Genozid-Doku - „Als wollte er Dämonen auskotzen”

Der Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer ließ indonesische Massenmörder ihre Taten nachspielen. Sein Film „The Act of Killing” ist jetzt auf der Berlinale zu sehen

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Carlos Arango de Montis

Autoreninfo

Christophe Braun hat Philosophie in Mainz und St Andrews studiert.

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Infolge eines gescheiterten Putschversuchs entfachte der Vizechef des indonesischen Militärs im Oktober 1965 eine Serie von Massakern an Mitgliedern und Sympathisanten der Kommunistischen Partei Indonesiens. Bis zu eine Million Menschen wurden bis Ende 1966 von Militärs und paramilitärischen Einheiten ermordet. Dieser Genozid ist nie aufgearbeitet worden. Bis heute leben die Täter unbescholten neben den Angehörigen ihrer Opfer. In „The Act of Killing” lässt Joshua Oppenheimer sie ihre Verbrechen nachspielen. Dabei ließ er ihnen freie Hand bei der Inszenierung. Häufig bedienten sie sich ihrer Lieblingsgenres: Gangsterfilm, Melodram und Musikvideo.

Joshua Oppenheimer (Foto: J. Oppenheimer)Herr Oppenheimer, wie kamen Sie auf die Idee, die Massaker von 1965/66 von den Tätern nachspielen zu lassen?
Ich wollte einen Film über diesen Genozid drehen. Dazu habe ich zunächst Überlebende aufgesucht. Aber die hatten Angst, offen zu sprechen. Sie sagten mir, ich müsse mit den Tätern reden. Das tat ich. Jeder einzelne hat sich seiner Taten gerühmt. Und jedes Mal fragte ich mich: Wie wollen diese Menschen gesehen werden? Und wie sehen sie sich selbst? Indem ich sie bat, ihre Taten zu inszenieren, suchte ich nach Antworten auf diese Fragen.

Im Zentrum des Films steht Anwar Congo. Der mittlerweile über Siebzigjährige hat hunderte, möglicherweise mehr als tausend Menschen eigenhändig getötet. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten ist Congo ein freundlicher älterer Herr, der gerne angelt und viel Zeit mit seinen Enkeln verbringt. Anfang der Sechzigerjahre war er ein “Kino-Gangster”, ein Kleinkrimineller, der auf dem Schwarzmarkt Kinokarten verkaufte. Er wurde auf der Straße rekrutiert und fürs Töten bezahlt. Anwar sagt, er habe sich von Hollywoodfilmen fürs Töten inspirieren lassen.

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Ist es Ihnen schwergefallen, während des Drehs die Ruhe zu bewahren?
Nein. Für mich sind diese Männer nicht in erster Linie Massenmörder, sondern Menschen. Aber natürlich musste ich mich zusammennehmen. Während der Dreharbeiten konnte ich nicht zeigen, wie verstörend das alles für mich war. Denken Sie an die Szene am Anfang, auf dem Hausdach.

Anwar steht auf dem Dach eines Hauses, vor einer Wand. Dutzende hat er dort gefoltert und getötet. Am Anfang, erzählt er, habe er sie erstochen oder totgeprügelt. Aber das Blut und der Gestank seien unerträglich gewesen. Deshalb habe er begonnen, seine Opfer mit einem Drahtseil zu erdrosseln. Das habe er sich bei amerikanischen Gangsterfilmen abgeschaut. Für die Kamera spielt Anwar mit seinem Begleiter eine Hinrichtung nach. Als er die Drahtschlinge um den Hals seines Opfers zuzieht, streckt der Mann die Zunge heraus und röchelt theatralisch. Wenige Augenblicke später, das Gespräch hat sich anderen Dingen zugewendet, legt Anwar ein kleines Tänzchen hin. Sein Begleiter lacht. „Ein fröhlicher Mann!”, ruft er.

Ich konnte ihm nicht sagen: Das ist schrecklich, wie konntest Du so etwas tun? Richtig schwierig wurde es aber erst später, als Anwar begann, sich intensiver mit seinen Taten auseinanderzusetzen.

Seite 2: „Ich habe mich schmutzig gefühlt”

Anwar betont immer wieder, wie wichtig ihm das Kino ist.
Ja, er hat im Kino viel gelernt; mehr als nur das Erdrosseln mit dem Drahtseil. Er erzählt, dass er manchmal in bester Stimmung aus einem Elvis-Presley-Streifen kam und dann über die Straße ging und Menschen folterte und tötete, fröhlich, noch in der Stimmung des Films. Das Kino hat ihn gelehrt, in Rollen zu schlüpfen. Wenn Anwar tötete, dann spielte er eine Rolle.

Warum, meinen Sie, hat Anwar sich auf den Filmdreh eingelassen?
Ich glaube, dass er von seinen Erinnerungen verfolgt wird. Vielleicht hatte er die Hoffnung, dass er sich von seinen Taten distanzieren könnte, wenn er sie nachspielte.

