Präsident Biden im Weißen Haus
US-Präsident Joe Biden spricht im Weißen Haus nach dem tödlichen Anschlag in Kabul / dpa

US-Afghanistanpolitik - Erinnerungen an 9/11

Der islamistische Anschlag, bei dem mindestens 72 Menschen, darunter 13 US-Soldaten in Kabul getötet wurden, markiert eine neue Phase der amerikanischen Afghanistanpolitik und ihres Kampfes gegen den Terror. Die Sicherheitslage in allen Staaten des Westens hat sich verschärft. Der politische Islamismus erhält weltweit Auftrieb.

Autoreninfo

Thomas Jäger ist Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Direktoriums des Instituts für Europäische Politik.

So erreichen Sie Thomas Jäger:

Thomas Jäger, Universität zu Köln

Die amerikanischen Dienste hatten die Regierung gewarnt, dass die Evakuierung der amerikanischen Staatsbürger und anderer Menschen aus Kabul ein hohes Sicherheitsrisiko berge. Präsident Biden, der darauf verweisen kann, dass in den vergangenen Tagen mehr als 100.000 Menschen ausgeflogen wurden, blieb auch deshalb bei seiner Entscheidung, die Evakuierungen am Kabuler Flughafen am 31. August definitiv zu beenden. Denn die Taliban hatten bis dahin weitgehendes Stillhalten zugesagt. Nach dem 31. August, den die Taliban als rote Linie bezeichneten, wäre die Sicherheit durch Übergriffe der Taliban selbst wohl nicht mehr gewährleistet gewesen.

Zuvor galt es, Anschläge anderer Gruppen zu verhindern. Dazu arbeiteten die US-Dienste sogar mit den neuen Machthabern zusammen. Es gelang nicht, die Gesamtlage aufzuklären und der Anschlag vom Donnerstag, bei dem mindestens 72 Menschen, darunter 13 US-Soldaten getötet wurden, markiert eine neue Phase der amerikanischen Afghanistanpolitik und ihres Kampfes gegen den Terror.

Impeachment gegen Biden?

In den USA gerät Präsident Biden nun unter noch größeren Druck, die Evakuierungen zu verlängern. Senator Lindsay Graham forderte am Montag schon, dass gegen Präsident Biden ein Impeachment beschlossen werden müsse, wenn auch nur ein US-Bürger in Afghanistan zurückbleibe, der das Land verlassen wolle. Inzwischen wird ein Impeachment auch wegen des Anschlags ins Spiel gebracht. Das wird allerdings zu nichts führen. Es erhöht dennoch den Druck auf den Präsidenten. Der bleibt jedoch bei seiner Entscheidung, den Abzug in argwöhnischer Kooperation mit dem neuen Regime in Afghanistan zu beenden. Nicht weil Biden den Taliban vertraut – er hat deutlich gesagt, dass er ihnen kein Wort glaubt –, sondern weil er deren Interessen so einschätzt.

Die Taliban, so die Rechnung der amerikanischen Regierung, brauchen weiterhin Geld, um sich die Legitimation im Land erkaufen zu können. Anderenfalls könnten die vielen potenziellen Bürgerkriegskonstellationen, die nun beobachtet werden, die politische Lage völlig destabilisieren. Und amerikanische Sanktionen könnten umgehend alle anderen Staaten abhalten, Infrastruktur- und andere Projekte im Land auszuführen. Deshalb und nur deshalb würden sie eine Zeitlang kooperieren.

Erste „Siege“ der Terrorgruppen

Schon jetzt ist erkennbar, dass es den Taliban nicht gelingt, ein Ergebnis der Verhandlungen mit der Administration Trump umzusetzen und Terrorgruppen aus Afghanistan fernzuhalten. Sie sind schon da, wie der der ISIS-K zugerechnete Anschlag vom Donnerstag belegt und werden von dort nicht nur den nahen Feind, die arabischen Regierungen, sondern auch den fernen Feind, den Westen, ins Visier nehmen.

Die Sicherheitslage in allen Staaten des Westens hat sich deshalb gestern verschärft. Denn es kann kein Zweifel bestehen, dass nicht nur die Machtübernahme der Taliban, sondern auch die Tötung so vieler US-Soldaten und afghanischer Kollaborateure (so die Sicht der Terroristen) dem politischen Islamismus weltweit Auftrieb geben. Nach der Niederschlagung des selbsternannten Islamischen Staates und der Ausmerzung des selbsternannten Kalifats sind dies die ersten „Siege“ der Islamisten.

