Botho Strauß - Veto gegen die Verhöhnung des Gestern

Vor 25 Jahren veröffentlichte Botho Strauß seinen „Anschwellenden Bocksgesang“. Der Essay schenkte dem wiedervereinigten Deutschland seinen ersten Feuilletonskandal. Viele verdammten den Dramatiker damals. Doch sein Text zeugt heute von brutaler Gegenwärtigkeit. Von Alexander Grau

Kandidatinnen eines Schönheitspreises machen Fotos
Über die „Obszönität der Kommunikation“ schrieb Strauß schon, bevor es das Internet gab / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

So erreichen Sie Alexander Grau:

Alexander Grau

Es waren Sätze wie Paukenschläge. Sätze etwa wie dieser: „Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.“ Das war eine Mahnung. Und eine Klage. Als Klage aufgefasst waren diese Worte reine Provokation. Als Mahnung von prognostischer Schärfe. Geschrieben hatte sie Botho Strauß in seinem Essay „Anschwellender Bocksgesang“, erschienen vor 25 Jahren, am 8. Februar 1993 im Spiegel.

Mit seinem Text schenkte Strauß dem noch jungen wiedervereinigten Deutschland seinen ersten großen Feuilletonskandal. Den Startschuss zur Debatte gab Thomas Assheuer in der „Frankfurter Rundschau“, zwei Tage nach Erscheinen des „Bocksgesangs“. Strauß’ „Tirade“ sei „ein Einschnitt, ein unerhörtes Dokument“, „er raune in der Tiefe des Eigentlichen“, sei „Avantgarde des Rückschritts“. Willi Winkler attestierte in der taz: Botho Strauß sei zwar kein Faschist („zuviel er Ehre“), aber ein elitärer Kulturpessimist, mithin die „Weggefährtin Reaktion“ nicht weit. Und in der Zeitschrift Die Woche sah Tilman Spengler einen „Skandal“, Strauß betreibe „Gegenaufklärung“, sei „Säer neuen Unrats“ und „Maulhure des Feuilletons“.

Anschlag auf die Selbstzufriedenheit der Linken

Keine Frage: Strauß’ Text war nichts anderes als ein Anschlag auf die satte Selbstzufriedenheit des postnationalen, durchzivilisierten Wohlstands(west-)deutschen und seiner ideologischen Vorbeter aus Kulturbetrieb, Medien und Universitäten. Dass der Einspruch aus der Mitte des Milieus kam, von einem angesehenen Dramatiker und Dichter, dem das linksliberale Kulturbürgertum, seine Feuilletons und Theaterbühnen noch gestern gehuldigt hatten, das machte die Sache nur noch schlimmer.

Dabei hatte Strauß seinen Text mit einer Hommage an die moderne Gesellschaft begonnen und große Bewunderung ausgedrückt „für die ungeheuer komplizierten Abläufe und Passungen, für den grandiosen und empfindlichen Organismus des Miteinander“. Was Strauß’ Gegner aber auf das Äußerste reizte, war seine Kritik am Juste Milieu („seltsam, wie man sich links nennen kann, da links doch von altersher als Synonym für das Fehlgehende gilt“) und sein Plädoyer für eine rechte Lebenshaltung: „Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben; die den Menschen ergreift […] inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse“.

Dass Strauß hier nicht für eine politische Position plädierte, sondern für eine existentielle Haltung, machte die Sache aus Sicht seiner Kritiker nicht besser, sondern setzte ihn des Verdachts elitären Dünkels aus. Doch das waren intellektuelle Nebenkriegsschauplätze. Was in der bundesdeutschen Intelligenzija tatsächlich auf Unverständnis bis Empörung stieß, war Strauß’ schonungslose Kritik an dem Projekt der linksliberalen, posthistorischen Vernunft und ihres universalistischen Anspruches. Eindrücklich warnte er: „Es ist gleichgültig, wie wir es bewerten, es wird schwer zu bekämpfen sein: dass die alten Dinge nicht einfach überlebt und tot sind, dass der Mensch, der Einzelne wie der Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist.“