Im Laufe der Dreharbeiten verändert sich Anwars Sicht der Dinge. Eine Szene, in der er ein Opfer spielt, das erdrosselt wird, muss abgebrochen werden. In der letzten gefilmten Szene, nach jahrelangem Filmen, bricht er zusammen. Minutenlang schütteln Krämpfe den Körper des alten Mannes, er würgt und keucht.

Ist es ihm gelungen, sich von seinen Taten zu distanzieren?
Nein. Im Gegenteil. Er hat damals, in den Sechzigern, beim Töten eine Rolle gespielt. Und jetzt, während der Dreharbeiten, spielte er wieder. Es war, als würden die hunderten Morde, die er begangen hat, wieder real. Als mir das klar wurde, habe ich mich schmutzig gefühlt. Es war sehr schwierig, diese Szenen zu drehen. Aber auf eine merkwürdige und schmerzhafte Art sind wir einander dabei auch nähergekommen.

Seite 3: „Am Ende war Anwar ein gebrochener Mann”

Woher wussten Sie, dass Anwar Ihnen nichts vorspielte?
Natürlich spielte Anwar auch vor meiner Kamera eine Rolle. Aber das bedeutet nicht, dass seine Krämpfe am Ende des Films nicht echt sind. Zu diesem Zeitpunkt hatte er längst gelernt, mit der Kamera umzugehen. Sie machte ihn nicht mehr nervös, so wie sie mich oder Sie nervös machen würde: Für ihn war die Präsenz der Kamera eine Einladung, sich zu öffnen. Ohne die Kamera hätte er das womöglich gar nicht gekonnt.

Wie meinen Sie das?
Wir beurteilen Dokumentarfilme häufig folgendermaßen: Entweder der Gefilmte ist sich seines Gefilmt-Werdens nicht bewusst, und dann ist es authentisch, oder er ist sich seines Gefilmt-Werdens bewusst, und dann ist es nicht authentisch. Ich glaube nicht an diese Unterscheidung. Ich glaube, dass etwas sehr Authentisches entstehen kann, wenn ich als Regisseur eine Gelegenheit, einen Moment, schaffe.

Sie machen einen Dokumentarfilm, indem sie Wirklichkeit inszenieren?
Sie müssen sich klarmachen, dass wir auch in einem herkömmlichen Dokumentarfilm immer eine Realität erschaffen. Stellen Sie sich vor, ich würde Sie heute mit einer Crew begleiten, wir würden Ihren Alltag filmen. Das wichtigste Ereignis des Tages wäre für Sie dann nicht mehr dieses oder jenes Interview, sondern die Tatsache, dass Ihnen permanent eine Filmcrew folgt. Wenn ich als Filmemacher mit Ihnen arbeite, dann erschaffen wir gemeinsam eine Realität, in der ich – scheinbar – nicht vorkomme. Sobald wir also unsere Kamera auf etwas richten, erschaffen wir eine spezielle Realität. Das ist unvermeidbar. Warum sollten wir dann nicht einen Schritt weitergehen und eine Realität erschaffen, die zu den Fragen, die wir untersuchen wollen, passt?

Manche Gruppen in Indonesien feiern Anwar und die übrigen Täter noch heute als Volkshelden, die das Land von den Kommunisten befreit haben. Das gilt vor allem für Pancalisa Youth, eine paramilitärische Jugendorganisation, die aus den Killerbanden von 1965/66 hervorgegangen ist. Im Film zeigt Oppenheimer Treffen der Organisation, der mehrere indonesische Minister angehören. Immer wieder erklären die Anführer von Pancalisa Youth, sie seien jederzeit wieder bereit, die Kommunisten zu vertreiben.

Hatten Sie die Befürchtung, die Täter könnten Ihren Film als Plattform zur Selbstdarstellung missbrauchen?
Nein. Natürlich war mir klar, dass ich ihnen in dem Film eine Plattform bot. Aber auf dieser Plattform würden wir ein Regime zeigen, das auf einem Berg von Leichen gebaut worden war. Wir würden eine ganze Normalität zeigen, die auf Terror gründet. Deshalb hatte ich keine Angst, dass sie den Film missbrauchen könnten.

Hat Anwar sich während der Dreharbeiten verändert?
Ja. Anwar ist heute ein anderer Mensch als zu dem Zeitpunkt, als ich ihn kennenlernte. Ich glaube zwar nicht, dass er das Rückgrat hat, jederzeit zu sagen: Was ich damals getan habe, war falsch. Das kann er nicht tun, und wir sollten es nicht von ihm erwarten. Er kann nicht morgens aufstehen und in den Spiegel schauen und sagen: Ja, ich habe hunderte Menschen getötet und das Leben tausender Menschen zerstört, und im Bewusstsein dieser Taten lebe ich weiter. Aber denken Sie an die letzte Szene, auf dem Dach: Sein Körper protestiert, er würgt, er hat Krämpfe. Es ist, als wollte er seine Dämonen auskotzen. Am Ende der Dreharbeiten war Anwar ein gebrochener, verfolgter, geisterhafter Mann. Etwas in ihm akzeptiert nicht mehr, was er getan hat. Er mag einer Verurteilung entgangen sein, aber nicht der Strafe.

