Schwedens Umgang mit der Coronakrise - Die schwedische Anomalie

Überall auf der Welt streiten die Menschen seit Wochen über die Frage, ob der „schwedische Weg“ gegen die Pandemie der bessere ist. Die meisten Schweden sind fest davon überzeugt. Doch die Coronakrise legt offen, wie segregiert die schwedische Gesellschaft ist.

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Leben in der Herde: Nicht alle Menschen in Schweden können die Coronakrise leicht nehmen / Andreas Kudacki

Autoreninfo

Moritz Gathmann leitet das Ressort Berliner Republik bei Cicero. Er studierte Russistik und Geschichte in Berlin und war viele Jahre Korrespondent in Russland

So erreichen Sie Moritz Gathmann:

Eine alte Frau bahnt sich mit dem Rollator ihren Weg über das Kopfsteinpflaster des Stockholmer Ausgehviertels Södermalm, sehr langsam, wartend auf ihren kleinen Hund, der hier und da schnüffelt. Die Frau scheint nicht wahrzunehmen, was um sie herum passiert. Aber ebenso wenig nimmt das Partyvolk die Frau zur Kenntnis.

Es ist nicht wirklich warm an diesem Abend im Mai in Stockholm, aber hier auf dem Medborgarplatsen sitzen Hunderte Menschen an den Tischen der Biergärten, manchmal eng aufeinander, aber mit dem gebotenen Abstand zwischen den einzelnen Gruppen. Die jungen Menschen lärmen, singen, saufen. 

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Karl Kuhn | Fr, 29. Mai 2020 - 11:42

"Kritiker wie Wijngaart werfen Tegnell und seiner Behörde vor, dass eine Auslöschung des Virus, wie es etwa Neuseeland gelungen ist, nie in Betracht gezogen wurde."

Dass man solche Wortmeldungen nicht weiter ernst nimmt, ist vollkommen in Ordnung ... Neuseeland hat also das Virus ausgerottet, indem es sich komplett abgeschottet hat. Und jetzt? Muss man die Abschottung aufrechterhalten, bis ein Impfstoff kommt, falls der kommt, was keineswegs besonders wahrscheinlich ist! Warum kapieren diese Eindämmungs- und Ausrottungsphantasten denn nicht, welch ein hoher Preis das ist? Neuseeland lebt auch wesentlich vom Tourismus sowie der Einwanderung von Talenten. Wie soll das in Zukunft gehen, wenn dort Covid19 verboten ist, und möglicherweise bald auch eine Reihe von Grippeviren - hat man Politiker erst mal in die Rolle der Seuchenbekämpfer gedrängt, werden denen die Ideen so schnell nicht ausgehen.

Was denken Sie war der Preis, als Armee-LKWs in Italien helfen mussten, Tote abzutransportieren ?

Oder Tote in Massengräbern in New York oder Sao Paulo verscharrt wurden?

Ökonomisch war das sicher günstig.

1. Militärlastwagen wurden nur eingesetzt, weil die meisten Bestatter wegen der Angst vor Ansteckung ihren Dienst quittierten und weil die Regierung Kremationen angeordnet hatte, statt wie in Italien üblich, Erdbestattung. Da sind aber deshalb nur ganz wenige kleine Krematorien und so mussten die Särge zB. in Kirchen zwischengelagert werden, da natürlich die Kapazität fehlte. Photos davon wurden dann benutzt um in aller Welt Panik zu schüren.

2. Die Massengräber auf Hart Island in New York existieren schon seit anfangs der HIV Aera und wurden seither schon immer benutzt für Menschen, die praktisch anonym und ohne jegliche Angehörige in dieser Millionenmetropole lebten. Auch das ist also kalter Kaffee, aber halt gut für ein paar Horror-Schlagzeilen der Massenmedien.

Aber Hauptsache man kann das völlig übertriebene Gehabe der meisten Regierungen an den Schweden auslassen.

Markus Michaelis | Fr, 29. Mai 2020 - 12:16

Auf die Gesamtbevölkerung bezogen liegt Schweden glaube ich noch besser als Frankreich, auf die Bioschweden bezogen vielleicht sogar eher bei Deutschland? Es war also nicht nur leichtsinnig, keiner wusste es am Anfang genau (auch jetzt). Insofern sollte man nicht auf Schweden schimpfen, eher interessiert die verschiedenen Erkenntnisse sammeln. Es können alle voneinander lernen.

Was den Unterschied zu den Einwanderern angeht: es könnte nur daran liegen, dass sie die "schlechteren" Jobs machen müssen und sozialer leben, also in größeren Familien, mit mehr engerem sozialem Kontakt - wie im Artikel angedeutet. Oder auch an anderen Dingen.

