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Lebenszeichen von Kalesnikawa - Die Macht der Frauen

Die verschwundene Oppositionelle Maria Kalesnikawa lebt. Sie soll auf Lukaschenkos Anweisung verschleppt worden sein. Dieser Vorgang ist in Belarus nicht unüblich. Aber diesmal wurden die Regimekritiker unterschätzt – sogar von der älteren Opposition im eigenen Land.

Autoreninfo

Ingo Petz ist freier Journalist und publiziert seit über 20 Jahren zu Belarus.

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Ingo Petz

Als Maria Kalesnikawa am Montagvormittag in Minsk von maskierten Männern in einem Minibus verschleppt wurde, auf dem die Aufschrift „Kommunikation“ zu lesen war, weckte das schauderhafte Erinnerungen an eine Zeit, die viele in Belarus längst verdrängt oder vergessen haben. In den Jahren 1999 und 2000 verschwanden mit dem ehemaligen Leiter der Wahlkommission und Vize-Präsidenten des 1996 entmachteten Parlaments Viktor Gontschar und dem ehemaligen Innenminister Juri Zacharenko zwei äußerst prominente Persönlichkeiten der damaligen Opposition, die sich von Lukaschenko losgesagt hatten.

Dazu verschwanden zwei weitere Personen, andere kamen unter mysteriösen Umständen ums Leben. Mittlerweile weiß man, dass die Verschwundenen mit großer Sicherheit von einem Spezialkommando exekutiert wurden, auch Todesschwadron genannt. Diejenigen, die für die Entführungen und Morde verantwortlich sein sollen, spielen auch heute noch eine bedeutende Rolle in den Strukturen des Regimes: Viktor Shejman gilt als Hardliner, der auch für das exzessive Vorgehen der Polizeieinheiten bei den aktuellen Protesten mitverantwortlich sein soll. Dmitri Pavlichenko war der Leiter der besagten Spezialeinheit. Er wurde damals vorübergehend verhaftet, nach einem Eingreifen Lukaschenkos aber rehabilitiert. Er ist heute Leiter der Spezialeinheit SOBR im Innenministerium. Er trat in den vergangenen Wochen bei verschiedenen Pro-Lukaschenko-Demos auf, wo er den Gegnern des Regimes unverhohlen drohte. 

Ein für Diktatoren typischer Realitätsverlust 

Die Autokratie Lukaschenkos wurde wohl auch von der internationalen Staatenwelt in den vergangenen Jahren zusehends als eher softes Regime wahrgenommen, das zwar hier und da Oppositionelle und Journalisten einsperrt und zuweilen Internetseiten blockiert, aber mit dem man auf realpolitischer Basis reden könne. Auch Medien belächeln den Schnauzbärtigen mit der volkstümlichen und bauernschlauen Attitüde gerne, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint und der sich im eigenen Land gerne als „Volkskümmerer“ und „Landesväterchen“ – auf Belarussisch „batska“ – feiern ließ.

In den vergangenen Wochen dürfte dieser „Schleier der Verharmlosung“ gefallen sein. 450 Fälle von Folter und Misshandlung, die ein aktueller UN-Bericht dokumentiert hat, sprechen eine deutliche Sprache. Auch dürften die verstörenden Bilder von Lukaschenko im Spezialeinheiten-Dress, der mit einer verzierten Kalaschnikow herumfuchtelt, verdeutlicht haben, dass der Langzeitautokrat an dem für Diktatoren typischen Realitätsverlust leidet, was kein hoffnungsvolles Zeichen ist, wenn man noch auf vernunftbegabte Entscheidungen durch den harten Kern des Regimes hofft. 

Grundstock für eine Protestbewegung  

Aufregung, Angst und Verzweiflung waren groß, als es von Kalesnikawa und ihren Stabsmitarbeitern, die ebenfalls verschwunden waren, bis zum späten Montagabend kein Lebenszeichen gab. Man muss wohl in Belarus leben, um zu verstehen, wie gewaltig der Mut und Wille dieser Frau ist. Sowie auch der von Swetlana Tichanowskaja, die bereits auf perfide Art und Weise aus dem Land gedrängt wurde und die sich trotz der extrem hohen psychischen Belastung entschlossen hat, nicht aufzugeben.

