die richtige Übersetzung fast simultan in einem WhatsApp-Gruppenchat auf dem Smartphone. Das Nein, einen kurzen Blick darauf zu werfen, hat hier genau 0,7 Notenpunkte gekostet. 

Konkurrenzdruck versus Gewissen

Geschickter Betrug wurde auch vor den digitalen Formaten schon mit besseren Noten belohnt. Da das Risiko persönlicher Sanktionen minimal ist, vermehrt er sich aber nun inflationär. Auch kommt noch hinzu, dass viele Professoren und Dozierende die Take-Home-Klausuren spürbar anspruchsvoller gestalten, als es ihre Präsenz-Klausuren gewesen wären. Was die unehrlichen Studierenden durch strategische, unerlaubte Hilfe ausgleichen können, wird zur doppelten Bestrafung der Ehrlichen. 

Das Traurigste an dem Ganzen sind die Auswirkungen. Es geht oft nicht nur um das Bestehen von Prüfungen, sondern vielmehr öffnen gute Notenschnitte viele Türen zum Erfolg in dieser Welt. Gute Noten ermöglichen oft Einstiege in bessere Jobs und Praktika, Zugang zu besseren Universitäten und die Erlangung öffentlich finanzierter Stipendien. Und plötzlich wird das Studium derer finanziert, die ihre Schnitte unerlaubt erhöht haben und manch ein Ehrlicher steht mit leeren Händen da. Kein Wunder, dass manch einer bei diesem Konkurrenzdruck zum Schummeln sein gutes Gewissen über Bord wirft. In unserer Gesellschaft wird Ehrlichkeit als Schwäche behandelt und Betrug hofiert.

Universitäten dürfen Schummler nicht hofieren

Es gibt immerhin bereits vielversprechende Ansätze dem entgegenzuwirken. Vom Online-Proctoring, dem konsequenten Vollzug harter Sanktionen bei Betrug (wie zum Beispiel die Exmatrikulation) bis zu dem Konzept eines Ehrenkodex. Hier müssen die Universitäten und Hochschulen entschieden und konsequent handeln, ansonsten machen sie sich zum Handlanger der Ungerechtigkeit und tragen zum Fall akademischer Fairness bei.

Karsten Paulsen | Sa, 12. September 2020 - 15:48

Onlinelehre ist reine Verhöhnung, ich kenne zwei Universitäten da ist überhaupt nichts mehr los, Türen zu, keiner erreichbar ... offenbar macht man ganz allgemein Corona-Urlaub auf Staatskosten. In meinem Bekanntenkreis haben bislang 2 Studenten das Studium wegen wortwörtlicher Aussichtslosigkeit vorzeitig beendet. Besonders die Studenten die vor dem Abschluss stehen können so das Leistungs- und Prüfungsniveau nicht halten. Darauf sollte sich das Augenmerk richten, ich wette das werden noch eine Menge mehr.

Stefan Saar | Sa, 12. September 2020 - 20:13

In reply to by Gast

Sehr geehrter Herr Paulsen, Ihre Behauptung "... offenbar macht man ganz allgemein Corona-Urlaub auf Staatskosten" ist eine aus Vorurteil und Unkenntnis geborene Dreistigkeit. Ich habe im Sommer 2020 Online-Lehre angeboten. Der (technische) Aufwand war für mich selbst wie für die Studenten deutlich größer als im regulären Lehrbetrieb. Daß Online-Lehre Defizite mit sich bringt (vor allem: Es fehlt der persönliche Austausch), ist unbestritten. Um eine adäquate Dauerlösung handelt es sich gewiß nicht. Davon abgesehen geht es nicht an, Prüfungen digital abzunehmen. An meiner Fakultät wurden daher sämtliche Klausuren analog unter Examensbedingungen geschrieben.

Gerhard Lenz | So, 13. September 2020 - 14:08

In reply to by Gast

Völliger Unsinn - alles andere als "Verhöhnung", sondern der Situation angemessen. Nur: In Deutschland, herrscht halt noch immer - auch im akademischen Lehrbetrieb - oftmals Schulmeisterei vor, tut man sich schwer mit Neuem (siehe das endlose Klagelied über den verschulten Bachelor), ist man auf die veränderte Situation weder technisch, noch mental vorbereitet.
Wie immer: Es wird auf hohem Niveau gejammert.
Ach früher, da war doch alles besser. Selbst sich selbst progressive dünkende Studenten scheinen davon nicht ausgenommen.
Was nicht so sein muss.

Die FernUni Hagen beispielsweise schreibt durchaus Erfolgsgeschichte.
Mehr noch angelsächsische Länder: Dort sind Fernstudium und Online-Lehre längst eine akzeptierte Alternative zum Präsenzbetrieb.

Nur in Deutschland jammern die Studenten, weil sie ihren "Prof" eben nicht persönlich erreichen bzw. nicht in der Gruppe mit anderen Komillitonen ihre Zeit im Hörsaal verbringen.

Luxusprobleme.

Bernd Muhlack | Sa, 12. September 2020 - 15:53

Die Damen Schawan und Giffey sowie Herr von und zu auf und davon Guttenberg hätten es nicht besser plagiieren, ähhh sorry, schreiben können.

