Wirtschaftslage der Türkei - "Eine paranoide Stimmung"

Die Türkei verwandelt sich in einen autori­tären Staat, viele Unternehmer fürchten um ihre wirt­schaftliche Zukunft. Aber es gibt Ausnahmen

Türkischer Händler in Istanbul vor einer türkischen Flagge
Noch spürt die Bevölkerung wenig von der wirtschaftlichen Schräglage / picture alliance

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Philipp Mattheis ist Türkeikorrespondent der Wirtschaftswoche.

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Von der Krise ist Baris Yarkadas doppelt betroffen. „Große Firmen kürzen ihren Werbeetat, weil sie eine noch größere Krise kommen sehen“, sagt der elegant gekleidete Unternehmer. Hinzu komme, dass sich viele Konzerne inzwischen nicht mehr trauten, auf Oppositionsmedien Werbung zu schalten. „Es herrscht eine paranoide Stimmung“, sagt er. Der Umsatz seiner News-Webseite Gercek Gündem ist im vergangenen Jahr um 40 Prozent zurückgegangen. Vier seiner elf Mitarbeiter musste er deswegen schon entlassen.

Yarkadas’ Büro liegt in Kadiköy, auf der asiatischen Seite Istanbuls. Der Teil der Metropole gilt als säkulare Hochburg – in den Kneipen sitzen Studenten schon nachmittags vor ihrem Bier, Frauen mit Kopftuch sieht man hier selten. Yarkadas ist Medienunternehmer und zugleich Abgeordneter der größten türkischen Oppositionspartei CHP. Sie beruft sich auf das kemalistische Erbe der Türkei: Laizismus, Säkularismus, Etatismus. 

„Es geht um die säkuläre und laizistische Türkei“

Repressalien spürte der Unterneh­mer schon seit 2014. Kurz darauf flammte der Kurdenkonflikt im Südosten des Landes wieder auf. Richtig problematisch wurde es dann nach dem gescheiterten Coup im vergangenen Juli. Rund 100 Medienunternehmen wurden geschlossen, und mehr als 150 Journalisten sitzen in Haft. „85 Prozent der Medien werden heute von der Regierung kontrolliert. Uns bleiben die restlichen 15 Prozent“, sagt Yarkadas. Trotzdem ist er zuversichtlich. „Es geht bei diesem Referendum nicht mehr um Parteien, es geht um die Republik als solche, um die säkulare und laizistische Türkei.“

Am 16. April sind die Türken dazu aufgerufen, über die Zukunft ihres Landes abzustimmen. Die parlamentarische Demokratie soll in ein Präsidialsystem umgewandelt werden, das dem jetzigen Präsidenten Erdogan quasi auf den Leib geschneidert ist. Stimmt die Mehrheit der Türken für Evet – mit Ja –, kann der Präsident das Parlament entlassen, Minister ernennen und feuern und sechs der 13 obersten Richter berufen. Er wird das Land dann wie in einem fortwährenden Ausnahmezustand regieren können. Die Grenzen zwischen den drei Gewalten verschwimmen.

Wirtschaftlich, glaubt Yarkadas, werde das nichts Gutes bewirken: „Die Unsicherheit im Land wird zunehmen. Internationale Unternehmen werden ihr Geld abziehen.“

Bauboom für Wählerstimmen

Tatsächlich ist die Türkei wie wenig andere Schwellenländer besonders stark von ausländischem Kapital abhängig. Das Leistungsbilanzdefizit liegt bei rund 5 Prozent des BIP. Als die AKP 2002 die Wahlen gewann und ein striktes Reformprogramm unter Anleitung des Internationalen Währungsfonds umsetzte, strömten Investitionen in das Land. Das Geld steckte die Regierung geschickt in öffentlichkeitswirksame Infrastrukturprojekte: Flughäfen, Straßen, Brücken, aber auch Krankenhäuser und Schulen. 

Der Bauboom setzte einen Aufschwung in Gang, der der AKP wiederum Wählerstimmen sicherte: Durchschnittlich um 5 Prozent jährlich wuchs das türkische BIP in dieser Zeit. Die Inflation – 2001 noch bei 70 Prozent – sank auf 8 Prozent. Die Realeinkommen der türkischen Bevölkerung verdreifachten sich. Die Türken bedankten sich an der Urne.

