Investoren kaufen immer häufiger Arztpraxen auf und nehmen so Einfluss auf die Entscheidungen der dort arbeitenden Ärzte / Karsten Petrat

Gesundheitssystem - Patient oder Rendite

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einem radikalen Umbruch. Mehr und mehr Arztpraxen werden von Investoren aufgekauft. Statt selbstständiger Mediziner übernehmen Medizinketten mit angestellten Ärzten die ambulante Versorgung.

Porträt Susanne Donner

Autoreninfo

Susanne Donner ist freie Journalistin und schreibt zu Themen aus Medizin, Gesellschaft und Ökonomie.

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Vor wenigen Jahren hat der internationale Finanzsektor das deutsche Gesundheitswesen für sich entdeckt. Daraus ist inzwischen ein regelrechter Trend geworden. Denn an lukrativen Anlagemöglichkeiten mangelt es: Die Zinsen sind niedrig, die Inflation ist auf einem Höchststand. Im ambulanten Medizinsektor sind die Gewinne allerdings nach wie vor teils zweistellig. 263,4 Milliarden Euro flossen allein 2021 von den gesetzlichen Krankenkassen. Der Arztberuf gilt wie eh und je als sichere Bank.

Investoren, auch aus dem Ausland, kaufen vor diesem Hintergrund immer mehr Praxen in Deutschland auf. Das stößt auf Kritik. Denn sie beeinflussen dann, was Ärzte diagnostizieren und operieren, so die Befürchtung. Wirtschaftliche Interessen würden die Patientenversorgung bestimmen. Und das, ohne dass kranke Menschen am Türschild vor der Praxis erkennen könnten, ob der Arzt dahinter noch auf eigene Rechnung arbeitet oder Angestellter einer Praxiskette ist.

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Hans Jürgen Wienroth | Mo., 7. November 2022 - 17:39

Diese Entwicklung in unserem Gesundheitswesen ist bedenklich, aber auch Folge der Gesellschaftspolitik. Die Menschen werden durch die Anforderungen der „liberalen, modernen“ Politik, gleichzeitig Beruf und Familie unter einen (viel zu großen Hut) zu bekommen, überfordert. In einer Familie haben alle Eltern Fulltime zu arbeiten, am besten noch Karriere zu machen. Das mag in der Stadt noch funktionieren, auf dem Lande wird es für den Partner einer Ärztin, oft auch gut ausgebildet, schwer, einen geeigneten Job zu finden. Gleichzeitig wollen beide Anteil an der Familie haben. Die Work-Life-Balance lässt sich nicht mit einer 40h (oder deutl. mehr) Woche des Landarztes vereinbaren. Andererseits sind die Praxiskosten wg. teurer Ausstattung kaum noch finanzierbar. Das war früher im Wirtschaftswunder mit dem Partner in der Praxis und einer 60h Woche des Arztes anders.
Heute steht bei den Medizinstudenten die Familie und nicht der Beruf an 1. Stelle. Die Politik fördert das trotz Ärztemangel.

Die Entwicklung geht weiter. Die (alte) niedersächsische Landesregierung hat gerade ein Gesetz verabschiedet, nachdem ca. 30 % der Krankenhäuser wegfallen sollen. Der Rest wird in MVZ (wohnortnah), Grundversorger (bis ca. 50km) und Schwerpunktkrankenhäuser (8 im Flächenland Nds.) aufgeteilt. Da kommt der Ansatz des Gesundheitsministeriums für „Tagesbehandlungen“ mit Übernachtung zu Hause passend. Fahrtkosten übernimmt der Patient, es gibt ja das 49 €-Ticket. Da kann man doch mit frischer OP-Wunde zum Übernachten die paar km (bis ca. 100) nach Hause fahren.
Hier der Link zur Quelle:
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/138648/Erster-Gesetzentwurf-fuer…

Karl-Heinz Weiß | Mo., 7. November 2022 - 18:57

Eine sehr gute Analyse. Es fehlt aber ein Punkt, den mein (bisher selbstständiger Hausarzt) auf den Punkt brachte: "Bisher hatte ich eIne 80-Stunden-Woche, war mein eigener IT-ler, mein eigener Hausmeister und musste spätestens nach 6 Monaten eine(mehr oder weniger motivierte) neue Arzthelferin suchen. Nun habe ich eine geregelte 50-Stunden-Woche und verdiene wie ein Oberarzt."