Man darf nicht vergessen: Ihr Mann, Sergej Tichanowskij, befindet sich bis heute in den Händen des Regimes. Zusammen mit Veronika Zepkala, der Frau des nach Russland geflohenen Walerij Zepkala, der als Präsidentschaftskandidat antreten wollte, haben sie das geschafft, was keiner oppositionellen Kraft in den vergangenen 15 Jahren gelungen ist: Sie haben den Grundstock für eine unvergleichliche Protestbewegung gelegt, die das Regime tatsächlich ins Wanken bringt.

Von der Opposition beschimpft

Dabei wurden sie von allen unterschätzt: vom Regime selbst, auch von der alten Opposition. Nur ihre Anhänger haben an sie geglaubt. Ein Grund dürfte sein: Die Frauen haben es verstanden, die Menschen emotional abzuholen, indem sie ihnen immer wieder gesagt haben, wie „großartig“ und „stark“ sie seien. Das mag harmlos und naiv klingen. Aber es ist bei denjenigen angekommen, die von Lukaschenko nicht erst seit vorgestern als „Ratten“ und „Schafe“ degradiert werden und die in früheren Jahren auch von der Opposition abfällig als „folgsames Bauernvölkchen“ beschimpft wurden. 

Kalesnikawa, eine professionelle Flötistin und Musikpädagogin, wurde in den vergangenen Wochen nicht nur durch das Regime unter Druck gesetzt, sondern auch von Vertretern der alten parteipolitischen Opposition und ihren Anhängern mit Häme und Hetze überschüttet. Der Vorwurf: Sie und ihr Chef, der Bankier Viktor Babariko, der  immer noch in Haft ist, seien Marionetten des KGB und vom Kreml gekauft. Es ist eine gängige Verschwörungstheorie der alten Opposition, mit der unliebsame Personen diskreditiert werden.

Das Regime ist am Ende 

Zudem wurde den Frauen ihre politische Unerfahrenheit oder der marketinghafte Charakter ihrer Aktionen vorgeworfen, in sozialen Medien wurden sie auch als „Schlangen“ oder sexistisch als „Frauchen“ beschimpft. Alles, was bis dato als Schwächen dieser neuen Opposition abgetan wurde, hat sich als Stärken herausgestellt: die vermeintlich chaotische und dezentrale Organisation, die Unerfahrenheit, die scheinbare Führungsschwäche. Es ist Zeit, dass auch die internationale Staatenwelt und die Zivilgesellschaften der demokratischen Länder die Leistung dieser Frauen und der Belarussen überhaupt anerkennen und unterstützen.

Die Belarussen, die nie wahrgenommen und gehört wurden, machen eindrucksvoll klar, dass sie nicht mehr beherrscht und herumgeschubst werden wollen. Sie wollen ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. Eigentlich ist das Regime Lukaschenko am Ende, auch wenn es sich noch mit gefährlichen und gezielten Repressionen wehrt, wie in den vergangenen Tagen, an denen wieder Journalisten, Künstler und Aktivisten gezielt verhaftet wurden. Terror und Angst sollen die Aufständigen frustrieren und in die Knie zwingen.

Emotionaler und physischer Aufzehrungsgrad 

Man kann anführen, dass von den Führungsmitgliedern des Koordinationsrates nur noch der Jurist Maksim Znak und die Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch in Belarus beziehungsweise in Freiheit verblieben sind. Allerdings sind an diesem Rat Dutzende andere Aktivisten und Experten aus Wirtschaft, Kultur, aus der Politik, aus der Jurisprudenz und aus der Zivilgesellschaft beteiligt, die sich im jahrelangen Überlebenskampf gegen das Regime daran gewöhnt haben, sich schnell anzupassen. 