Seine Kritiker erscheinen bieder und fad

Strauß sollte auf grausame Art Recht behalten: Nur 18 Tage nach der Veröffentlichung des „Bocksgesangs“ explodierte im Untergeschoss des World Trade Center eine verheerende Bombe. Sie war das Vorspiel des von Strauß prognostizierten Kriegs zwischen den „Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens.“ Und auch die inneren Spannungen westlicher Gesellschaften sezierte er schonungslos: die „Obszönität der Kommunikation“, lange bevor das Internet Massenmedium wurde (1993 kann der erste Browser auf den Markt); die Liberalen, die nicht mehr liberal durch sich selbst sind, sondern als sich liberal rüstende Gegner des Antiliberalismus; die Intellektuellen, die freundlich zum Fremden sind, „nicht um des Fremden willen, sondern weil sie so grimmig sind gegen das Unsere.“

Doch Strauß Text war keine Kampfschrift. Sie war eine Traueranzeige, ein melancholisches Veto gegen die Verhöhnung des reichen Gestern zugunsten eines sterilen Morgen. Und weil man im Milieu antiseptischer Aufgeklärtheit kein Gespür für die Kollateralschäden des eigenen Triumphes hat, war der „Bocksgesang“ zugleich Warnung: „Von der Gestalt der künftigen Tragödie wissen wir nichts. Wir hören nur den lauter werdenden Mysterienlärm […]. Die Opfergesänge, die im Inneren des Angerichteten schwellen.“ Auch wenn es kein Trost ist: Strauß’ Text ist heute von vitaler, ja brutaler Gegenwärtigkeit, die Einwände seiner damaligen Kritiker hingegen erscheinen nur noch bieder und fad.

Martin Arndt | Sa, 3. Februar 2018 - 09:35

B. Strauss stimmt sicherlich Nietzsches Prophetie des Letzten Menschen zu. Homogenisierung des Menschen zum oberflächlich banalen Dauergrinsen auf Kosten der Tiefe u. menschlicher Exzellenz. Die Synergie von Helene Fischer u. A. Laschet.Total entpolitisiert in blasierter self-complacency. "Wir haben das Glück erfunden". Wehe dem, der nachdenkt.

Romuald Veselic | Sa, 3. Februar 2018 - 09:38

erleben, die aus dem Osten kommt, der früher ein Kolonialarchipel der UdSSR war. Weil man von diesem Zustand nur etwa zwei Generationen rückwärts entfernt ist, lässt man der westlichen Arroganz, die sich Weltoffen und moralisch auf dem höchsten Stand wähnt, keine Chance. Dort wird die Westdeutsche Willkommenskultur nur als eine andere Form vom selbstverschuldeten Selbstmord auf raten interpretiert und wahrgenommen.

Dr. Roland Mock | Sa, 3. Februar 2018 - 10:18

Danke für den Tipp, Herr Grau. Viel ist der Analyse von Strauß wirklich nicht hinzuzufügen. Sie ist hochaktuell. Apropos links und rechts: Eine weite Mehrheit der Journalisten, Künstler, „Intellektuellen“ usw. bezeichnet sich ja heute als „linksliberal“. Als ganz selbstverständliche, bei „fortschrittlicher“ Gesinnung einzig mögliche Geisteshaltung. Das „liberal“, wie immer man es interpretieren mag, können sie sich schenken. Sie sind links, sonst nichts. Links ganz in Straußscher Interpretation für „das Fehlgehende“. Und lustigerweise nach wie vor auch noch stolz darauf.

