Die öffentliche Debatte steuert in Deutschland in Richtung Unfreiheit / Karsten Petrat

Meinungsfreiheit - Stammesdenken statt Rationalität

Die deutsche Gesellschaft lebt in dem Selbstverständnis, eine freie Öffentlichkeit zu haben. In der Praxis werden die Grenzen des Sagbaren jedoch immer enger gezogen - durch eine Rhetorik des Ausnahmezustands, Aggression gegen abweichende Meinungen und die Unlogik der Identitätspolitik.

Bernd Stegemann

Autoreninfo

Bernd Stegemann ist Dramaturg und Professor an der Hochschule für Schauspiel (HfS) Ernst Busch. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschienen von ihm das Buch „Die Öffentlichkeit und ihre Feinde“ bei Klett-Cotta und „Wutkultur“ bei Theater der Zeit (August 2021).

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Die Öffentlichkeit ist ein ungemütlicher Ort. Wäre sie eine Person, wäre man ungern in ihrer Nähe. Ständig versteht sie etwas falsch, bei dem kleinsten Anlass schreit sie laut auf. Und für Kritik ist sie gänzlich taub. Nun ist die Öffentlichkeit kein Ort und auch keine Person, sondern eine Verabredung, die Menschen miteinander treffen, um sich über die Probleme auszutauschen, die uns alle angehen. Dieser imaginäre Ort entsteht und vergeht also durch die Art, wie er benutzt wird. Wenn alle nur schreien und niemand mehr zuhört, entsteht eine andere Öffentlichkeit, als wenn aufmerksam zugehört und reflektiert gesprochen wird. 

Die Freiheit einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie offen dieser Ort ist. Je autoritärer ein Regime ist, desto rigider reglementiert es das öffentliche Sprechen. Denn was nicht öffentlich besprochen werden kann, das kann auch nicht zum Gegenstand von Kritik an den Mächtigen werden. Die deutsche Gesellschaft lebt in dem Selbstverständnis, eine freie Öffentlichkeit zu haben. Auf der Ebene der staatlichen Regulierung sind die Regeln weit gefasst. Was nicht der Verfassung widerspricht oder die Persönlichkeit beleidigt, ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Diese Regeln sind in den USA sogar noch liberaler, und doch mehren sich dort wie hier die Stimmen, die eine zunehmende Unfreiheit beklagen. Ist diese Klage berechtigt?

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Christa Wallau | Sa, 19. Februar 2022 - 18:10

wird ungehört verhallen, lieber Herr Steger.
Zu tief ist das Gift des Moralismus, der egozentrischen Empörung sowie der Dauer-Betroffenheit inzwischen in die deutsche Gesellschaft eingedrungen. "Kultur"-Staatsministerin ist C. Roth!
Für eine - ohne jeden Zweifell wünschenswerte - Vorherrschaft von ARGUMENTEN (= Vernunft), für die Sie plädieren, bräuchte es zudem eine Mehrheit von Wahl-Bürgern u. Abgeordneten, welche diese geistig nachvollziehen können. Die ist aber leider nicht vorhanden; denn die Bildung in D ist seit langem auf den Hund gekommen.
Kurz: Es wird keine Rückbesinnung auf die Ziele der Aufklärung geben - jedenfalls so lange nicht, wie es allen leidlich gut geht.
Und selbst dann, wenn unser Land - was zu erwarten ist - wesentlich schlechtere Zeiten durchmachen wird, dürfte die Ratio nicht das Mittel der Wahl sein, das zur Verbesserung der Lage von allen akzeptiert wird. Überall sehen wir doch Beispiele, wie es in gescheiterten Staaten zugeht - von Aufklärung keine Spur!

Markus Michaelis | Sa, 19. Februar 2022 - 18:23

Spannend ist für mich die Frage, was Gesellschaften zusammenhält. In D glauben wir an DIE universellen Werte, die sich in der Verfassung ausdrücken, Minderheiten stören diese.

Vielleicht kommt eine zusammenwachsende Welt mal an so einen Punkt, im Moment wird durch das Zusammenwachsen der Welt eher sichtbar, dass die Menschen sehr verschiedene Sichtweisen haben. Es ist im Moment nicht zu sehen, dass rationale Betrachtungen zu umfassenden gemeinsamen Sichtweisen führen.

Wie können Gesellschaften da funktionieren?

Ein Gedanke: müssen immer alle die richtigen Werte einsehen? Genau wie bei Ehen, die oft an Zerrüttung scheitern (in jedem Lager), braucht es vielleicht mehr die Möglichkeit, dass sich Gesellschaften auch wieder trennen - Pläne, um Renten, Vemögen etc. zu teilen, ähnlich wie bei Ehen. Alleine die Möglichkeit sich auch zu trennen, mag Dinge entschärfen oder in neue Bahnen lenken?

Bernd Muhlack | Sa, 19. Februar 2022 - 19:31

"Nicht mehr das Argument soll gehört werden, sondern die Position des Sprechers entscheidet darüber, ob die Aussagen wahr sind und ob sie gehört werden. Die Formel hierfür lautet:
Den Opfern muss immer geglaubt werden, alle anderen sollen schweigen und zuhören."

