Zu Gast bei Juli Zeh - Nabokov im Havelland

Zwischen juristischer Hochleistungsforschung und obsessiven literarischen Helden hat sich Juli Zeh ungewöhnliche Freiräume des Denkens geschaffen. Ihr äußeres Zuhause liegt seit kurzem in den brandenburgischen Outbacks. Ein Bibliotheksbesuch

Zuhause im brandenburgischen Outbacks: Juli Zeh
() Zuhause im brandenburgischen Outbacks: Juli Zeh

Die Katze weiß genau, was sie will. Lange lauert sie neben Dostojewskis „Dämonen“, balanciert gekonnt an Bulgakow vorbei, streift Musil mit dem Schweif, um schließlich, bei Kehlmann angelangt, von der Mitte des Regals zum Sprung in den Schoß ihrer Meisterin anzusetzen. Im Schneidersitz hat Juli Zeh es sich auf einem weißen Ikea-Sofa gemütlich gemacht, dem einzigen Großmöbel im ganzen Haus. Vor wenigen Wochen erst ist sie vom lang geliebten Leipzig in eine wilhelminische Villa im Havelland gezogen. Wohlwollende Menschen sprechen von ostdeutscher Provinz, andere von No-Go-Area. Brandenburgs rauer Ruf stört die Schriftstellerin nicht. In dem Augenblick, als sie das Haus sah, vor allem den riesigen Garten, stand der Entschluss fest. Immer stärker sei das Bedürfnis nach einem „Leben ohne die Belästigungen des urbanen Daseins“ in den vergangenen Jahren geworden, für sich und natürlich auch ihren Tiertross, zu dem neben Katze ­Tiger auch zwei Hunde sowie Privatpferd Neo zählen.
„Der große Raum hier im Dachgeschoss soll einmal die Bibliothek werden“, malt die Hausherrin Luftregale an die Wände, „aber das kann noch Monate dauern. Oder Jahre.“ Für die Übergangszeit muss sie mit der Notversorgung eines einzigen Regalquaders auskommen, dicht bestellt mit Büchern, ohne die sie einfach nicht sein will und zu denen sie immer wieder zurückkehrt – die Essenz der eigenen Leseridentität.
Allen voran das Buch, das ihr zum Tor in eine neue Welt wurde. „Die ‚Buddenbrooks‘ waren für mich der erste Schritt in die Literatur. Natürlich habe ich damals, als Dreizehnjährige, kein Wort verstanden, aber doch ganz klar gespürt, da steckt was dahinter. Der Roman erschien mir wie ein Zimmer, in dem sich zehn kluge Menschen miteinander unterhalten. An diesem Gespräch wollte ich unbedingt teilnehmen.“
Das wäre so weit gelungen. Einst Leitfigur des Mädchenwunders, zählt die 33-jährige Zeh heute zu den fest etablierten Stimmen deutscher Gegenwartsliteratur. Ihr Debütroman „Adler und Engel“ wurde in 27 Sprachen übersetzt, die Reportagen „Die Stille ist ein Geräusch“ (2002) ebenso mehrfach preisgekrönt wie der Essayband „Alles auf dem Rasen“ (2006).
Nicht zuletzt ihre Bereitschaft zur politischen Einlassung sichert der Prädikatsjuristin einen festen Platz in den Feuilletons. Dabei begreife sie sehr wohl, oft nur als „Quotenmaus angefragt zu werden, damit es nicht ganz so peinlich wirkt, wenn auf dem Podium drei 80jährige Herren die Zukunft der Nation erörtern“. Gegen die Mechanismen medialer Abnutzung glaubt sie sich durch ein denkbar einfaches Auswahlkriterium geschützt: „Wenn mir zu dem vorgeschlagenen Thema nichts einfällt, sage ich ab.“ Die Neofeminismusdebatte zum Beispiel, die interessiert sie überhaupt nicht.
Die wenigen Sachbücher des Quaders stehen ganz im Zeichen des Spannungsfeldes von Freiheit und Sicherheit, für Zeh der dominierende politische Kontrast des 21. Jahrhunderts. Die Gedanken des jungen finnischen Philosophen Pekka Himanen zur „Hacker-Ethik“ lässt sie ebenso immer wieder in Essays einfließen wie Colin Crouchs Analysen zum Zeitalter der „Post-Democracy“. Vor allem aber Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ sowie „Sexualität und Wahrheit“ inspirieren seit Jahren ihre politische Meinungsbildung.
Neben einem Studienkommentar zu Heideggers „Sein und Zeit“ lehnt Giorgio Agambens „Homo sacer“, aufgequollen wie nach einer durchzechten Nacht. „Das kommt von den Badewannenlektüren“, zuckt Zeh mit der Schulter. Bücher sind zum Lesen da, und es gebe nun mal kaum eine Tätigkeit, bei der sie nicht lese. Sehr gern beim Kochen, auch beim Spazierengehen, ja sogar beim Radfahren.
Beim Radfahren? „Klar, mit eigens entwickelter Read-and-Ride-Lesetechnik. Das geht so: Der Absatz wird konzentriert angelesen, der Rest der Passage im Geist abfotografiert, sichernder Blick auf den Straßenverkehr, nächster Absatz. Klappt prima und ist fast gar nicht gefährlich“. An Sammlerleidenschaften lässt der totale Lesealltag nicht denken. Im Gegenteil, ein Buch, das unter Zehs Fittiche gerät, ist danach oft reif für den Reißwolf, was ihren bibliophielen Lebensgefährten regelmäßig in den Wahnsinn treibt. Für Musils „Mann ohne Eigenschaften“ ist es bald so weit, und auch Solschenizyns „Der erste Kreis der Hölle“ plagt ein schwer geschundener Rücken.