Christoph Kuhlmann | Sa, 3. Februar 2018 - 10:40

und die Reflexion. Sie kann gar nicht anders als nach vorurteilsbeladenen Kriterien zu richten. Kommunikation lässt nur eine focussierte, höchst selektive Darstellung der Realitär zu, die sie bestenfalls in einzelnen Aspekten erfasst. Zum Aufbau der eigenen, wertbezogenen Komplexität greift sie auf das zurück, was sich gemeinhin Vorurteil nennt. In einer Zeit, in der die "Kloake" Fernsehen es erfordert pointierte Kurzfassungen abzuliefern, hat niemand die Zeit einen moralischen Kontext infrage zu stellen. Ebensowenig wie die intentional reduzierte Darstellung der Sachlage, auf der er beruht. Die Ideologie bleibt somit diffus und unhinterfragt. In Deutschland kommt hinzu, dass der Apell an das nationale bzw. kulturelle Wir nach den Erfahrungen des Hitlerfaschismus in einem Ausmaß verpönt ist, dass die Konstruktion einer konkurrierenden Moral weitgehend entfällt. Machen wir uns nichts vor, Moral ist immer auf auf Werturteile angewiesen, welche Vorurteile auf infame Weise insinuieren.

Nur Hamanda | Sa, 3. Februar 2018 - 10:49

Stimmt: "...die Einwände seiner damaligen Kritiker hingegen erscheinen nur noch bieder und fad." Kein Zufall, dass da nicht "erschienen" steht?
Denn diese Kritiker sind bis heute allgegenwärtig, in mächtiger Schar und Position, Ideologie-intelligent, Erkenntnis-renitent und ...die Argumente haben sich nicht geändert. Obwohl der rosa Elefant kilometerhoch in den Himmel ragt.
Ein Trauerspiel und schlimme Folgen scheinen unausweichlicher denn je. Vorboten gibt es in bitterer Regelmäßigkeit zu betrachten. Wer sie sehen will, schaut hin. Wer sie nicht sehen will, verleugnet sie und bezeichnet den Überbringer der Botschaft als Feind. Dogmatismus gegen Aufklärung und das im 21. Jahrhundert.

Henner Rodenbusch | Sa, 3. Februar 2018 - 11:46

Herr Grau verlässt das obligate Hinschleichen in der Gedankenbahn, die die Main Fake Medien und der Staatsfunk auf allen Kanälen eingetunnelt haben. Das ist bemerkenswert.

Dass Grau völlig Recht hat - und Botho Strauß natürlich vorweg - ist für mich evident.

Gisela Fimiani | Sa, 3. Februar 2018 - 12:19

Haben Sie Dank für's Erinnern!
Zumal Eliten-seits das Vergessen nach Kräften befördert wird.

Christa Wallau | Sa, 3. Februar 2018 - 12:23

Was Botho Strauß in seinem "Anschwellenden Bocksgesang" anspricht, ist ein Thema, das im linksliberalen, universalist. Denken keine Rolle mehr spielt, ja, geradezu sträflich vernachlässigt wird: Das elementare Bedürfnis des
Menschen nach Verwurzelung!
Die französ. Philosophin, Dozentin und Sozialrevolutionärin jüd. Abstammung
SIMONE WEIL (1909-1943) hat dieses Faktum in ihrer - dem g a n z e n Menschen zugewandten - sozialkritischen Haltung klar erkannt u. den Begriff der VERWURZELUNG ins Zentrum ihres Denkens gerückt. Den Marxismus lehnte sie deshalb als utopisch ab u. betonte, daß jeder
Mensch einer bewußten Teilhabe an einer TRADITION, in die er durch Geburt, Ort, Beruf und
Umwelt gestellt ist, bedarf. Erst dadurch wird er fähig, das Leben u. seine Aufgaben zu bewältigen. Es gibt für Weil staatliche "Pflichten dem Menschen gegenüber", deren erste es ist, sein Bedürfnis nach Tradition, Heimat und Eigentum zu befriedigen.
Es ist lohnend, sich mit S.Weil zu beschäftigen.

Daniela Lütke | Sa, 3. Februar 2018 - 12:43

...Text. Es ist schön, dass es noch Intellektuelle gibt, die unsere besten Köpfe und das, was diese zu sagen haben, würdigen, statt sie alle als alte weisse Männer zu diskreditieren und auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen zu wollen. Und empfehle auch seinen Sohn zu lesen in Dee FAZ und "Sieben Nächte"...da wächst Nachwuchs heran für die bösen alten Männer...im Wortsinne und zum Glück.

