Bibliothekar Michael Knoche - Der Hüter des Bücherparadieses

Wie Michael Knoche Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar wurde, ist eine Geschichte für sich – in seiner privaten Bücherwand residiert Homer aus Prinzip ganz oben auf der linken Seite

Michael Knoche, Direktor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar
Christoph Busse

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Eva Gesine Baur ist Kulturhistorikerin. In diesen Tagen ist ihre Biografie „Chopin oder die Sehnsucht“ (C.H.Beck-Verlag) erschienen.

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Hineinzukommen ist nicht leicht. Weder ins Innere der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar noch in das ihres Direktors Michael Knoche dringt der Neugierige ungehindert vor. Die Katastrophe vor acht Jahren hat ihn wie sein Haus berühmt gemacht. Privatadresse geheim halten, schärft mir sein Büro ein. Und hinterher vernichten.

Der Mann, der die Wohnungstür im Hochparterre einer Jahrhundertwendevilla öffnet, trägt freundliche Dezenz und einen Gesichtsausdruck, der so wenig über ihn zu verraten scheint wie die Wohnung. Sehr aufgeräumt wirkt beides. „Ich verfolge mit meiner Bibliothek hier zu Hause keine bibliophilen Interessen“, sagt Knoche. „Ich habe eine praktische Sammlung. Fürs Bibliophile habe ich ja die Bibliothek. Hier befindet sich nur das, was ich brauche.“ Wäre er seinem Vater nachgeschlagen, Verwaltungsdirektor im Krankenhaus, bräuchte er fast gar nichts zwischen Buchdeckeln. Er geriet jedoch der Mutter nach. Sie war Krankenschwester und vererbte ihm nicht durch ihre Gene, sondern durch ihr Vorbild, was ihn prägt: die Leidenschaft fürs Lesen. Schon ihr Vater, sagt Knoche, war „ein Bücherverrückter. Von Thomas Mann kannte er jede Seite.“ Sein Beruf? „Arbeiter bei Krupp. Jahrgang 1898, überzeugter Kruppianer. In Essen gab es ja die Krupp’sche Lesehalle.“

Wie sein Enkel, geboren im sauerländischen Werdohl, aufgewachsen in Leverkusen und Düsseldorf, vom Nutzer örtlicher Leihbibliotheken zum Direktor der berühmtesten Bibliothek Deutschlands wurde, hört sich an wie die Erfolgsgeschichte eines Blenders. Der promovierte Germanist war 39 und hatte vier Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Fachbuchverlag Springer in Heidelberg gearbeitet, als er in einer Fachzeitschrift an einer Stellenanzeige hängen blieb: „In der Zentralbibliothek der deutschen Klassik an den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar ist die Stelle eines Direktors neu zu besetzen.“ Gefordert waren „langjährige Erfahrungen“, und zwar „in Leitungsaufgaben“. Knoche, darin nicht einmal kurzjährig erfahren, bewarb sich trotzdem. Das Datum macht deutlich, mit welcher Bereitschaft zum Verzicht: Es geschah zwar nach dem Fall der Mauer, doch noch gehörte Weimar zur DDR. „Für mich bis dahin ein Polizeistaat, mit dem ich nichts zu tun haben wollte.“ Mit dem ihn auch nichts verband, weder familiäre Beziehungen noch Freundschaften. Aber er liebte die beschriebenen Wirklichkeiten aus dem anderen Teil Deutschlands, wie er sie aus Büchern kannte: aus der Prosa von Uwe Johnson und Christa Wolf und aus den Gedichten von Wulf Kirsten. Sie alle drei sind für einen Fremden schwer aufzufinden in der Bibliothek des Direktors. Privat sortiert er nämlich nicht alphabetisch, sondern chronologisch. Kirsten, Jahrgang 1934, wohnt ganz unten rechts. Als Antipode zu Homer, geschätzter Jahrgang 850 vor unserer Zeitrechnung, der ganz oben links haust.

Knoches Bewerbung ins Woher des Wulf Kirsten war zuerst liegen geblieben, wurde nach der Vereinigung jedoch rasch aufgegriffen und angenommen. Enthält seine Bibliothek einen Hinweis darauf, was oder wer ihn dazu trieb, für eine Vergütung, die nur 60 Prozent der westlichen betrug, in eine Stadt zu ziehen, die sich wie so viele damals kurz vor dem Zusammenbruch in den Umbruch gerettet hatte? Wo es, wie sich Knoche erinnert, kaum Mietwohnungen gab, aus den Schornsteinen schwefelgelber Rauch von Rotbraunkohle stieg, Abgasschwaden der Zweitaktmotoren den Himmel verdunkelten, und die Verkehrsverbindungen so wenig funktionierten wie die Telefonverbindungen?