Herr Knörich, bleiben Sie gesund und viel Erfolg.

Damals alles noch analog!
Ein ehemaliger Studiosus der Ruperto Carola Heidelbergensis.
Semper apertus.

Bernhard Derks | Sa, 12. September 2020 - 16:50

stelle ich mir immer Leute vor, die über ihren Büchern sitzen, und studieren.
Die haben meist solche Sätze wie „Ich bescheiß, wo ich nicht erwischt werde.“ nicht nötig.
Sprechen sie ruhig weiter von "Studenten"...

helmut armbruster | So, 13. September 2020 - 08:00

denn die Kriterien, welche erfüllt sein müssen um den Titel zu erhalten, sind nicht nur von Uni zu Uni unterschiedlich, sondern auch von Land zu Land.
So ist z.B. seit Jahren bekannt, dass man in Österreich und Italien wesentlich einfacher zum Doktortitel kommt als bei uns.
Aber auch von Fakultät zu Fakultät herrschen in D ziemliche Unterschiede. Der Doktortitel in Medizin ist praktisch für jeden Absolventen des Medizinstudiums erreichbar, während derselbe Titel in Naturwissenschaften oder Jura nur für eine kleine Minderheit der Absolventen erreichbar ist.
Über die wirklichen Fähigkeiten der Titelträger wiederum sagt der Titel sowieso wie nichts aus.
Auch nichts über Bewährung im praktischen Berufsleben.
Und das sollte das eigentliche Kriterium der Wertschätzung sein.

Die Behauptung, "dass man in [...] Italien wesentlich einfacher zum Doktortitel kommt als bei uns", kann ich so nicht stehen lassen.

Wahr ist, dass man sich mit dem italienischen Äquivalent des Masters oder Diploms im öffentlichen Leben "dottore" nennen darf. Wer aber eine akademische Karriere anstrebt, muss ein "dottorato di ricerca" (etwa "Forschungsdoktorat/-promotion") machen, das wie in Deutschland mindestens drei Jahre dauert. Der italienische "dottore" ist also in etwa äquivalent zum deutschen "Dipl.-Ing." , "Dipl.Phys." usw. während der "dottore di ricerca" dem deutschen "Dr. phil." etc. entspricht.

Es ist lediglich eine Frage der Benennung. Aber dass man in Italien Doktortitel nachgeworfen bekommt ist schlichtweg falsch.

Bernd Hartke | So, 13. September 2020 - 12:23

"Hilflose Untätigkeit der Prüfer"? Das Gegenteil ist richtig; seit Mitte März ist die Organisations-Arbeitsbelastung aller Dozenten ca. 5-10mal höher als vorher. Ein Blick auf die zu "proctoring" verlilnkte Webseite zeigt, daß der organisatorische Vorlauf einer onlline-Prüfung immens ist. Was dort vergessen wurde: Auch nach Ablauf der online-Prüfung hat der Prüfling das Recht, mit (unbeweisbarem) Verweis auf "Technikschwierigkeiten" die ganze online-Prüfung anullieren zu lassen. Die Vorbereitung der Präsenzklausuren, die ich mache, ist unter Coronabedingungen auch 3-5mal so aufwendig wie vorher. Daß die Studenten von all dem Aufwand offenbar nichts merken ist sehr schön, denn das zeigt, daß wir Profs das im Modus "von 0 auf 100 in 2 Tagen" erstaunlich gut hingekriegt haben. "Take-home-Klausuren anspruchsvoller": Logisch, was sonst, mit unkontrollierbaren Hilfsmitteln? Aber egal ob schwerer oder so leicht wie sonst: Gegen beides gibt es gute Argumente...

Hans Meiser | So, 13. September 2020 - 16:21

Einziger Makel ist (für mich) die gegenderte Sprache.
„Studierende“ ist nunmal leider falsch.

Ernst-Günther Konrad | Mo, 14. September 2020 - 08:40

"Es gibt immerhin bereits vielversprechende Ansätze dem entgegenzuwirken. Vom Online-Proctoring, dem konsequenten Vollzug harter Sanktionen bei Betrug (wie zum Beispiel die Exmatrikulation) bis zu dem Konzept eines Ehrenkodex."
Aja, also so harte Konsequenzen, wie bei Giffey und anderen?
Sie benutzen den Begriff "Ehrenkodex". Das klingt aber nach vorgestern und könnte an Burschenschaftsdenken erinnern. Solange ihr Studenten nicht die querdenkenden oder andersdenkenden Professoren vor Ausgrenzung und moralisch überzogenen Vorwürfen schützt, wird sich da nichts ändern. Ja, es dürfte sie noch geben, diejenigen, die studieren, um Wissen zu erlangen, später eigenes ergänzendes und erweitertes Wissen zu generieren und zu entwickeln. Es gibt aber eben auch immer mehr solcher Studenten, die vom Klassensaal, dem Hörsaal direkt in den Plenarsaal wollen und auf dem Weg dorthin, staatlich gefördert und mittels begleitender Parteikarriere gepuscht keine "echten" Aschlüsse anstreben. Die gibt's auch