Immobilienbeben in China - Wie gefährlich ist der Fall Evergrande für die Weltwirtschaft?

Die Schieflage des chinesischen Immobilien-Giganten Evergrande alarmiert auch Analysten aus dem Westen. Vor allem aber wird der Fall als ein Indiz für den ökonomischen Sinkflug der Volksrepublik gesehen. Doch man sollte sich nicht täuschen: Die Regierung geht solche Herausforderungen mit einer Entschlossenheit an, von der wir vielleicht etwas lernen können.

Der Hauptsitz des Immobilienentwicklers Evergrande Group in Shenzhen / dpa

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Michael Schumann ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA).

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Urs Unkauf (Foto privat) ist Leiter Regierungsbeziehungen beim Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA).

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Die Evergrande Group, gemessen am Jahresumsatz das zweitgrößte Immobilienunternehmen in China (2020: 66,9 Milliarden Euro), befindet sich seit einigen Monaten in einer wirtschaftlichen Krisensituation, die von vielen Analysten im Westen als Systemkrise des chinesischen Wirtschafts- und Finanzsystems insgesamt interpretiert wird. Zunächst gilt es jedoch nüchtern festzuhalten: Evergrande ist trotz eines Schuldenvolumens von mittlerweile über 260 Milliarden US-Dollar noch nicht zusammengebrochen. Ob den Immobiliengiganten dieses Schicksal ereilt und damit mehrere 100.000 Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren, die direkt und indirekt von Evergrande abhängen, ist noch ungewiss.

Die Leidtragenden stehen aber jetzt schon fest: Neben den Angestellten trifft es vor allem die über eine Million Kunden aus der aufstrebenden chinesischen Mittelschicht, die für den Kauf beziehungsweise Ankauf von Wohnungen, die teilweise noch nicht einmal im Fundament errichtet worden sind, ihre gesamten Ersparnisse aufgewendet haben. Ähnlich wie manche Akteure der US-amerikanischen Finanzkrise in den 2000er-Jahren hat Evergrande im großen Stil Schuldverschreibungen auch an Kleinanleger ausgegeben, die sehr wahrscheinlich nicht oder nicht vollständig bedient werden können. 

Dem chinesischen Immobilienmarkt steht eine große Belastung bevor. Die Frage nach der Zahlungsfähigkeit des Firmengiganten ist nach wie vor offen, und die Auf- und Abwärtsbewegungen der vergangenen Monate haben die Gläubiger in Stellung gebracht. Die Evergrande-Aktie stürzte zeitweilig auf den niedrigsten Stand seit elf Jahren, was auch die internationalen Finanzmärkte beeinflusste.

Voreiliger Abgesang

Neben der Frage nach der Zukunft des Konzerns, über die sich derzeit trefflich spekulieren lässt, erscheint vor allem die Frage nach der wirtschaftspolitischen Einordnung dieser Vorgänge aus deutscher Sicht interessant. Viele Beiträge zum Thema hatten gemein, dass sie die aktuelle Lage von Evergrande zum Anlass nahmen, einen Abgesang auf das chinesische Wirtschaftswunder anzustimmen und das Ende des chinesischen Wirtschaftsmodells herbeizuschreiben. Man vernimmt diese Stimmen in Deutschland immer wieder, sobald einzelne Teilbereiche innerhalb der chinesischen Wirtschaft in Schieflage geraten.

Bei nüchterner Betrachtung muss das Mantra vom sich angeblich im Sinkflug befindenden chinesischen Drachen jedoch zumindest mit einem Fragezeichen versehen werden. Das chinesische Wirtschafts- und Finanzsystem ist bisher aus allen Krisen des 21. Jahrhunderts stets gestärkt hervorgegangen, was sich auch aus dem chinesischen Umgang mit diesen erklärt. Es bleibt abzuwarten, ob der chinesische Staat – wie westliche Regierungen bei den „systemrelevanten Banken“ während der Finanzkrise von 2008 – mit Blick auf die reine Größe Evergrandes das Unternehmen stützen wird. 

Man kann begründet annehmen, dass dies nicht geschehen wird. Viele Analysten in China bestreiten eine besondere Systemrelevanz von Evergrande. Zweifellos würde ein Zusammenbruch von Evergrande eine ernste Krise für die Immobilienbranche im Land nach sich ziehen, aber ob von ihr eine Gefahr grundsätzlicher systemischer Natur für Chinas Wirtschaftsmodell ausgeht, ist eher unwahrscheinlich. Es gibt andere zentrale Akteure in der chinesischen Immobilienwirtschaft, deren Geschäft weitaus solider aufgebaut ist, sowie strukturelle Mechanismen des intervenierenden Staates, mit denen ein Ausufern der Krise eingehegt werden könnte.

Leerstehende Wohnungen für mehr als 90 Millionen Menschen

Das Mantra vom möglichen Zusammenbruch des chinesischen Wirtschafts- und Finanzsystems durch Evergrande verstellt bei uns den Blick auf grundsätzlichere Fragen, mit denen wir uns eigentlich beschäftigen sollten. Die Probleme von Evergrande sind hausgemacht, aber nicht genuin chinesischer Natur. Vermutlich wird Chinas Staatsführung eine Zerschlagung und Neuaufstellung unter staatlicher Leitung einer finanziellen Rettung des Unternehmens in seiner gegenwärtigen Form vorziehen. Ein solches Vorgehen würde der Agenda von Staatspräsident Xi Jinping entsprechen, der den staatlichen Sektor wieder zum dominierenden Wirtschaftsfaktor zu gestalten bestrebt ist und den Anteil der Privatwirtschaft weitgehend zurückdrängen möchte.

