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Die diesjährigen Abiturprüfungen werden wieder unter erschwerten Umständen geschrieben / dpa

Sommerschulen für Schüler mit Lerndefiziten - „Jeder versinkt im Chaos“

Seit über einem Jahr müssen sich die Schüler immer wieder auf neue Unterrichtsformen einstellen: Online, im Wechsel oder vor Ort. Im Interview erklärt der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm, warum die Politik „Praxis-Profis“ mit einbeziehen sollte.

Autoreninfo

Sina Schiffer studiert an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Politik und Gesellschaft und English Studies. Derzeit hospitiert sie bei Cicero. 

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Dario Schramm ist seit Oktober 2020 Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Er koordiniert die Arbeit der Bundesschülerkonferenz und der jeweiligen Fachabteilungen. 

Herr Schramm, Sie haben gesagt, dass jedem Schüler dieses Jahr die Chance eingeräumt werden müsse, in einer Sommerschule Lerndefizite aufzuarbeiten. Üben Sie damit auch gleichzeitig Kritik am Konzept des Online-Unterrichts? 

Absolut, wir haben gesehen, dass jeder ganz individuell mit dem Unterricht umgegangen und zurechtgekommen ist. Die Einen kamen strukturell besser durch die neue Form des Lernens – sie haben es geschafft, sich gut zu organisieren und sich selbst die Lerninhalte beizubringen. Die Anderen hingegen brauchen vielmehr die Situation in den Schulen und eine vorgegebene Struktur. Da hat jeder ganz individuell Lücken aufgebaut.

Werden durch den Online-Unterricht Schüler in ihren Lernfortschritten von anderen abgehängt? 

Ja, und das ist dann auch irgendwann nicht mehr nur eine Typsache, das heißt die Frage, ob und wie man am besten lernt, sondern das ist auch eine Frage der Wohnsituation und der häuslichen Umgebung. Derjenige, der eine sehr gute Ausstattung hat, das heißt ein eigenes Zimmer und PC, kommt natürlich besser durch die neue Form des Unterrichts  als jemand der sich das Zimmer mit Geschwistern teilen muss und sein altes Handy zum Laufen bringen bekommen muss.

Gibt es denn bereits Anstrengungen, das Konzept einer Sommerschule einzurichten? Oder sind das nur vage Pläne? 

Das ist erstmal nur ein grundsätzlicher Vorschlag gewesen, da es bereits Ideen von der Politik gibt, Sommerschulen zu organisieren. Sommerschulen gab es bereits letztes Jahr in einzelnen Bundesländern, allerdings waren diese Planungen sehr unvorbereitet. Damals hat man dann – „mehr schlecht als recht“ – irgendetwas versucht auf die Beine zu stellen. Und genau das möchten wir dieses Jahr vermeiden. Man sollte sich jetzt schon Gedanken darüber machen, wer die Sommerschulen besuchen wird, wie die Schüler dorthin kommen und wie die Schüler ausreichend informiert werden. Denn letztes Jahr wussten nur sehr wenige Schüler von dem Angebot, Lerndefizite nachzuholen. 

Als Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz vertreten Sie die bundesweiten Interessen der Schüler. Inwieweit hat die Regierung auf Ihre Forderungen Rücksicht genommen und wenn ja, welche waren diese? 

Gerade in dem Programm, was jetzt von der Bildungsministerin Anja Karliczek kommt, wo es um Nachhilfeunterricht und grundsätzlich die Lückenaufbesserung geht, steckt schon sehr viel Anstoß von uns mit drin. Es gab einige Gespräche mit Frau Karliczek die sie positiv gestimmt haben. Es ist durchaus so, dass ich behaupten würde, dass unsere Ideen auch zu Zielen geführt haben. Insbesondere die Hotlines wie „Nummer gegen Kummer“ oder die Anlaufstellen für häusliche Gewalt, wo wir schon lange gesagt haben, dass man diese ausbauen müsse, sind gerade jetzt wichtig geworden. Dort müssten aber immer noch viel mehr Investitionen reinfließen.

Haben Sie als Bundesschülerkonferenz denn wirklich Auswirkungen auf die Tagespolitik und die Entscheidungen der Regierung bezüglich neuer Öffnungsstrategien? Wie gerade jetzt bei der Entscheidung um eine Schulöffnung bei einer Inzidenz von unter 165. 

Bei dem Beispiel wurden wir vollkommen außen vor gelassen. 

Fühlen Sie sich dabei übergangen? 

Ja, gerade wenn es um diese 165 geht, beziehungsweise um die generelle Frage nach der Schulöffnung und der Gestaltung des Unterrichts, fehlt es der Politik oft an einem Praxisbezug. Wir sagen immer gerne: Diejenigen die wirklich wissen wie Schule funktioniert, sind die Schüler und Lehrer. Bei solchen Entscheidungen wäre es natürlich wünschenswert, die „Praxis-Profis“ mit dabei zu haben. 

Dario Schramm
Dario Schramm / Torben Krauß

Einige Bundesländer ziehen wieder die Notbremse und schließen die Schulen, andere hingegen gehen über in den Wechselunterricht. Sind diese unterschiedlichen Öffnungsstrategien zielführend, oder erwarten Sie eher eine flächendeckende Lösung? 

