Antonio Scuratis über Benito Mussolini - „ Italien hat den Faschismus nie wirklich aufgearbeitet “

In Italien ist Antonio Scuratis Roman über Benito Mussolini zum Bestseller avanciert. Ein Interview über die Macht der Fiktionen über die Geschichte, welche bis heute in den Köpfen verfangen.

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Menschen bringen Blumen zur Tür der Krypta, in der Mussolini begraben liegt / dpa

Herr Scurati, warum haben Sie im 21. Jahrhundert einen „historischen Roman“ über Benito Mussolini geschrieben?

Ich ziehe die Bezeichnung „dokumentarischer Roman“ vor, weil die Geschichte im Roman die Hauptrolle spielt. Ich hatte das Bedürfnis, ihn zu schreiben, nachdem das antifaschistische Fundament der Italienischen Republik – das heißt die endgültige Verurteilung des Faschismus durch unsere Zivil- und Geistesgesellschaft – weggebrochen war. Das machte sich im Laufe der letzten Jahrzehnte immer stärker bemerkbar. Angesichts dessen schien es mir angebracht, den Faschismus in einer freien, ungebundenen Erzählform darzustellen und dabei jene Wahrheit zum Ausdruck zu bringen, die nur die Literatur zu vermitteln vermag. Schließlich ist es kein Zufall, dass bis heute noch nie ein Roman geschrieben wurde, dessen Protagonisten Mussolini und seine Anhänger sind.

Hatten Sie keine Bedenken, dass mit einem Roman der Duce „glorifiziert“ oder – wie man hier in Deutschland sagen würde – die Schrecken des Faschismus relativiert werden könnten?

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Fritz Elvers | Di, 13. Oktober 2020 - 22:22

Der italienische Faschismus scheint mir ebenfalls viel zu wenig beleuchtet zu sein. Die wirkmächtigen Mechanismen, wie Heilsversprechungen bei gleichzeitiger Menschenverachtung, hohler Nationalismus und rhetorische Veinfachung komplexer Zusammenhänge sind gerade in schwierigen Zeiten, wie sie uns aus verschiedenen Gründen wahrscheinlich bevorstehen, nach wie vor das Mittel der Wahl, um eine Demokratie zugunsten einer faschistischen Machtergreifung zu zerstören.

Bezeichnend ist auch die radikale Ablehnung des Parlamentarismus und der dort vertretenen Parteien.

Christa Wallau | Mi, 14. Oktober 2020 - 10:29

... kann man dazu nichts sagen.
Daß Italiener, Spanier u. andere Europäer ihre Phase in der Geschichte, die in Deutschland "Nazi-Zeit" heißt, viel weniger kritisch sehen als wir bzw. kaum aufgearbeitet haben, ist ein bekanntes Faktum.
Sie verbinden diese Zeit ja auch nicht mit Greueltaten/Verbrechen wie die Deutschen, obgleich auch sie keineswegs schuldlos bzw. ohne Millionen von Menschenopfern daraus hervorgingen. Der Francismus in Spanien dauerte sogar bis 1975 u. wirkt bis heute nach.
In Italien ist schon deshalb die Ablehnung des Faschismus weniger verbreitet als bei uns, weil die Italiener Mussolinis Durchgreifen dem schwachen, unzuverlässigen Staat, den sie gewohnt waren, vorzogen. Sie vergessen nie, was unter ihm wahr wurde, z. B. die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe, ein erfolgreiche Kampf gegen die Mafia, bessere Sozialpolitik u. ein Gefühl von Größe. D'Annunzios Villa, Park u. Mausoleum am Gardasee sind bis heute (!) beliebtes Besuchsziel
italienischer Schüler!

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