Die Nazifizierung der Geschichte

Haben die Grausamkeiten des europäischen Kolonialismus das „Dritte Reich“ vorweggenommen?

Demonstration gegen Neofaschismus in der DDR
() Demonstration gegen Neofaschismus in der DDR
Es war Ihnen bisher vielleicht gar nicht bekannt, dass Hitler in der Menschheitsgeschichte schon einige Jahrhunderte früher auftauchte, als sein eigener Vorgänger. Das „Dritte Reich“ ist gar nicht dieses Regime, das 1933 durch Wahlen an die Macht kam und im Mai 1945 unter den Angriffen der Roten Armee und der Westalliierten in den Ruinen von Berlin unterging, es ist vielmehr in gewisser Weise eine Matrix der europäischen Geschichte oder, anders gesagt, deren wahres Gesicht. Aus diesem Grund fordern immer mehr Historiker für die Schwarzen, Araber und Inder Prioritätsrechte. „Die Auslöschung der Urbevölkerung Amerikas, die Ausrottung der Schwarzen und die von den Nazis in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts nach Europa getragene Vernichtungspolitik stehen zueinander in einem dynamischen Verhältnis, schreibt Rosa Amelia Plumelle-Uribe. Bereits 1955 stellte Aimé Césaire fest: „Ja, es wäre der Mühe wert…, dem ach so distinguierten, ach so humanen, ach so christlichen Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts mitzuteilen, dass er in sich einen Hitler trägt, von dem er nicht weiß, dass Hitler in ihm haust, dass Hitler sein Dämon ist, dass er, wenn er ihn rügt, einen Mangel an Logik verrät und dass im Grunde das, was er Hitler nicht verzeiht, nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen am Menschen, dass es nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern dass es das Verbrechen gegen den weißen Menschen ist, dass es die Demütigung des Weißen ist und die Anwendung kolonisatorischer Praktiken auf Europa, denen bisher nur die Araber Algeriens, die Kulis in Indien und die Neger Afrikas ausgesetzt waren.“ Ein ähnliches Denken offenbarte Claude Ribbe („Le Crime de Napoléon“), Mitglied des französischen Nationalen Ausschusses für Menschenrechtsfragen, als er Napoleon mit dem „Führer“ verglich, da dieser nicht nur die Sklaverei wieder eingeführt, sondern auch die „industrielle Vernichtung eines Volkes“ vorbereitet und eine „Rassengesetzgebung eingerichtet habe, die bereits die Nürnberger Gesetze vorwegnimmt“: 140 Jahre vor der Schoah zögert ein Diktator, in der Hoffnung, zum Herrn der Welt zu werden, keinen Augenblick, einen Teil der Menschheit unter seinem Stiefel zu zertreten. Es handelt sich dabei nicht um Hitler, sondern um sein Vorbild Bonaparte. Wie konnten die Unrechtstaten dieses frauenfeindlichen, homophoben, rassistischen, faschistischen und antirepublikanischen Despoten, der die Festlandsfranzosen ebenso sehr verachtete wie die Korsen, von der Öffentlichkeit so lange unbeachtet bleiben? Warum ist ein gewisses Frankreich noch in unserem 21.Jahrhundert so darauf versessen, aus dem Schlächter der „Schwarzen“ einen Nationalhelden zu machen? Ein weiterer Historiker, Olivier Le Cour Grandmaison, erklärt uns in einem Buch, das den bezeichnenden Titel „Coloniser, exterminer“ („Kolonisieren, vernichten“) trägt, dass die Methoden, mit denen man Algerien „befrieden“ wollte – Massaker an Gefangenen und Zivilisten, Razzien, die Zerstörung von landwirtschaftlichen Kulturen und Dörfern –, als Laboratorium für neue Konzepte wie „wertlose Rassen“ oder „Lebensraum“ dienten, die später auch umgesetzt wurden, wie man weiß. Er gräbt die 1846 verfassten Schriften eines gewissen Eugène Bodichon, seines Zeichens Doktor der Medizin, wieder aus, eines leidenschaftlichen Verfechters der Ausrottung niederer Rassen – angefangen mit den Arabern – im Namen des Fortschritts. Damit will er beweisen, dass man genau da, in der milden Feuchtigkeit der Kolonien, lange vor der Vernichtung der europäischen Juden, das kohärente Projekt eines „Genozids“ entwickelt hat, um hier den Neologismus zu verwenden, den der