Bergkarabach
Ethnische Armenier aus Bergkarabach fliehen aus der Region / dpa

Kaukasus - Wie Russland seine Südflanke sichert

Die Einnahme Bergkarabachs durch Aserbaidschan könnte sich für Russland als großer strategischer Vorteil erweisen. Washington gerät in der Kaukasus-Region jedenfalls ins Hintertreffen. Denn Amerikas neue Verbindung zu Armenien ist jetzt nicht mehr viel wert.

Autoreninfo

George Friedman, 74, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures  und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

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Das Hauptaugenmerk Russlands liegt derzeit auf seiner Westfront, in der Ukraine und den Nachbarländern. Es gibt jedoch noch eine weitere Front, die Russland betrifft: seine Südgrenze, die entlang des und durch das Kaukasusgebirge verläuft. Südlich des Gebirges liegen Armenien, Aserbaidschan und Georgien.

Das Gebirge schützt ein strategisches Gebiet Russlands. Das Gebiet nordwestlich des Gebirges führt zum Asowschen Meer und zur ukrainischen Grenze in der Nähe des Donbas, die in den letzten Jahren stark umkämpft war. Im Nordosten liegen die Wolga und die historische Stadt Stalingrad, die heute Wolgograd heißt. Das Land nördlich der Berge ist flach, und von Astrachan bis zur Krim sind es etwa 885 Kilometer. Ein Angriff auf Russland aus dem Süden hätte entscheidende Auswirkungen auf die Fähigkeit Russlands, den Krieg in der Ukraine zu führen, und könnte auf lange Sicht wichtige Flüsse wie die Wolga und den Don unterbrechen. Daher ist der Schutz des Kaukasus vor dem Eindringen feindlicher Kräfte von entscheidender Bedeutung.

Nordkaukasus für Moskau wichtig

Für Russland ist es zwingend notwendig, in den Nordkaukasus vorzudringen. Er ist fast so wichtig wie die Ukraine. Von Mitte der 1990er bis in die 2000er Jahre lieferten sich Russland und Tschetschenien einen erbitterten Krieg, der zum Aufstieg von Wladimir Putin beitrug. Der Sieg Russlands wiederum trug dazu bei, Putins Denken über Grenzgebiete zu prägen. Russland führte auch einen Krieg mit Georgien, das von den USA militärisch unterstützt wurde.

Vor kurzem hat Aserbaidschan Truppen entsandt, um ein Gebiet zwischen sich und Armenien zu besetzen. Armenien ist relativ arm, während Aserbaidschan reich an Öl ist. Die beiden Länder stehen sich seit ihrer Unabhängigkeit feindselig gegenüber, wobei sich die Spannungen auf Bergkarabach konzentrieren, eine kleine Region mit einer ethnisch-armenischen Bevölkerung, die offiziell zu Aserbaidschan gehört. Die strategischen Interessen sind unklar, aber das politische Thema ist brisant.

In der Vergangenheit hat Russland Armenien unterstützt, selbst wenn es versuchte zu vermitteln. Das hat sich geändert. Die Amerikaner sind in die Region eingedrungen – zunächst durch die Unterstützung Georgiens, dann durch die Aufrechterhaltung einer vorsichtigen Beziehung (auf beiden Seiten) zu Aserbaidschan, aber immer auf Distanz zu Armenien. Vor einigen Jahren wurde jedoch eine neue armenische Regierung gewählt, die sich gegenüber den Russen zurückhaltend verhielt. Im Zuge des Krieges in der Ukraine beschlossen die USA, viel engere Beziehungen zu Armenien aufzunehmen, das die Amerikaner als Gegengewicht zu Aserbaidschan begrüßte. Da Russland jedoch keine Bedrohung mehr darstellte und die Vereinigten Staaten nicht über ausreichende militärische Kräfte in der Region verfügten, besetzte Aserbaidschan Bergkarabach.