Cecilia Mohn | Sa, 3. Februar 2018 - 12:46

2015 hat Botho Strauß eine Fortsetzung zum ANSCHWELLENDEN BOCKSGESANG geschrieben. Von den Mainstreammedien mit Gift und Galle bespuckt. DER LETZTE DEUTSCHE. Strauß verweigert sich dem linken Mainstream und analysiert schonungslos den Zustand dieses Landes. Rechts sein bedeutet, Traditionen zu achten. Links sein ist verkehrt sein, ist eine bis zur Tyrannei gesteigerte Freiheit, die eine Gefahr für das Individuum darstellt. Strauß hat recht natürlich. Aber er ist nicht der letzte Deutsche, weil diese Nation aufwachen und die linke Tyrannei abschütteln wird.

Werner Peters | Sa, 3. Februar 2018 - 12:54

Vielen Dank, dass Sie an diesen hervorragenden - und in der Tat heute hoch aktuellen - Text von Botho Strauss erinnern. Die damaligen Kritiker, u.a. Willi Winkler, heute noch vereinzelter SZ-Schreiber, "bieder und fad" ist noch harmlos ausgedrückt. Übrigens gab es wegen Strauss vor Monaten ja auch eine Debatte unter den Links-Intellektuellen, als er es wagte, Merkels Politik zu kritisieren. Die "altehrwürdige" (!) ZEIT ließ sich sogar hinreißen, Strauss die Einweisung in die Forensische nahezulegen. Der Artikel hängt bei mir überm Schreibtisch, weil ich nie gedacht habe, dass man so einen Vorschlag im demokratischen Deutschland wieder lesen könnte.

Heinrich Niklaus | Sa, 3. Februar 2018 - 13:20

Dass sich Botho Strauß als ehemaliger 68er damals als „Rechter“ outete, verzieh ihm das Juste Milieu nie. Mit beängstigender Klarsichtigkeit schreibt er 2015:

„Aber wie will man dem Krieg, falls er uns angetragen wird, ausweichen? Schließlich gehört nicht nur Freiheit, sondern auch Freiheitskampf zu unseren viel beschworenen Werten. Doch zuvörderst melden sich wie immer die Pazifisten zu Wort und erklären: "Deutschland wird jeden Tag weniger. Das finde ich großartig." (Botho Strauß, „Der letzte Deutsche“)

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 3. Februar 2018 - 13:37

dass es keinen Blutzoll geben darf!
Trauern dürfen wir, aber es sollte Platz lassen für eine Zukunft unserer Kinder, aller Kinder.
Statt der Trauer hätte mir auch unsere Kultur gereicht, unsere parlamentarische Demokratie und unser Grundgesetz, eben diese Trauer überhaupt nicht angesagt zu sein.
Allein, es gab nicht nur unsere Bundesrepublik sondern auch die evtl. Pervertierung eines Neubeginns in Ostdeutschland, die DDR und zwar getragen von Menschen, die sich - da seien wir bitte auch sehr nachsichtig, weil durch Eliten verschuldet - wohl erst kürzlich mit dem Phänomen von kulturellem Überbau beschäftigt hatten.
Als ich ab 1991 öfter in die ehemalige DDR kam und dann "die Seiten" wechselte, habe ich zwei Dinge für mich gesehen.
1. den kulturellen Kahlschlag, der Generationen des Aufbaus benötigt und
2. dass diese Zeit nicht gegeben ist, der Anschluss an die Zeit nötiger.
Merkel ist für mich ```Schöne neue Welt´´´ und `Untergang des Abendlandes´.
"Doch alle Lust will Ewigkeit"

Hans-Hasso Stamer | Sa, 3. Februar 2018 - 13:54

...die kein Problem damit hat, wenn durch ihre 4.0-Innovationen massenhaft Existenzen vernichtet werden, aber selbst die kleinste Randgruppe noch emanzipieren will, ist ziemlich unerträglich. Diese im Westen verbreitete Selbstgefälligkeit, die mir nach dem Fall der Mauer auffiel, hat Strauss treffend benannt.