polnische Jurist Raphael Lemkin im Jahr 1944 prägte. Welch ein Paradigmenwechsel: Der Kolonisierte, der in Cochinchina, in Französisch-Westafrika oder in Algerien den Sonderregelungen der französischen „Eingeborenengesetze“ unterworfen war, nimmt den Rechtsstatus der Juden unter Pétain vorweg. Kurz gesagt, sollte man den „totalen Krieg“ also nicht in den „Stahlgewittern“ (Ernst Jünger) suchen, die Europa zwischen 1914 und 1918 verheerten, ebenso wenig wie in der Vernichtungsabsicht gegenüber der Sowjetunion, die der „Führer“ am 21.Juni 1941 bekundete. Dieser hätte vielmehr seine direkten Wurzeln in den Bergen der Kabylei, die im 19.Jahrhundert einer französischen Soldateska ausgeliefert waren, die mit einer solchen Routine tötete, plünderte, auslöschte und enthauptete, dass es einem heute noch kalt den Rücken hinunterläuft. (…) Olivier Le Cour Grandmaison setzt sich trotz der vorgeblichen Unparteilichkeit seiner Arbeit nur ein einziges Ziel: Durch eine Art rückwärtsgewandter Prophezeiung koppelt er den kleinen Waggon der Eroberung Algeriens an den großen Zug der Schoah, indem er nacheinander deren Vokabular, Umgebung und Geist gleichsetzt. So will er beweisen, dass es sich in beiden Fällen um eine vorsätzliche Grausamkeit handelt, dass die sogenannten „Ausräucherungen“ der rebellischen Stämme durch Bugeaud und Saint-Arnaud keine unbedachten Handlungen, sondern verwaltungsmäßig geplante Massaker waren und somit Vorläufer der kalten Vernichtungstechniken, wie man sie später im Verlauf des Zweiten Weltkriegs anwendete. Alles beginnt also in äußerst brutaler Form in den Kolonien, greift dann auf das Mutterland über und führt dort zu eisenharten autoritären Regierungen. (…) Auch Marx kann sich jetzt auf einiges gefasst machen: Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen war in Wirklichkeit eine Vernichtung des Menschen durch den Menschen. Die Geburt des Kapitalismus, die Landflucht Millionen Hungernder, ihr massenhafter Eintritt in die Hölle der Fabriken und Manufakturen, die fünfjährigen Kinderarbeiter in den Bergwerken, die hohe Sterberate, die ungesunden Lebensverhältnisse, der Alkoholismus, die Armut: Man kann sich mühelos vorstellen, was ein eifriger Historiker aus alldem machen könnte, um die Sensationsgier seines Publikums zu befriedigen. Er könnte das Riesenfresko der kapitalistischen Arbeitsverhältnisse als Vorskizze des Nationalsozialismus zeichnen, wobei die Unternehmer die Rolle der Gauleiter und die Vorarbeiter die der Kapos spielen. Wir werden ein solches Buch zweifellos noch zu lesen bekommen. Olivier Le Cour Grandmaison begeht hier den Sündenfall, nachträglich Absichten zu postulieren: Es ist eine Sache, im europäischen imperialistischen Abenteuer Züge der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts zu entdecken – wie es Hannah Arendt getan hat –, aber es ist eine andere, diese ganz unterschiedlichen Erscheinungen gleichzusetzen und die Vergangenheit nur als minutiöse, logische und unabwendbare Vorbereitung der Hitler’schen und Stalin’schen Katastrophen zu betrachten. Dies hieße vergessen, dass diese beiden Regime nicht einfach eine Wiederholung früherer Diktaturen waren, sondern mit allem brachen, was die Geschichte bis dahin gekannt hatte. Sie waren in der vollen Bedeutung des Wortes Originale. Europa war zunächst sein eigener Henker, bevor es auszog, Amerika, Asien und Afrika seinem Wüten und seiner Gier zu unterwerfen. Sollten wir vergessen haben, dass der Krieg auf unserem Kontinent, obgleich in rechtliche Kategorien gefasst, höchst selten eine ritterliche Angelegenheit war, dass die Kämpfe sich durch Plünderungen auszeichneten, durch Gemetzel, Massaker, zerstörte Städte, hungernde Zivilisten, die samt Frauen und Kindern über die Klinge springen mussten, durch die Allgegenwart von Ruinen, Schrecken und Verzweiflung und einer wahren Könnerschaft im Erfinden neuer Foltermethoden? Sollten wir das makabre