Schlechte Karten für die USA

Dies ändert nichts an der Realität vor Ort, deutet aber darauf hin, dass sich eine gewisse Spannung und sogar ein Konflikt abzeichnet. Die Russen verfügen über eine umfangreiche Friedenstruppe in der Region, die sich bisher ruhig verhalten hat, aber möglicherweise gegen Armenien vorgehen oder mit Verstärkung den georgischen Krieg wieder aufleben lassen könnte. Armenien hat kaum eine andere Wahl, als ein Abkommen mit den Russen auszuhandeln – oder sich an die Amerikaner zu wenden. Keine der beiden Möglichkeiten würde das Land beruhigen.

 

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Die Vereinigten Staaten wollen weiterhin einige Kapazitäten in der Region halten, um mit einem Eindringen in den Nordkaukasus zu drohen, was ein gefährliches und unwahrscheinliches Manöver wäre. Die Russen tun die Bereitschaft der Amerikaner, das Gefährliche und Unwahrscheinliche zu riskieren, nicht ab. In der Ukraine tobt ein Krieg, und die USA könnten in den Verhandlungen mit den Russen eine weitere Karte ausspielen. Auf dem Papier ist das eine hervorragende Idee, aber in der Realität ist sie ziemlich unsinnig.

Die Frage ist also, ob Georgien bereit ist, sich im Gegenzug für militärische Hilfe den Vereinigten Staaten anzunähern, und ob Aserbaidschan aus demselben Grund dazu bereit ist. Aber da Aserbaidschan und Russland plötzlich miteinander verbunden zu sein scheinen, wird das nicht passieren. Russland scheint sich den Kaukasus gesichert zu haben. Die USA haben Armenien, was ihnen nicht viel Glaubwürdigkeit verleiht. Deshalb hat Russland seine Südgrenze vorerst abgeriegelt.

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Gerhard Lenz | Do., 28. September 2023 - 09:05

wären Länder wie Georgien, Moldawien und wahrscheinlich auch Armenien längst in EU und vermutlich auch NATO. Dass es nicht soweit kommt, darüber wacht der Aggressor in Moskau, der die kleinen Nachbarstaaten wie eigene Kolonien behandelt, denen er, je nach politischer Situation vor Ort, schon mal mit Panzern droht. Das durch mafiös-korrupte Strukturen heruntergewirtschaftete, gleichwohl bis an die Zähne bewaffnete Russland des Kriegstreibers Putin wirkt alles andere als attraktiv auf potentielle Verbündete. Anstatt auf eine wenigstens marginal vernüftige wirtschaftliche Entwicklung und internationelen Ausgleich zu setzen, spielt der Moskauer Kriegstreiber den Feldherrn, sucht die Nähe zum tyrannischen Mullah-Reich im Iran oder dem nordkoreanischen Familienkommunisten. Selbst zaghafte armenische Kontakte zu den USA, von Annäherung zu reden ist wohl ziemlich übertrieben, weckt das Mißtrauen des Moskauer Kriegstreibers. Und das lässt er jetzt die Armenier spüren.

Albert Schultheis | Do., 28. September 2023 - 09:32

In Berg-Karabach geschieht eine Eroberung durch ein militärisch hochgerüstetes Nachbarland, Aserbaidschan, danach erfolgt die ethnische Säuberung des Landes von seinen Bewohnern - christlichen Armeniern! Aber der Westen, die USA, die deutsche feministische Außen:Politiker:In schweigen dazu!
Der Aggressor ist ja diesmal nicht Russland, sondern es sind unsere Freunde in Aserbaidschan, die uns so großzügig mit Öl und Gas beliefern (nachdem Joe Biden gemeinsam mit Norwegen, Dänemark und Olaf Scholz uns die Peiplein zerstört habe). Und diese werden von unseren türkischen Freunden mit modernsten Waffen aufgerüstet und im Sinne eines pan-türkischen Islamismus aufgehetzt und angestachelt.
Dieser Westen, in USA, der EU und Deutschland ist moralisch wieder einmal am absoluten Nullpunkt der Kelvin-Skala angekommen. Wie zu Zeiten des Vietnamkrieges und des Irak-/Syrienkrieges.
Nur noch tiefste Verachtung und Abscheu vor Joe Biden, Ursula v d Leyen und dem Gespann Scholz/Baerbock.

