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Hans-Dieter Hegner, Monika Grütters, Michael Müller und Hartmut Dorgerloh eröffnen das Humboldt Forum / dpa

Das Humboldt Forum ist eröffnet - Ein Schloss ist kein Schloss ist kein Schloss

Gestern wurde in Berlin das Humboldt Forum digital eröffnet. Damit geht der Streit um das Schloss und um das Erbe Preußens aber nicht zu Ende. Die nun laut gewordenen Forderungen Nigerias, die Benin-Bronzen zu restituieren, zeigen abermals, dass es für Berlin keine Flucht in eine idealisierte Vergangenheit geben kann.

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Nikolaus Bernau ist ein deutscher Kunstwissenschaftler, Architekturkritiker, Journalist und Sachbuchautor.

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Nikolaus Bernau

In Berlin steht kein Schloss mehr. Das Gebäude, das als „Berliner Schloss“ bezeichnet wird, ist eigentlich ein Museums-, Ausstellungs- und Kulturzentrum. In seiner Baukonstruktion und seinem gesamten Grundriss, vor allem aber in der Materialität ist es ein moderner Bau, der das Humboldt Forum umfasst. Auch wenn sich dieser etwas sperrige Name wohl kaum durchsetzen wird, ist es gerade, nachdem die nachgebauten Barockfassaden frei von Gerüsten stehen und das Humboldt Forum wenigstens digital seine Eröffnung feiern konnte, wichtig festzustellen: In Berlin steht kein Schloss mehr. 

Nicht nur im Großen und Ganzen, sondern auch in den Details der handwerklich bewunderungswürdig gelungenen Nachbaufassaden ist dieser Bau ein überaus willkürliches, aus  heutigen Interessen geborenes Pasticcio, eine Zusammenfügung unterschiedlicher Epochenbilder. So wurden die Farben in Anlehnung an im Schloss Charlottenburg gefundene Reste frei nach dem um 2010 gültigen Geschmack komponiert, was ihre Spannungslosigkeit erklärt. Statt die straffe Barockarchitektur zu stützen, die Skulpturen herauszuheben und nach der Architekturmethodik der Zeit um 1710 zu beleben, versinken die nachgebauten Fassaden in einem milde konturenlosen gelb-oker-braunen Gesamtton.

Uffizien und Rasterbau

So mancher Bauskulptur sieht man bei genauer Betrachtung an, dass sie aus Fotos heraus neu geschöpft werden musste, vor allem wenn man sie vergleicht mit den Werken, für die wenigstens Fragmente originaler Bausubstanz als Vorlage bereit gestellt werden konnten. Größtenteils ist das Berliner Schloss 1950 zu Schutt zerschlagen worden, jeder Vergleich also - etwa zur tatsächlich wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche - verbietet sich hier. Vor allem aber enerviert der strikte, harte Geometrieglaube aller modernen" Bauteile, die nach den Plänen Franco Stellas entstanden sind. Ist die Passage quer durch den Riesenbau deutlich orientiert an Vasaris Uffizien-Hof in Florenz noch eine Etüde über die modernen Möglichkeiten von Säule, Öffnung und eingefügten barocken Nachbauten, so ist die zur Spree gewandte Ostseite schlichtweg eine Gewalttat, schwer, ohne Maßstab, ein Rasterbau, wie er zu Tausenden zu finden ist. 

Seit dem Zusammenbruch der DDR wurde darüber debattiert, das 1950 auf Befehl der SED gesprengte Schloss wiederaufzubauen. Anfang der 1970er-Jahre gab es sogar recht konkrete Pläne, wenigstens die Barockfassaden nachzubauen. Doch erst nach 1990 kam darüber eine öffentliche Debatte in Gang, 1993 schließlich ließ Wilhelm von Boddien im Auftrag des Fördervereins Berliner Stadtschloss die inzwischen legendäre Fassaden-Attrappe errichten. Erst um das Jahr 2000 kam erstmals eine politisch durchsetzbare Nutzungsidee für die etwa 50.000 Quadratmeter hinter der Fassade auf: Das Humboldt Forum war geboren.

Kostengünstig im Vergleich

Der damalige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Klaus-Dieter Lehmann und der Generaldirektor ihrer Staatlichen Museen Peter-Klaus Schuster schlugen vor, in dem Riesenbau das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst sowie die öffentliche Zentral- und Landesbibliothek Berlin unterzubringen. Letztere wurde 2012 aus dem Programm herausgenommen. Stattdessen kam das Stadtmuseum hinzu. 

2006 gewann der Italiener Franco Stella den internationalen Wettbewerb, und seit 2009 wurde dann gebaut. 677 Millionen Euro kostet das Projekt nach aktuellem Stand. Viel Geld, aber im Vergleich etwa zu dem schon jetzt auf 400 Millionen Euro kalkulierten, hoch umstrittenen Museum der Moderne auf dem Berliner Kulturforum ist das Humboldt Forum bisher vergleichsweise billig geraten.

Das Kreuz mit dem Kreuz

Konfliktfrei sind die Fassadennachbauten deswegen aber nicht. Sie zeichnen das Bild eines Ideal-Preußens, das sich der Kultur verschrieben hat. Doch wurde auch das Berliner Schloss, und sei es nur indirekt, finanziert mit den Erträgen einer brandenburgischen Handelskompanie, die versklavte Menschen von Afrika nach Südamerika verschleppte. Und spätestens der Blick auf die ebenfalls nachgebaute Schlosskuppel mit dem weithin strahlenden Kuppelkreuz zeigt, das dieses Schloss ein hochpolitischer Bau war, dessen Bedeutungen mit dem Nachbau wiederaufzuleben drohen.

