Initiative Säkularer Islam - Wie soll das denn gehen?

Mit der „Initiative Säkularer Islam“ wollen prominente Islamkritiker wie Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad, Necla Kelek und Ahmad Mansour die Religion mit der liberalen Demokratie verträglicher machen. Das Anliegen ist aller Ehren wert, enthält aber einen entscheidenden Denkfehler

Papst Franziskus beim Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten
Papst Franziskus in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Kann es eine säkulare Religion geben? / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Im September erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

„Dunkel war’s, der Mond schien helle“, heißt die erste Zeile eines der bekanntesten deutschen Scherzgedichte. Sein Witz liegt darin, widersprüchliche Aussagen aneinanderzureihen, sogenannte Oxymora. Redner verwenden sie gerne, denn man kann effektvoll mit ihnen formulieren: „beredtes Schweigen“, „stummer Schrei“.

Doch Rhetorik ist das eine, und Logik ist das andere. Schließlich gibt es keinen stummen Schrei, genauso wenig wie es schwarze Schimmel gibt. Vieles, was sich gut anhört, scheitert an der Realität. Und zu diesen selbstwidersprüchlichen Dingen gehört, so bedauerlich das sein mag, die Idee eines „säkularen Islam“. Das hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern mit dem Wesen von Religion. Es gibt keine säkulare Religion.

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helmut armbruster | Sa, 2. März 2019 - 09:48

jede Religion und jede Ideologie, die mit dem Anspruch auftritt sie sei allein im Besitz der Wahrheit ist sozial schwer verdaulich.
Wenn dann noch Unduldsamkeit gegenüber all denjenigen hinzukommt, die einen solchen Absolutheitsanspruch ablehnen, dann wird es sehr unangenehm. Dann muss man sich wehren.
Denn Toleranz ggü Intoleranten ist selbstmörderisch.

"demokratischer Faschismus", ein Ding der Unmöglichkeit.
Warum ausgerechnet in dieser Debatte die negative Religionsfreiheit so mit Füssen getreten wird bleibt unerklärt.

Ernst-Günther Konrad | Sa, 2. März 2019 - 11:11

Ich stimme absolut zu Herr Grau. Religionen haben 2000 Jahre überdauert. Diese Religionen leben von überlieferten Dogmen, von religiöser Beherrschung ihrer Gläubigen, vom Dogma ihrer Grundaussagen. Wir sehen es gerade bei der katholischen Kirche, wie schwer es war, dass sich die Kirche überhaupt ihren Problemen stellt und da sind noch keine Lösungen in Sicht. Auch ich erkenne die Bemühung des Islamkritiker durchaus an, nur Religion ist nicht dafür gemacht, sich der jeweiligen politischen Verhältnisse anzupassen. Sie hat schon immer den einen als Ursache des Übels genutzt und den anderen zur Lenkung der Gläubigen. Nur dieser Gläubige selbst kann für sich entscheiden, ob und wie er in welchem Umfang die Glaubenslehren lebt und umsetzt. Während die Katholiken inzwischen dem öffentlichen Druck stark ausgesetzt sind und beginnen sich zu hinterfragen, findet beim Islam eine Hinterfragen nicht statt. Die wenigen offenen Kritiker werden es nicht ohne den Druck der gläubigen Basis hinbekommen.

Christa Wallau | Sa, 2. März 2019 - 14:25

Religion ist per se nicht rein innerweltlich/kulturell, sondern immer auf eine Transzendenz bezogen.
Von daher gibt es keine rein säkulare Religion im eigentl. Sinne.

Wenn die Religion das Alltagsleben und einen Staat als ganzen bestimmt, handelt es sich um eine Staatsreligion, und diese ist unvereinbar mit Demokratie und echter Toleranz.

Der auf dem Koran fußende Islam, der das Leben der Gläubigen im Detail regelt, kann nur dann im Sinne eines reinen Kultur-Islam säkularisiert werden, wenn er den Absolutsheitsanspruch Allahs aufgibt. Damit würde er seine Wurzeln kappen. Das bedeutete nämlich: Rückzug ins Private und Verzicht auf Wirkung in alle Lebensbereiche hinein.Und genau das wollen die einflußreichen Imame nicht, ebenso wenig wie dies der Religionsgründer Mohammed im Sinn hatte.

Deshalb sehe ich bei der großen Mehrheit der Muslime - ähnlich wie Herr Grau - keine Chance für Akzeptanz u. Ausbreitung eines privaten Säkular-Islams, wie ihn sich die Initiatoren wünschen.

Markus Michaelis | Sa, 2. März 2019 - 14:55

Religion deckt verschiedene Bedürfnisse ab (die durchaus transzendent und wichtig sind): die Frage nach Sinn und Zukunft/Endlichkeit, der Zusammenhalt in großen, anonymen Gruppen, die positive (am besten überlegene) Definition der eigenen Gruppe (eng verknüpft mit der Sinnfrage).

