Fußball-EM - Amnesia vor, noch ein Tor!

Schon wieder sind zwei Jahre rum: Und schon wieder erzürnt man sich über (nicht-)singende oder über dunkelhäutige und -haarige deutsche Fußballer. Der Ball ist rund, und die Gesellschaft dreht sich im Kreis

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Autoreninfo

Matthias Heitmann ist Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“ (2015) sowie des E-Books „Zeitgeisterjagd SPEZIAL: Essays gegen enges Denken“ (2017). Seit Frühjahr 2018 steht Heitmann zudem mit seinem ersten Soloprogramm „Karla-Ingeborg auf Zeitgeisterjagd“, nur begleitet von einer KI, auf der Bühne. Infos unter www.zeitgeisterjagd.de.

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Matthias Heitmann

„Wer die Hymne nicht mitsingen will, der braucht auch nicht für die Nationalmannschaft spielen.“ So und ähnlich klingt manch aufgebrachter und scheinradikaler Diskussionsbeitrag zur Hymnendebatte. Diese brandet im Zweijahresrhythmus immer dann auf, wenn sportliche Großereignisse wie Fußball-Europa- oder Weltmeisterschaften anstehen, bei denen inbrünstig die eigene Hymne intonierende Sportler anderer Nationen über unsere Mattscheiben flimmern.

Interessant bei der Hymnendebatte ist das Vergessen

 

Das einzig wirklich Interessante an dieser Debatte ist die mit ihr verbundene Amnesie. Denn es scheint, als würde die Erinnerung daran, sich ob dieses Themas schon einmal erregt zu haben, mit der Neuauflage der Thematik sofort von der eigenen Festplatte gelöscht. Dies führt dazu, dass es keine Erinnerungsbremse gibt, die das eigene Erzürnen einhegen könnte. Immer wieder kann so ohne Reibungsverluste der alarmierende Verfall der patriotischen Sitten beklagt und die dringende Notwendigkeit einer Wiederbelebung des Nationalstolzes beschrieben werden. Praktisch wäre eine solche Amnesie für Teetrinker: Beim zweiten Aufguss desselben Beutels sofort vergessen zu haben, wie die erste Tasse geschmeckt hat, taugt zum Geschäftsmodell.

Ein wenig erinnert mich dies an meine eigene Amnesie, die ich in Bezug auf Filme entwickelt habe und die mir im Fernsehalltag unglaubliche Vorteile verschafft. Meine Spielfilm-Amnesie erlaubt es mir, Filme immer wieder zu sehen, da ich Handlungsverläufe und Pointen immer wieder vergesse. Meine Amnesie taugt zwar nicht zum Geschäftsmodell, hat aber einen anderen entscheidenden Vorteil: Sie schont meine Nerven, die sich ansonsten an den kürzer werdenden Abständen zwischen zwei Filmwiederholungen im deutschen Fernsehen reiben müssten. So aber kann ich mit diesem Umstand recht gut leben.

Politische Amnesie

 

Die um sich greifende politische Amnesie ist jedoch alles andere als nervenschonend. Denn da vergangene Ereignisse kaum mehr erinnert werden, fehlt auch immer häufiger die Fähigkeit, aktuelle Entwicklungen in einen historischen Zusammenhang einzuordnen und zu relativieren. Bedauerlicherweise aber lässt sich aus dieser Amnesie durchaus ein politisches Geschäftsmodell entwickeln. Das Schüren von Erregungszuständen kann ungeachtet historischer Parallelen vorangetrieben werden, die Erinnerung als beruhigendes Korrektiv ist sozusagen aus dem Weg geschafft.

Für politische Ambitionen, die auch in anderen Bereichen einen zum Putzzwang neigenden Umgang mit der Geschichte pflegen, ist dieser konstruktive Umgang mit politischer Amnesie sozusagen ein echtes „Heimspiel“. Das Verwischen von Erinnerungen als Beitrag zur Rechtfertigung einer heutigen politischen Ansicht kennen wir aber genauso aus anderen politischen Zusammenhängen. Oder wann haben Sie zuletzt etwas vom Waldsterben gehört? Erinnern Sie sich noch daran, dass man in den 1970er-Jahren Ängste vor einer unmittelbar bevorstehenden Eiszeit schürte? Und wann ist eigentlich der Rinderwahnsinn abgeebbt? Ist eigentlich nach der letzten so erfolgreichen Weltmeisterschaft das Land monatelang im Nationaltaumel ersoffen?

