Robert Hunger-Bühler als "John Porto" mit Tänzerinnen auf der Bühne am Dienstag, (08.03.2011), während der Fotoprobe von "Das blinde Geschehen" im Burgtheater in Wien. Die Botho-Strauss-Uraufführung hat am Freitag (11.03.2011) hier Premiere.
Die Welt der Paare im Blick: In seinem neuen Buch zeigt sich Botho Strauß als heiterer Chronist der Liebe / picture alliance

Botho Strauß -  Die Rückkehr des Komödianten

Heute erscheint der Prosaband „Zu oft umsonst gelächelt“ von Botho Strauß. Darin zeigt sich der Schriftsteller als überraschend gelassener Komödiant und als präziser Chronist der Liebe. Doch das Unheimliche sitzt mit am Tisch

Alexander Kissler

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Fortgeführt wurde gestern, Lächeln ist heute. Der Ton, den die beiden jüngsten Bücher von Botho Strauß anschlagen, ist schon im Titel grundverschieden. „Der Fortführer“, erschienen Ende März 2018 bei Rowohlt, war eine ebenso präzise wie poetische Bestandsaufnahme des Konservativen in Zeiten allgemeiner Beschleunigung, den „Einfaltspinseln des Fortschrittsglaubens“ ins Stammbuch geschrieben. „Zu oft umsonst gelächelt“, ab heute im Handel, bei Hanser verlegt, nimmt die Welt der Paare in den Blick, lotet die Weiten der Nahbeziehung von Mann und Frau aus und findet zu einem lakonischen, ja heiteren Tonfall zurück. Botho Strauß dreht der Welt eine Nase und hat seine Freude daran.

Über den anschwellenden Bocksgesängen und kulturkritischen Einreden, die Botho Strauß beherrscht wie kaum jemand sonst, wurde eine zentrale Tatsache seines Schreibens vergessen: Wie lustig es doch auch zuging, meistens, wenn ein neues Strauß-Stück das Licht der Bühne erblickte. Da gab es, von Ausnahmen abgesehen, immer auch den Tollpatsch, der sich die Hose bekleckerte, die Torkelnde, die ihren Schlüssel suchte, den Mann, der sich im Zimmer geirrt hatte. „Zu oft umsonst gelächelt“ ist das Skizzenbuch zu jenem summarischen Theaterstück, das Strauß vermutlich nicht mehr schreiben wird.

Die Lehre vom Zustimmen

Schon die Helden der erzählerischen Miniaturen klingen wie Rollennamen. Ihren jeweils kurzen Auftritt haben hier: die unbekannte Schlafgenossin, der ferne Geliebte, die Indiskrete, die Pechmamsell, die Anschmiegsame, die redselige Gefährtin, „Weißkamp, ein Liebestrottel“. Und dann sind da noch Bernd Rutz, ein Mann ohne Pflichten, und der „unzulänglich publizierte Biologe Werner Saartes“. Ihnen allen gebührten Bühnenmonologe der kuriosesten Art. Ein Fest wäre es für Maren Eggert, Dagmar Manzel, Jens Harzer. Beispielsweise.

Die Leitmotive dieser ungehaltenen Reden liefert Strauß mit leichtem Strich: „Männer, das ging früh daneben.“ „Tanja, alle Männer hinter sich.“ „Er dachte: Sie ist so klein, sie wird mir treu bleiben.“ „Vielleicht liegt ein Missverständnis vor, war jeweils sein zweites gemurmeltes Wort.“ „Ficken. Um einmal das Wort herauszulassen, das ihnen vielleicht weiterhelfen könnte.“ Der Treffendste von allen aber ist Gisbert. Gisbert „aus der Gegend um Saarlouis“. Er hat das Bestätigen zur „Daseinsform“ erhoben, nickt in Gesellschaft bei allem, was er hört, will dazugehören, nie Ketzer sein, ist „Begründer der Gisbertologie, der Lehre vom Zustimmen.