In dieser komplexen Situation ist es ohnehin schwer vorauszusagen, wie es weitergeht und wann das Regime in den hohen Entscheidungsebenen der Silowiki so weit erodiert, dass der Wandel unausweichlich sein wird. Der emotionale und physische Aufzehrungsgrad dürfte auf beiden Seiten der Fronten jetzt schon extrem hoch sein.

Unterstützung vom „großen russischen Bruder“  

Und dann sind da ja noch Putin und seine Machterhaltungsgelüste. Bis jetzt gab es von dort nur zahlreiche verbale Unterstützungen für Lukaschenko, die nicht viel bedeuten müssen. Es wurden ein paar russische Propaganda-Leute nach Minsk geschickt, die ihre Arbeit eher schlecht als recht verrichten, worüber sich die Belarussen im Internet lustig machen. Es soll eine russische Einsatztruppe für den Fall bereitstehen, dass die „Lage außer Kontrolle“ gerät. Das war es mehr oder weniger an Unterstützung von Seiten des „großen russischen Bruders“.

Die Zurückhaltung und das Zögern könnte man auch so deuten: Die russische Führung ist sich sehr im Unklaren darüber, was sie in dieser sehr vertrackten Situation tun kann, um Belarus im sogenannten russischen „Einflussraum“ zu halten, ohne dabei die Belarussen beziehungsweise die eigene Bevölkerung gegen sich aufzubringen. Denn auch in Russland gab es bereits zahlreiche Solidaritätsbekundungen für den unbekannten Nachbarn.

Ein Lebenszeichen von Maria Kalesnikawa 

Videoblogger und unabhängige Medien berichten auf hohem professionellen Niveau über die Vorgänge in Belarus. Auch in Russland brodelt die Unzufriedenheit mit einem Präsidenten und seinem Clan, der sich lebenslange Macht gesichert hat. Und soll man wirklich einen Präsidenten um jeden Preis unterstützen, der mit kruden Verschwörungstheorien um sich wirft, dessen Land sich fast vollständig gegen ihn erhoben hat und der auch für Russland immer ein unliebsamer Partner war?

Am Dienstagmorgen gab es glücklicherweise ein Lebenszeichen von Maria Kalesnikawa. Es war zu lesen, dass sie ihren Pass zerrissen habe, um ihre erzwungene Ausreise aus ihrer Heimat in die Ukraine zu verhindern. Dann wurde sie festgenommen. In den sozialen Medien posten die Belarussen seitdem Fotos und Bilder von ihr, drücken ihre Solidarität, Unterstützung und ihre hohe Achtung vor dem Mut dieser Frau aus. Eines steht fest: Wegducken werden sich die Belarussen nicht mehr. Wir sollten uns darauf einstellen.

Ernst-Günther Konrad | Di, 8. September 2020 - 17:59

Das ist jetzt erstmal die Hauptsache. Die Belarussen müssen sich da selbst helfen und alles dran setzen, auch die Oppositionsparteien von sich zu überzeugen und so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren.
Belarus kann sich nur selbst helfen, diesen Diktator loszuwerden. Auf gar keinen Fall von außen Einmischung zulassen, egal von wem.
Möglicherweise ist es Putin recht, wenn Lukaschenko dort stürzt.
Ich kann nicht beurteilen, ob die Russen bei dieser Opposition die Fäden zieht. Das wäre erst nach einem hoffentlich weitestgehend unblutigen Umsturz in der Folge zu sehen. Ich wünsche den Bürgern die Kraft und den Mut, eine Wende herbei zu führen. Nur eines, haltet die Rache aus Euren Gedanken, denn ihr braucht auch diejenigen, die unentschlossen, gezwungener Maßen oder aus Überzeugung dem Diktator gefolgt sind. Ihr seid ein kleines Volk. Viel Glück.