Einer vor allem hatte ihn verlockt. Einer, der nun so nah ist, aber nicht leicht erreichbar: Goethe steht so, dass Knoche nur mit der Leiter herankommt, Nachteil der frühen Geburt. „In dieser Hinsicht ist meine Ordnung dumm“, sagt er und blickt mit gerunzelter Stirn ins obere Regaldrittel. „Goethes Briefe könnte ich täglich lesen. Und seit ich Weimar kennengelernt habe, sind sie ein noch tieferes Erlebnis. Ich kenne jeden Stuhl, jeden Salon, jeden Weg, jede Treppe.“ Auch in den „Wahlverwandtschaften“ öffnen sich ihm ständig neue Fenster. „Sie sind ja nicht genau lokalisierbar, aber es steigen sofort Bilder auf, wenn man die Umgebung hier, wenn man Tiefurt und Großkochberg kennt.“ Vor allem aber steht Wilhelm Meister viel zu hoch. „Ich habe bei keinem Buch die Erfahrung gemacht, dass man es beim Wiederlesen derart unterschiedlich erleben kann, wie bei diesem.“ Knoche verstummt kurz und lächelt dann hinter einer Gedankenwolke hervor. „Goethe ist immer unglaublich frisch.“

Anders das, was Bibliotheken ausdünsten. „Ein Whisky-Hersteller hat einmal das Bouquet seines Malt beschrieben als Anna- Amalia-Bibliotheksgeruch.“ Der Duft der alten Bücher hat für Knoche eine besondere Bedeutung. Mit 18 besuchte er einen Freund in Münster, der Jesuit werden wollte, und geriet in die dortige Klosterbibliothek. „Der Geruch, der mir in die Nase stieg, hat mich fasziniert.“ Und ihn verführt, Bibliothekar zu werden. „Ein Bücherparadies“ nennt Knoche diesen Ort seiner Bestimmung. Teilt er die Vision von Jorge Luis Borges, der gestand, er stelle sich das Paradies als Bibliothek vor?

Seite 2: September 2004Der Brand

„Ach, das ist nicht besonders originell“, sagt er mit einem Zucken des Mundwinkels. Wenn er Besucher persönlich durch den Rokokosaal der Anna-Amalia-Bibliothek führt und sie ihm verschwörerisch zuflüstern: „Wissen Sie, wovon ich heimlich träume?“, sagt er: „Ja, das weiß ich: Sie wollen hier mal über Nacht eingeschlossen werden.“ Wie erklärt er sich das Phänomen, dass Bibliotheken und alte Bücher, in der Literatur wie in der Wirklichkeit, solches Interesse finden? „Ganz einfach: Im Zeichen digitaler Verfügbarkeit von Inhalten wächst die Magie der Originale“, sagt er trocken. Und liefert zwischen zwei Schlucken Tee den Satz ab, der die Unersetzbarkeit des Buches besser erfasst als tausendseitige Abhandlungen: „Wenn wir etwas über die Vergangenheit sagen wollen, müssen wir sie in ihren Produkten wahrnehmen.“

Wertvoll werden für ihn Bücher durch die Verknüpfungen mit dem eigenen Leben. „Besonders viel wert sind mir solche, in die mir der Autor etwas reingeschrieben hat.“ Er zeigt mir Martin Mosebachs Roman „Das Beben“, Ingo Schulzes Roman „Neue Leben“ und Gedichtbände, die ihm handschriftlich ausführlich gewidmet sind. Durs Grünbeins „Erklärte Nacht“ und Wulf Kirstens „Erdlebenbilder“. „Eigentlich komme ich vom Roman her, in dem man sich verlieren kann. Lyrik ist Übungssache. Man muss sehr viel Lyrik gelesen haben, um herauszufinden, was einen angeht.“