Fußballer und die Hymne: eine grausame Historie

 

In Bezug auf die Hymnendebatte und das so vehement kritisierte Nichtsingen des Deutschlandliedes durch einige (wenige) Spieler reicht ein flüchtiger Blick in die Vergangenheit, um die offensichtliche Haltlosigkeit der Erregung aufzudecken. Deutsche Fußballer haben eine grausame Historie, was das Singen anbelangt. Und damit ist nicht das Singen der Hymne gemeint. In den 1970er und 1980er-Jahren war es Pflicht, dass deutsche Mannschaften vor Weltmeisterschaften einmal bei laufenden Tonbändern in einem Tonstudio aufzulaufen und hörbare Nachweise zu erbringen hatten, dass nicht nur Lippen bewegt, sondern Stimmbänder in Schwingung versetzt wurden.

Welche katastrophalen Folgen das Anhören der so entstandenen Aufnahmen hatte, ist offenbar ebenfalls in Vergessenheit geraten. Eigentlich ist das auch gut so! In der aktuellen Debatte über trällernde Kicker wäre es indes vielleicht heilsam, das eigene Trommelfell kurz einer solchen Belastungshörprobe auszusetzen – eine schöne Auflistung unter dem Titel „Hitparade des Grauens“ findet man in einem Artikel der Augsburger Allgemeinen aus dem Jahr 2009. Wer diesen Selbstversuch unternommen hat, kommt nicht mehr auf die Idee, das hörbare Singen der Nationalhymne als Ausdruck tiefer ernst gemeinter Verbundenheit zu deuten. Vielmehr müsste man hier die Laxheit der Schiedsrichter kritisieren – manch Blutgrätsche ist nichts gegen diese Gesangeseinlagen.

Das Singen der Hymne ist kein Zeichen von Integration

 

Höchstwahrscheinlich war dies den Nationalkickern der damaligen Zeiten auch bewusst. Denn so inbrünstig und hemmungslos sie neben dem Platz sangen, so kollektiv hielten sie die Lippen geschlossen, wenn vor Anpfiff von Länderspielen die Hymne lief. Anschaulich zeigen dies Filmaufnahmen vom WM-Finale 1974 sowie vom EM-Finale von 1980. Das nenne ich Achtung vor der Hymne!

Die heutige Forderung, Khedira und Özil sollten hörbar das Deutschlandlied singen, um damit ein Zeichen für Integration zu setzen, ist dagegen ein Ausdruck der völligen Missachtung – nicht etwa der Hymne, sondern der Intelligenz und des Engagements all derer, die sich auch zwischen Fußballturnieren und ohne nationalen Ethos für Entwicklung und Fortschritt des Gemeinwesens einsetzen.

Siegfried Stein | Mi, 15. Juni 2016 - 17:46

"Das Singen der Hymne ist kein Zeichen von Integration"
Richtig!
Aber was bedeutet dann das demonstrative Nicht-Mitsingen?

Und nein, ich interessiere mich nicht für Fussball, und schaue somit auch keine Spiele. Ihre 'interpretativen Verwurstelungen' bringen mich halt zum Nachdenken.

Tim Ehringer | Mi, 15. Juni 2016 - 17:51

Sie haben Recht. Wir deutschen sind noch nicht ganz perfekt.
Auch nicht perfekt sind muslimische Zuwanderer, von denen 25% der nichtdeutschen und 15% der deutschen Muslime in Deutschland Gewalt gegenüber Ungläubigen befürworten.
Auch nicht perfekt sind Türken in Deutschland, die eine dreimal so hohe Arbeitslosigkeit haben und Deutschen finanziell auf der Tasche liegen.
Auch nicht perfekt ist der Durchschnittsmigrant, der 30% aller kriminellen Handlungen insgesamt und sogar 30% aller Morde begeht.
Auch nicht perfekt sind deutscfremde Kulturen, die gerade die Kinderheirat in Deutschland wieder einführen.
Entschuldigen Sie also, wenn die deutsche Leitkultur, so lange es sie noch gibt, hie und da etwas über die Strenge schlägt.

Michael Bahr | Mi, 15. Juni 2016 - 18:02

Gut, dass es noch Menschen gibt, die diese Zusammenhänge ins Bewusstsein rufen. Zurecht weist der Autor auf die (damals auch ethnisch durchwegs deutschen) Nationalfußballer hin: Beckenbauer, Breitner, Netzer oder etwas später Rummenigge oder Hrubesch waren absolute Hymnenmuffel. Man sah oft Spieler, die demonstrativ Kaugummi kauten, während im Hintergrund irgendein Polizeiblasorchester die Hymne intonierte. Im Vergleich zu diesen Zeiten sind unsere Fußballer heute anscheinend alle zu glühenden Patrioten geworden, so wie da gegenwärtig mitgesungen wird. In Frankreich führt man übrigens eine ähnliche Debatte und auch dort stellte man konsterniert fest, dass z.B. bei der EM 1984 auch nahezu kein Spieler der französischen Mannschaft (Kapitän: Platini) die Marseilleise mitsang.