Er hat, wie viele Künstler, eine Art Frühwarnsensorium für kommende gesellschaftliche Entwicklungen. Und deshalb wirkt sein großartiger Text auch noch 25 Jahren hochaktuell, so als wäre er erst heute geschrieben worden.

Es ist sicher das Vorrecht der Jugend, alles neu zu denken und, unbelastet von Tradition und eingefahrenen Vorstellungen, Neues zu beginnen und durchzusetzen.

Je älter man wird, desto mehr sieht man aber, wie durchdrungen die Welt von Geschichte ist, daß Dinge nicht nur an sich bestehen, sondern aus ihrer Entwicklung heraus zu begreifen sind, welche Parallelen es historisch bereits gibt und daß Sprachregelungen die Realität nicht heilen können.

Edgar Thormeyer | Sa, 3. Februar 2018 - 14:08

Danke für diesen Hinweis auf ein nicht mehr ganz neues Buch, dessen damals nur beschriebenen Sprengkraft sich heute immer mehr realisiert.
Ich werde es im Original lesen, schon um des Vergleichs willen, wie weit man als Intellektueller eigentlich die heutigen Zustände hat vorhersehen können.

Markus Michaelis | Sa, 3. Februar 2018 - 15:00

"Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens."

Für mich ist es zu hinterfragen, ob links-liberal (oder wie man es nennen will) als Fortbringen oder Fortschritt zu sehen ist. Wie immer ist es vielschichtigt und einige Schichten sind in erstarrten Übertreibungenn gelandet. Die Fixierung auf die Nazi-Zeit und die Vereinnahmung von Geschichte als einem Prozess, der entweder auf den Holocaust zuläuft (als höchste Entartung von Rassismus, Fremdenhass, Nationalismus) oder eben von ihm wegführt, ist nicht gut. Diese Maßlosigkeit im Anspruch der Geschichts- und Mensch-Interpretation birgt in sich selber viel Potential für größeres Unheil.

Mathias Trostdorf | Sa, 3. Februar 2018 - 18:09

"...die Intellektuellen, die freundlich zum Fremden sind, „nicht um des Fremden willen, sondern weil sie so grimmig sind gegen das Unsere.“

Dieser Mann hatte Weitblick. Genauso findet man es ja seit Jahren in gewissen Kreisen vor: Das Fremde wird kritiklos überhöht, das Einheimische verachtet und abgelehnt. Gleichwohl verstehe ich nach wie vor nicht, wie viele Linke und Grüne alles "Deutsche" einerseits so hassen, während sie doch andererseits gut von den Leistungen und Errungenschaften der Generation(en)leben, auf die sie mit Arroganz und Besserwisserei- oft in Abwesenheit eigener Leistungen- herunterblicken, die sie obendrein verurteilen und belehren wollen.
Gibt es dieses Phänomen eigentlich auch in anderen Ländern oder ist das ein deutsches Problem?

herbert binder | Sa, 3. Februar 2018 - 21:06

"Ein leichtfertiger Mann schoß mit seiner Flinte einer
Taube in das geplusterte Gefieder. Ein unvergleich-
licher Laut des Zorns und des Wehs entwich dem
Vogel. Aber auch alle Verächtlichkeit, die ein Tier dem Menschen zeigen kann, lag in diesem greulichen
und abgründigen Laut. Die Taube wackelte ein paar
Taubenschritte voran, wie um zu beweisen, daß der
Schuß sie nicht erledigt hatte. Jedenfalls zeigte sie sich so. Vielleicht war es auch ihr gekränkter Stolz, der sie so stark machte, daß sie ihr Enden dem Mörder vorerst verbergen konnte.
Aber dann sah man sie mit dem Geschoß im
Schnabel und staunte nicht schlecht, als der spitze
Schnabel die Mordperle trug, die sich der Vogel aus
seiner Wunde gepickt hatte."
Botho Strauss heute ("Höhlenbilder").
Ich wünschte, der Text wäre von mir.