Aber diese goldenen Jahre scheinen ein Ende erreicht zu haben: Nach dem gescheiterten Coup im Juli sackte die Lira um mehr als 30 Prozent nach unten. Das bringt viele Unternehmen unter Druck, deren Schulden in Dollar nominiert sind. Der Tourismus, neben der Baubranche die zweite wichtige Säule der türkischen Wirtschaft, brach ein. Rund 600 000 Menschen finden hier Jobs als Kellner, Putzkräfte und Fremdenführer. Zuerst blieben die Russen aus, nachdem Putin den Abschuss eines Kampfjets mit einem Boykott beantwortet hatte. Die Deutschen kamen nicht mehr wegen der Terroranschläge, die das Land 2016 erschütterten. Insgesamt besuchten 25 Prozent weniger Gäste als im Vorjahr das Land, mehr als sechs Milliarden Euro fehlten der türkischen Wirtschaft. Auch die Direktinvestitionen brachen ein. In der Folge schrumpfte das türkische Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2016 erstmals.

Erdogan leugnet wirtschaftliche Schräglage

Bisher ignorierte Präsident Erdogan entweder die Fakten oder machte dunkle ausländische Mächte dafür verantwortlich, die der Türkei ihren Aufstieg neideten oder ihn verhindern wollten. Als die Ratingagentur Moody’s im vergangenen September türkische Anleihen auf „Junk“-Status senkte, wetterte er gegen die Agentur, sie sei „käuflich“ und ihre Einstufungen politisch motiviert. 

Noch spürt die Bevölkerung wenig von der wirtschaftlichen Schräglage. Im Gegenteil – die meisten Türken schreiben den wirtschaftlichen Erfolg der zurückliegenden Jahre ihrem Präsidenten zu.

Melike Günyüz’ Büro strahlt etwas von der Ruhe, Freundlichkeit und Karg­heit eines Nonnenklosters aus. Bis auf eine Ausnahme sind sämtliche ihrer Mitarbeiter Frauen. Alle tragen sie mit Stolz ihr Kopftuch. Den Kinderbuchverlag, den sie heute leitet, hatte Anfang der achtziger Jahre ihr Vater gegründet. Mittlerweile gibt sie über 150 Kinderbücher im Jahr heraus. Darunter sind Übersetzungen ausländischer Werke. Außerdem verkauft sie die Rechte türkischer Kinderbücher ins Ausland. Der Umsatz des kleinen Verlags liegt bei knapp zehn Millionen Lira im Jahr, 2,5 Millionen Euro. Davon beschäftigt sie 15 festangestellte Mitarbeiter. Von religiöser Durchdringung ihres Programms ist nichts zu merken. „Raupe Nimmersatt“ liegt hier neben türkischen Kinderbuchautoren. Auf die Frage, wer ihr Lieblingsautor sei, sagt Günyüz: „Michael Ende – ‚Momo‘, ‚Die unendliche Geschichte‘ – alles.“

Wegschauen und verklären 

Gerade erst wurde im türkischen Schulunterricht das Thema Evolution abgeschafft. Spricht man sie auf die immer stärkere Durchdringung von Religion und Ideologie in der Gesellschaft an, winkt sie ab und erzählt stattdessen eine andere Geschichte.

„Bis 2005 mussten wir alle unse­re Bücher einer Art Zensurbehörde vorlegen. Dort wurden sie auf ihren Inhalt geprüft. Erst Erdogan hat diese Behörde abgeschafft“, sagt sie. „Heute können wir veröffentlichen, was wir wollen.“

Wirtschaftlich geht es dem kleinen Verlag besser. Denn die AKP-Regierung hat die vielen kleinen Betriebe organisiert, und mit Müsiad ein konservatives Gegengewicht zum säkularen Unternehmerverband Tüsiad geschaffen. „2008 auf der Frankfurter Buchmesse konnten wir mit unseren Titeln gerade einmal einen Tisch füllen“, erzählt Günyüz. „Heute müssen wir lange überlegen, welchen Titel wir wie präsentieren.“ 

Absolutes Vertrauen gegenüber Erdogan

Als sie vergangenes Jahr in der Nacht vom 15. Juli von putschenden Soldaten hörte, ging Günyüz sofort auf die Straße – noch bevor die Moscheen zum Selal, dem traditionellen Gebet, riefen, und die Masse der Demonstranten sich den Soldaten in den Weg stellte. Sie zögerte keine Minute. „Mir war klar: Wenn ich jetzt nichts tue, hat dieses Land keine Zukunft!“ In ihren Augen ist die Türkei ein freieres, demokratischeres Land geworden, seit Erdogan an der Macht ist. Sie findet seine Politik nicht nur gut, sie vertraue ihm – und zwar „absolut!“, wie sie beteuert. Günyüz wird am 16. April mit Ja stimmen. Nicht nur aus ideologischen Gründen – sie erhofft sich von einer Verfassungsänderung auch Erleichterungen für die Privatwirtschaft. „Wir haben zu viel Bürokratie, Entscheidungen brauchen sehr lange und müssen von zu vielen Stellen abgenickt werden“, sagt sie zur Begründung.