US-Präsident reagiert auf drei Ebenen

Bidens Reaktion erfolgte auf drei Ebenen gleichzeitig: Einerseits gab er der Trauer der Nation eine Stimme, gedachte der Toten mit einer Schweigeminute und rang mehrfach deutlich mit der Fassung. Ihm, der Frau und Sohn verlor, nehmen viele Amerikaner dies als ehrliche Trauer ab. Andererseits verteidigte er seine Entscheidung, denn auch wenn es nun die schwersten Verluste an Menschenleben seit Jahren gegeben hat, wären sie noch höher, so Biden, wenn sich die USA auf einen neu entfachten Krieg mit den Taliban eingelassen hätten. Die Waffenruhe, die den Verhandlungen seit 2018 entsprang, endete in diesem Jahr. Es gab nur die Alternative, in Afghanistan zu kämpfen oder zu gehen, so der Präsident. Der Abzug beendet den Kampf gegen den Terrorismus aber keineswegs.

So kam noch ein kaltblütiger Ton in Bidens Rede hinzu, der sofort an die Reaktion von Präsident Bush nach 9/11 erinnerte: Vergeltung. Die USA werden die Täter jagen, stellen und zur Rechenschaft ziehen, versprach der Präsident. Das werden die amerikanischen Streitkräfte rasch vollziehen sollen, um die Schmach in symbolische Stärke zu wenden. Allerdings nicht mit massivem Einsatz von Soldaten, sondern mit Drohnen, die schon während der Präsidentschaft Obamas intensiver Verwendung fanden. Die Terrorbekämpfung wird Distanzmittel zur Aufklärung und Bekämpfung nutzen.

Argwohn der neuen Machthaber

Für vieles haben die amerikanischen Dienste noch Augen und Ohren, auch wenn sie nicht vor Ort sind. Doch wird dies in Afghanistan den Argwohn der neuen Machthaber gegen diejenigen, die in der Vergangenheit Kontakt zu westlichen Organisationen gleich welcher Art hatten, verstärken. Denn die distanzierte Aufklärung ist nun auf lokale Zusammenarbeit und direkte Auskunft mit angewiesen. Die Mittel, diesen Kampf effektiv zu führen, haben die USA. Sie werden bald demonstrieren, dass sie dies auch umsetzen können.

Das führt zum größten Risiko, das Präsident Biden für seine Präsidentschaft mit dem Abzug der Truppen eingegangen ist. Sollte es einen Terroranschlag in den USA geben, der irgendwie mit dem Abzug aus Afghanistan in Beziehungen gesetzt werden kann, würde dies seine Präsidentschaft definieren. Er wäre der Präsident, der die USA nicht schützen konnte, weil er falsche Entscheidungen traf. Biden selbst kalkuliert anders.

Harte und zielgerichtete Antwort

Dreiviertel der US-Bürger wollen die Truppen schon lange aus Afghanistan abziehen sehen. Dass dies so schmählich geschieht, so hofft Biden, wird in ein paar Monaten vergessen sein. Dann werden – wie schon in den Monaten zuvor – wieder die Sorgen um Pandemie und Arbeitsplätze die öffentliche Debatte bestimmen. Die US-Bürger sollen sich dann – wie in den vergangenen Jahren – vor Terrorismus nicht fürchten. Auch deshalb braucht Biden auf den Anschlag eine rasche, harte und zielgerichtete Antwort.

Rob Schuberth | Fr, 27. August 2021 - 12:20

Ja, dieser Selbstmordanschlag war brutal und erschütternd.
Aber wenn ich nun von Impeachment lese und auch sonst die Hyperventilierung der Medien in diesem Kontext (Rückzug aus AFG) betrachte, dann sage ich:
"Kommt mal wieder runter Leute".

Die Täter kann niemand mehr zur Rechenschaft ziehen, von denen sind nur noch wenige Bestandteile übrige, falls überhaupt.

Und Biden will ja wohl nun nicht wieder dort einrücken um die IS-K zu bekämpfen.

Also mal weg mit dem Schaum vorm Mund und wieder abregen.

Holt die noch verblieben Leute dort raus. Es sind ja wohl meist gut gebildete Leute die wir hier sehr gut gebrauchen können.
Vllt bringen die denen die schon hier sind ja noch Manieren bei.