Dazu erfindet der Mensch Religionen nach seinen Zielvorstellungen und testet/optimiert sie auf (Massen)Tauglichkeit. Der Islam ist sehr erfolgreich und (massen)tauglich. Ich nehme daher an, dass man sich mit ihm beschäftigen muss und ihm irgendeine Rolle geben muss - als säkularer Islam oder was auch immer. Er drückt anscheinend ein oder mehrere tiefe Bedürfnisse des Menschen aus, die irgendwie befriedigt werden müssen.

Wolfram Fischer | Sa, 2. März 2019 - 15:06

Ich schätze alle Initiatoren dieser Initiative auf's Allerhöchste. Sie sind ein paar der ganz wenigen Aufrechten, welche die tief verwurzelten Grundzüge dieser (ihrer eigenen, sie kennen sie also bestens!) Kultur klar und unmissverständlich benennen. Es sind das die unzweideutig bereits im Koran und im Leben ihres "heiligen" Religionsgründers unverrückbar angelegten, mit unseren freiheitlich-demokratischen Überzeugungen völlig unvereinbaren islamischen Kernpunkte wie Frauenentrechtung, obsessive Intoleranz, total(itär)er Machtanspruch, Gewalttätigkeit gegenüber den "Ungläubigen" (also uns!) u.a.m...
Für diese klare Analyse aus ihren eigenen Reihen, von ihren Glaubensbrüdern mit Todesdrohungen überzogen und zu einem Leben unter Polizeischutz gezwungen. Wie gesagt... alle höchst geschätzt. Nur dieser Ansatz des "säkularen Islam" ist m.E. zum Scheitern verurteilt. Der Islam ist seit Mohammed systemimmanent dermaßen machtbesessen, daß ein "säkularer Islam" eben kein Islam mehr wäre.

gabriele bondzio | So, 3. März 2019 - 10:05

Da gehe ich mit, Herr Grau!Die Motivationen von Ates, Mansour und Co ist redlich.
Religion setze ich auch im Großen und Ganzen mit Ideologie gleich. Eine Ideologie zur schnellen Manipulation von Massen im Interesse von Einzelnen.Wenn ich mir Ideologien, zu der momentan der Umweltschutz zählt, eifrigste Verfechter die Grünen, würde ich sie als ihre Religion bezeichnen.
Der Unterschied liegt im Glauben an einen Gott oder an die Menschen.
Und hier ist eben speziell der Islam, im Gegensatz zu Christentum und Judentum, weiter von von menschengerechten Verfassungen entfernt.
Als einen ihrer wichtigsten Sätze sehe ich: „Doch das Ergebnis einer Säkularisierung ist nicht die säkulare Religion, sondern die private. Die sich nicht von außen verordnen lässt, politisch schon mal gar nicht.“ Die Frage ist, gibt der muslimische Mann freiwillig seine Machtstellung in der Familie aus den Händen, er wäre ja der Entscheider. Oder der muslimische Geistliche...glaube ich nie im Leben!

Manfred Sonntag | So, 3. März 2019 - 17:36

Sehr geehrter Herr Grau,
Ihre Artikel sind immer vorzüglich. In diesem Fall muss ich Ihnen aber widersprechen. Es ist typisch Deutsch, besserwisserisch Dinge zu betrachten. Diese säkulären Muslime sind unsere einzige Chance dem erzreaktionären politischen Verbandsislam in die Schranken zu weisen. Lassen wir diese Menschen aktiv werden. Alles hat mal klein angefangen. Nehmen wir sie endlich ernst und unterstützen sie! Warum können denn viele von den säkularen Muslimen nur noch mit totalem Personenschutz überleben? Ich habe den Eindruck das unsere Eliten nur einfältige Muslime als gute Muslime sehen. Mit den islamistischen Verbandsfunktionären lässt sich doch besser kungeln. Die versenken sogar noch unsere Frauen- und UN Menschenrechte ohne das die Verantwortlichen in Politik und Medien es merken.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Karsten Paulsen | Mo, 4. März 2019 - 08:41

Tibi: Es stimmt, diesen Begriff habe ich geprägt. Bassam Tibi hatte ähnliche Vorstewllungen und nannte es "Euro Islam". Die Idee hält er für gescheitert: "Aber heute muss ich sagen: Ich kapituliere. Den Euro-Islam wird es nicht geben. Er war eine schöne Hoffnung, aber die Realität ist leider eine andere. Das deutsche Modell, in dem die organisierte Religion von der Institution Amtskirche getragen wird, lässt sich nicht auf den Islam übertragen. Das wird nie gelingen."

Der Westen, 25.8.16

ingrid Dietz | Mo, 4. März 2019 - 08:49

der "Islam" wird sich genauso wenig reformieren wie die kath. Kirche; denn die Männerbünde sind in beiden (Geld)-Sammelvereinen sind bestens
vernetzt zum Schutz der eigenen Pfründe !