Wahlkampf - Mehr Pepp als 2013

Es wurde viel über diesen Wahlkampf geschrieben, dass der keiner sei. Zwar sind sich viele Wähler schon jetzt sicher, für wen sie stimmen werden. Aber im Vergleich zu 2013 gibt es auch mehr öffentliches Interesse an den Botschaften der Parteien

KOMBO - Wahlkämpfer der Parteien SPD (aufgenommen am 10.08.2017, oben links nach unten rechts), der CDU (aufgenommen am 11.08.2017), der FDP (aufgenommen am 10.08.2017) und der Partei «Bündnis 90/Die Grünen» (aufgenommen am 09.08.2017) bereiten in Stuttgart (Baden-Württemberg) Wahlkampfplakate ihrer Partei für das Aufhängen vor. Die Plakate dürfen in Stuttgart ab dem 12. August ausgehangen werden.
Ein guter Wahlkampf schafft es, ein interessantes Angebot mit starker Nachfrage zu verbinden / picture alliance

Autoreninfo

Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Methoden der empirischen Politikforschung“ an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wahlen, Wahlumfragen und Wahlkämpfe. 

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Unsicherheit prägt die öffentliche Meinung: Was ist von diesem Wahlkampf zu halten? Ist die Sache eigentlich durch? Ist das Rennen gelaufen, der Ausgang klar? Gibt es überhaupt einen Wahlkampf? Und wenn ja, warum? Oder „geht da noch was“, wie Spiegel Online kürzlich fragte? Offenkundig lässt sich über die Natur des aktuellen Wahlkampfs trefflich orakeln. Alternativlos ist das aber nicht. Wir können uns stattdessen der Sache auch empirisch nähern.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 hat Cicero in Zusammenarbeit mit der Universität Mannheim und dem Meinungsforschungsinstitut YouGov den Cicero-Wahlkampfindex entwickelt, der Wahlkämpfe und ihre Qualität vermessen kann. Die Logik dahinter: Ein Wahlkampf soll die Wähler erreichen, auch berühren, sie mit Informationen versorgen, ihnen eine Entscheidungshilfe sein. Aber es reicht natürlich nicht, sich nur das Angebot der Parteien anzuschauen, das uns mittlerweile allerorten begegnet. Es reicht nicht, die Wähler nur zu erreichen. Die Menschen müssen zugleich offen sein für neue Impulse und Anregungen. Oder anders formuliert: Ein guter Wahlkampf schafft es, ein interessantes Angebot mit starker Nachfrage zu verbinden.

Methodik der Studie

In dieser Logik von Angebot und Nachfrage misst der Wahlkampfindex zwei Dimensionen. Die Angebotsseite bildet der Dynamikindex ab. Insgesamt acht Fragen fließen dort hinein: Kommt der Wahlkampf bei den Menschen an? Wie bewerten sie ihn? Werden die richtigen Themen angesprochen? Sind die Menschen interessiert an Inhalten? Reden sie über den Wahlkampf? Finden sie das alles hilfreich? Freuen sie sich auf die Wahl? Sind sie gespannt auf den Wahltag? 

Auf der Nachfrageseite zeigt der Volatilitäts-Index auf, wie (un-)entschlossen die Wähler sind. Wie sehr sind sie bereit, ihre Wahlentscheidung noch zu ändern, um zum Beispiel einer bestimmten Koalition zum Erfolg zu verhelfen? Insgesamt vier Fragen gehen in diesen Volatilitätsindex ein. Beide Dimensionen vermessen den Wahlkampf auf einer Skala von 0 bis 100 – und beide zusammen ergeben als Mittelwert den Wahlkampfindex. Und da wir den Index sowohl im Vorfeld der Wahl 2013 erhoben haben, als auch jetzt erheben, sind wir in der Lage, den aktuellen Wahlkampf einzuordnen – zumindest im Vergleich zu seinem Vorgänger.