Juliana Keppelen | Di, 8. September 2020 - 18:56

In reply to by Ernst-Günther Konrad

"Das ist jetzt mal die Hauptsache".
Kann ihnen nur zustimmen.
Nur für den Wunsch der "Nichteinmischung" ist es schon zu spät.
Das heißt das Geschehen ein wenig kritisch und evtl. auf Distanz zu betrachten.
Zu sehr sind die Anrainerstaaten schon mittendrin im Geschehen und am zündeln. Leider.
Kleine Anmerkung zu der Macht von passenden Bildern und zu den ohne Zweifel schöne Frauen die für ihre Sache kämpfen, waren es nicht Bilder von Kindern die uns vor nicht langer Zeit in die gewünschte Richtung lenken sollten?

Bernhard K. Kopp | Mi, 9. September 2020 - 08:26

In reply to by Ernst-Günther Konrad

Diese erscheint nur als propagandistische, mobilisierende Macht. Kommunikative Influencer. Dahinter ist weder ein staats- noch ein wirtschaftspolitisches Konzept wie man einen anderen Staat organisieren könnte, der den ca. 9.5 Mio. Einwohnern gerecht werden könnte.

Jacqueline Gafner | Mi, 9. September 2020 - 20:53

In reply to by Bernhard K. Kopp

diese "nur propandastische, mobilisierende Macht", Herr Kopp, was Sie zu beunruhigen scheint. Und alles weitere wird sich erweisen und ergeben, wenn die Ära Lukaschenka in Belarus erst einmal Geschichte ist. Das wird womöglich nicht heute oder morgen sein, doch der Zeitpunkt kommt, das ist so gewiss wie das Amen in der Kirche, dessen dürfen auch Sie sich sicher sein.

Tomas Poth | Di, 8. September 2020 - 17:59

Wird man äußere Einmischung bei der Neusortierung der politischen Kräfte in Belarus erleben, wie es in der Ukraine war/ist?
Wenn ja, erleben wir erneut einen Konflikt mit Waffengang auf europäischen Boden. Das ist dann kein Frieden, sondern Verschlimmbesserung oder Verschlechterung der Lebenssituation in Belarus.

Fritz Elvers | Di, 8. September 2020 - 21:27

außenpolitisch sind nicht lernfähig. Der Pavlov'sche Effekt ist schon unüberhörbar.

Die Opposition selbst muss sich jede Einmischung verbitten. Das heißt nicht, dass nicht Bürger die mutigen Menschen in Belarus unerstützen könnten.

Lukaschenko macht sich immer lächerlicher, ähnlich der einst allmächtige Erich Mielke.

Clara Schwarze | Di, 8. September 2020 - 22:08

Ehrlich gesagt glaube ich, dass der Autor sich hier - trotz seiner offenbar großen Belarus-Kenntnis - zu stark an der medialen Inszenierung dieser Revolte aufhängt. Und die ist ja auch sehr gut.
Nur die wirkliche Frage ist ja eher, was in den Unterströmen passiert und die wird auch für den Ausgang weit entscheidender sein.
zB wie einig ist diese Opposition überhaupt wirklich? Was will sie ökonomisch, wie soll sich die Bündnispolitik gestalten? Wie viel politische Substanz hat sie überhaupt? Bisher arbeitet sie mit Bildern, was dahinter steht ist unklar. Wie viel Unterstützung zB hat diese Gender-Kiste in dieser Weltgegend wirklich oder das ist nur fürs Foto?
Dazu kommt ein enormes Explosionspotential durch die Übertragbarkeit auf Russland.
Insofern - man sollte wohl eher sachlich drauf gucken. Auch wenn das irgendwie unsolidarisch klingt.

Juliana Keppelen | Mi, 9. September 2020 - 16:47

das hat nichts mit unsolidarisch zu tun. Überhaupt sollte man es bleiben lassen nur aus dem Bauch heraus solidarisch zu sein. Unsere Erfahrung in den letzten Jahzehnten zeigt doch, dass wir manchmal besser gefahren wären mehr den Verstand zu gebrauchen als die "aus dem Bauch heraus" Solidarität.