Debatte - „Man sollte mit der Verteidigung der Freiheit nicht warten, bis es keine mehr gibt“

Die Journalisten Stefan Niggemeier und Harald Martenstein stehen sich gegenüber im Meinungsspektrum. Lange Zeit haben sie sich einen Krieg im Netz geliefert. Dann haben sie sich getroffen

Harald Martenstein
Harald Martenstein gilt als bekanntester deutscher Kolumnist / picture alliance

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Constantin Wißmann leitet Cicero Online.

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Ich lese die Journalisten Stefan Niggemeier und Harald Martenstein gern. Stefan Niggemeier hat mit bildblog ein wichtiges Watchblog geschaffen, also ein Portal, das Medien kritisch prüft. Diese Arbeit führt er auf Übermedien fort. Und Harald Martenstein ist dank seiner Texte in der Zeit und im Tagesspiegel wohl der bekannteste deutsche Kolumnist. Ich bin weder immer der Meinung des einen noch der des anderen. Aber was ich an beiden schätze, ist die Fähigkeit, selbst zu denken und so andere zum Denken anzuregen. Beide haben sich übers Netz eine Zeit lang einen kleinen Krieg geliefert. Nun haben sie sich getroffen, um einfach mal miteinander zu reden. Es ist keine nette Plauderei, da wird geknurrt und manchmal auch gebellt. Aber am Anfang und am Ende geben sich beide gefühlt die Hand. Schön, dass so was geht im aufgeregten Deutschland dieser Tage. 

Mit unseren „Fundstücken“ wollen wir in loser Folge auf außergewöhnliche Standpunkte aus dem Netz und anderswo hinweisen. 

Christa Wallau | Mi, 11. Juli 2018 - 16:57

Die Position von Harald Martenstein wäre auch die meinige, wenn ich als Kolumnistin arbeitete.
Auch ich fühle mich dazu berufen, den
"advocatus diaboli" zu spielen, wenn ich mitbekomme, daß eine bestimmte Geistes- bzw.
Denkhaltung gerade überhand nimmt.
Ich bin - wie er - der Meinung, daß nichts für eine
freiheitliche Demokratie gefährlicher ist als eine
Übersensibilisierung in gewissen Fragen bis hin zur Möglichkeit des allergischen Schocks; denn dies führt zu einer lebensbedrohlichen Unnatürlichkeit.
Menschen sind und bleiben (!) Teil der Natur, und diese erhält sich ihre Vitalität nur durch Bereitschaft u. Fähigkeit zur täglichen Auseinandersetzung bzw. zum Kampf.
Deshalb ist auch der Disput zwischen Rechts und Links im Parlament so wichtig. Kein Volk kann - besonders auch im Hinblick auf die Moral - dauerhaft die Überempfindlichkeit auf die Spitze treiben. Es wird sonst schnell hinweggefegt werden von Leuten, die aus härterem Holz geschnitzt sind, egal woher sie kommen.

Ich meine, es war Rumsfeld, der 2003 den Begriff vom "Alten Europa" prägte und damit Frankreich und Deutschland meinte. Tatsächlich hat eine Übersensibilisierung stattgefunden, die ungesund, weil widernatürlich ist. Vielleicht hat Herr Schäuble auch das gemeint, als er von Degeneration in der ZEIT sprach. Diese von Ihnen angesprochene Überempfindlichkeit könnte uns über kurz oder lang tatsächlich zum schweren Verhängnis werden. Wir brauchen dringend wieder Streitgespräche, so kurzweilige wie dieses allemal.

Liebe Frau Wallau,

...zu Ihrem hervorragenden Kommentar. Dieser konnte nicht besser
durchdacht sein. Nur ein Wort in diesem möchte ich gerne verändern,
nicht "gewissen", sondern in allem. Wer träfe, was "gewissen" ist?
Das kann nur subjektiv beurteilt werden. Wie sehen Sie meine "Weis-
heit"? Ihr Urteil bedeutet mir viel.
Herzliche Grüße von mir,
Brigitte Simon

Grundsätzlich ist Überempfindlichkeit in a l l e n Belangen schädlich.
Da haben Sie vollkommen recht.

Sie wirkt sich allerdings nicht auf jedem Gebiet gleichermaßen
schlimm aus. Wahrscheinlich ist mir deshalb der Ausdruck
"gewisse Fragen" in den Sinn gekommen.
Ich dachte dabei speziell an die hypermoralische Einstellung vieler Menschen in der Migrantenfrage, die in unseren Tagen jede vernünftige Diskussion unmöglich macht und sich damit zur extremen Staats- und Gesellschaftsbedrohung auswächst.

Danke für Ihre freundliche Rückmeldung und herzliche Grüße an Sie
Ihre
Christa Wallau

Stefan Zotnik | Do, 12. Juli 2018 - 07:32

für dieses Fundstück!

Eine wirklich tolle Rubrik!

Gisela Fimiani | Do, 12. Juli 2018 - 12:50

Das Gespräch ist exemplarisch für das derzeitige intellektuelle Dilemma. Diktion und Geisteshatung der Beiden offenbaren, einerseits, den sich moralisch überhebenden Paternalisten, der, humorfrei und verbissen, seine autoritäre Ideologie mittels Unterstellung und eingebildeter Unfehlbarkeit verteidigt. Man bedient sich gern der Verleumdung, um aburteilen und brandmarken zu können. Derartige Selbstgefälligkeit fürchtet,andererseits,den unabhängigen, kritischen Geist, er wird ihm zur Bedrohung. Das Kantsche „sapere aude“ , sowie dessen Verteidigung der Freiheit des Menschen als Prinzip eines Gemeinwesens, überfordert den Rechtgläubigen. Denkschwäche, Arroganz, Besserwissertum, moralische Eitelkeit bedienen sich zwangsläufig nicht des Argumentes, sondern der Diffamierung. Seine Unabhängikeit und Authentizität machen Martenstein lesenswert, interessant, anregend und sehr unterhaltsam.

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