Das ist für mich eine der trefflichen Kernaussagen.
Das Framen, Faken ist angesagt, Tatsachen und objektive Tatbestände, gar Gesetze interessieren nicht mehr.

Wer dieses Verhalten nicht perfekt beherrscht geht unter, hat keine Chance.

"Wo geht es denn zur Öffentlichkeit?"
"Hier gibt es keine Öffentlichkeit im althergebrachten Sinne mehr!"
"Ach?"

Der Ausnahmezustand muss mit allen Mitteln perpetuiert, gefestigt werden.
Unglaublicherweise hat das BVerfG das grob abgesichert. Man wird Mittel finden, um die gebotenen Vorgaben zu umgehen.
Ca veut dire: nächste Klage!

Wo leben WIR?

Ausnahmezustände?
Hier gleich auch.
Wir vernichten die Reste des St. Patricks Day -
laut und nicht CO2-frei!
Das stört hier niemand - im Gegenteil!

Jochen Röschmann | Sa, 19. Februar 2022 - 20:18

Mag ich in mancher Hinsicht nicht „d‘ Accord“ mit dem Autor sein, aber eins ist klar: Er bietet hier eine exzellente Analyse dessen, was -über mögliche Meinungsverschiedenheiten hinweg- „zählt“ und vor allem auch das, was „fehlt“.

WD Hohe | Sa, 19. Februar 2022 - 22:57

Vor etwa Jahresfrist im Fittnesscenter:
Frage an Mann an Theke -
Normale Tonlage - Ohne Publikum
Warum tragen Sie keine Maske ?
Antwort:
Wurf seiner gerade abgefüllten Getränkeflasche zersplitternd auf den Boden
Begleitet durch zorniges Unverständliches
Angestellter sendet mir verstecktes "Ruhesignal"
Mann verschwindet schimpfend.
Angestellter wischt wortlos Boden auf.
Seither frage ich Niemannden mehr.

Jovan Dučić | So, 20. Februar 2022 - 00:21

Vielen Dank, Herr Stegemann, für Ihre brillante Analyse und Erklärungen. Man spürt wie unsere Gesellschaft eingeschränkt und monopolisiert wird – weiß aber nicht wie man sich dagegen wehren kann!
Wir brauchen mehr von starken Denkern die mit der Kraft der Argumente totalitären Ausrichtungen in unserer Gesellschaft und Politik erkennen und entblößen. Das ist die Voraussetzung für die Gegenwirkung!

Jens Böhme | So, 20. Februar 2022 - 08:32

Wären Regeln einfach, fänden die im Artikel gewünschten Regeln bereits Anwendung. Wir schwer neue Regeln Zugang finden, sieht man bei Religionen und deren Problemen. Die derzeitige Entwicklung der Menschheit zielt auf eine wiederkehrende, evolutionäre Entwicklung: der brachialen, gewaltsamen mehr oder weniger zufälligen Auslese in der menschlichen Population. Damit sind nicht Klimawandel oder Weltuntergangsstimmung gemeint.

Urban Will | So, 20. Februar 2022 - 08:40

für diese allumfassende Schilderung einer gesellschaftlichen Entwicklung, die sich dem Zerfall und der Bedeutungslosigkeit hinzugeben begonnen hat. Mit einer bedenklich rasanten Geschwindigkeit.
Diese Gedanken beschäftigen mich schon länger. Quo vadis, Deutschland? Quo vadis, „Westen“?
Wir nähern uns in geistig – ethischer Hinsicht in vielen Bereichen dem Mittelalter und es fehlt eigentlich nur noch eines: wann wird er fallen, der Schutz der „Bösen“, der Ausgegrenzten, „nicht so „wir“ Denkenden“ (früher nannte man sie Kritiker, Zweifler, Menschen mit anderen Ansichten, was auch immer) vor Gewalt?
Sie sitzt bereits auf den Regierungsbänken, die Sympathie für gewisse Gewaltakte (Autobahnblockaden, gefährliche Grennpeace – Aktionen).
Wann also wird es bspw. legitim, „Klimaleugner“ zu schlagen, ihre Autos anzuzünden, etc?
Wann ist es soweit, dass der mittelalterliche Status „vogelfrei“ für gewisse Gruppierungen wieder da ist? Nicht auf dem Papier, aber de facto?