Besonders erinnernswerte Passagen, die Romane ihres heiß geliebten Walker Percy beweisen es, werden von der Schriftstellerin durch kräftige Eselsohren markiert, und schon nach kurzem Kontrollblättern ist Zeh als manische Kritzlerin erkannt. Beim Lesen würden ihr die Texte immer wieder zu einer Art „Ideentrampolin“, und jede Notiz halte einen „Sprung“ fest. Einmal in der Woche überträgt sie ihre Gedankensprünge dann in eine Computerdatei, als Kreativspeicher, auf den sie im Schreibprozess immer wieder zurückgreift.
Nur ein einziger Autor bleibt von solchen Profanierungen ausgenommen, Wladimir Nabokov, der in einer rot schimmernden Gesamtausgabe als Schmuckstück auf dem obersten Bord thront. „Streng dich bloß an, auch in den Details“, hört sie die Stimme des Russen in den langen Nachtstunden des Schreibens mahnen. Aber nicht nur den Hang zu kompositorischer Komplexität und immer neuen, schillernden Wortmustern teilt Zehs Literatur mit dem Autor von „Lolita“ und „Lushins Verteidigung“, auch die erschaffenen Charaktere ähneln sich auffällig.
„Stimmt schon“, gesteht sie nach längerer Denkpause zu, „auch meine Romane sind von obsessiven Helden geprägt.“ Figuren, deren zwanghafter Ehrgeiz, eine bestimmte Form ästhetischer Perfektion zu erreichen, zu fatalen Alltagsverwerfungen führt. Ganz besonders trifft das auf ihren jüngsten Roman „Schilf“ zu, in dem zwei snobistische Quantenphysiker und ein sterbenskranker Kommissar die letzten Rätsel der Menschheit ergründen. Neben einfallsreichen Spekulationen zum Wesen der Zeit, des Todes sowie der Wirklichkeit im Allgemeinen behandelt das Werk die Frage, was es für einen genial begabten Geistesmenschen bedeutet, zu heiraten und eine Familie zu gründen. „Es gibt da ein absolutes Ringen mit der Familiensituation, bei dem ich voll auf der Seite meines Helden Sebastian stehe. Denn obwohl ich keine Kinder habe, bilde ich mir ein, ganz genau zu wissen, was er als Vater fühlt und denkt.“ Der Mann, so viel sei verraten, wird im Verlauf des Romans zum kaltblütigen Mörder.
Die Fahndung nach Krimis bleibt dennoch vergeblich. Das Populär-Genre genoss Zeh vor allem in ihrer Kindheit. Sherlock Holmes hat sie als Grundschülerin komplett gelesen, aber auch altersgemäßere B-Varianten wie die „Drei Fragezeichen“ oder „TKKG“. Besonders zärtliche Erinnerungen verbindet sie mit einem gewissen Al Wheeler, dessen Detektivfälle der Vater zu Hunderten im Keller des Hauses sammelte. Stark sexuell aufgeladen seien die Abenteuer des Mister Wheeler gewesen. „Spätestens ab Seite 20 schneite da eine vollbusige Blondine ins Büro. Ausdrücklich verboten haben meine Eltern die zwar nicht, aber ich wusste schon genau, dass ich da nicht ransoll.“ Eine Bonner Jugend zwischen Pulp Fiction und Thomas Mann.
Und die Gegenwart? Terézia Moras „Alle Tage“ zählt für sie zu den „wichtigsten Büchern unserer Zeit“, auch Uwe Tellkamps „Eisvogel“ begeisterte, die eigentliche literarische Neuentdeckung der vergangenen Wochen aber sei Martin Walser gewesen. Wahre Erweckungserlebnisse hätten die frühen Romane „Brandung“ und „Ein fliehendes Pferd“ in ihr hervorgerufen – eine Glückserfahrung, die sie bisher weder von Grass noch Handke kenne. Kommt vielleicht noch. Hofft sie. Irgendwann, in der Zeit danach:
Denn nach dem Lesungsmarathon des Buchherbstes will Juli Zeh endlich ihre lang verschleppte Dissertation zum Abschluss bringen. Sechs Monate totalen Rückzug hat sie sich für die völkerrechtliche Arbeit zum Status des Kosovo verordnet, denn „ich sollte schon fertig werden, solange es das Problem überhaupt noch gibt.“
Ob sie auch deshalb in die brandenburgische Ödnis gezogen sei? Nein, bei der Villa im Havelland gehe es viel grundsätzlicher um den Traum vom optimalen Leben. „Da ich so viel 19. Jahrhundert gelesen habe und mich damit auch stark identifiziere, ist die Aussicht, den Sommer auf dem Land und den Winter in der Stadt zu verbringen, für mich die Urvorstellung einer glücklichen Existenz.“ Von einem neuen Zuhause will Zeh also nicht sprechen, eher von einem Hauptquartier. Denn bis nach Berlin ist es vom Havelland ja nur eine Stunde – ein Katzensprung.

Wolfram Eilenberger ist Philosophischer Korrespondent bei Cicero. Er schrieb das Buch „Philosophie für alle, die noch etwas vorhaben“ (Berlin Verlag)

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