Ich brauche nichts mehr zu schreiben; denn Sie haben alles gesagt, was zur Politik des "Westens" zu konstatieren ist.
Dessen hochgepriesene "WERTE" heißen: Geld Scheffeln und Macht Ausüben ohne Rücksicht auf Menschenleben und das friedliche Zusammenleben auf Erden.
Den sog. westlichen Demokratien - besonders den USA - stehen "feinere" , d. h. verschleierbare Mittel zur Verfügung, um ihre rücksichtslose Politik durchzusetzen, als Putin und ähnlich offensichtlichen, brutalen Machthabern.
Aber das alles durchschauen die meisten Deutschen nicht - inklusive ihrer absolut unfähigen Politiker, wie sie zur Zeit an der Staatsspitze stehen.

Wie schön, dass MenschInnen von der AfD auf solche "Mittel" nicht hereinfallen.

Seltsam: Kürzlich schrieb die gleiche Foristin noch, die meisten Menschen in DE würden - endlich - nicht länger auf DIE DA OBEN hereinfallen.

Jetzt hat sie wieder das alte Liedchen hervorgekramt: Der dumme Michel durchschaut "es" einfach nicht.

Aber dafür hat er ja die AfD. Die klärt ihn schon auf.

Oder auch nicht...

ja, ja, is klar, der Westen wieder. Die 'Schutzmacht' Armeniens war - seit dem Ende der Sowjetunion (nicht erst seit den letzten bewaffneten Konflikten um Bergkarabach): Russland - als einzige nicht-isl. Großmacht der Region. Putin hat seine Schutzbefohlenen/Verbündeten jetzt schlicht verraten & verkauft. Der Westen hat damit herzlich wenig zu tun & geografisch wie milit. keine Möglichkeit, in der Kaukasus-Region Garantien zu geben o. durchzusetzen & direkte Unterstützung zu leisten. Das wissen Sie auch. Von uns könnte allenfalls 'moralische Unterstützung' kommen. Und die bleibt nun aus, weil Aserbaidschan diesen schändlichen & inhumanen Schlag natürl. genau jetzt ausführt, wo alle mgl. westl. Verbündeten v. Armenien (außer d. USA) aufgr. des russischen Überfalls auf die Ukraine maximal auf Öl & Gas aus Aserbaidschan angewiesen sind. Hätte v. Scholz trotzdem mehr erwartet. Die Frage ist: Wieso gehört Bergkarabach völkerrechtl. zu Aserbaidschan., obw. zu über 90% v Armeniern bewohnt?..

Wer sonst, Herr Bender? Wer sonst trägt die Verantwortung für diese erneute ethnische Säuberung und Völkermord? - Natürlich war Russland die Schutzmacht der Armenier, insbesondere der von Bergkarabach! Aber wer hatte ein intensives geopolitisches Interesse, Russland in einen mörderischen Aufreibungskrieg zu verwickeln, gemeinsam mit dem verbrecherischen Bandera-Putsch-Regime in Kiew? Es war Teil des Kalküls, dass Russland durch ein massives kriegerisches Engagement in der Ukraine seine Rolle als Pate der Armenier würde aufgeben müssen. Die Armenier haben gehofft, dass die USA ihnen gegen die Islam-Faschisten in Aserbeidschan beistehen würden - aber, sorri, die Armenier haben kein Öl und kein Gas. Also uninteressant! Dumm gelaufen für die Armenier! Die USA haben sie fallengelassen! Und dass deutsche durchgeknallte RotGelbGrüne Khmer lieber mit ukrainischen Nazis in den Krieg ziehen (GottBewahre, nicht persönlich!) als mit ressourcenarmen christlichen Armeniern - wundert das noch jemand?