Die verhafteten Journalisten, die geschlossenen Zeitungen, das Klima der Angst an den Universitäten? In Günyüz’ Augen handelt es sich eben um Anhänger des Predigers Gülen, um Putschisten. Wenn Menschen das anders sehen, vor allem im Ausland, erwidert sie: Dort scheine die Propaganda der Gülen-Anhänger eben besonders stark und raffiniert zu wirken.

Gegen den Rest der Welt

So wie Günyüz denkt fast die Hälfte der türkischen Bevölkerung. Kritik aus dem Ausland führt zu einem Gefühl des Unverstandenseins, das wiederum Erdogan mit seinem Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Pathos bedient. Beschimpfungen, Nazivorwürfe, Drohungen, den Flüchtlingsdeal platzen zu lassen – mit den Fakten aber hat all das wenig zu tun.

Die Türkei ist wirtschaftlich wesentlich abhängiger von der Europäischen Union und insbesondere von Deutschland, als es sich der Präsident eingestehen will: Knapp die Hälfte der türkischen Exporte gehen in die EU, rund 10 Prozent allein in die Bundesrepublik, was das Land zum wichtigsten Handelspartner für die Türkei macht. Umgekehrt gehen aber nur 1,8 Prozent der deutschen und 4,4 der europäischen Exporte in die Türkei. Das Land rangiert in der Reihenfolge der wichtigsten Handelspartner für Deutschland auf Platz 15. Ein Einbruch der Handelsbeziehungen mit der EU würde der Türkei also empfindlich schaden. Nicht zuletzt deswegen war der als besonnen geltende stellvertretende Premier Mehmet Simsek bei Wolfgang Schäuble, um über eine Vertiefung der Zollunion mit der EU zu sprechen.

6500 deutsche Firmen gibt es in der Türkei – von großen Konzernen wie Bosch und Daimler und bis zu wenig bekannten Mittelständlern und kleinen Familienunternehmen. Einige von ihnen berät der elegante deutsche Geschäftsmann, der lieber anonym bleiben möchte – aber nicht, weil er Angst vor den türkischen Behörden hat. „Ich habe schlechte Erfahrungen mit der deutschen Presse“, sagt er. Immer wieder seien seine Aussagen dazu benutzt worden, ein negatives Türkeibild zu zeichnen. „In Deutschland sind wir besessen von diesem Mann“, sagt er über den türkischen Präsidenten. Die deutschen Linken würden Erdogan nicht mögen, weil er rechtskonservativ und wirtschaftsliberal sei, die Rechten, weil er für das Schreckgespenst eines islamisierten Europas stehe. Hinzu komme, so fährt er fort, die spezielle deutsche Geschichte: „Ein Mann, ein Prolet, der sich als Führer geriert, der poltert und gleichzeitig charismatisch ist – das ist zu viel für die Deutschen.“

Eigentlich stimmen die Voraussetzungen

Während die großen Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen langfristig planen, würden viele Mittelständler zurzeit nicht daran denken, in der Türkei zu investieren. Dabei habe das Land alle Phasen eines wirtschaftlichen Aufstiegs durchlaufen, sagt der Berater aus Deutschland, „und zwar bilderbuchmäßig“. Ende der neunziger Jahre führten wirtschaftliche Reformen und niedrige Löhne dazu, dass aus dem Auswandererland Türkei dank ausländischer Investitionen ein boomender Emerging Market wurde. Die Einkommen stiegen, doch an dieser Stelle droht die berüchtigte Middle-Income-Trap – viele Länder bleiben auf einem mittleren Niveau stecken. Ihnen fehlt die Innovationskraft, um zu den Taktgebern der Weltwirtschaft aufzuschließen. 

Eigentlich hätte die Türkei die besten Voraussetzungen, um jetzt diesen Sprung zu meistern: eine junge Bevölkerung, die motiviert und relativ gut ausgebildet ist; Zugang zu den Märkten Asiens und Afrikas, eine außerordentliche geografische Lage. Nötig dafür ist aber auch ein gesellschaftliches Klima, in dem freies Denken und Kreativität gedeihen können. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: „Ein Mann an der Spitze befiehlt, unten wird – ohne nachzudenken – ausgeführt. An diesem System rüttelt keiner“, sagt der deutsche Berater. „Und das wird in den nächsten Jahren noch weiter zementiert werden.“

 

Cover April 2017Dieser Text stammt aus der Aprilausgabe des Cicero, die Sie in unserem Online-Shop erhalten.  

 

 

 

 

 

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