Linke und Islamismus - Denken, nicht beten

Zu Zeiten des Kommunismus taten sich Linke schwer mit den Dissidenten aus dem Osten. Heute wollen sie nichts zu tun haben mit den Islamkritikern im eigenen Land – und werfen ihnen stattdessen Islamophobie vor.

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Erleuchtung geht anders / dpa

Autoreninfo

Frank A. Meyer ist Journalist und Kolumnist des Magazins Cicero. Er arbeitet seit vielen Jahren für den Ringier-Verlag und lebt in Berlin.

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Natürlich wurde gebetet. Und selbstverständlich in ökumenischer Besetzung. Wie immer, wenn Menschen im Namen Allahs Schwert und Feuerwaffe zum Opfer fallen – enthauptet wie der Lehrer Samuel Paty in Paris oder die betende Frau in Nizza, erstochen wie der Mann in Dresden, erschossen wie die Passanten in Wien. 

Allahu Akbar, Gott ist groß! Da sind Gottesmänner gefragt, die den Schaden in Grenzen halten – durch Bekunden von Anteilnahme im Namen des Herrn, durch Anrufung himmlischer Mächte „gegen den Terror, woher er auch immer kommt“. So lautete die Beschwörungsformel der Gedenkveranstaltung vor der österreichischen Botschaft in Berlin zur jüngsten Terrororgie. 

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Markus Michaelis | Fr, 27. November 2020 - 15:17

Mit scheint, für unsere Gesellschaft ist die "Absolution des Islam als friedfertige Ko-Religion" vollkommen alternativlos. Zum Einen weil es in den westlichen Gesellschaften inzwischen Millionen Muslime gibt, denen der Islam sehr wichtig ist - ähnlich wie bei uns zentrale Werte wie Europa, Demokratie, Menschenrechte oder so. Da ist wenig verhandelbar oder relativierbar.

Vielleicht noch wichtiger ist ein Motiv aus "uns" heraus: unsere Werte sind für uns so universell, dass der Islam mit seinen vielen Menschen zwingend dazugehören muss. Sonst wären unsere Werte ja nicht so universell und es gäbe konkurrierende Welt- und Gesellschaftsbilder. Das kann nicht sein, nie. Wir würden jede Anpassung vornehmen, bevor der Gedanke zulässig wäre, dass es andere Denksysteme gibt als "unseres". Wenn überhaupt, müssen wir kleine Teile des Islam als nach "universellen" Kriterien extremistisch überführen. Gelingt das nicht, müssen wir uns eben anpassen. Hauptsache die universelle Einigkeit bleibt.

Christa Wallau | Fr, 27. November 2020 - 15:57

Richtig.
Wie einst das Christentum, stellt der Islam neben der geistlichen a u c h eine weltliche Macht dar, welche Eroberung u. Unfreiheit expressis verbis auf ihrer Agenda hat.
Wer das nicht sehen will o. kann, der ist
realitätsblind. Und genau das sind die meisten Verantwortlichen in DE.
Nicht jede Religion o. Ideologie verdient den
gleichen staatlichen Schutz, den unser Grundgesetz garantiert: Dieser darf sich nur auf solche beziehen, welche die Trennung von Staat und Religion/Ideologie akzeptieren und dabei alle Gläubigen/Ideologen darauf verpflichten, sich strikt an die staatlichen Gesetze zu halten. Seine private Ethik u. seine Glaubensüberzeugung darf ein religiös/ideologisch geprägter Mensch - welcher Konfession auch immer - nur im Privaten und im Rahmen der durch den Staat vorgegebenen Bedingungen ausüben.

Was aber geschieht bei uns?
Schritt für Schritt setzt der Islam seine Interessen durch u. bestimmt mit seinen Forderungen jeden Tag mehr unsere Debatten. Cui bono?

und nicht wieder eine Religion und deren Angehörige ganz pauschal an den Pranger stellen, weil sie angeblich irgendeine kolossale Gefahr für unser hübsches Abendland darstellen.

Haben wir Deutschen etwa nicht aus der Geschichte gelernt? Was machen wir denn mit dem Islam? Verbieten?
Angehörige? Ausweisen? Einsperren? Zum Abschwören zwingen?

So geht Demokratie NICHT, höchstens nach Vorstellungen der AfD.

