Facebook ade - Der digitale Rückzug ins Private

Raus aus Facebook, rein in kleinere Netzwerke oder in Messenger-Dienste: Was Statistiker gerade beobachten, ist nicht einfach eine Abkehr von einem digitalen Riesen. Dahinter steckt ein simpler Wunsch nach dem digitalen Vergessen

Der Mann hinter Facebook – Mark Zuckerberg
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Autoreninfo

Christian Jakubetz, Jahrgang 1965. Stationen u.a. beim ZDF, N 24, ProSiebenSAT1 sowie bei diversen Tageszeitungen. Dozent u.a. an der Deutschen Journalistenschule in München und Lehrbeauftragter an der Universität Passau. Herausgeber des Buchs “Universalcode” (Euryclia, 2011). Seit 2006 freiberuflich tätig u.a. für das ZDF, die FAZ und die deutsche Ausgabe von “WIRED”. Blogger mit “jakblog.de”.

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Schon lange nichts mehr von Jeff Jarvis gehört. Das mag ein blöder Zufall sein, aber selbst wenn man momentan von dem New Yorker Medienprofessor etwas hören würde, der eine Zeitlang in gewissen digitalen Kreisen eine Art Halbgottstatus genoss: Es würde gerade nicht so wirklich gut passen. Jeff Jarvis ist nämlich jener Herr, der sich gerne mal über die Deutschen und ihre aus seiner Sicht erstaunliche Sucht nach Privatheit lustig macht. Deutsche, so spottet Jarvis gerne, hätten zwar kein Problem damit, nackt in eine Sauna zu gehen, würden sich aber ins Hemd machen, wenn man bei Google Street View die Front ihrer Häuser sehen könnte.

Inzwischen sind wir in der digitalen Realität angekommen - und wären vermutlich glücklich, wenn es nur die Fassaden unserer Häuser wären, die man im Netz ungehindert sehen kann.

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Aber kommen wir erstmal zu den Zahlen, zu den Fakten: Natürlich muss man Statistiken und Userzahlen immer mit Vorsicht genießen, vor allem in der schnelllebigen digitalen Welt. Und am besten glaubt man keinen Zahlen, die man nicht eigenhändig interpretationsfähig gemacht hat. Trotz allem ist unübersehbar: Auch ein Riese wie Facebook hat seine besten Tage womöglich hinter sich. Es sind vor allem die jüngeren Nutzer, die sich von Facebook abwenden. Anfang 2013 beispielsweise waren das in den USA über eine Million der Nutzer zwischen 25 und 34 Jahren. Weitere kleine Indizien: Auf Smartphones in Deutschland hat die Facebook-App im letzten Quartal 2013 ihren Spitzenplatz an “WhatsApp” abgeben müssen. Der Messenger verzeichnet vor allem beim ganz jungen Publikum ab 14 höhere Zuwachsraten als Facebook.

Im Netz ist das nichts Ungewöhnliches: So schnell, wie Riesenreiche entstehen, so schnell vergehen sie dann auch wieder. MySpace, Studi VZ, Second Life – drei Namen, die exemplarisch dafür stehen, dass sich Netzbewohner schnell und in großen Mengen für etwas begeistern können, diese Begeisterung aber dann auch in ebenso schnellem Tempo in das Gegenteil verkehren kann. Die Signale, die Facebook nunmehr seit einigen Monaten vernehmen muss, sind solche, wie sie auch die Vorgänger als unangefochtene Netzherrscher bekamen: Die Nutzerzahlen stagnieren, bei den jüngeren gehen sie sogar zurück. Gleiches gilt für die Verweildauer.

Bei den jüngeren Nutzern gilt Facebook mittlerweile sogar als ausgesprochen uncool. Als eine Seite für Netz-Oldtimer. Was sich der Zuckerberg-Riese allerdings zu einem Gutteil auch selbst zuzuschreiben hat: Innovationen gab es schon lange nicht mehr, die Timeline bringt selbst erfahrene User in ihrer algorithmischen Unübersichtlichkeit zur Verzweiflung – und alles in allem erinnert Facebook mittlerweile an eine Dorfdisco irgendwo in der ostwestfälischen Provinz: Niemand findet den Laden richtig gut, aber alle gehen hin, weil eben alle hingehen. Was will man auch machen sonst?

Dabei ist die Debatte nicht die, ob Facebook sich dauerhaft in seiner jetzigen exaltierten Position halten können wird. Die Trends zeigen vielmehr anderes auf: Der Weg führt zurück. Aus der totalen Öffentlichkeit, in der jeder noch so belanglose Pups für jedermann nachvollziehbar wurde. Weg von der öffentlichen Mitteilung hin zu einer Form der Kommunikation, die zwar schnell und unmittelbar ist, dennoch aber innerhalb eines überschaubaren Kreises bleibt.