Das Ergebnis: Im Juli 2017 – also rund zwei Monate vor der Wahl – lag der (angebotsseitige) Wahlkampfindex bei 45 Punkten, der (nachfrageseitige) Volatilitätsindex bei 28 Punkten; für den Wahlkampfindex ergibt sich so ein Wert von 36,5 Punkten. Ist das nun viel oder wenig? Ist das Wahlkampfglas halb voll oder halb leer?

Entscheidungsprozess ist weiter fortgeschritten

2013 lagen die Werte rund zwei Monate vor der Wahl bei 33 Punkten für den Volatilitätsindex, 43 Punkten für den Dynamikindex und damit bei 38 von 100 Punkten insgesamt. Das bedeutet, dass der Wahlkampf 2017 auf der Angebotsseite etwas lebhafter ist, er hat bereits mehr Menschen erreicht als 2013 und der Dynamikindex fällt im Vergleich etwas höher aus. Das wirkt sich auf den Volatilitätsindex aus, der mit 28 Punkten niedriger liegt als zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren: Die Wähler sind in diesem Jahr demnach in ihrer Wahlentscheidung schon etwas gefestigter.

Ergebnisse im Vergleich

Wirft man einen Blick auf einige Ergebnisse im Detail, so erkennt man genauer, wo die Unterschiede zwischen den beiden Wahljahren liegen. 2013 waren sich rund zwei Monate vor der Wahl 58 Prozent der Wähler sicher, welche Partei sie schlussendlich wählen würden. 2017 sind es 64 Prozent. Sogar noch stärker gestiegen ist die Sicherheit, überhaupt an der Wahl teilzunehmen – zusammen führen diese beiden gestiegenen Sicherheitsfaktoren vor allem dazu, dass der Volatilitätsindex sinkt. Sie zeigen, dass der Entscheidungsprozess vieler Menschen schon weiter fortgeschritten ist als vor vier Jahren. Am Ende ist dieser Prozess aber keineswegs: 27 Prozent der Befragten können sich in diesem Wahljahr vorstellen, am Ende noch mal das Parteipferd zu wechseln, um die Koalitionsbildung am Ende zu beeinflussen. 2013 waren es 30 Prozent. 

Jetzt schon auf dem Endstand von 2013

Werfen wir einen Blick auf die Angebotsseite – wie wird der Wahlkampf 2017 bewertet? 69 Prozent der Menschen sind gespannt auf den Ausgang der Wahl, 37 Prozent freuen sich auf die Bundestagswahl, nur 30 Prozent tun das nicht, die anderen sind diesbezüglich unentschlossen. Allerdings sind auch 43 Prozent der Menschen vom Wahlkampf genervt. Das Niveau dieser Werte liegt ungefähr auf jenem von vier Jahren, der Index ist entsprechend auch nur leicht gestiegen.

Wenn wir noch einmal einen Blick zurückwerfen auf das Wahljahr 2013, dann konnte man dort im Zeitverlauf hin zum Wahltag erkennen, dass sich die beiden Index-Dimensionen in gegensätzlicher Richtung weiterbewegt haben: Mit steigendem Dynamikindex sank der Volatilitätsindex. Ein Wertepaar von 46 für den Wahlkampfindex und 27 für den Volatilitätsindex war damals 2013 erst kurz vor der Wahl zu verzeichnen. Das wiederum heißt aber: Schon im Juli 2017 war der aktuelle Wahlkampf in einem Stadium angekommen, das er 2013 erst kurz vor der Wahl erreicht hat. Es ist also durchaus mehr Pepp in diesem Wahlkampf als derzeit manchmal vermittelt wird, zumindest im Vergleich zu seinem Vorgänger. Und daher darf man auch gespannt sein, wo wir am Ende dieses Wahlkampfs 2017 landen werden.