Am 2. September 2004, um halb neun Uhr abends, rief ein Angestellter den Direktor zu Hause an. „Die Bibliothek brennt. Wollen Sie kommen?“ Was sich zum größten Bibliotheksbrand im Nachkriegsdeutschland ausweiten sollte, mehr als 50 000 Bücher umbrachte und mit 380 000 Litern Löschwasser weitere Zigtausende lebensgefährlich verletzte, forderte eine Qualität, die laut Knoche nicht ihn, sondern alle in seinem Beruf auszeichnet: „Bibliothekare sind cool.“ Die Feuerwehr sagte ihm, er habe mit seinen Leuten nur bis zehn Uhr Zeit für die Bergung. Dann müsse das Haus geräumt sein, weil voraussichtlich der Dachstuhl einbreche. „Ich habe mich wie ein Sanitäter gefühlt, der an die Unfallstelle gerufen wird und sieht: Überall ist jetzt Hilfe nötig. Aber ich muss mich entscheiden, wo sie am wichtigsten ist.“ Als er schließlich mit seiner Mannschaft vor dem brennenden Gebäude stand, rannte der Direktor nochmals zurück. „Ich hatte vergessen, den wichtigsten Schatz der Anna-Amalia-Bibliothek zu retten.“ Was er herausschleppte, waren zwei Bände mit Holzdeckeln, in schweres Rindsleder gebunden, aus dem Jahr 1534: die Lutherbibel. „Zu der habe ich eine sehr enge emotionale Beziehung.“ In seiner Hausbibliothek liegt der Nachdruck, 2002 bei Taschen erschienen. „Diese Rettung war für mich nicht mehr als eine Episode von vielen, von Hunderten, aber es ist mir lieb, dass sie an mir haftet.“ Dass er dafür nicht nur gefeiert wurde, sondern auch anonym verleumdet, selbst der Brandstifter gewesen zu sein, nimmt er achselzuckend hin. „Mir war klar, dass man da Fantasie aller Art auf sich zieht.“ Bibliothekare sind eben cool.

„Wer während der Arbeit liest, ist verloren“, sagt Michael Knoche. Außerhalb ist das Sichverlieren erlaubt. In der Ausbildungszeit in Karlsruhe hatte er die Nächte durchgelesen. „Ich konnte mich kaum beruhigen nach all den Anregungen, die tagsüber auf mich einstürzten.“ Damit genügend Zeit für Lektüre bleibt, blendet Knoche Ablenkungen radikal aus und lebt ohne Fernsehen. Jede Art des Zappens ist ihm fremd, Drinbleiben in einer Geschichte ein Anliegen. Bei einem Buch, das er im Urlaub gelesen hat, erinnert er sich daran, ob er am Ort des Geschehens weilte, der so den Inhalt verdichtete, oder an einem ganz anderen Ort, wo sich das Buch stärker erweisen konnte als die Reize der schönsten Gegend. Fontanes „Vor dem Sturm“ war ein solches Buch, das über Meer und Sand und Schlösser siegte.

Am Tag unseres Gesprächs noch fährt er nach Südtirol. Nun bekommen Heimito von Doderers „Die Dämonen“ die Chance, Michael Knoche den Wanderwegen abspenstig zu machen. Wenn sie mit ihm zurückkehren, werden sie trotz achtsamer Behandlung Spuren zeigen, und das findet er gut so. Besitzt er Werke wie die von Gottfried Keller in zwei Ausgaben, ist ihm die benutzte näher als die neue. Für Knoche sind Veränderungen die Indizien des Gelebten. Er meidet aus diesem Grund als Privatmann nicht nur E- Books, er meidet auch Klassentreffen. „Weil dann jeder einen als den Alten wiedererkennen will. Aber ich will nicht mehr der Alte sein. Ich möchte der Veränderte sein, als den ich mich erfahre.“ Für sein Gewordensein gibt er Weimar die Verantwortung. „Ich wäre als Lehrer in Südwürttemberg heute ein ganz anderer. Seit ich in Weimar bin, bin ich bei mir selber.“ Doch gehört zu dem Geisteshimmel dieser Stadt nicht auch die Hölle vor den Toren namens Buchenwald?

Auf Knoches Schreibtisch liegt „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon. Und daneben ein Buch über wissenschaftliche Bibliothekare im Nationalsozialismus. Er hat das Buch herausgegeben und daran mitgeschrieben. „Anfangs habe ich mich gefragt: Was sollen die schon verbrochen haben? Aber beim genauen Hinsehen zeigte sich: Es war ziemlich viel.“ Er senkt den Blick. Als er ihn hebt, sagt er: „Aber ich betrachte das nicht aus moralischer Sicht. Ich will die Mechanismen verstehen.“

Bibliothekare sind cool. Es sei denn, sie dächten an Bücher, die ihnen fehlen. In vier Jahren dräut dem Direktor die Pensionierung. „Wenn ich nicht mehr im Amt bin, muss ich meine private Bibliothek gewaltig ausbauen.“ Er stöhnt leise. „Stellen Sie sich vor: Mir fehlt sogar der Don Quichotte. Und zu leben, ohne einen Don Quichotte in der Nähe, kann ich mir nicht vorstellen.“

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