Sahra Wagenknecht - „Ich bin nicht die geborene Netzwerkerin“

Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht über die Sammlungsbewegung „Aufstehen“, ihre Wandlung von einer räumenden Kommunistin zur kühlen Realpolitikerin, über Migration, Heimat und einen möglichen Einsatz der Bundeswehr im Syrienkrieg

Sahra Wagenknecht im Profil vor einer weißen Wand
„Heimat ist kein rechter Begriff. Menschen möchten in einem Umfeld leben, wo sie sich geborgen fühlen” / Barbara Dietl

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Christoph Wöhrle ist freier Journalist und lebt in Hamburg.

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In nahezu jedem Porträt über Sahra Wagenknecht steht etwas über ihre streng nach hinten frisierten Haare. Über ihre zur Schau gestellte, züchtige, ja fein inszenierte Strenge. Tatsächlich hat sie etwas von einer Gouvernante, wenn man ihr in ihrem Büro gegenübersitzt. Der Händedruck ist beherzt, ihre dunklen Pupillen funkeln angriffslustig, und ihre Körpersprache sagt: Ich habe die Kontrolle. Allerdings vermeidet sie möglichst direkten Augenkontakt im Gespräch, und lockerer Smalltalk fällt ihr eher schwer. Aber gastfreundlich, das ist sie. Nachdem sie ihren Besuchern selbst das angebotene Wasser in die Gläser gegossen hat, bittet sie um die erste Frage.

Frau Wagenknecht, ist aus „Aufstehen“ schon ein „Hinsetzen“ geworden?
Es haben sich bisher 140 000 Menschen bei uns angemeldet. Weit mehr, als wir erwartet hatten. Das ist ein großartiger Start.

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Joachim Wittenbecher | Fr, 28. September 2018 - 12:23

… legt den Finger in die Wunde der bisherigen drei "linken" Parteien: Sie hat verstanden, dass diese bei den Themen Migration, Heimat und Identität neben dem Gleis fahren, sich verrannt haben. Die SPD verliert massivst Stimmen bei ihrer natürlichen Klientel, den Arbeitnehmern. Auf diese Weise wird eine Mehrheit links der (völlig entkernten) CDU illusorisch. Das Projekt "Aufstehen" hat auch mit 140 000 Änhängern innerhalb weniger Tage einen großen Zuspruch erhalten - CDU und SPD haben auch nur jeweils ca. 400 000 Mitglieder. Es mangelt nicht am Zuspruch, die Frage ist, ob die Organisationsform - keine Partei, also keine Teilnahme an Wahlen - richtig ist. Offensichtlich sollen SPD und Linke durch Druck von außen zur Kurskorrektur auch in der Migration gezwungen werden. Ob dies ohne Wahlerfolge gelingt, ist zweifelhaft. Für das linke Spektrum hielte ich eine Fusion von SPD und Linken mittelfristig die beste Lösung, bei Korrektur in der Migrationsfrage und Distanzierung von den Grünen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 29. September 2018 - 11:03

In reply to by Joachim Wittenbecher

Sie zählen die Parteien der Bundesrepublik ja auf, die decken im Groben ab, was ansteht.
Sie sind aber gehalten, politische Arbeit zu einem parlamentarischen Erfolg/Ergebnis zu bringen.
Das ist eine Heidenarbeit und bedeutet einen starken Druck zu konformem Verhalten, bzw. überhaupt den von Festlegungen.
Diese Arbeit muss eine Bewegung nicht leisten, es sei denn sie steht mit auf einer Liste.
Im Vorfeld parlamentarischer Arbeit aber gibt es unzählige nicht Eingebundene, die dennoch gesellschaftspolitisch etwas zu sagen haben.
Frau Wagenknecht mag eine Theoretikerin der Praxis sein, sie ist aber evtl. Theoretikerin, eine Vordenkerin, Organisatorin.
Wenn sie sich dem ganz widmen könnte, wäre für ganz Deutschland sehr viel bewahrt und hinzugewonnen im Sinne einer Stabilisierung der Zivilgesellschaft in der Ausrichtung auf Politik.
Dann mag es Wahlempfehlungen geben oder irgendwann auch Listenplätze und ganz viel gesellschaftspolitische Debatten.
Das macht Spass!

Dr. Roland Mock | So, 30. September 2018 - 15:25

In reply to by Joachim Wittenbecher

@ Herrn Wittenbecher: Ich halte dauerhafte Wahlergebnisse von weniger als 40% für die versammelte Linke für die beste Lösung. Wie diese Stimmen sich dann auf die drei linken Parteien, meinetwegen auch die Wagenknecht- Bewegung, verteilen, ist mir schnurzpiepe.

Herbert Geiger | Fr, 28. September 2018 - 12:49

Frau Wagenknecht ist (für mich) die einzige (?) Persönlichkeit in dem ganzen Zirkus. (Ich orte mich als Konservativer, der niemals 'Die Linken' wählen würde.