Weder Altersmilde noch Alterszorn

Unsere Welt ist voll mit diesen Gisberts. Im „Fortführer“ hatte Strauß das „Meinungswesen“ kritisiert, das öffentliche „Medium der allgemeinen Einverständnisse“, in dem „auch die Intelligentesten oft nur sagen, was man am besten so sagt.“ Gisbert ist die komische Nutzanwendung dieser ernsten Lehre. An der Diagnose hat sich nichts geändert, an der Form fast alles. Wenige Wochen vor seinem 75. Geburtstag zeigt Strauß weder Altersmilde noch Alterszorn. Wohl aber hat er sich die Freude an Spott und Hintersinn bewahrt. Nicht vom „rohen Verfluchen“ wie im „Fortführer“ erhofft sich der Schreiber neue Ausdruckswelten, sondern vom Begehren, das ohne die Gefahr der Selbstauslöschung nicht zu haben ist. Die Geschlechtlichkeit der Geschlechter ist Gegenbild zur Gegenwärtigkeit.

Aber, ach, man hat auf dem „Planeten der Paare“ Mann und Frau alle Instinkte aberzogen, „das große Glück, der große Schmerz passen nirgends hinein.“ Frau und Mann sind Vertragspartner geworden, nicht länger auf Tod und Leben Begehrende. Den Braven und Modernen gelten die „liberalen Sicherungen unserer Moral“ mehr als das Wagnis, den anderen in seiner Andersheit zu ergreifen, sich ergreifen zu lassen.

Stimmen der Vergangenheit

Damit ist ein für Strauß typisches Thema angesprochen, wie man es etwa aus den komödiantischen Dramen „Der Park“, „Kalldeway, Farce“, „Sieben Türen“, „Pancomedia“ kennt. Dort wie nun hier treibt unterm Packeis der Zivilisation die Vorzeit, die Unzeit, der Mythos. Zwischen die Geschäftsleute, Buchhalter, Sekretärinnen mischen sich, manchmal für nur wenige Zeilen, Odysseus und Penelope, Judith und Holofernes, Antonius und Cleopatra und erzählen eine ganz andere Geschichte: Was es „vorzeiten“– „vorzeiten“ geschieht hier viel – einmal bedeutete, einander Mann und Frau zu sein, sich ausgesetzt zu sein auf Gedeih und Verderb.

Zu dem, was „vorzeiten“ geschah, zählen hier ganz selbstverständlich neben dem Mythos das Alte und das Neue Testament, Heiland und Hirten. Den Gesandten Jesus deutet Strauß bezwingend als einen „Gewandten aus Jenseitsgewissheit“, Hosea und Hiob sprechen zu uns. Im November erscheint, wieder bei Rowohlt, Straußens Nachdichtung der Geschichte von König Saul. Das Jetzt bleibt zu seinem Glück umstellt von Stimmen der Vergangenheit, die das Jetzt zu seinem Unglück nicht hören will. In hohem Ernst spricht Strauß aus: „Nirgends auf der Welt gibt’s durch und durch nur Welt.“ Wenn die Welt sich lichtet, ließe sich sagen, stammt das Licht von weit oben her.

Das Recht, angesehen zu werden

Der schönste Aphorismus im „Fortführer“ lautete: „Man war doch sein Lebtag im Ausweglosen unterwegs.“ In „zu oft umsonst gelächelt“ empfiehlt sich für diesen Ehrenpreis: „Am Furchtbaren ist das Furchtbarste, dass es eintritt wie ausgemalt und vorgesehen“ – was sich durchaus ins hier kaum berührte Politische weiten lässt, auf die Abfolge je neuer „Zwischenfälle“, deren einen Strauß auf einer Seite knapp schildert, „er stach sie nieder auf offener Straße. (…) Ein Zwischenfall hat sich ereignet.“ Vor allem aber fordert Strauß in diesem erstaunlich gelassenen, wunderbar reifen und überraschend humorvollen Werk ein neues „Menschenrecht“ ein, das Recht, angesehen zu werden. Vom Menschen, den man liebt. „Und doch sucht all unser Sehen nichts als ein Gesehenwerden.“

Am Ende aller Tage mag alles Windhauch sein. Hier und jetzt ist alles Antlitz.

Botho Strauß, zu oft umsonst gelächelt, Hanser, 22 Euro. 

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