Ich glaube die letzten 14 Monate in der Pandemie haben gezeigt, dass abgesprochene Alleingänge im Föderalismus nicht zielführend sind. Jeder versinkt im Chaos. In der einen Woche werden die Schulen geöffnet, und in der anderen Woche werden sie wieder geschlossen. Die Schüler sind überfordert, da sie sich auf nichts mehr einstellen können. Die Lehrer sind völlig am Ende, da sie an dem einen Tag Online-Unterricht vorbereiten und am nächsten Tag können sie diesen wieder über Bord werfen. Das ist kein Zustand. Und vor allem ist es kein Zustand, dass wir immer noch dieselben Probleme wie zu Beginn der Pandemie haben. 

Sie sind gerade in der Vorbereitung auf ihr Abitur. Glauben Sie, dass Sie einen Nachteil gegenüber den anderen Jahrgängen haben werden, da Sie die zweite Hälfte Ihrer Vorbereitung im Home-Office verbracht haben?

Ich weiß nicht, ob wir einen wirklichen Nachteil haben. Die Bedingungen, unter denen wir die Klausur schreiben müssen, die sind beachtlich. Mich persönlich hat es nicht so sehr getroffen – wobei ich auch sagen muss, dass man bestimmt eine bessere Vorbereitung vor Ort gehabt hätte. Aber ich habe auch Mitschüler, die zu Hause nicht so mitgekommen sind, und da mache ich mir schon Sorgen. 

Wäre es nicht auch eine sinnvolle Strategie gewesen, die Schüler zuerst zu impfen, sodass diese wieder an einem Präsenzunterricht teilnehmen können? 

Das ist eine schwierige Diskussion. Ich glaube aber, dass es richtig war, die vulnerablen Gruppen zuerst zu impfen. Wir als junge Menschen waren in der Lage, uns gut zu schützen. Man muss natürlich auch sagen, dass das Virus alle treffen kann. Aber es war ein richtiger Schritt, die ältere Generation zuerst zu impfen. Ich muss gleichzeitig zugeben, dass gerade jetzt ein Verantwortungsgedanke von der jüngeren Generation gelernt worden ist. Die junge Generation spielt in der Pandemie eine ganz wichtige Rolle und übernimmt eine große Verantwortung – und das ist vielen auch klar geworden. 

Was haben Sie während der Pandemie und dem Unterricht auf Distanz für sich mitnehmen können? 

Wir haben auf jeden Fall gelernt, dass Bildung völlig unterfinanziert ist. Und ich glaube auch, dass sehr viele Abläufe in den Schulen strukturelle Probleme aufweisen. Es hilft nicht immer nur zu sagen, dass die Bildung die oberste Priorität sei – und damit ist es getan. Das schöne Schlachtwort „Digitalisierung“ kann keiner mehr so richtig hören, da es auch in den Schulen nicht so richtig vorankommt. Wir haben gelernt, dass wir sehr unflexibel sind. 

Ich war 2018 ein Jahr in den USA, dort läuft das alles ganz anders ab: Zu Beginn der Pandemie konnte die Schule es jedem Schüler ermöglichen, von zu Hause aus am Unterricht teilzunehmen. Jeder hatte seinen eigenen Computer von der Schule bereitgestellt bekommen und das passende Netzwerk dazu. Damit möchte ich sagen: Dort war man viel besser auf einen solchen Zustand vorbereitet, da es bereits die Infrastruktur dafür gab. Wir konnten das eben nicht leisten, da bei uns digitales Lernen völlig hinter dem Mond geblieben ist. 

Wie kann guter Unterricht in der Pandemie funktionieren? 

Das wichtigste ist der Bezug zueinander und diesen auch aufrechtzuerhalten. Es ist aus meiner Sicht nicht schlimm, wenn man mal das eine Thema inhaltlich nicht so gut mitbekommt, wie das vielleicht im Lernplan steht. Man muss dann eben dafür sorgen, dass das zu keinem Nachteil in den kommenden Schuljahren werden wird. Viel wichtiger ist es, dass jeder Schüler weiß, dass er einen Ansprechpartner hat. Das man sich nicht komplett allein gelassen fühlt. Der Inhalt ist sicherlich eine Sache – Schule ist aber immer noch das Miteinander und das Soziale. 

Glauben Sie wieder an mehr Normalität für die Schüler nach den Sommerferien? 

Ich hoffe es! Ich habe große Hoffnung, dass wir wieder in ein normales Schuljahr starten können. Auch glaube ich, dass Schule nie normal ist – aber eben so chaotisch wie es möglich ist. Gerade diese Corona-Auswirkungen werden uns noch Jahre begleiten. 

Die Fragen stellte Sina Schiffer

M. Bernstein | Do, 22. April 2021 - 10:34

Ich mache auch so etwas ähnliches und habe mittlerweile die Schnauze gestrichen zu. Macht die Schulen/Hochschulen zu und macht sie wieder auf, wenn ein sinnvoller Unterricht möglich ist.
Wer das Land kaputt machen will, der hat es geschafft.

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