Schauspiel der Hinrichtungen im feudalen Europa vergessen haben, die schlimmen Körperstrafen, die Verhältnisse in den Strafkolonien und auf den Galeeren? Ist es also wirklich zulässig, die Eroberung Algeriens als „beunruhigenden Präzedenzfall“ für Auschwitz zu betrachten – zumal andere diesen Präzedenzfall im Mexiko und Peru der Konquistadoren, im „afroamerikanischen Laboratorium“ (Georges Bensoussan), in der Unrechtsherrschaft Leopolds II. von Belgien über den Kongo, der Kolonisierung Australiens durch die Zwangsarbeiter aus dem englischen Mutterland oder dem Massaker an den Hereros in Namibia durch General von Trotha im Jahr 1904 gefunden zu haben glauben? Alle möglichen Schlächtereien in der Geschichte, von den Albigensern bis zu den Aufständischen in der Vendée, nicht zu vergessen die Verwüstungen der Pfalz durch die Armeen Ludwigs XIV. oder den Dreißigjährigen Krieg in Böhmen, nehmen auf ihre Weise die Einfälle der Wehrmacht und die Schrecken, die sie über Europa und die UdSSR brachten, vorweg, alles hängt eben mit allem zusammen. (…) In gleicher Weise vergisst die Gleichsetzung des Sklavenhandels mit Völkermord, dass die Sklavenhändler als gute Utilitaristen ein Interesse daran hatten, ihr wertvolles Handelsgut nicht zu dezimieren, sondern es im bestmöglichen Zustand übers Meer zu befördern. Die Behauptung eines Genozids soll also nur aus der größtmöglichen Beschuldigung den größten Nutzen ziehen: Der Nationalsozialismus habe an dem Tag begonnen, als der weiße Mann, ob Portugiese, Spanier oder Holländer, seinen Fuß auf die afrikanische oder amerikanische Erde setzte, um Mord, Chaos und Zerstörung zu säen. Es sieht so aus, als ob das „Dritte Reich“ buchstäblich ein früheres Jahrhundert nach dem anderen verschlungen hätte und dadurch zum Schlüssel aller gewaltsamen oder grausamen Phänomene geworden wäre. Man kann die Geschichte allerdings nicht auf diese Weise verfälschen oder manipulieren, nur um irgendeiner Minderheit eine Freude zu machen. Nicht alle europäischen Tyrannen oder Despoten lassen sich auf Hitler zurückführen, der außerdem keine eingetragene Schutzmarke ist. Man muss die Sklaverei nicht „nazifizieren“, um sie widerwärtig zu finden. Es fällt einem vielleicht schwer, die Barbarei in den Plural zu setzen, anzunehmen, dass nicht alle Massenmorde Völkermorde sind und dass sich nicht alle Völkermorde gleichen, dass es also auch eine Abstufung und Vielfalt des Schreckens gibt. Man verkleinert den Sklavenhandel und den Kolonialismus in keiner Weise, wenn man sie nicht mit der Vergasung der Juden und Zigeuner zwischen 1940 und 1945 gleichsetzt. Sie gehören in eine andere Abteilung des Bösen, denn es scheint, dass die menschliche Fantasie und Vorstellungskraft auf diesem Gebiet grenzenlos sind. Trotzdem gibt es diesen Anspruch auf Priorität: Wir waren die Ersten, wir sind die eigentlichen Juden. In der Hierarchie des Märtyrertums nehmen wir einen Spitzenplatz ein. Gerade diejenigen, die die Einzigartigkeit der Schoah leugnen, zollen ihr Anerkennung, indem sie ihre eigene Tragödie mit aller Kraft in diese Reihe stellen wollen. In diesem Fall beschränken sie sich darauf, sich eine neue heilige Geschichte zu geben, eine einzigartige Pariagestalt als modernen Spartakus zu präsentieren, dessen Geschichte mit dem Nationalsozialismus als Ausgangspunkt neu geschrieben werden muss. Das große Passionsspiel der Geknechteten findet also seit Anfang der Zeiten im Schatten des Hakenkreuzes statt. Der Beitrag stammt aus dem soeben erschienenen Buch „Der Schuldkomplex – Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte Europas“ (Pantheon) Pascal Bruckner ist einer der wichtigsten Philosophen Frankreichs. Die Verfilmung seines Romans „Bitter Moon“ durch Roman Polanski und seine in zahlreiche Sprachen übersetzten Bücher machten Bruckner auch international bekannt Foto: Picture Alliance

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