„Mannko“ - Ein Loblied auf die Männlichkeit

Der Mann von heute muss sich ständig anhören, dass er aus der Zeit gefallen ist. Unsinn, findet Milosz Matuschek. Vom Mann kann man viel lernen. Ein exklusiver Vorabdruck aus dem Buch „Mannko. Liebeserklärung an ein Mängelwesen“

Kein Waschlappen, sondern eine Männer-Unterhose auf der Leine
picture alliance

Autoreninfo

Milosz Matuschek, geboren 1980, ist Jurist an der Pariser Sorbonne und Journalist, Essayist, Autor. Er betreibt den Blog Dr. Strangelove bei der Neuen Zürcher Zeitung über moderne Liebe und Dating. Im Herbst 2015 erschien sein drittes Buch „Mannko. Liebeserklärung an ein Mängelwesen“

Foto: Zvonimir Bašić

So erreichen Sie Milosz Matuschek:

Samstagvormittag.

Geht ein Mann zum Friseur.

Ok, könnte der Anfang eines Witzes sein. Ist aber nicht witzig. Es ist ein Desaster. Ich schaue in den Spiegel vor mir. Alles ist gut ausgeleuchtet. Ist das die Kopfhaut, die da durchscheint? Der fremde Mann im Spiegel vor mir sieht alt aus. Er hat die Haare dünn. Die Geheimratsecken legen sich in Kurven. Dafür wuchern die Büschel an den Schläfen. „Augen auf, Ohren auf, Helmi ist da“, summe ich im Geiste. Ich sehe aus wie das Maskottchen der österreichischen Verkehrserziehung in den 80er Jahren. Die Halskrause juckt.

Ich schließe die Augen. Zeit für eine kleine Bestandsaufnahme.

Erstens: Ich werde alt.

Zweitens: Ich sehe bald aus wie ein Frühstücks-Ei.

Drittens: Ich stecke in einem Batman-Kostüm. Und fühle mich trotzdem nicht wie ein Superheld. Was geht hier gerade schief?

Ich habe Haare auf der Ohrmuschel. Auf der obersten Rundung. Sie sind etwa einen Zentimeter lang, manchmal auch zwei. Sie stehen ab. Sie fallen auf. Auch meine Freundin hat sie schon bemerkt und inspiziert sie regelmäßig mit wachsendem Interesse. Schön, wenn man nach fünf Jahren Beziehung noch neue Seiten an sich entdeckt. Es ist nicht leicht, mit Haaren auf der Ohrmuschel cool zu sein. Haare auf der Ohrmuscheln sind Opa-Style. Ich bin Mitte 30. Also nur ein halber Opa, irgendwie.

Zurück bei der Frau meines Herzens im Warteraum sehe ich, dass sie in der Emma blättert. Unser Friseur in Berlin ist eher alternativ-feministisch. Statt Bunte und Gala gibt es die Emma, den Freitag und die taz. Komisch, die Emma liest sie sonst nie. Liest die überhaupt irgendjemand?

Sie blickt ihren gerupften Hahn kurz und gnädig an. „Ist doch ganz gut geworden!“

„Hey, hör mal zu“, gluckst sie.

„Ja?“

„Was ist ein Mann in Salzsäure?“

„Weiß nicht, ein Mann in Salzsäure, hä? Keine Ahnung.“

„Ein gelöstes Problem!! Hahaha!“

Ich wusste gar nicht, dass die Emma eine Witzeseite hat, denke ich.

Und noch einen: „Was macht eine Frau, deren Mann beim Kartoffelnholen auf der Kellertreppe ausrutscht und sich das Genick bricht?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Na, Nudeln!“

Ok, der letzte war echt nicht schlecht. Feministinnen haben doch Humor. Denn offenbar gehen auch die Emma -Redakteurinnen davon aus, dass Frauen am Herd stehen und kochen.

Ich persönlich kann über Männer genauso gut lachen, wie über Frauen, Österreicher, Ostfriesen, Lukas Podolski und sonstige Randgruppen. Ich habe mich immer geweigert, Männer als Opfer zu sehen. Ich fand das sogar immer ausgesprochen lächerlich. Ein Problem, das ich mit dem Feminismus habe, ist gerade dessen humorlose Opferhaltung. Ich glaube nicht, dass die Opferhaltung weiterhilft. Wenn nun Männer in die gleiche Kerbe schlagen, wird es gänzlich peinlich. Außerdem sind Männer doch die Starken, die stecken das weg. Sie waren lange das Patriarchat. Wie sollen sie da Opfer sein?

