Zu Besuch bei Katharina Hacker - Bücher sind zum Leben da

Eine Bibliothek im engen Sinne hat Katharina Hacker nicht. In der Altbauwohnung der Buchpreisträgerin stapelt sich Literatur, wo man geht und steht.

(picture alliance)

Die ersten Spuren finden sich schon im Flur. Auf einer Kommode liegt Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“. Im Berliner Zimmer gibt es eine schmale Bücherwand, kleinere Stapel lagern auf Tischen, neben Sesseln, auf dem Fensterbrett und auf dem Boden. Ein Lyrikregal steht nebenan. Wie ein Bandwurm zieht sich die Bibliothek von Katharina Hacker durch ihre Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg, bis in ihr Arbeitszimmer am hintersten Ende – ein abgeschiedener Raum mit zwei Fenstern zum Hof, Holzdielen, einem Schreibtisch und einer Schlafgelegenheit, ein Stück entfernt von den Kinderzimmern der beiden Töchter.

Hacker setzt sich auf eine kleine Trittleiter vor ihre Bibliothek, so als handele es sich um das bequemste Möbel der Welt, und man wundert sich, wie sie mit ihren langen Gliedern darauf Platz findet. „Mit vierzehn habe ich ein Berufspraktikum in einer Buchhandlung gemacht und mir Otfried Höffes ‚Geschichte der Philosophie‘ schenken lassen, als Bezahlung“, erinnert sie sich. „Damals hatte ich diesen Besitzerstolz – mit jedem zusätzlichen Buch glaubte man, ernster genommen zu werden. Aber das ist vorbei. Ich muss keine Bücher mehr besitzen.“ Die erste Probe war der Umzug von Freiburg nach Israel. Hacker, 1967 in Frankfurt am Main geboren, plante eine Promotion in Judaistik und musste entscheiden, welche Bücher sie 1990 nach Jerusalem mitnehmen wollte. „Die Kafka-Gesamtausgabe im Taschenbuch, dann Wittgenstein, Hölderlin. Außerdem hat mir Melusine Huss, die legendäre Frankfurter Buchhändlerin, zum Abschied Kafkas ‚Briefe an Milena‘ geschenkt.“ Sie zieht das Buch aus dem Regal und liest die Widmung vor: „Freundschaft ist ein Knotenstock auf Reisen. Liebe ein Stäbchen zum Spazierengehen. Und doch soll man spazieren gehen.“

In Jerusalem baute ihr israelischer Freund ein Regal aus dicken Wasserrohren. „Es war ein Rahmen, in dem die Bretter an Drahtseilen aufgespannt waren und ganz leicht hin und her schwangen. Sah toll aus. Der Klempner, bei dem wir die Rohre kauften, hielt uns für verrückt.“ Hebräische Autoren kamen hinzu: Yoel Hoffmann, Dan Pagis, Samuel Joseph Agnon. Von einem Besuch in Deutschland brachte Katharina Hacker sogar das Grimm’sche Wörterbuch mit. „Nach der Trennung von jenem Freund – Liebe ist eben ein Stöckchen zum Spazierengehen – habe ich meine Bibliothek zurückgelassen, sogar meine Tagebücher.“ Nur Kafka und Wittgenstein wanderten wieder in den Koffer und blieben eine Weile darin, bis Hacker 1996 ohne Doktorarbeit, aber mit dem Manuskript ihrer Stadterzählung „Tel Aviv“, die im Jahr darauf bei Suhrkamp erschien, nach Deutschland zurückkehrte. Ihre Bücher sollten verschifft werden, als Beiladung in einem Container. Sie kamen nie an. „Vielleicht lagern sie in irgendeinem Hamburger Speicher oder gingen schon in Israel verloren oder wurden nie abgeschickt, ich weiß es nicht.“

Katharina Hacker braucht andere Stimmen, um ihre eigene zu finden. Für „Eine Art Liebe“ (2003), die von Saul Friedländer inspirierte und um die Prozesse des Erinnerns kreisende Geschichte des jüdischen Jungen Moshe und seines Freundes Jean, war Samuel Joseph Agnon entscheidend. Ihre Heldin Alix mit ihrer übermäßigen Hellhörigkeit aus dem Roman „Alix, Anton und die anderen“ (2009) wäre ohne Virginia Woolfs „Tagebücher“ nicht vorstellbar. William Gaddis’ „Die Erlöser“ bildet den Untergrund für das feinnervige Generationenporträt „Die Habenichtse“, das 2006 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. In vielen ihrer Texte steckt etwas von Robert Musils „Drei Frauen“. Qualvoll sterbende Katzen, wie sie bei Hacker mehrfach vorkommen, sind ein Echo auf Musils „Die Portugiesin“ und deren räudiges Tier. Bücher sind für Katharina Hacker auffordernde wie herausfordernde Begleiter.