Nach Zahlen von Branchenexperten stehen derzeit in China leerstehende Wohnungen für mehr als 90 Millionen Menschen bereit – das entspricht mehr als der gesamten Bevölkerung Deutschlands. Die eklatanten Fehlentwicklungen in der chinesischen Immobilienwirtschaft sind Auswüchse der vergangenen Jahrzehnte wilden, ungezügelten und unbegrenzten Wachstums.

Damit steht China keineswegs allein da. Auch unsere Gesellschaften sehen sich mit vergleichbaren Herausforderungen konfrontiert. Interessant ist aber, wie China diesen begegnen werden wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Partei- und Staatsführung der Volksrepublik die Zuspitzung um Evergrande zum Anlass nehmen wird, um den gesamten Immobilienmarkt in China neu zu regulieren – ähnlich wie es die chinesische Führung in vielen anderen Bereichen bereits getan hat, in denen das entgrenzte Wachstum der vergangenen Jahrzehnte gravierende wirtschaftliche und soziale Probleme geschaffen hat.

Die neuen ordnungspolitischen Maßnahmen der chinesischen Führung, insbesondere durch die Regulierung von Big Tech und die Zerschlagung von Monopolen chinesischer Internetgiganten zuletzt ins mediale Bewusstsein des Westens getreten, betreffen viele Aspekte der chinesischen Wirtschaft: von privaten Nachhilfeanbietern bis zu privaten Medienkonzernen in der Unterhaltungswirtschaft. All diese zum Teil sehr tiefgreifenden Eingriffe des chinesischen Staates folgen dem Ziel einer Korrektur gesamtgesellschaftlicher Fehlentwicklungen, die auch wir bei uns monieren. Es soll eine „bessere“ Gesellschaft herbeireguliert werden, in der auch der in den Wachstumsjahren geschaffene Wohlstand gerechter verteilt wird.

Zu Lasten vieler Einzelschicksale

Dies wird zugegebenermaßen brachial und zu Lasten vieler Einzelschicksale umgesetzt. Die drastischen Rahmensetzungen ohne nennenswerte Rücksicht auf Partikularinteressen von einzelnen privaten Interessengruppen, derer sich die chinesische Führung hierbei bedient, erscheinen uns im Westen befremdlich. Vieles wurde und wird über den vermeintlichen Wettbewerb zwischen den Wirtschafts- und Gesellschaftsmodellen der westlichen Gesellschaften und Chinas geschrieben. Die tatsächliche Herausforderung hierbei berührt jedoch eine ganz andere Dimension, nämlich die Frage nach den Kapazitäten des Staates zur effizienten Lösung zentraler gesellschaftlicher Herausforderungen.

Immobilienkrisen, Digitalisierungsmonopole, soziale und kulturelle Fehlentwicklungen: Die westlichen Gesellschaften haben alle diese Probleme auch – nicht in den gleichen Größenordnungen und in der gleichen Zuspitzung wie in China, aber in derselben qualitativen Grundkonstellation. Und auch uns dämmert die Einsicht, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Daher lohnt es vielleicht, sich zunächst einmal zurückzunehmen und Chinas Erfahrungen zumindest sehr sorgfältig zu beobachten. Dort werden diese Herausforderungen gerade entschlossen angegangen in einem ordnungspolitischen „Experiment“, von dem wir vielleicht etwas lernen können.

Wie wird die chinesische Führung also mit dem Problem Evergrande umgehen? Wahrscheinlich nicht im Sinne einer „Rettung“ aus der Motivation „too big to fail“, sondern eher in Richtung nachhaltigerer, größerer staatlicher Kontrolle des Immobiliensektors und damit einhergehend mit einer führenden und gestaltenden statt nur verwaltenden Rolle des Staates.

Gesellschaftlicher Umbau

Dieser Prozess verläuft eingegliedert in einen großen gesellschaftlichen Umbau, der sich gegenwärtig in China vollzieht, in dem sich das Land den gefährlichen Entwicklungen seines ungebremsten Wachstums und des ausufernden technologischen Fortschritts der vergangenen Jahre stellt.

Wir sollten also genauer hinschauen und den Blick auf uns selbst richten, anstatt wieder nur mit dem Finger auf China zu zeigen; und wir sollten analysieren, wie wir diese drängenden Fragen im eigenen Land selbst lösen können. Der goldene Weg liegt hierbei wahrscheinlich in der Mitte – der chinesische Weg kann nicht der unsere sein, aber wir brauchen ein schärferes ordnungspolitisches Instrumentarium als das, welches wir momentan bei uns zur Lösung dieser Fragen zur Verfügung haben. 

Vor diesem Hintergrund sind das Agieren der chinesischen Führung in Bezug auf den Fall Evergrande und die Neuordnung des nationalen Immobilienmarktes als die Suche nach einer zukunftsfähigen Antwort auf gesamtgesellschaftliche Fragen einzuordnen, die uns alle betreffen.