Braucht der historische Vergleich nicht zu gehen, sehr geehrter Herr Will.
Es reich sich mit der Geschichte eines Teils Deutschlands, zwischen 1949 u. 1989, zu beschäftigen. Da ist sehr genau zu Erkennen wie eine Diktatur funktionierte. Auf der einen Seite der ideologische Alleinvertretungsanspruch das „Gute“ für das Volk zu tun und auf der anderen Seite der Niedergang der industriell technischen Basis bis hin zur Mangel & Schatten-(Tausch-) Wirtschaft. Sehen wir uns unser Land an. Die Parallelen sind unverkennbar. Ein Unterschied besteht aller dings: Der Niedergang wird keine 40 Jahre dauern, das geht schneller.10 Jahre Merkellismus + die paar Tage R G G das ist m M schon die Hälfte d. Zeit.
Mit freundlichen Grüßen aus der Erfurter Republik

Joachim Kopic | So, 20. Februar 2022 - 10:41

... und das wurde schon vor über 5(!) Jahren geschrieben ... bekommt hautnah geschildert, wie er, ein "Grüner", als Verräter der "Grozi-Kultur" beschimpft wird, nur weil er realistische Fragen stellt und Denkanstösse gibt!
Ist es eigentlich schon 5 nach 12?

Gerhard Hellriegel | So, 20. Februar 2022 - 11:39

Manchmal, selten, ist es auch ein Vorteil, alt zu sein. Bin 76. Aber ich erinnere mich noch gut an die Verhältnisse in den 50-, 60-, 70-er Jahren.
Wie antwortete damals die Öffentlichkeit auf die Judenvernichtung? Auf die Studentenunruhen? Es gibt noch Videos dazu. Auf die Kritik am Schah? Am Vietnamkrieg? Auf das Auftreten der Grünen? Und wie reagiert sie heute auf Querdenkerdemos? Merken Sie etwas? Es ist nicht schlimmer, sondern besser geworden. Ich bin mit Herrn Stegemann einig, wir müssen darauf achten und reagieren. Aber ich will auf die Gefahr hinweisen, nun anders herum Ausnahmezustand, Empörung, Opfer-, Untergangsfantasien zu erzeugen. Nein, weder die Meinungsfreiheit noch die Demokratie ist in Gefahr. Weder von links noch von rechts. Und die Querdenker sind keine Opfer.
Zu Fakten und Argumenten: wir leben alle aus zweiter, dritter Hand. Das mahnt zur Vorsicht. Der Verweis auf eigene Erfahrungen ist anekdotische Evidenz und damit ziemlich belanglos. Also, trau, schau, wem.

Gerhard Lenz | So, 20. Februar 2022 - 11:42

Die Linke ist eifrig dabei, sich zu zerfleischen. Und Herr Stegemann, der anderswo - anders als wenn er für den Cicero schreibt - noch immer gerne den Linken gibt, mischt eifrig mit.

Die Bewegung "Aufstehen" ist grandios gescheitert. Mehr als zuvor haben seitdem die Vertreter der "altlinken" Linie den multikulturellen "Lifestyle" - was immer das sein mag -der unorthodoxen Linken wie auch "Political Correctness" an die Spitze der zu bekämpfenden gesellschaftlichen "Übel" platziert. Dabei hören sich jene, die so gerne wieder zur Partei einer längst verschwundenen Arbeitnehmerschaft werden möchten, in ihrer zuweilen toxischen Sprache genauso an wie die pseudo-intellektuellen Vertreter der Neuen Rechten.

Plötzlich erscheint den Altlinken so manche gesellschaftliche Diskussion gefährlicher als der Blut-und-Boden-Fanatismus eines Hoecke und seiner AfD oder anderen rechten Sektierern.

Denn darüber ist das Schweigen der Altlinken erstaunlich laut.

Ernst-Günther Konrad | So, 20. Februar 2022 - 15:37

Eine erstklassige Analyse Herr Stegemann mit einem einfach klingenden, aber derzeit schwierig umzusetzenden Lösungsansatz. Die Grundsätze der Aufklärung drohen auf dem Scheiterhaufen zu landen. Es braucht nun noch jemand, der die brennenden Fackeln wirft. Dann werden alle Dämme brechen und jeder andersdenkende wird, wie zu Zeiten der Hexenverbrennung im Fegefeuer landen. Die links-grüne Ideologen und sozialistischen Faschisten sind schon brennenden Fackeln unterwegs, um diesen Scheiterhaufen anzuzünden. Nur noch der Souverän kann es richten in dem er nicht nur wegen der Corona Maßnahmen spazieren geht, sondern wegen des drohenden Zerfalls unserer Demokratie. Wie schlimm es inzwischen ist wird jeder hier Forum aus Familie oder Umfeld berichten können. Die vera.... Geimpften sind zornig nicht nur auf die Politik wegen der Lügen, sondern auch, weil greifbar, auf die Ungeimpften, weil die es von Anfang an wussten und sich weigerten. Sich den eigenen Irrtum einzugestehen ist schwierig.

Tomas Poth | Mo, 21. Februar 2022 - 15:32

Das hat etwas von tribalen Gesellschaftsstrukturen.
Der Familien-Clan wird umstrukturiert zu Gesinnungsgemeinschaften. Claims werden abgesteckt und durch strukturelle Macht gesichert.
Verantwortlich sind die durch die Alt-Parteien eingepflegte Übernahme aller wichtigen Schaltfunktionen.
Hier muß der Rückbau hin zu mehr Demokratie ansetzen, die Parteien-Oligarchie abgebaut werden.

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