Egal, was hier speziell das Fazit ist, deutet der Artikel die Frage der unterschiedlichen Kulturkreise an. Da gilt wohl, dass zu lange "Weltoffenheit" als Einbahnstraße aufgefasst wurde, in der die Welt sich "uns" anpasst. Das Momentum liegt aber anders herum und "wir" sollten mehr tun, um uns der Welt anzupassen (die recht bunt ist)?

Sie haben recht, Herr Kuhn. Ich stelle mir dieselben Fragen.
Ist das Virus in Neuseeland wirklich ausgelöscht? Wie lange will Neuseeland isoliert und ohne Außenkontakte bleiben, um das Virus auszusperren? Wann ist das Virus trotz aller Vorsicht wieder zurück? Das sind Fragen, deren Antwort erst die Zeit liefern kann.
Wie wird sich die Welt verändert haben, bis es einen wirksamen, dauerhaften Impfstoff gibt und wie gehen wir mit dem nächsten Virus um? Wer sorgt für unsere Ernährung, wenn wir bei jedem neuen Virus den Lockdown ausrufen oder sorgt dann jeder für sich selbst? Schließlich ist jedes Virus in der Dauerisolation am besten beherrschbar. Ist unsere Gesellschaft dann noch eine Gemeinschaft?
Bekommen wir am Ende eine ehrliche Antwort auf unsere Fragen oder stellt man nur fest, in unserem Land richtig gehandelt zu haben, weil es „alternativlos“ war?

Ich glaube einige Infektionen sind kein Problem, wenn man die unter Kontrolle bekommt. Das gelang leider nur in Asien, im Westen nicht. Jetzt gelingt es auch bei uns, z. B. in Deutschland. Das Problem mit Schweden ist nicht das kein lockdown gemacht wurde, sondern die Altenheime und Krankenhäuser zu wenig geschützt wurden. In Italien und New York hat man sogar Kranke in die Altenheime gelegt, um Betten in Krankenhäusern frei zu bekommen. Völlig falsche Entscheidung, die viele Tote zur Folge hatte. Auch in Schweden hat man in den Altenheim zu wenig getestet, genau wie bei uns. Auch die hohen Verluste beim medizinischen Personal hatte nicht sein müssen, hätte man z. B. mehr Schutzausrüstung dorthin gebracht. Hoffentlich lernen sie etwas daraus.

Lieber Herr Michaelis, ich lese Ihre Texte sehr gerne obwohl sie teilweise etwas widersprüchlich ( mir fällt kein besserer Ausdruck ein) klingen. Auch dieser Kommentar ist etwas kryptisch formuliert - und mir fehlt Ihre Positionierung. Was genau ist für Sie bunter? Und wie oder was sollen wir ändern, damit wir besser an diese "bunte" Welt angepasst sind. Ich bin schon sehr gespannt auf Ihre Antwort. LG

Liebe Frau Basler, die Widersprüchlichkeit, je nachdem, was Sie genau meinen, ist Teil des Inhalts. Was das "Bunte" betrifft ist vielleicht Folgendes die Antwort: ich denke, dass das bürgerliche Deutschland und (schon deutlich verschiedene) Europa eine "Weltoffenheit" im Denken hat, die zu sehr von einer Selbstverständlichkeit der eigenen Weltsicht ausgeht - die in der Welt aber so nicht gegeben ist. Alles passt sich laufend an, Indien verändert sich, China, Afrika, Wir , alle. Aber nicht so, dass auf absehbare Zeit eine gemeinsame Welt- oder Gesellschaftssicht dabei herauskäme. Wir kommen aus Jahrzehnten der westlichen Dominanz (auch Isolation)und haben (als bürgerliche Gesellschaft) glaube ich zu wenig Zugang dazu eine Rolle in einer multipolaren Welt zu finden. Multipolar nicht in Bezug auf Macht, sondern die Vielfalt der Kulturen, Welt- und Gesellschaftsbilder. All die Widersprüche überhaupt wahrzunehmen und dann seinen Platz zu bestimmen ... das sind keine Themen für 1000 Zeichen.

Urban Will | Fr, 29. Mai 2020 - 12:25

Es ist das einzige, welches die Aspekte Freiheit, Grundrechte, aber auch Belastbarkeit und Realitätssinn vereinbart.

Vermutlich arbeiten sie bei uns und anderswo schon an den dummen Ausreden, die sie brauchen werden, wenn – nach Einführung eines Impfstoffes – sich viele nicht werden impfen lassen.