Wolfgang Jäger | Fr, 27. August 2021 - 12:22

Und in Deutschland ruft man den zweiten Akt der Willkommenskulturphase aus! Alles rein! Unkontrolliert. Jeder, der das nicht will, ist islamophob, ausländerfeindlich oder gleich ein Nazi. Medien und Kirchen machen mit. Realität interessiert nicht.
Merz schleicht wie die Katze um den heißen Brei. Allein die AfD scheut nicht vor klaren Ansagen zurück. Und auch Sebastian Kurz nicht. In Dänemark und GB hat man ebenfalls begriffen, was die Stunde geschlagen hat. Hier hat man Angst vor Kontaktschuld. Bloß nicht in die Nähe der "rechten" Argumente geraten! Die Weihnachtsmärkte können sich schon heute auf mögliche Anschläge vorbereiten. Und die Betroffenheitslyrik sollte jetzt schon vorbereitet werden. Aber wir retten dann eben die Welt und das Klima, wir sind politisch korrekt, kämpfen gegen Diskriminierung, gendern bis zum Umfallen, kämpfen für Vielfalt und Toleranz und hassen den alten weißen Mann. Damit lösen wir die Probleme. Deutschland wird für diesen Weg bitter bezahlen müssen.

Peter Sommerhalder | Fr, 27. August 2021 - 14:47

In reply to by Wolfgang Jäger

so durchgeknallt verhält sich Deutschland.

Es ist mir def. einfach zu hoch.
(wenn ich wenigstens irgendwie nur ansatzmässig verstehen würde, wieso Deutschland sich ohne jeglichen Grund freiwillig abschaffen möchte...)

Ein weiteres Problem: Deutschland bringt mit seinem übertrieben, moralisch
besserwisserischem Verhalten ganz Europa in Gefahr...

Stimmt, Merz ist eine einzige Enttäuschung...

Christoph Kuhlmann | Fr, 27. August 2021 - 12:43

Es ist müßig darüber zu spekulieren ob die amerikanischen Geheimdienste in der Lage sind die Organisatoren des Anschlages zu identifizieren. Ob es ihnen gelingt diese ohne größere Kollateralschäden zu töten. Ich befürchte allerdings weitere Anschläge, wenn es nicht gelingt das Gedränge um den Kabuler Flughafen aufzulösen. Auch bieten die USA zahlreiche Ziele außerhalb der USA. Sie ziehen sic ja nicht nur aus Afghanistan zurück sondern auch aus Teilen Ostafrikas. Somalia zum Beispiel. Es wird also zahlreiche Rückzugsmöglichkeiten für den IS geben unter anderem auch in Ostafrika (Region Mali). Der Drohnenkrieg hat mit seinen unvermeidlichen zivilen Opfern bereits für Kritik in und an den USA geführt. Auch diese Waffe ist ein zweischneidiges Schwert.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 27. August 2021 - 12:46

an 9/11, aber ansonsten gefällt mir der Artikel sehr gut.
Ja, die Amis werden die Täter jagen.
Ich traue ihnen auch zu, erfolgreich zu sein.
Dazu müssen sie nicht unbedingt auf Ortskräfte zurückgreifen, sondern können auf Infiltrierer der jeweiligen Terrorgruppen zurückgreifen, überhaupt Intelligenz, bzw. unvorsichtige Kommunikation analysieren.
Aber sie werden sie persönlich drankriegen.
Vielleicht hilft das, denn bei den Selbstmordattentätern weiss ich nie genau, ob die Terrorgruppen nicht irgendwelche Leute am Wickel haben, die sich selbst opfern, um ihre Familien zu schützen.
Terror hat evtl. etwas "Sadistisches", "Psychopathisches" und "Soziopathisches".
Es ist ganz schwer, dem zu begegnen.
Aber wenn es wer kann, dann die Amis.
Ich traue Joe Biden zu, angemessen mit dieser Situation umzugehen.

Liebe Frau sehr-Irrek, aber Ihr Beitrag erinnert mich an den Morgenkreis in der Waldorfschule. Wer den Sprechstein hat, darf was positives vom Vortag erzählen.
Aber wir sind hier nicht in der Waldorfschule und die Taliban scheren sich - sorry - einen Dreck um Bidens Verbalradikalismus. Raus auf Afghanistan! Und das war´s, Ende der 20jährigen moralischen Belehrungen durch den Westen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 27. August 2021 - 16:47