Selbstverständlich gibt es die fundamentalistische, militante Ausprägung des Islams. Mit der viele friedliche Muslime sicher nichts am Hut haben.

Man kann der Linken vorwerfen, dass sie militanten, religiösen Extremismus nicht laut genug kritisiert hat - vermutlich vor dem Hintergrund, sich nicht mit den üblichen Intoleranten in eine Reihe zu stellen. Genauso muss man der Rechten vorwerfen, alle Muslime unterschiedslos anzuklagen.

Noch etwas: Wo fanden denn etliche DDR-Dissidenten ihre politische Heimat in der neuen BRD? Genau: Bei den Bündnisgründen oder der SPD.
Warum wohl?

Wären Sie noch im Hamsterrad, liebe Frau Wallau, würden Sie garantiert auch eine Anstellung bei den freien Medien bekommen.
Inhaltlich perfekt & immer ungewöhnlich ausdrucksvoll ihre Argumentation, Danke.
Für mich persönlich die Krux der Christen: Der christliche Glauben wird durch das Fehlverhalten der Institution Kirche in die gleiche Waagschale geworfen, während man beim Islam mehr wie tolerant & vergebend war & ist. Und dies in ganzer Bannbreite.
Da steckt aber auch System dahinter. Früher gab es einen Sabbat. Heutzutage mehr Verkaufsoffene Sonntage wie ... für die.... & die Singel-Untertan-Wähl-Konsumenten nehmen stetig zu zum Wohle für ....?
Die große Gretchenfrage? Allen einen gesegneten Sonntag, auch euch Cicero-Team.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 27. November 2020 - 16:38

Kann ich wieder einmal alles unterschreiben Herr Meyer. Der Islam ist weder eine freie noch eine friedfertige Religion. Nicht nur Christen und Juden führen und führten Kriege im Namen Gottes. Auch im Namen Allahs werden bis heute erbitterte Kriege geführt, sogar untereinander. Kühnert hat sich dieses Themas nur deshalb angenommen, weil er fürchtet, dass dieser Teil der Realität von den Konservativen inzwischen stark vereinnahmt, seiner Absicht den Sozialismus einzuführen, viele Stimmen nehmen wird. Er macht das aus wahlkampftaktischen Gründen und vergisst deshalb auch nicht zu erwähnen, er wolle das Thema nicht den "Rassisten" überlassen. Der Islam ist aber keine Rasse, sondern eine zutiefst feindselige politisch ideologisierte Religion. Kühnert meint mit "Rassisten" die AFD und alle anderen, die seine sozialistischen Ideen ablehnen. Es geht ihm deshalb nicht um die Rettung von möglichen islamistischen Opfern. Er will lediglich ein "neues" Thema mit Potential für sich generieren.

Kühnert und die SPD möchten allenfalls die Ausbeutung reformieren und damit die kapitalistische Gesellschaftsordnung reformieren und modifiziert verschönern, so wie auch alle anderen bürgerlichen ParlamentarierInnen und neoliberalen Kapital- und Parlamentsparteien.

Mit pseudosozialen und demagogischen Bekundungen kann man den staatlichen Gewalt- und Beamtenapparat der Macht und Herrlichkeit der deutschen Finanz und Quandtschen Monopolkapitalisten nicht abschaffen.

Übrigens, die letzte sozialistische Alternative wurde bereits mit dem Verbot der KPD im Jahr 1956 nachhaltig beseitigt. Und unter Vorsitz von Willy Brandt wurden im Jahr 1972 alle nachfolgenden humanistischen Bestrebungen mit dem Radikalenerlass gegen Freidenker und Postboten ausgemerzt.