Christa Wallau | Fr, 28. September 2018 - 13:17

Wenn sie etwas perfekt kann, dann ist es: Sich
selber gut "verkaufen"!
Ihre Gestalt, ihr Stil, ihre geschliffene freie Rede, ihr offensichtliches Engagement - das alles kommt bei vielen unserer Mitbürger (vor allem auch bei Männern, wie ich feststellen konnte) gut an.
Mit ihren Themen (Geißelung sozialer Ungerechtigkeit und brutaler Kriege) rennt sie zudem bei fast allen Menschen offene Türen ein.
ABER: Niemals hört man von ihr ein schlüssiges Konzept, mit dem sie dem allem begegnen will.
Die einzige Maßnahme, die sie gebetsmühlenartig nennt, ist die UMVERTEILUNG (Reichen-Abschöpfung zugunsten der Ärmeren).
Dabei zeigt sich gerade in Venezuela exemplarisch, was bei einer radikalen Verteilungspolitik herauskommt!
Auch Wagenknecht ist nicht die Realistin, als die sie sich gibt. Sie hat nur klug erkannt, daß mit "Noch-mehr-Armutsmigranten-ins-Land-Holen" kein Blumentopf mehr bei der linken Wählerklientel gewinnen ist. Deshalb gibt sie sich hier jetzt konzilianter als ihre Genossen.

Rezepte ausstellen ist nicht einfach, das weiss jeder westliche Regierungschef, denn die Realität verändert sich nicht, wenn die Regierung wechselt - das vergisst der Wähler; die Probleme bleiben, wie, nur ein kleines Beispiel, der Druck der Finanzmärkte oder des internationalen Kontextes. Aber Wagenknecht bringt frischen Wind und Farbe in die graue politische Landschaft Deutschlands. Schliesslich weiss jeder, dass sich in diesem Land etwas verändern muss - mit Merkel ist nicht zu machen, die will business as usual.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 28. September 2018 - 13:19

da sie m.E. zu sehr "stelzte", aber es war doch eher ihr Ringen um klare Gedanken, der Respekt, den sie politischen Theorien entgegenbrachte.
Sie hat etwas sehr Feines, hoffentlich nicht zu sehr Verletzliches.
Eine kluge und sehr schöne Frau.
Entsprechend viele erwarten viel von ihr.
Sie hat auch ein Recht auf sich selbst.
In diesem Sinne, in kritischer Anteilnahme, GUTES GELINGEN
Whatever it takes, wherever it takes You, may it be worthwhile.
Freundlichst

gabriele bondzio | Fr, 28. September 2018 - 14:01

Ich halte Wagenknecht für eine kluge Frau. Und unterstütze viele ihre Aussagen. So zum Beispiel die zur Wirtschaft.Auch die zum gefallenen Realeinkommen. Die Einnahmenseite hat sich bei vielen kaum bewegt, dafür aber die Ausgabenseite drastisch (Miete, Nebenkosten, Gebühren usw.) Auch bei dem Thema „Heimat“ stimme ich ihr weitestgehend zu. Meine „Heimat“ ist eingefangen in einem Gedicht „Stufen“(Hesse). Es sind viele Orte, wo ich Geborgenheit, Freundschaft, Miteinander erlebt habe. Die Familie ist eine wichtige Komponente. Leider werden viele auf Arbeitssuche zerrissen. Eng verknüpft mit dem Thema Pflege.Stimmig finde ich auch die von ihr benannte Heuchelei, die Kriegseinsätze nach sich ziehen. Mein Sicherheitsgefühl hat durch die „Einwanderung“ (jung, männlich, überheblich-frech) jedoch gelitten. Ich kenne das nicht von deutschen Jugendlichen, selbst wenn sie in Rudel auftreten.Hier kommt zur Sprachbarriere eine ganz andere „Frechheit“. Asyl ja, aber die Massen- Einwanderung nein.

ulrich fedler | Fr, 28. September 2018 - 17:42

die von s.w.aktivierte linke sammlungsbewegung hat ein problem, dass die von der linken propagierten wertvorstellungen anders gedachten wertevorstellungen nicht konkretisiert worden sind. wie z.bsp.das migrationsproblem,wie über zu schließende grenzen gedacht wird usw. hinzu kommt bei dieser neuen bewegung, dass leute aus der spd und den grünen mitmachen, was mich sehr bedenklich stimmt.

Dimitri Gales | Fr, 28. September 2018 - 19:44

viel Erfolg, Glück und Courage (die wird sie brauchen), obwohl ich mit der Linkspartei und überhaupt mit "den Linken" nichts zu tun habe - ich bin wohl einer der letzten Mohikaner des eher konservativen, sogenannten "Bildungsbürgertums".

Alexander Mazurek | Sa, 29. September 2018 - 01:37

… optisch tolle und scheinbar wirklich kluge Frau, denk ich mir. Wie damals -wegen der Schönheit- die Klum, auf hebräisch Nichts (כלום). Interessant. Alle Sympathieträger tragen aber immer ihr unsichtbares Gift in sich. Wenn Frau Wagenknecht zur AfD wechseln würde, das wäre ein echtes Signal, gar Fanal, ein echter Aufbruch. Die alten gottlosen -linken- und -neoliberalen- Propheten wurden ja durch die Geschichte überführt. Undenkbar?

Klaus Funke | Sa, 29. September 2018 - 15:35

Schade, Sahra, aber das wird wohl nix mit der Sammlungsbewegung. Wie sagte man Karl Marx und seinem Marxismus witzig nach: War halt so ´ne Idee von mir! Es wird nicht anders gehen - gründe eine Partei! In Abwandlung von Brecht, könnte man sagen: Was ist die Zerstörung einer Partei gegen die Gründung einer Partei!