Das Hymnenthema ist ein schöner Aufhänger für die These des Autors, dass unsere Gesellschaft unter einer Form der geschichtlichen Demenz leidet. Er hat völlig Recht! In den zum Teil elendig quälenden Debatten der letzten Monate zur Flüchtlingskrise wurde so oft ersichtlich, dass nicht nur der gemeine Bürger, der bisweilen das Wort ergriff, sondern in erschreckendem Ausmaße vor allem die die Diskurshoheit beanspruchenden Politiker und Journalisten nicht in der Lage sind, historische Analogien herzustellen und Verknüpfungen zwischen Entwicklungen offenzulegen, die nur wenige Jahre auseinander lagen. Das hat mich sehr erschreckt! Diese heilige Einfalt, die leider allzu oft sich auch in sogenannten "Qualitätsmedien" offen Bahn brach, ließen und lassen mich gelegentlich verzweifeln.
In den Sonntagsreden heißt es immer wieder, dass aus der Geschichte gelernt werden solle. Nur leider geschieht dies nicht - im Gegenteil, wie die Erfahrungen der letzren Monate zeigen.

Marga Graf | Mi, 15. Juni 2016 - 22:05

Nettes Artikelchen, das wohl witzig sein soll. Ich hab schon besser gelacht.
Aber zwei Anmerkungen:
1. " Das kritisierte Nichtsingen des Deutschlandliedes durch "einige" Spieler"...
Nein, es sind immer dieselben, denen es augenscheinlich körperliche Schmerzen bereitet, die Hymne mitzusingen.
2. Es würde mich mal interessieren, warum sich die vom Autor namentlich Genannten so vehement weigern, mitzusingen, insbesonders Özil. ( Khedira hat bei der EM in Frankreich seine Stimme wiedergefunden, da ist der Autor nicht auf der Höhe der Zeit). Man könnte Özil ja mal fragen, aber selbst so einfache Fragen fallen ja der überall grassierenden journalistischen Political Corectness zum Opfer. Vielleicht gibt es ja eine einfache Erklärung, z.B., dass man als Haddschi keine Nationalhymnen singen darf, oder so ähnlich. Ansonsten wird über diesen Artikel auch ganz schnell das Mäntelchen des Vergessens fallen.

Peter Bigalk | Mi, 15. Juni 2016 - 23:30

Die Hochstilisierung der Nationalmannschaft sollte weder zu nationalistischen Zwecken herangezogen werden, noch taugt sie zum Beweis des Funktionierens von Multi-Kulti. Fest steht aber, dass die Identifikation mit der Nationalmannschaft abgenommen hat, weil sich mit dem bunten Haufen (bitte die Bemerkung nicht zu wörtlich nehmen) weniger Menschen identifizieren können.

robert renk | Do, 16. Juni 2016 - 01:41

Ok,wenn die Jungs nicht singen wollen, dann wenigstens mitsummen. Der Özil, ist ein symphatischer Kerl, aber irgendwie nehm ich ihm den frommen Moslem nicht ab. Die Flanke aber war vom Feinsten. Da schwappt gerade eine patriotische Welle durchs Land, da darf man die Hymne schon mal zum Thema machen, wäre einfach eine Geste des Respekts oder der "Dankbarkeit" gegenüber dem Land, dass eine solche Fußball-Karriere möglich machte. Den Boateng würde ich übrigens jederzeit zum Nachbar nehmen, halb Ghana aber wäre mir zuviel !

Matthias Heitmann | Do, 16. Juni 2016 - 12:25

Herr Stein, das Singen der Hymne ist kein Zeichen von Integration. Und das Nichtsingen ist kein Indiz für Desintegration. Ich singe die Hymne nie und halte mich dennoch für "integriert". Das Nichtsingen macht mich auch nicht zu einem Antideutschen. Im Gegenteil, ich bin den hier lebenden Menschen positiv zugetan. Zur Integration bedarf es ein wenig mehr als solche symbolhaften Aktionen. Wer Integration am Hymnensingen festmacht, trivialisiert sie - und macht sie zu einer lächlichen und dann auch vernachlässigbaren Übung, mit der Nationalromantiker zufrieden gestellt werden können, mehr aber auch nicht.

Jürgen Dannenberg | Do, 16. Juni 2016 - 15:33

Scheinradikaler? Was ist das denn? Vielleicht so wie - "ohne nationalen Ethos für Entwicklung und Fortschritt des Gemeinwesens einsetzen".
Amen, oder wie naiv darf man sein.

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