Wie sonst sollte man mit – sagen wir – 10, 20 oder gar 40 Mio Menschen in D umgehen, wenn sie das Impfen ablehnen?

Man muss sie nach heutigen geltenden Prinzipien dann ja vor sich selbst schützen und den lockdown beibehalten.
Oder die Gesellschaft spalten (nicht Geimpfte „kennzeichnen“) – will man aber nicht, wie ich hörte.
Oder eben dann sagen: es ist eure eigene Verantwortung, euch zu schützen.

Das könnte man aber heute schon...

Das Virus ist da, es ist nicht ungefährlich und Menschen werden daran sterben. So wie seit jeher Menschen an Viren sterben.

Die Angstprognosen – siehe Schweden – sind reine Politik.
In vielen Teilen schlicht falsch und unsinnig und reine Stimmungsmache.

Ich bin 72 Jahre alt, mein Mann ist 74 und wir leben in Schweden.
Uns geht es gut!
Wir sind froh hier zu sein!
Infizierte und Todeszahlen sind in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich, wobei Stockholm am stärksten betroffen ist.
Kurios ist z.B. das die Region Schonen im Süden Schwedens weniger Infizierte und Tote als Kopenhagen hat, aber die Kopenhagener nach Schonen fahren dürfen und es auch in Scharen tun um dort einzukaufen, aber die Menschen aus Schonen dürfen nicht nach Kopenhagen bzw. Dänemark fahren weil Dänemark die Ansteckungsgefahr der Schweden fürchtet.
Es gibt auch in Schweden viele Massnahmen, Corona betreffend. Sehr viele sogar - die auch wirtschaftliche Folgen haben -
es gibt nur keinen Zwang und keine Maskenpflicht und die Schüler werden erst ab der 9. Klasse zu Hause unterrichtet.
Alle grösseren Veranstaltungen, Studentenfeiern, Nationaltags- und Mittsommerfeiern wurden abgesagt. Alles was in grösserem Rahmen stattfindet eben.

Leiten Sie diese Zahl von den Demonstrationen in Stuttgart oder Berlin ab?

Sie werden sehen: die Mehrheit der Deutschen wird nicht auf realitätsfremde Impfgegner hören.

Die meisten Menschen werden sich impfen lassen.

Wer sich nicht impfen lässt, muss eben mit den Folgen leben (sofern er überlebt). Er sollte sich auf jeden Fall einverstanden erklären, auf aufwendige, lebensrettende und kostenintensive Maßnahmen im Erkrankungsfall zu verzichten.

lesen Sie meine Beiträge doch bitte genau, bevor Sie loslegen. Sie machen sich doch sonst noch unglaubwürdiger...

Ich habe eine offene Frage gestellt, beginnend bei 10 Mio, endend bei 40.,nichts von irgendetwas abgeleitet.
Ja, vielleicht lassen sich alle impfen, wer weiß.
Ich glaube es nicht, bin aber kein Impfgegner, Verschwörungstheoretiker oder was Sie sonst gleich wieder hier „lesen“ werden...

Und was Sie für diejenigen fordern, die sich nicht impfen lassen, ist in hohem Maße Ausgrenzen und Diffamieren. Sie selbst fordern hier doch klar eine gesellschaftliche Ächtung der Impfgegner.
Was machen Sie, wenn tatsächlich 40 Mio Ungeimpfte herumlaufen? Es gibt gute Gründe, Impfungen abzulehnen. Sind diese Menschen Ihnen dann egal?
Der Politik können sie nicht egal sein, wenn sie nicht den letzten Rest Glaubwürdigkeit auch noch verspielen will.
Wie gesagt, auf die Ausreden, bzw. Einfälle bin ich heute schon gespannt.

F.Oldenburg | Fr, 29. Mai 2020 - 12:43

Warum vergleicht der Autor die an/mit Corona Gestorbenen ausgerechnet mit Deutschland? Schweden hat keineswegs höhere sondern niedrigere Sterberaten als Länder wie Italien oder Spanien, die einen rigorosen Lockdown gemacht haben. (10 Mio Schweden- 4 Tsd Tote, 60 Mio Italiener - 33 Tsd Tote, 47 Mio Spanier - 27 Tsd Tote).

Gerhard Lenz | Fr, 29. Mai 2020 - 14:58

In reply to by Gast

die schwedischen Todeszahlen mit den skandinavischen Nachbarn, also Dänemark, Norwegen und Finnland zu vergleichen.

Da schneidet Schweden miserabel ab.