Dieses Kreuz demonstrierte einst die enge, zutiefst reformfeindliche Koalition von Staatskirche und Hohenzollerndynastie unter Friedrich Wilhelm IV.. Noch fataler ist die Nachschöpfung der Kuppelinschrift, die die Unterwerfung aller Menschen unter den Willen Jesu Christi fordert, andernfalls nämlich gäbe es für die Menschen kein Heil. Nicht nur, dass die Form dieser Inschrift nicht dem historischen Original nachgeschaffen worden ist, es fanden sogar grammatikalische Modernisierungen statt: Es ist die erste eindeutig antijüdische Inschrift, die seit 1945 an einem öffentlichen Neubau in Deutschland neu angebracht werden durfte – unter dem Vorwand, es handele sich um eine „Rekonstruktion“. Es ist ein Affront gegen alle nichtchristlichen Kulturen und Religionen, unter dem das Weltkulturenzentrum Humboldt Forum voraussichtlich noch lange leiden wird.   

Es führt kein Weg zurück

Und jetzt, pünktlich zu seiner digitalen Eröffnung, kam ein neuerlicher Angriff hinzu: Der Botschafter Nigerias fordert die Auslieferung der Benin-Bronzen, eines 1898 erworbenen Bestands herausragender Skulpturen, die bei einer auch nach den Maßstäben der Zeit eindeutig völkerrechtswidrigen „Strafexpedition“ britischer Freischärler erbeutet und dann in London verkauft worden waren. Wie die deutschen Museen mit diesen Beständen umgehen, wird seit langem debattiert.

Ob es zu einer Rückgabe kommen wird, zu einer Ausleihe nach einer Rückgabe, zu einem gemeinsamen Besitz mit Nigeria – einem Staat, der keineswegs der Nachfolgestaat des Königsreichs Benin ist – oder anderen Lösungen, wird sich zeigen. Das Humboldt Forum jedenfalls muss sich vom ersten Moment an in der postkolonialen Debatte behaupten. Der Rückzug in ein idealisiertes Preußen-Bild, wie er mit dem Nachbau der Barockfassaden noch angestrebt wurde, ist schlichtweg nicht mehr möglich.

Werner Peters | Fr, 18. Dezember 2020 - 12:18

Von Berlin Mitte aus unter den Linden spazierend ist der Wiederaufbau gelungen und passt sich harmonisch in die geschichtsträchtige Silhouette ein. Aber der neue pseudo-moderne Anbau von hinten des Forums ist ein Graus und macht alles Schöne wieder zunichte. Man stelle sich vor, einer Seite der Dresdner Frauenkirche hätte man auch so einen Neubau aufoktroyiert. Undenkbar. In Berlin geht das. Dagegen ist die Diskussion um das Kreuz läppisch.

Ein Stadtschloss wiederaufzubauen ist schwieriger als man denkt.In Paris wurden im Frühling 1871 die Tulierien (hoffe richtig geschrieben)von den Kommunarden niedergebrannt und das war es dann.Auch 150 Jahre später.Was Berlin angeht;Dieser Neubau ist Ausdruck politisch korrekter Wischiwaschi Halbheiten der "Bunten Republik".Viel Grüner Kitsch und nichts dahinter.Entweder ganz oder gar nicht.Aber nicht so.Merkelistisch eben.Töricht und irgendwie nichts.

Walter Bühler | Fr, 18. Dezember 2020 - 15:36

Ich war immer gegen den Abriss des Palastes der Republik. Ich bringe den Humboldt-Brüdern eine große Achtung entgegen, glaube aber, dass diesen beiden Genies das Tegeler Schloss weitaus besser entspricht als die Imitation des Hohenzollern-Schlosses.
Als Berliner kann man aber nur überleben, wenn man sich mit Bausünden abfindet, also werde ich mich auch allmählich mit dem Schloss anfreunden. Hoffentlich wird die große Fassade nicht zu schnell mit den berlintypischen Graffitis geschmückt sein.
Der gewöhnliche Berliner kennt ja nur selten die Geschichte der Stadt, und ist – wie der gute Herr Bernau – überrascht, dass bei einem historischen Nachbau auch geschichtliche Fakten auftauchen, hier Kuppel, Kreuz und Inschrift. Ja, es ist für viele Berliner eine Überraschung, dass Berlin ebenso wie Rom, Paris und St. Petersburg zum christlichen Europa gehört hat. Wieviel besser wäre es doch, wenn sich die bunten LGBTQ-Farben um die Kuppel winden würden! In Berlin ist das nicht ausgeschlossen.

Andreas Peter | Fr, 18. Dezember 2020 - 17:16

Den Hohenzollern war das Berliner Schloss herzlich egal. Nicht ohne Grund haben sie sich alle nach Potsdam verkrümelt und dort gebaut und residiert. Als die DDR die rekonstruktionsfähige Ruine des Stadtschlosses sprengte, war den Hohenzollern wichtiger, dass nicht auch der Berliner Dom das gleiche Schicksal erleide. Nach dem Beitritt der DDR gab es viele Vorschläge, den nicht nur voll funktionsfähigen, sondern auch problemlos asbestsanierbaren (sogar bei laufendem Betrieb) Großen Saal des Palastes der Republik in eine Schlossreko zu integrieren, insbesondere den Schlüterhof. Aber das war politisch unerwünscht. Der Palast musste unbedingt weg und der Kasten, wie die Hohenzollern das Schloß nannten, diente als willkommene Rechtfertigung. Und weil Hass, Rache, Überlegenheitsgefühl der einzige Antrieb war, haben wir jetzt das Grauen in Stahlbeton und Sandsteinvorhängen mit einem desaströsen "Museums"konzept.
Ich bin sicher, am liebsten würden sie auch den Fernsehturm sprengen...