In reply to by Manfred Bühring

positiv auf Äußerungen dieser Sprechstein-Sprechenden zu reagieren?
Ich sehe Ihre Antwort noch in diesem von mir angedachten achtenden Spektrum.
Es ging bei dem Afghanistan-Einsatz nicht in erster Linie um Moralisieren, sondern um Terrorbekämpfung und Sie glauben im Ernst, dass die Amis dies einstellen werden, wenn man ihre Soldaten in die Lust sprengt, die zudem "nur" noch zum Absichern eines vereinbarten Rückzuges vor Ort waren?
Okay, vielleicht wollten die Terroristen Druck machen und jedem Verweilen der Amis vorsorglich einen Riegel vorschieben.
Es gibt ja durchaus eine Art "Netiquette" des Kampfes.
Wenn das vorsorgliche in die Luft-sprengen Schule macht...ich bin durchaus eher dafür, solche Leute zur Rechenschaft zu ziehen, wenn dafür ein Mindestmass an Regeln verbindlich bleibt oder wieder wird oder muss man sich im Terrorismus einrichten? Sind wir machtlos?
Andererseits könnten die Amis das auch als Kollateralschaden einpreisen, der diesmal sie selbst betrifft.

Armin Latell | Fr, 27. August 2021 - 13:22

an sich, sondern wie er vollzogen wurde, der Dilettantismus, die unglaubliche Planlosigkeit einer Nacht- und Nebelaktion, das offensichtliche nicht in Betracht ziehen der Reaktionen und Folgen, also genau das, was schon immer Eigenschaften in Bezug auf Ziel und Abschluss u.s. amerikanischer Interventionen war und ist, ist der Schuh, den sich die Biden Administration anzuziehen und damit auch die vielen Toten zu verantworten hat.

Juliana Keppelen | Fr, 27. August 2021 - 16:02

In reply to by Armin Latell

genau das ist der Punkt. Sie haben in allem recht.
Auch im Irak sponsert man die korruptesten Eliten und glaubt das ist das Volk. Es brodelt und die wenigsten wollen die US Boys im Land außer der korrupten Elite. Das Parlament hat nach einer Abstimmung den Abzug fremder Truppen gefordert das wurde von den Besatzern natürlich überhört. Wenn ich das noch richtig in Erinnerung haben, meinte Frau AKK das Parlament ist nicht die Regierung und die hätte diese Forderung sich nicht zu eigen gemacht, na dann.
Vielleicht sollte man auch mal bedenken, dass Drohnenmorde von den Angehörigen der toten Familien ebenfalls als Terror der übelsten Sorte empfunden wird und hilflose Wut und Hass erzeugt.

Robert Friedrich | Fr, 27. August 2021 - 15:09

Die Rachefeldzüge nach dem 9/11 haben viele Menschenleben gekostet,immer nach dem Motto Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ist das gerechtfertigt, ihr tötet einen, wir mit unserer technologischen Überlegenheit 100? Ich schäme mich für diese Art der Zivilationsstufe.
Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Länder. Regime Change was für eine unverhohlene kriegslüsterne Politik. Schon in zwei Jahrhunderten, von Korea über Vietnam,von Irak bis Syrien, von Jemen bis nach Afghanistan. Immer die gleichen Akteure. Es hört wohl nie auf?

Karla Vetter | Fr, 27. August 2021 - 20:25

In reply to by Robert Friedrich

Soll sich der Westen dem Terror ergeben? Oder mit Wattebäuschen zurück werfen? Hätte man so gedacht, dann würde heute wohl die NSDAP mit dem x-ten Hitlernachfolger unsere Land beherrschen und die halbe Welt unterjochen. So wie es der Islamismus und Kommunismus immer wieder mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln immer wieder versucht hat.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 27. August 2021 - 15:29

Riecht die Aussage Bidens nach einem neuen Krieg mit anderen Mitteln. Mit Rache hat der Afghanistan Krieg vor 20 Jahren begonnen, bevor man glaubte einen Islamischen Staat nach westlichen Vorstellungen formen zu können. Ich las soeben an anderer Stelle, dass bereits in den USA davon gesprochen wird, die vermeintlichen Drahtzieher mittels Drohnen angreifen zu wollen. Solche Drohnen, die die SPD für die BW ablehnte. Die Taliban haben offenbar trotz aller einzelner schlimmer Übergriffe, gegenüber den Abzugskräften Wort gehalten und jetzt hat ISIS-K zugeschlagen, was selbst die Taliban nicht verhindern konnten/wollten/durften. Werden die Taliban die Macht an ISIS-Kräfte abgeben müssen oder versinkt das Land im totalen Chaos, wo jeder gegen jeden ist und Krieg führt? Egal, wer dort das sagen haben wird, diejenigen, die nach dem Schnupperkurs westlichen Lebens zurück gelassen wurden, werden das Nachsehen haben, während Terroristen und Verbrecher in die EU und damit DE einreisen konnten.