Ann-Kathrin Grönhall | Fr, 29. Mai 2020 - 18:11

In reply to by Gast

Sinnvoll wäre es die einzelnen Regionen in Schweden mit den skandinavischen Nachbarn zu vergleichen, dann schneidet Schweden alles andere als miserabel ab.

Zum Beispiel sind die Zahlen der Infizierten und Toten in Südschweden viel niedriger als in der Region Kopenhagen in Dänemark.
Es reisen jetzt übrigens 3x soviel Dänen nach Schweden wie vor der Corona-Krise.
In der Region Schonen (Skåne) findet man in den Shoppingcentren, Kneipen und auf den Golfplätzen oftmals dichtgedrängt viel mehr dänische Besucher als vor Corona.
Die Schweden sehen diese Invasion mit gemischten Gefuehlen.
Am letzten Wochenende gab es lange Staus auf der Öresundbruecke und 2 Stunden Wartezeit an der Grenze fuer rueckreisende Dänen.
Die dänische Bevölkerung scheint sich vor den "ansteckenden" Schweden nicht zu fuerchten.
Umgekehrt bestände eher Anlass dazu.

Kai-Oliver Hügle | Sa, 30. Mai 2020 - 06:44

In reply to by Gast

Ihre Schilderungen und die Schlüsse, die Sie daraus ziehen in allen Ehren, aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Pro eine Million Einwohner verzeichnet Schweden 392 Corona-Tote, neunmal so viel wie Norwegen (44) und siebenmal so viel wie Finnland (55), die sich alle für einen Lockdown entschieden hatten. Auch Deutschland hat mit 100 Verstorbenen pro eine Million Einwohner deutlich weniger Tote zu beklagen, und das trotz einer Bevölkerungsdichte, die fast 10mal so hoch ist wie die in Schweden. Insofern kann ich Ihre Relativierungsversuche ebenso wenig nachvollziehen wie die schwedischen Fahnen bei hiesigen Demonstrationen, zumal auch die Wirtschaft dort ähnlich eingebrochen ist wie hierzulande.

Ernst-Günther Konrad | So, 31. Mai 2020 - 06:50

Sehr sachlicher und unaufgeregter Artikel direkt aus Schweden, garniert mit eigenen Eindrücken. Ob Schweden alles richtig gemacht hat? Sicher genauso wenig, wie alle anderen Staaten der Welt auch. Jeder wurde von der Ausrufung der Pandemie überrascht und hat mal schnell in einzelnen Bereichen und mal zu langsam reagiert. Ist der schwedische Weg richtig? Kann sein, muss nicht sein. Genauso wenig wie die Wege anderer Staaten ohne eine nachhaltige Aufarbeitung beurteilt werden können. Zwei Dinge stören mich generell.
1. Auch in Schweden hat man sich eines "Chefvirologen" Tegnell ergeben, so wie in DE Herrn Prof. Drosten. Eine offene Diskussion zum Thema fand erstmal nicht statt. Nach Widerspruch über den gewähltenWeg in Schweden mit angeblich apokalyptischen Erwartungen, stellten diese sich nicht ein. Gleiches auch in DE. Während in Schweden die Kritiker wenigstens gehört wurden und nicht stigmatisiert in die Ecke gestellt wurden, werden selbst anerkannte Wissenschaftler hier diffamiert.

Ernst-Günther Konrad | So, 31. Mai 2020 - 07:01

2. Ja, die wirtschaftlichen Nachteile in Schweden traten ein. Nur eben aufgrund des Umstandes, das dort zwar produziert und so normal wie möglich versucht wurde, weiter das Leben zu gestalten. Nur schreiben Sie Herr Gathmann, das Schweden stark vom Export lebt. Wenn alle anderen Staaten die Grenzen schließen, gelangen auch keine schwedischen Produkte auf den Markt. Wer nichts verkaufen und liefern kann, wird auch nichts verdienen.
Es ist unverfroren, wenn Menschen aus anderen Ländern glauben das recht zu haben, andere Staaten wegen "ihres" Weges zu kritisieren. Einzig, das betroffene Volk hat das recht. Schon gar nicht ein SPD-Wähler, der Merkel verehrt und SPON-abhängig ist.
Ich hoffe sehr, das auch hier in DE endlich ein sachlicher Diskurs zwischen Prof. Drosten und Prof. Kekule und anderen Wissenschaftlern entsteht. Persönliche Anfeindungen von Medien geschürt sind Gift. Da Sie in Schweden leben Frau Grönhall glaube ich Ihnen jedes Wort. Wenn nicht Sie, wer dann sollte es wissen.