Heidemarie Heim | Mo., 7. November 2022 - 20:15

Wie bei allen Investments mit vorher wohl kalkulierten Renditeerwartungen bzw. Chancen ist auch hier Vorsicht die Mutter der Porzellan-Kiste! Selbst im Medizin- wie Pflegebereich tätig gewesen, habe ich gerade im Letzteren direkt miterleben können, was sich ändert, wenn z.B. das mit viel Liebe und Engagement durch eine Fachkraft gegründete und eingerichtete Haus mit Wohlfühlfaktor für Bewohner UND Personal an einen Investor geht. Und man plötzlich aus Kostengründen mit z.B. halb so gutem Arbeitsmaterial konfrontiert ist oder über jedes paar Handschuhe Rechenschaft ablegen soll. Und der Küchen-Etat derart heruntergeregelt wird, dass Jedem der Appetit vergeht auf Nachschlag;(. Das gleiche Elend riefen m.E. die sogenannten Fallpauschalen in den Kliniken auf den Plan. Time is money und Apparatemedizin alles. Und die Entscheider all dessen entweder fachfremde Ökonomen oder Politiker, die nie an der Patientenfront;) standen oder nah am Menschen arbeiteten. MfG

Bernhard Homa | Mo., 7. November 2022 - 21:29

Alle die im Artikel genannten Probleme der MVZ sind von Anfang an bekannt gewesen und es hat genügend Warnungen gegeben – die angesichts des massiven ökonomischen Interesses ignoriert wurden. Und natürlich hilft bei der Verschleierung, dass die Zusammenhänge, wie bei Cum-Ex, kompliziert sind.

Die größte Gefahr ist m.E. im Übrigen die Ausrichtung ambulanter MVZ auf Krankenhäuser desselben Investors, quasi als "Zulieferbetrieb" – ein Goldesel mittels lukrativer OPs zulasten der Patienten. Zuallerererst hier müssten derartige Interessenkonflikte per Gesetz ausgeschaltet werden, daneben bräuchte es in der Tat empirische Studien zu Therapieformen und -ergebnissen. Aber wer deutsche "Gesundheitsreformen" kennt, braucht sich da wenig Hoffnung machen ...

Christa Wallau | Di., 8. November 2022 - 07:22

Dieser Begriff sagt alles.

Die staatlichen Eingriffe in das System haben es in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, Gesundheit und die Würde der Menschen dem Profit unterzuordnen, wodurch auch für kriminelles Handeln Tür und Tor geöffnet wurden.

Gerade hat die Politik in der Corona-Lage
wieder bewiesen, wie sehr die Interessen der Pharma-Industrie und aller anderen beteiligten Wirtschaftsunternehmen der körperlichen Unversehrtheit des Einzelnen vorangestellt werden.

Und jedesmal an vorderster Front mit dabei:
Karl Lauterbach - weiterhin als "Gesundheitsminister" aktiv tätig, bis zum heutigen Tage.

So geht das, wenn man den Bock zum Gärtner macht.
Da bleibt einem nur noch die Spucke im Halse stecken.

die Anhebung der Bezüge für Pflegekräfte, die ordentliche Ausstattung öffentlicher Krankenhäuser und Pflegeheime - damit menschenwürdige Zustände endlich überall die Regel werden - sowie die generelle Verbesserung der medizinischen und sozialen Infrastruktur zur höchsten Priorität erklärt!

Nachzulesen z.b. im Parteiprogramm....

Was, da steht gar nichts?

Stimmt ja, die AfD diskutiert lieber darüber, wie man den Erwerb von Waffen erleichtern kann.

Und stellt auf Parteitagen fest, dass die Corona-Pandemie vorbei ist - ausgerechnet zu Zeiten, in denen die Infektionszahlen am höchsten waren. Wer war's? Richtig: Der Obermediziner Bernd Hoecke.