[Ihre] Antwort: Im Prinzip ja, insbes. dann, wenn alle relevanten Entscheidung allein von Putin zu treffen waren. - Egal, ob russische Bomben auf Aleppo, Mordanschläge in Moskau, London & Berlin, Giftanschl. auf Nawalny, Putins Überfall auf d. Ukraine + all die bombardierten Krankenhäuser & Schulen, Butscha & Irpin, wahrscheinl. auch d. Absturz v. Prigoshin: Alles der Westen schuld! Glückwunsch zu Ihrem hermetisch gegen die Realität abgedichteten, ideologischen Weltbild!
Bei Ihnen hieß die selbe Witze-Kategorie "Anfrage an Sender Jeriwan" - sie leitete meist eine absurd-ideologiekonforme Welterklärung ein, die dann humoristisch-doppeldeutig o. mit einer ironischen Pointe endete.
Nun, bis zur absurd-ideologiekonformen Welterklärung sind Sie in Ihrer Antwort gekommen. Es fehlte mir: Witz & Wahrheitsliebe! Niemand im Westen hat ein Interesse, Armeniens Leid zu erhöhen (o. Russland in einen mörderischen Aufreibungskrieg zu verwickeln) Beides war allein Putins Entscheidung, der A. verriet

Christoph Kuhlmann | Do., 28. September 2023 - 09:41

Der Kaukasus war der weiche Bauch der SU. Ich glaube nicht, dass Russland sich irgendetwas gesichert hat. Es ist einfach zu schwach für einen weiteren Konflikt. Die Hegemonie in der Region wird zwischen der Türkei und Russland verhandelt. Die Türkei hat eine Partie gewonnen.

Peter William | Do., 28. September 2023 - 10:45

in die EU aufnehmen zu wollen ist eine strategisch unglaublich dumme Idee. Das Land liegt östlich des schwarzen Meeres und ist nicht einmal in der Nähe einer EU Grenze. Wieder einmal zeigt sich das vdL nichts weiter als eine US Amerikanische Marionette ist.

Thomas S. | Do., 28. September 2023 - 13:09

Armenien ist durch den Dauerkonflikt um Berg-Karabach wirtschaftlich verarmt. Paschinjan wollte wohl die zu alimentierende Republik Arzach als Klotz am Bein loswerden und versucht innenpolitisch die Schuld nun den Russen zuzuschieben, was zum Teil auch gelingt. Wenn die USA sich zum Mündel von Armenien aufschwingen, kann das clever sein, um die Iraner noch stärker in die Mangel zu nehmen. Aber sie werden dann wie in Nordsyrien die Türken gegen sich haben und Erdogans und Alijews Hunger sind noch lange nicht gestillt. Das wird erst dann der Fall sein, wenn Nachitschewan (also über Südarmenien) mit Aserbaidschan verbunden ist. Und selbst das reicht vielleicht nicht.

Am Ende wird Paschinjan nicht nur Berg-Karabach ans Messer geliefert haben, sondern auch halb Armenien. Das kommt davon, wenn man sich mit den Amerikanern, Briten und der OSF einlässt. Selenskyj sollte genau hinschauen.

Jost Bender | Do., 28. September 2023 - 15:34

bin immer wieder überrascht, welchen Grad an Unsachlichkeit die 'Analysen' v GPF & George Friedman aufbieten: Unmittelbar vor dem Ukrainekrieg schrieb GPF was von einem 'Bluff' Putins, ordnete den drohenden Überfall als Pokerspiel ein, betrieb Täter-Opfer-Umkehr, indem Friedman - angesichts der realen Vorgänge schwer nachvollziebar - so irritierend-kontrafaktische Sätze aufschrieb wie: "Die Hauptangriffslinie auf Russland ist die nordeuropäische Tiefebene", er beschrieb den 1. WK nebenbei als "Überfall auf Russland" (was die initialen Kriegshandlungen v. 1914 zieml. auf den Kopf stellt)etc.pp... Nach den ersten Ukrainischen Abwehrerfolgen lobte sich Friedman dafür, dass er eigentlich immer schon alles richtig gewusst habe - und jetzt fantasiert/spekuliert er wieder über mgl. Angriffe auf Russland:
"Ein Angriff auf Russland aus dem Süden hätte..." Is ja schön, dass sich jemand in jede denkbare Paranoia Putins hineinversetzen mag, aber mit pol. Analyse hat das nicht mehr viel zu tun.