Doch zunehmend bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Denn es lacht sich leicht über jemanden, der stark und mächtig ist und sich dämlich verhält, stolpert, fällt.

Doch dann denke ich an dich, Manni.

Ich nenne dich mal Manni. Ich kenne dich nicht. Aber du bist 42 Jahre alt, Der Durchschnittstyp. Mittlere Reife. Angestellter in einer Maschinenbaufirma bei Köln. Passat-Fahrer. Hobby: Computer. Du trägst in der Freizeit gerne alte Holzfäller-Hemden und ausgebeulte Wrangler-Jeans. Du hast dir nie Gedanken gemacht über Männlichkeit oder so. Oder was Mann-Sein für dich heute heißt. Aber du bekommst mit, dass du irgendwie out bist. Dass du eher ein Loser-Typ bist. Dass du nicht in diese Welt passt. Vielleicht findest du dann solche Witze nicht komisch, Manni. Das kann ich irgendwie verstehen. Du fühlst dich auch nicht stark und mächtig, wenn du morgens um 6 Uhr aufstehst, die Stullen packst und zur Schicht fährst. Vielleicht zwickt es dir schon im Rücken, Manni, an der Bandscheibe. Weil deshalb im Bett weniger läuft. Vielleicht nervt dich deine Frau Rita, weil du zu wenig Style hast, nicht nach Jean Paul Gaultier riechst. Weil du noch nicht befördert worden bist, wie die Männer von Ritas Freundinnen. Weil deine 2400 Euro brutto im Monat hinten und vorne nicht reichen. Vielleicht auch, weil du komisch angeschaut wirst, wenn du deine Tochter vom Kindergarten abholst. Vielleicht fühlst du dich manchmal wie Al Bundy und kommst ungern nach Hause.

Du, Manni, verstehst die Welt vielleicht nicht mehr. Du fühlst dich verarscht. Denn du machst ja alles, aber irgendwie will es niemandem genügen. Du bist ein Mann, wirst aber in den Medien als großes Kind dargestellt, als der leicht idiotische Hausmeister, der einfach auch da ist, obwohl keiner weiß, warum eigentlich. Der Mann ist heute angeblich überflüssig geworden, eine Art Dinosaurier, ein Überbleibsel aus einer vergangenen Ära.

Wir sind Steinzeit, Old School, Retro. Der Mann kehrt höchstens noch als Verballhornung seiner selbst zurück auf die Bühne: mal gepflegt und geschminkt (metrosexuell), feminisiert (Softie bis Conchita Wurst), als Athlet (spornosexuell) oder zuletzt als Holzfäller (lumbersexuell). Welches Rollenbild kommt wohl als nächstes? Steinzeitsexuell? Paläontopornografisch? Gott-Look mit Bart, Weltkugel und Toga?

Dem modernen Mann fehlt angeblich dauernd etwas. Er hat ein „Mannko“. Das Gefühl, dass es nicht reicht. Immer ist da der latente Anpassungsdruck. Oft von Frauen. Aber nicht nur. Du bist mit diesem Gefühl also nicht allein, Manni. Wir sind alle Mannko-Mannis.

Selten war soviel Mann-Squeezing wie heute. „Der neue Mann muss sich anpassen“, – „Auslaufmodell Mann“ – „Der Mann muss sich ändern“ – „Er passt nicht in diese Zeit“.

Die Welt ist gegen uns, Manni. Trotzdem: Heulen bringt nichts. Mitleid ist die Rache der Unterdrückten. Das wollen wir nicht sein und auch nicht so tun. Wir müssen uns klar machen, dass wir nunmal so sind wie wir sind. Uns gibt es nicht anders. Deshalb: Schluss mit dem Rollensqueezing! Schluss mit dem Anpassungsgerede! Ladevorgang der Software abgebrochen. Es wird Zeit, dass wir uns auf unseren großen Vorteil besinnen.

Oh ja, wir haben einen großen Vorteil. Wir kümmern uns nämlich außerhalb urbaner Milieus ziemlich wenig um das Gerede über den Mann. Es interessiert uns recht wenig, was männlich ist oder auch nicht. Und wenn uns etwas nicht passt, dann wird es passend gemacht. Wir haben die Kraft der zwei Weltbilder. Wir bauen die Welt um. Wir konstruieren und fantasieren.