Bernd Briele | Sa, 3. Februar 2018 - 21:28

...dass die Überwindung des Nationalstaats und die Einebnung kultureller Identitäten keineswegs den Menschheits-Idealen der französischen Revolution die da bekanntlich lauten "Liberte, Egalite, Fraternite" zu neuer Geltung verhelfen werden. Vielmehr ist es das seit langem propagierte Ideal der Kapital-Eliten, eine globalisierte Weltregierung mit einem unerschöpflichen Potenzial kulturell entwurzelter Tagelöhner zu erschaffen. Dass wir uns schon lange in diese Richtung bewegen, ist eigentlich nicht zu übersehen. Und dass unsere Welt dadurch friedlicher, weil gerechter würde, darf ernsthaft bezweifelt werden. In Deutschland nun scheint man es leider besonders eilig zu haben - massgeblich aus Scham über die Greuel des Nationalsolzialismus - sich von der eigenen Geschichte und Identität lossagen zu wollen, ohne auch nur einen Moment inne zu halten. Ein Volk, dass sich selbst verleugnet, ergibt sich aber nicht nur militärisch, sondern auch intelektuell in die Abhängigkeit von Anderen.

Hallo Herr Briele, wollte nur kurz kundtun, dass Sie mit Ihrem Kommentar genau in's Schwarze getroffen haben. Das Problem ist und bleibt, dass inzwischen so viele Alt- oder Post-68er an den Schaltstellen der Unternehmen und Parteien sitzen, dass es extrem unwahrscheinlich erscheint, dieses Gefüge könne "zurückgedreht" werden. Zuviele dieser "Durch-die-Institutionen-Marschierer" sind saturiert, selbstgefällig - und einfach nur noch eine Karikatur ihrer ehemaligen Ansprüche. Und nicht zuletzt sei zu bedenken: Wer gibt schon gerne zu, sich geirrt zu haben ... Dann müsste man womöglich mit seinen Lebenslügen aufräumen ...

Jacqueline Gafner | So, 4. Februar 2018 - 11:48

selbstbewusst (sich seiner selbst bewusst) zu sich stehen können sollte, mit all den Schwächen, aber auch Stärken, die ihn als Individuum ausmachen, sollte sich das doch auch jede beliebige "von andern unterscheidbare" Gesellschaft (um nicht in sogenannt linksintellektuellen Kreisen verpönte Begriffe wie "Nation" oder "Volk" in den Mund zu nehmen) leisten können, ohne sofort mit dem Vorwurf bedacht zu werden, sich in ewiggestrig-ungebührlicher Art und in diskriminatorischer Absicht von andern abgrenzen und über sie erhöhen zu wollen. Was soll falsch daran sein, dass ich nicht du bin, und umgekehrt? Und weshalb sollte ich nicht ich und du nicht du bleiben können, so lange wie uns deswegen nicht wechselseitig die Köpfe einschlagen, sondern friedlich aneinander vorbeikommen, als zwar nicht Gleiche, aber Gleichwertige? Und im Idealfall sogar Interesse aneinander entwickeln, gerade weil wir nicht gleich sind, sondern uns einigen Punkten erkennbar voneinander unterscheiden?

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 4. Februar 2018 - 16:33

gegen Thomas Assheuer recht behalten?
Nach Lage der Dinge könnten wir heute höchstens sagen, recht bekommen.
Diese Lage der Dinge ist gekennzeichnet durch Angela Merkels Flüchtlings/Asyl/Migrationspolitik oder neudeutsch auch schon mal Kontrollverlust genannt.
Ich kann nur davor warnen Äußerungen oder Befindlichkeiten Frau Dr. Merkels zur Grundlage des eigenen Denkens zu machen.
Dies lag weder bei Botho Strauss noch bei Thomas Assheuer vor.
Thomas Assheuer schreibt aus meiner Erinnerung heraus gesagt, mehrschichtig und durchaus vertrackt.
Er ist ganz und gar nicht frei von Verstehen auch für die, die er kritisiert.
Nur auf Reizwörter seine Texte hin zu durchforsten, schlägt meines Erachtens fehl.
Wenn Herr Botho Strauss weiterdenken und arbeiten möchte, kann er sich genau an Thomas Assheuer halten.
Er muss ihm nicht zustimmen, aber er muss weitergehen wollen, nicht zurück.