„Wenn ich zum Regal gehe, ein Buch herausziehen will und es dann nicht finde, stellt sich eine Art Phantomschmerz ein“, sagt sie. „Ich bin oft verunsichert: Gehört es zu den verlorenen Büchern? Oder habe ich es verliehen? Die ganze Markierung, über die man sonst selbstverständlich verfügt, ist weg.“ So fehlten eines Tages die deutschen Ausgaben von William Gaddis’ „Agape“ und Julio Cortázars „Cronopien und Famen“. „Unvorstellbar, diese Bücher nicht zu besitzen.“

In Jerusalem konnte Hacker immer eine Freundin besuchen, von der jetzt eine Fotografie auf dem Fensterbrett hinter ihrem Schreibtisch steht: die Psychoanalytikerin, Kinderbuchautorin und Publizistin Anna Maria Jokl – eine Wiener Jüdin, die vor den Nazis nach England floh, nach Deutschland zurückkehrte, bis Mitte der sechziger Jahre in Berlin praktizierte und schließlich nach Israel ging. „Immer wenn ich das Gefühl hatte, ich müsste irgendein Buch unbedingt lesen, besaß sie es. Was eigentlich unvorstellbar ist, denn ihre Bibliothek war wegen ihres bewegten Lebens ganz klein. Damals habe ich gemerkt, dass die innere und die äußere Größe einer Bibliothek nicht kongruent sind.“ Jokl, Verfasserin beeindruckender Fallstudien, empfahl ihr bestimmte Lektüren. Thomas Bernhards „Der Keller“ gehörte dazu. „Es gibt Freundschaften, in denen man gemeinsam liest. Ich habe Anna Maria Jokl viele Bücher geliehen, die kamen dann voller Spuren zurück, mit Kaffeeflecken oder Knicken. Mir macht das nichts. Bücher dürfen mit ins Bett, man soll reinschreiben, Eselsohren machen – das habe ich mir von Frau Jokl abgeschaut –, da dürfen Kinder drübertollen. Bücher sind zum Leben da.“

Die Fachbibliothek ihres Mannes, der in Philosophie habilitierte und jetzt an einem Gymnasium unterrichtet, wurde längst in eine Arbeitswohnung ausgelagert. Auf den Regalen hinter ihr drängeln sich Musikgeschichte, Judaika, Philosophie und Gedächtniskunst, daneben Literatur, internationale und deutsche. Theodor Fontane oder Max Frisch, etliche Kollegen wie Thomas Hettche, Norbert Gstrein oder Ulrich Peltzer. Ihr Verhältnis zu Büchern sei weniger privat als früher, jetzt beziehe sie andere mit ein. „Eine Zeit lang waren Bücher für mich wie eine Außenhaut, eine Stütze zur Selbstdarstellung. Mein Gott, war ich stolz. Ich freue mich, wenn ich mich an diese Art von Stolz erinnere. Aber das ist heute anders. Und das ist auch gut. Es hat etwas mit Lebensabschnitten zu tun, mit Lebenszeit. Irgendwann entkleidet man sich gewisser Sachen.“

Von solchen Lebensabschnitten handeln auch Hackers jüngste Geschichten: Lebensläufe werden ausgelotet und auf ihre Tauglichkeit geprüft, man gesteht Unerreichtes ein. Dabei brechen Lücken zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Milieus auf, kommen Verrohung und Gewalt ins Spiel. In „Die Erdbeeren von Antons Mutter“, nach der Trennung von Suhrkamp Hackers erstes Buch beim S.Fischer-Verlag, nimmt sie die Fäden aus „Alix, Anton und die anderen“ wieder auf. Der Arzt Anton hat eine neue Freundin mit einer beunruhigenden Vergangenheit, gleichzeitig verlieren seine alten Eltern durch Demenz den Bezug zur Welt. Wieder fällt einem Musil ein, und zwar der erste Satz aus seinem Roman „Drei Frauen“: „Es gibt im Leben eine Zeit, wo es sich auffallend verlangsamt, als zögerte es weiterzugehen oder wollte seine Richtung ändern. Es mag sein, dass einem in dieser Zeit leichter ein Unglück zustößt.“

Auf dem Schreibtisch liegt „The Essential Talmud“ von Adin Steinsaltz. Die akademischen Entwicklungen in ihrem ehemaligen Studienfach will sie nach wie vor nicht verpassen, ohnehin hat Katharina Hacker eine Leidenschaft für Theorie. Wie funktionieren Wahrnehmung und Erinnerung? Um diese Frage drehen sich letztlich auch ihre Bücher. Um Gewohnheiten aufzubrechen, schrieb sie „Alix, Anton und die anderen“ in zwei Spalten. Neben dem Haupttext stand auf derselben Seite ein zweiter Text. Das unkonventionelle Verfahren provozierte überraschend harsche Reaktionen unter Literaturkritikern. Hacker ist das gleichgültig. Sie interessiert sich viel zu sehr für die Sache an sich, für das Erzählen von Welt in der Gegenwart. Wir gehen noch eine Weile an den Bücherregalen entlang. Dann treten wir nach draußen, auf die Straße. Und sind mitten im Leben, am Fluchtpunkt von Katharina Hackers Büchern.

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