Angeblich ist der Mann eine Laune der Natur und stirbt irgendwann aus. Unser Y-Chromosom ist angeblich eine Aberration. Hey, für eine Aberration haben wir es doch recht weit gebracht, oder? Wir haben Menschen auf den Mond geschickt, die Mona Lisa gemalt, die Buddenbrooks geschrieben und so lustige Pornotitel erfunden wie: „Bambi im Land der geilen Böcke“ und „Boschwanza“. Und das, obwohl die Frau als Krone der Schöpfung gilt. So schlecht können wir also nicht sein. Und alles auf das Patriarchat schieben, geht auch nicht. Zumindest heute hält ja niemand die Frau davon ab, selbst in eine Garage zu gehen, an Computern rumzuschrauben und das nächste Microsoft oder Apple zu gründen. Dafür, dass die Frau die Krone der Schöpfung ist, lässt sie sich ganz schön bitten.

Ich erhebe das Glas auf unsere Mangelhaftigkeit, Manni!

Der Mann hat zwei Seiten. Eine Seite, die meist nur die Frau sieht. Und eben die Seite, die wir sehen. The Dark Side of the Moon, pardon, Mann. Hier ein erster Überblick:

Wir sind nicht arbeitslos. Wir surfen im Internet. Wir sind digitale Bohème.

Wir sind nicht verfressen. Wir sind Bonvivants.

Wir stinken nicht. Wir riechen männlich.

Wir sind nicht Singles und einsam. Wir sind ewige Junggesellen.

Wir haben keine Wampe. Wir tragen Wohlstand zur Schau.

Wir haben keine Glatze. Wir haben nur etwas zu viel Testosteron.

Wir gucken keine Pornos. Wir interessieren uns nur für ausgefallene Kunstformen.

Wir sind keine autovernarrten Prolls. Wir stehen auf fahrende Kulturgüter.

Wir sind keine unordentlichen Messies. Wir sind tierlieb und haben ein Herz für Pilzkulturen.

Weißt du, Manni, es gibt Dinge, die werden uns die Frauen nie verzeihen. Wir akzeptieren Regeln von außen nicht. Wir machen sie. Der Boxer René Weller, ein Typ mit Brusthaar und Goldkettchen, sagte mal: „Wo ich bin, ist oben. Und wenn ich unten bin, dann ist unten eben oben.“ Na klar, was denn sonst? Wir schaffen das Unmögliche. Wir sind alle wie Chuck Norris in Miniaturausführung. Oder wären zumindest gerne so. Chuck Norris bestellt bei Burger King einen Big Mac – und bekommt ihn. Wir Männer unterwerfen uns ungern. Wir ändern die Regeln während des Spiels.

Es ist ganz gut, dass wir so sind, wie wir sind, Manni. Wir haben einen Markenkern. Eine Art männliche DNA. Wir sind kleine Barbaren. Das ist gut. Es ist leichter, einem Barbaren Zivilisation beizubringen, als umgekehrt. Das finde ich sehr treffend. Aus einem Bettvorleger kann man keinen Tiger mehr machen. Es ist ein großer Vorteil, zivilisatorisch noch nicht ganz am Endpunkt angekommen zu sein.

Und trotzdem müssen wir aufpassen, Manni. Wir sterben eher als Frauen. Wir gehen kaum zum Arzt. Wir halten uns für unsterblich. Wir bringen uns häufiger um, landen öfter auf der Straße oder im Gefängnis. Wir lassen uns von unserem Männlichkeitsideal recht gut als Geisel nehmen. Falsch verstandene Männlichkeit kann lebensgefährlich sein. Das Leben als Frau ist da sicherer.

Ich bin gerne ein Mann. Ich mag mich, wie ich bin. Du, Manni, bist auch ein guter Kerl, glaube ich. Lass dich nicht verstellen. Lass dir nichts einreden. Du bist, wie die Franzosen sagen: „mannifique“. Und ich schreibe das dir zuliebe gerne falsch. Aber du wirst auf dich aufpassen müssen. Denn in dieser Welt bist du schnell allein.

Wobei: jetzt sind wird schon zu zweit.

Dies ist dein Buch.

Milosz Matuschek: Mannko. Liebeserklärung an ein Mängelwesen. Kösel Verlag, November 2015, 240 Seiten, 17,99 Euro.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.