Ruth Müller | So, 4. Februar 2018 - 19:07

[Kulthandlung des alimentierten Leidens]

Unter Selbstmitleid wird ein menschliches Verhalten verstanden, auf Missgeschicke, eigenes Versagen und Unfähigkeit negativ zu reagieren (im Extrem: „alles hat sich gegen mich verschworen“). Mangelnde Selbstkritik und die Weigerung, übergeordnete Gesichtspunkte einschließlich der Häufung von ungünstigen Zufällen nüchtern einzubeziehen, kommen hinzu.

Albert Röser | So, 4. Februar 2018 - 19:25

Erfreulich, dass Cicero an das fulminante Manifest des "Anschwellenden Bocksgesangs" erinnert, in dem Strauss schon 1993 voraussah, was wir seit 2015 als Migrationskatastrophe und in der Folge davon als Krise der deutschen Demokratie generell erleben. Mit dem zitierten Satz "Rechts zu sein ..." verweist Strauss auf eine Reihe von Bewusstseinslagen, die das konservative Denken ausmachen. "Der Rechte in solchem Sinne ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund vom Hooligan". "Der Rechte" hoffe "auf einen tiefgreifenden ... Wechsel der Mentalität, auf die ... Verabschiedung eines nun hundertjährigen 'devotionsfeindlichen Kulturbegriffs' (Hugo Ball)". Der von Grau zitierte Halbsatz über die "Intellektuellen" endet mit dem harten Urteil, sie "begrüßen" "alles", "was es (das Unsere) zerstört". Erkannt haben dies inzwischen geschätzt 90% der Leserbriefschreiber, die sich täglich in den Online-Medien äußern. Diese Selbstzerstörung bringt die Menschen zur Verzweiflung. A. Röser

Dr. Markus Müller | So, 4. Februar 2018 - 23:10

Ein kluger Beitrag von Boto Strauß. Wir leben in einer wichtigen Zeit, wer hätte das nach 1989 gedacht. Das "Ende der Geschichte" ist nicht eingetreten. Das Deutsche Vaterland hat verlorene 2 Weltkriege überlebt, gehört laut BBC Umfrage trotzdem wieder zu den beliebtesten Ländern der Welt, den Meisten geht es gut. Und dennoch: ob es die Völkerwanderung des 21. Jahrhundert übersteht, ist ungewiss. Ein Land (vielmehr dessen Regierung), daß sich in diesen Zeiten weiterhin notorisch weigert, seine Grenzen zu kontrollieren (anders als jedes andere zivilisierte Land der Erde), spielt mindestens mit dem Feuer.

Albert Schultheis | Mo, 5. Februar 2018 - 12:27

Aus dem, was die Kirche mit gigantischem Erfolg seit Tausend Jahren ausübt, nämlich die Unterwerfung und Gefügigmachung durch die fortwährende Iteration der Erbschuld, das treiben die "Linksliberalen" auf ganz neue Höhen, um das gemeine Volk (wir haben leider kein anderes Wort dafür) zu ducken, zu maßregeln und gefügig zu machen. Und sie funktionieren zauberhaft: die Nazikeule, das Populismusverdikt. Und alles, was nicht ins Bild passt, das sind "Fake News" - allabendlich entlarvt durch ARD und ZDF. Dazu die Tatortkrimis, damit wir die innere Dynamik der Schönen neuen Welt vor Augen geführt bekommen und als systembedingt verinnerlichen. Ja, deshalb müssen die etablierte Geschichte und die Erinnerungskultur unbedingt gepflegt werden. Würde sie dem Vergessen anheim fallen, würden die Protagonisten der Erneuerung auf Teufel-komm-raus morgen nackt dastehen. Es ist die permanent verfügbare Schuldzuweisung, die ihre Machtposition absichert und ihre Ideologien an den Mann/die Frau bringt.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.