PS: Mehr als eine modifiziert massenpsychologische Verschönerung der vorgeblich „sozialen Marktwirtschaft“ ist hier nicht zu erwarten.

gabriele bondzio | Fr, 27. November 2020 - 17:37

wie der Teufel das Weihwasser."...Dazu kommt, bei Muslimen, die den Islam leben. Es ist alles verboten, was der Koran nicht ausdrücklich erlaubt. In unserer Kultur ist alles erlaubt, was die Gesetze nicht ausdrücklich verbieten.
Das sind zwei ganz unterschiedliche Anschauungen.
Samuel Paty ging es um das Denken, er wollte dies auch seinen Schülern vermitteln. Unter denen sich auch Muslime befanden. Einige von diesen war „Denken“ jedoch beleidigend. Oder …zu lernen, für sich selber zu denken und sich von religiöser Bevormundung zu befreien, war/ist ihnen nicht gegeben.
So ähnlich dürfte es vielen Linken gehen. Die Freiheit des Denkens, stößt an selbst gesetzte Grenzen. Sie verirren sich daraus leicht in totalitärer Systeme, die gehalten sind , Kontrolle über das „Denken“ ihrer Bürger zu erlangen. Weil der Mensch nicht uniform ist, sondern individuell und dies ihre Ordnung in Gefahr brächte.

„Denken ist Inspiration der Freiheit. (Bettina von Arnim)

Wolfgang Jäger | Fr, 27. November 2020 - 17:50

Vielen Dank, Herr Meyer für diese klaren Worte. Dissidenten des Islam haben bei uns keine Lobby. Sie gelten als "umstritten", verdächtig "neurechts", islamophob eben. Alles richtig, was sie sagen. Doch sie hätten auch diejenigen erwähnen müssen, die ebenso denken wie sie und davon gibt es in der parlamentarischen Opposition der AfD, die nicht nur aus Höckes &Co besteht, einige. Sie stehen auf der Seite der Dissidenten, mahnen und warnen. Bloß denen hört auch niemand zu. Denn sie gelten als braunes Pack und natürlich als islamophob. Es sind die einzigen, die sich trauen, das Thema auf den Tisch zu bringen. Die "Altparteien" schauen verschämt weg, tabuisieren, färben schön. Kühnerts Äußerungen und auch die jüngsten Bemühungen der Grünen sind dem Umstand geschuldet, dass die Fakten inzwischen eine so klare Sprache sprechen, dass man quasi "nachgeben" muss. Das ist scheinheilig. Denn die undifferenzierte "Wir haben-Platz"-Willkommens-Ideologie steht nach wie vor auf der Agenda.

Dieter Zinn | Fr, 27. November 2020 - 19:09

Herr Meyer, ich schätze Ihre Meinung sehr und lese Ihre Kommentare. So auch diesen. Sie treffen für mich genau die Problematik. Nur bei Heinrich Böll haben Sie nicht meine Zustimmung. Böll war ein ein Förderer von Lew Kopelew in Zeiten des kalten Krieges. Und hat diesem Dissidenten in schweren Zeiten zur Seite gestanden.

Gisela Fimiani | Fr, 27. November 2020 - 19:29

Der „fatale Geschichtsirrtum“ dient als Vorwand für die Feigheit und (oder) die Unfähigkeit die Folgen des eigenen Handelns durch kritisches Denken zu erkennen. Die Konsequenzen, die sich daraus ergäben, wollen unsere Berufspoliter-Karrieristen unter allen Umständen vermeiden. Würden sie sie doch der Ignoranz zeihen. So ergeht man sich lieber in relativierenden Phrasen und muß sein „Faulbett“ nicht verlassen.

Romuald Veselic | Sa, 28. November 2020 - 09:17

der Glaube und das Beten ist eine Einbahnstraße mit Sackgasse. Vernunft, Aufklärung und Nichtglaube/Nichtbeten konterkariert das Vorherige. Durch Beten sind keine Kunstwerke, Entdeckungen und wissenschaftlich-technische Errungenschaften entstanden. Die erste Herztransplantation durch Dr Christian Barnard/ZA, wurde nicht durch das Beten realisiert o. sonstige Voodoo/Hokuspokus Methoden, sondern durch absolutes Wissen u. medizinische Kompetenzen.
Der 1. Pogrom (Massaker/Genozid) auf dem Europaboden, wurde in Granada Anno 1066 verübt. Durch Fanatiker der unverträglichen Bigotterie. Genau das, wollen die griesgrämigen Kleriker im Iran neu bewerkstelligen. Und unsere Regierung darüber spiritisiert, ob ein neuer Atomvertrag doch umsetzbar wäre. Nicht mit den bärtigen Mordsbuben. Da wird eher ein Krokodil sich auf vegane Kost umstellen.
Beten macht nicht neugierig und kreativ. Das Beten im All, ist keine Hauptbeschäftigung der Astronauten.