So geht eben "alternative" Gesundheitspolitik!

Möge sie niemals bundesdeutsche Wirklichkeit werden....

Gabriele Bondzio | Di., 8. November 2022 - 08:46

dass ambulante Praxen nicht mehr in erster Linie für Gesundheit sorgen, sondern primär Rendite liefern?"

Diese Gefahr, werte Frau Donner, ist mir schon vor ca. 15 Jahren im Rahmen einer Teilausbildung zur Altenpflege, nahegebracht worden.
Die Dozenten (alle aus der Praxis Medezin/Altenpflege) haben genau das beklagt und vorher gesagt.

Und es ist schleichend, nach und nach eingetroffen.
Die Medizin, ein sensibles, auf der Basis von Vertrauen Arzt-Patient beruhendes Verhältnis, wird nach und nach technisiert, entmenschlicht. Und damit komplett verändert.

"Wer nur um Gewinn kämpft, erntet nichts, wofür es sich lohnt zu leben."
Antoine de Saint-Exupery

Ernst-Günther Konrad | Di., 8. November 2022 - 09:45

Davon versteht Seuchen Karl etwas. Die Zerstörung und Umstrukturierung des Gesundheitswesen. Panik Karl hat schon unter Ulla Schmidt als Staatsekretär wesentlich mit Fallpauschale und weitere Privatisierungen im Gesundheitswesen, der Schließung von Krankenhäusern usw. den Niedergang eingeleitet. Er wird alles daransetzen, seinen Lobbyisten ein bestelltes Feld vorzuweisen. Wenn man die Ärzte mit Kostendruck soweit hat, dass sie sich ihrer Eigenständigkeit selbst berauben und dem System folgten, das ihnen ja alles einfacher machen soll, haben wir alle verloren. Erst sperrt man Menschen des Gesundheitsschutzes wegen weg, drangsaliert sie mit Impfzwang und Quarantäne, zerstört Kinderseelen und läßt die älteren allein sterben und jetzt folgt der nächste Streich. Und das alles angeblich zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes? Das Beste was uns passieren könnte wäre, wenn Panik Karl aus dem Rennen genommen wird. Es gäbe genügend Ansätze das Gesundheitswesen wirklich zu verbessern, so nicht.

Bernhard Marquardt | Di., 8. November 2022 - 14:34

Franz Knieps wurde als vormaliger Referent für rechtspolitische Grundsatzfragen beim AOK-Bundesverband von Minister Norbert Blüm 1987 bis 1988 “ausgeliehen“.
Bis 2003 war er dann Leiter des Stabsbereichs Politik des AOK-Bundesverbands.
Von Februar 2003 (unter Ulla Schmidt) bis 2009 fungierte Knieps als Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung, Gesetzliche Krankenversicherung, Pflegeversicherung im Gesundheitsministerium.
Die Spinne im Netz.
Der absolute Spitzenlobbyist der AOK schrieb im Zentrum des Ministeriums die entscheidenden „Gesundheitsreformen“, die die Entwicklung und Zielrichtung des deutschen Gesundheitswesens bis heute bestimmen.
Kein Wunder, dass die AOK immer als der große Gewinner der „Reformen“ hervorging.
Das Gesundheitssystem ist schwer durchschaubar und die Akteure sind bemüht, dass das so bleibt.
Für Interessierte:
Renate Hartwig „Geldmaschine Kassenpatient“.

M. Bernstein | Di., 8. November 2022 - 15:05

Die Bemerkung von Herrn Weiß ist wichtig, die Gründe, die zur Zulassung der MVZ waren genau diese, dass der Arzt entlastet ist und eben nur als Arzt arbeitet.
Der Unternehmer Arzt mag nicht so clever wie die Investoren sein, aber er muss sich um jede Menge "andere" Dinge kümmern, die eben das MVZ abnimmt. Selbst wenn sich Ärzte zusammen tun und Verwaltungsaufgaben an gemeinsame Angestellte delegieren sind sie letztlich eben doch in der Verantwortung und eben nicht entlastet.