Seite 4: „Nicht alle Reaktionen sind positiv”

Der Film ist in Indonesien gezeigt worden. Wie waren die Reaktionen?
Der Film wurde bislang 265mal in Indonesien gezeigt, in 91 Städten. Die Reaktionen waren das Beste, was mir und der Crew seit Langem wiederfahren ist. Wir haben eine gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Endlich spricht man über die Massaker. Aber nicht alle Reaktionen sind positiv. Die paramilitärische Nachfolgeorganisation der Killerbanden, Pancalisa Youth, spielt im Film eine prominente Rolle. Diese Leute sind stolz auf die Massaker. Nachdem der Film in Kanada gezeigt worden war, titelte eine indonesische Zeitung: Die Welt verurteilt Pancalisa Youth. Diese Schlagzeile hat ausgereicht, damit ein Mob von 500 Menschen zum Zeitungsgebäude kam und einen Journalisten zusammenschlug. Ein indonesischer General hat erklärt, man habe ein wachsames Auge auf die „neuen Kommunisten“. Als man ihn fragte, wer die „neuen Kommunisten“ seien, sagte er, das seien die Menschen, die diese subversiven Filme anschauten. Damit meinte er „The Act of Killing“.

Bleiben aus diesem Grund so viele Mitglieder des Drehteams anonym?
Ja. Wenn das die Konsequenzen sind dafür, dass Journalisten über uns schreiben oder Menschen sich unseren Film einfach nur anschauen – mit welchen Konsequenzen müssten dann die Crewmitglieder rechnen? Es ist eine Schande, dass sie sich nicht zu ihrer großartigen Arbeit bekennen dürfen. Aber sie wären unmittelbar bedroht, wenn sie es täten.

Hat Anwar den Film gesehen?
Anfangs wollte er ihn nicht sehen. Aber dann wurde der Film sehr schnell sehr bekannt, und er wollte ihn doch sehen, also zeigte ich ihn ihm. Es hat ihn erschüttert. Er sagt, er werde weiter zu dem Film stehen. Er sagt sogar, dass er froh sei, dass wir einen so ehrlichen Film gemacht haben.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zum Thema des Films?
Meine Großeltern kamen aus Deutschland; sie sind in den Dreißigern geflohen, kurz, bevor es zu spät war. Die Frage, wie wir Völkermorde zukünftig verhindern können, hat mich darum früh beschäftigt. Es passiert ja immer wieder. Denken Sie an Ruanda, Kambodscha, das frühere Jugoslawien.

Seite 5: „Die Mörder sind Menschen. Das ist der Schrecken”

Was haben Sie herausgefunden?
In der Auseinandersetzung versetzen wir uns immer in die Position der Opfer, nie in die der Täter. Die größte Herausforderung ist wahrscheinlich, zu akzeptieren, dass die Täter keine Monster sind, sondern Menschen wie Sie und ich. Hitler war kein Monster; wahrscheinlich war er nicht einmal psychotisch. Er war ein Mensch. Und das ist entsetzlich. Ich weiß nicht, ob Sie oder ich für Macht oder Geld imstande wären, eintausend Menschen zu töten. Anwar war dazu imstande. Dazu hat man ihm, sozusagen auf dem Silbertablett, Propaganda geliefert, die ihm das Weiterleben ermöglichte, eine Art Anästhetikum. Ich hoffe, dass Sie oder ich zu so etwas nicht imstande wären. Aber wir sind in einer gnadenvollen Situation: Wir werden es niemals herausfinden müssen.

Eine verstörende Szene gegen Ende des Films zeigt Anwar im Garten mit seinen Enkelkindern. Anwar füttert die Enten. Eines der Küken lahmt, weil ein Kind es zu hart angefasst hat. „Entschuldige Dich bei der Ente“, sagt Anwar, „sag, dass es dir leid tut!“ Der kleine Junge tätschelt den Kopf des Vogels und entschuldigt sich.

Die Mörder sind Menschen. Das ist der eigentliche Schrecken. Aber diese Erkenntnis birgt auch Hoffnung. Denn immer wieder, an den unglaublichsten Stellen, blitzen Anzeichen universaler ethischer Gebote auf.

Herr Oppenheimer, ich danke Ihnen für das Gespräch.

„The Act of Killing“ läuft im Panorama-Programm der Berlinale.

Das Gespräch führte Christophe Braun.

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