Yvonne Walden | Mi, 16. August 2017 - 16:40

Für die allermeisten Wählerinnen und Wähler dürfte es fast unmöglich sein, Unterscheidungsmerkmale zwischen den politischen Parteien zu finden und zu durchschauen.
Worin unterscheidet sich denn die CDU mit Frau Merkel an der Spitze von einer SPD mit dem Newcomer Martin Schulz?
Beide Parteien favorisieren unser kapitalistisch-geprägtes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem; die GRÜNEN und insbesondere auch die FDP liegen hier auf etwa gleicher Linie.
Lediglich DIE LINKE bevorzugt programmatisch einen demokratischen Sozialismus, also eine generelle Umverteilung großer Einkommen und Vermögen. Ob sie - in die Regierungsverantwortung gezwängt - auch daran festhält, bleibt abzuwarten.
Und die AfD? Befindet sich offenbar noch in einem Läuterungsprozess, Ergebnis offen.
Diese zumindest theoretischen Unterscheidungsmerkmale wurden von Herrn Professor Fass nicht dezidiert herausgearbeitet, Pepp im Wahlkampf hin oder her.
Darüber sollte sich Thorsten Fass äußern, sozusagen als Orientierungshilfe.

Bernhard Jasper | Mi, 16. August 2017 - 16:48

Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, käme x, y, z, auf…

So sollen wir alle im Vorfeld erfasst und mobilisiert werden. Dann erfolgt das ritualisierte plakatieren im öffentlichen Raum, in einer derartig aufdringlichen Art und Weise und von allen Seiten, dass die gezeigten Bilder und Aussagen sich gegenseitig aufheben. Der Selbst-Darstellung wird Raum gegeben. Man tritt auf, geht wieder ab. Eine inszenierte Wirklichkeit. Bild dir eine Meinung. Und der Politiker denkt in Terminen, wechselt auch ganz schnell das politische Thema, wenn der PR-Berater dazu rät. Dann werden neue bunte Schachtelen ins Schaufenster gestellt und Dinge angekündigt, die niemals umgesetzt werden.

Ja, ist den schon wieder Wahlkampf?

Wolfgang Dubbel | Mi, 16. August 2017 - 18:42

ist es der, der konträre politische Positionen vertritt, oder der, mit dem man um die gleiche Wählerschaft streitet?
Das scheint die Gretchenfrage zu sein.

Armin Dick | Mi, 16. August 2017 - 21:07

Die Bevölkerung soll darauf vorbereitet werden daß das Wohlstandsniveau drstisch weiter sinkt - auf Discounterniveau. Mehr Steuern, Lebenshaltungskosten rauf, Preise für Strom, Benzin, usw. verteuert durch versteckte Aufschläge /Steuern. Was damit Finanziert wird? Südliche Eurostaaten, Sozialleistungen, Flüchtlingsintergration. Keiner hat das besser auf den Punkt gebracht als Merkel - gut und gerne erinnert fatal an den Werbeslogan eines bekannten Billigheimers - gut und günstig. Alle sollen nur noch Billigimport-Einheitspampe konsumieren
Nein Danke! Wählbar ist aus meiner Sicht nur eine Partei, und zwar alternativlos.

Torsten Knecht | Do, 17. August 2017 - 15:04

In reply to by Armin Dick

... geht nicht anders wenn Mindestlohn angesagt ist.

D. gleich Nachtwächterstaat. Laufen lassen. Weiter so. Alternativlos.

Vor 20 Jahren ein Unding, das ein Job zum Leben nicht reicht. Heute fast normal. Wenn wir wissen wollen, wie es in 10-15 Jahren bei uns aussieht? USA ... viele ohne Krankenversicherung, McJobs allerorten, Stadtvierteln nach Ethnien, Polizeigewalt, wohlhabende u. eingegrenzte Wohnsiedlungen mit Security ...

Wurian Reinhold | Mi, 16. August 2017 - 23:15

Dazu faellt mir nur ein. Die Botschaft(en) hoer ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Inhaltloses Geschwaffel!

Dr. Lothar Sukstorf | Do, 17. August 2017 - 13:18

Ich wünsche mir allenfalls Pep Guardiola in die Bundesliga/FC Bayern zurück...Im Übrigen, Merkel, die St. Angela und Pepp, wie soll das denn gehen? Die Glibberraute?

Torsten Knecht | Do, 17. August 2017 - 15:54

... je schlechter der Inhalt, desto besser muss die Verpackung sein!

Mich überzeugt diese Strategie nicht!

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