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Die Ursachen für den Wunsch nach mehr Privatheit sind schnell gefunden. Es ist so wie mit allem: Was im Überfluss verfügbar ist, nervt irgendwann. Selbst dann, wenn man sich vorher dringend gewünscht hat, mehr davon haben zu können. Die Idee, man könne Momente seines Lebens mit anderen teilen, sie so präsentieren zu können, dass man sie nicht erst wahrnimmt, wenn das Ereignis zwei Wochen zurückliegt, ist eine bestechende, nach wie vor. Wenn daraus wird, dass man sich vor Belanglosigkeiten und selbstdarstellenden Gockeleien nicht mehr retten kann, wünscht man sich die Zeit zurück, in der es noch Usus war, manche Dinge für sich zu behalten. Was man aus dem digitalen Banalitäten-Overkill ziemlich gut lernen kann: Manche Dinge sind privat und es ist keineswegs ein Schaden, wenn sie privat bleiben.

Es ist ein zu viel an Öffentlichkeit entstanden. Verbunden mit der unvermeidlichen Banalität, die das Private zwangsläufig mit sich bringt. Wer sich dann unter 1000 virtuellen Freunden bewegt, der ist trotzdem alleine, wenn er den ganzen Tag zugeschüttet wird mit Dingen, die man aus guten Gründen lieber erst gar nicht wissen wollte.

Die Antwort haben die jüngeren und damit zukünftig wichtigen Nutzer schon gefunden: Das neue große Ding heißt Messenger; „WhatsApp“ ist das beste Beispiel dafür. Messenger sind wie ein Korrektiv der Social-Media-Auswüchse: Sie verbinden das gute aus den Netzwerken mit dem Wunsch danach, dass nicht jeder alles mitlesen können muss. Man bleibt also miteinander in Verbindung, kann jederzeit auch in größeren Gruppen miteinander kommunizieren – und man ist, das ist im Jahr 2014 ein ganz entscheidender Faktor, mobil. Für Kids mit ihren Smartphones kommt das angestaubte Facebook angesichts dessen ganz schön schwerfällig daher.

Warum beispielsweise ist dieses Snapchat so erfolgreich? Ist es nicht eine bizarre Idee, ein Foto aufzunehmen, es zu verschicken - nur dafür, dass es ein paar Sekunden später nicht mehr existiert? Bei genauem Hinsehen trifft Snapchat exakt das, was gerade passiert ist: Natürlich gibt es immer noch ausreichend Momente, die man gerne mit anderen teilen will. Mitteilungen und Stimmungen, die jetzt gerade, in diesem einen Augenblick relevant sind - und die man kurz darauf schon wieder vergessen hat. Genau das ist das Problem an der digitalen Offenheit: Selbst dann, wenn man selber eine Sache schon lange wieder vergessen hat, vergisst sie das Netz nie. Der eine Moment, den man gerade eben so unglaublich toll findet, kann irgendwann später zu einer Peinlichkeit umschlagen, an die man nicht mehr erinnert werden will. Da ist es sinnvoll, eine Art Versicherung einzubauen: damit erst gar keiner auf die Idee kommt, den potenziell belastenden Moment noch mal hervorzukramen. Oder dass man selber mal später mit etwas konfrontiert wird, womit man gar nicht mehr konfrontiert werden möchte.

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Dazu kommt noch anderes: Selbst wenn man sich nicht für (Netz-)Politik interessiert, ist inzwischen selbst im desinteressiertesten Hirn die Ahnung angekommen, dass die Möglichkeiten der Überwachung Dimensionen angenommen haben, die alles bisher Vorstellbare überschreitet. Man ahnt, dass digitale Kommunikation vergleichbar ist, als würde man sein ganzes Leben irgendwo in einem Supermarkt an ein schwarzes Brett tackern. Und man ahnt, wie viel wenig schöner Schein, wie viel Selbstdarstellerei, digitales Posertum hinter Netzwerken stecken müssen, in denen man Aufmerksamkeit bevorzugt dann bekommt, wenn man wahlweise laut ist oder irgendwelche steilen Thesen in den Orkus schickt.

Dieser Mix ist es, der das ganz große Getummel so schwer erträglich macht: die Ansammlung an Banalitäten und an Kontakten, von denen man stellenweise nicht mal mehr so genau weiß, um wen es sich da handelt. In den letzten Tagen beispielsweise hat einer meiner Facebook-Kontakte freudig-aufgeregt die Geburt seines Sohnes vermeldet und ich hätte ihm wirklich gerne gratuliert, wenn ich mich wenigstens ansatzweise erinnert hätte, wer dieser Mensch überhaupt ist.

Und dann das andere Extrem: die Poser, die Schreihälse, die selbst ernannten “opinion leader”, denen eine Herde so blindlings nachläuft, dass man sich denkt, dass sich selbst in unserem aufgeklärten digitalen Zeitalter manche Dinge nie ändern.

Vielleicht ist das einfach so, wenn sich viele Menschen auf einen Schlag treffen, ganz egal, ob im echten Leben oder in digitalen Räumen. Und vielleicht ist es auch im digitalen ganz wie im richtigen Leben: Wenn's zu laut oder zu viel wird - einfach gehen.

Und um nochmal auf Jeff Jarvis zurück zu kommen: Mit ein paar Leuten nackt in der Sauna zu sitzen ist nichts gegen das Eingesperrtsein mit vielen angezogenen Menschen in einem sozialen Netzwerk. In der Sauna halten die Leute wenigstens meistens die Klappe.

 

 

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