Twitter - Das Medium infantiler Narzissten

Twitter ist kein normales soziales Netzwerk. Das Hashtag ist der perfekte rhetorische Trigger, um Menschen zu emotionalisieren und anzuklagen. Doch jetzt offenbart ein Studie, wer die Twitterer vor allem sind: Narzissten, Hysteriker und Journalisten. Von Alexander Grau

Ein Twitter-Aufsteller steht am 08.05.2014 während der Konferenz "re:publica 14" in der Ausstellungshalle "Station Berlin" in Berlin.
/ picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Das Elend begann am 21. März 2006 um 12:50 Ortszeit. Da versendete Jack Dorsey, Mitarbeiter der Firma Odeo, die erste Kurznachricht der Geschichte. Sie lautete: „Just setting up my twttr“. Kurze Zeit später öffnete Odeo seine Kommunikationsplattform für alle Interessierten. Der Erfolg war überwältigend. Gut ein Jahr nach dem ersten Tweet wurde Twitter als eigenständiges Unternehmen aus Odeo ausgegliedert. Und nur ein paar Monate später, im August 2007, installierte man eine der verhängnisvollsten Neuerungen menschlicher Kommunikation: das Hashtag. Ab dem Moment mutierte Twitter. Von einer harmlosen Plattform für den Informationsaustausch zum zentralen Agitationswerkzeug aller Beleidigten, Erzürnten und Empörten.

Denn die Verschlagwortung von Kurztexten mittels Hashtag ist das ideale rhetorische Mittel, um Menschen zu emotionalisieren, um anzuklagen, vorzuführen und zu denunzieren. Das Hashtag fungiert dabei als Kondensator, der Gefühle und Ressentiments mobilisiert und konzentriert. Die folgenden 280 Zeichen dienen lediglich zur Illustration und dazu, die Entrüstung in kurze Parolen zu meißeln.

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Wolfgang Dubbel | Sa, 25. August 2018 - 16:52

aber es heisst: narziss, plural narzisse

Dimitri Gales | Sa, 25. August 2018 - 19:40

ich mache schon allein aus Diskretionsgründen in keinem sozialen Netzwerk wie Facebook oder Twitter mit, zähle somit wohl nicht zu den Narzissten und Hysterikern, Journalist bin ich (glücklicherweise) auch nicht. Aber es stimmt: diese Kommunikationswege ermöglichen Massenbeeinflussung und Lenkung von Meinungen. Es handelt sich hierbei wohl mehr um Abreaktionen frustrierter, wütender Leute, die vielleicht aus einem Ohnmachtsgefühl handeln oder Porbleme mit sich selbst haben..

Auch ich gehöre zur Gruppe der Verweigerer. Nur: warum machen Journalisten da mit? Trump gilt als Twitter-Psychopath. Wer will sich denn damit auf eine Stufe stellen? Journalisten nehmen Platz 6 unter den Psychopathen ein. Wird Zeit, dass die sich mal Gedanken machen - über sich selbst und ihren Job. Die prangern Trump an und sind selbst nicht besser. Priester und Pfarrer sind übrigens auch nicht besser. Es gibt so Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann man nicht begreifen. Irgendwie irre.

Ebenso wie Sie, lieber Herr Gales, bin ich weder bei Facebook noch bei Twitter registriert.
Die mangelnde Reflexion, die mit der Schnelligkeit dieser Art von Kommunikation einhergeht, und die schiere Masse der Postings stoßen mich ab.
Erst nachdenken, dann schreiben - das ist m. E. nach wie vor richtig u. wichtig.
Früher galt ja auch schon der kluge Ratschlag: Erst denken, dann reden!
Inzwischen werden täglich unzählige persönliche Mitteilungen, aber auch Aussagen zu sehr komplexen Themen "ausgespuckt" - spontan u. auf wenige Zeilen reduziert. Der Wortschatz ist reduziert, der Ausdruck vereinfacht. Entsprechend leicht ist es, Twitter-Nachrichten mißzuverstehen bzw. hinterher zu behaupten, sie seien falsch verstanden worden. Der Effekt: Verwirrung, nicht Klarheit.
Meines Erachtens können nur Menschen wie Trump, denen es gar nicht um eindeutige Inhalte, sondern um narzisstische Dauer-Präsenz geht, Freude am Twittern haben. Zu diesem Ergebnis kommt ja auch die oben angeführte Studie.

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 26. August 2018 - 16:35

Ich kann es nicht, will es nicht mehr lernen.
Aber Brieftauben konnte man auch keine Abhandlungen um die Beine wickeln.
Schätze mittlerweile die Zeit, die mir zwischen Äusserung und Reaktion bleibt, meiner oder die der anderen.
Diese räumliche und zeitliche Distanz bleibt doch wohl auch bei Twitter erhalten?
Es kann sich bei diesen Tweets um sogenannte Punktlandungen handeln, aber ich habe die Zeit, damit umzugehen.
Stimmen kann sehr wohl der professionelle Hintergrund.
Geübt in Vertextung, gelingen Tweets sicher eher als Ungeübten.
Es muss sich also nicht um Narzissten handeln.
Die Dynamik der öffentlichen Erregung ergibt sich evtl. eher aus der Vielzahl der Informationen, der schnellen Verbreitung und der Aufmerksamkeit, die man geneigt ist ihnen zu schenken.
Was wirkt und was nicht hat auch entscheidend mit der Sprache zutun, die wer auch immer ebenso spricht und versteht.
Ich bin bei Monatsmagazinen gelandet, Tweets kenne ich nur zitiert und bewertet.
Verpasse ich etwas?