Donetsk
Einwohner von Donetsk feiern die Anerkennung durch Russland / dpa

Ukraine-Konflikt - Warum Russland seine Drohung wahr machen musste

Der Osten des Landes ist zwar formal Teil der Ukraine, steht faktisch aber schon lange unter dem festen Einfluss Moskaus. Die Russen sind also in ein Gebiet eingedrungen, das sie ohnehin schon beherrschten. Für Putin war der jüngste Schritt fast unausweichlich: Russland musste seine Drohung wahr machen, ohne einen militärischen Konflikt zu riskieren.

Autoreninfo

George Friedman, 73, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

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Russland hat offiziell Soldaten nach Donezk und Luhansk geschickt, und obwohl dies sicherlich das Gefühl der Krise verstärkt, muss dieser Schritt auch im Kontext gesehen werden. Die Region steht seit den Folgen der Maidan-Revolution von 2014 faktisch unter russischer Kontrolle. Sie ist ethnisch stark russisch geprägt und steht der Ukraine feindlich gegenüber. Verschiedene Milizen und paramilitärische Kräfte bekämpfen sich hier seit Jahren, wobei Russland die Separatisten unterstützt.

Der Osten ist zwar formal Teil der Ukraine, hat aber eigene Verwaltungsstrukturen und Militärs aufgebaut, die stark unter dem Einfluss Russlands stehen. Mit anderen Worten: Russland ist in ein Gebiet eingedrungen, das es bereits nahezu vollständig kontrollierte. Aus völkerrechtlicher Sicht handelt es sich eindeutig um eine Invasion. In der Praxis ist die Sache jedoch nicht so eindeutig.

Russland hat seit geraumer Zeit Truppen und Ausrüstung in Grenznähe zusammengezogen, konnte aber die ständige Kriegsdrohung nicht ewig aufrechterhalten – vor allem nicht, wenn Washington immer wieder behauptete, ein Krieg stehe unmittelbar bevor. Moskau war sich auch darüber im Klaren, dass die militärische Aufrüstung zwar ein beängstigendes Bild bot, ein tatsächlicher Einmarsch in ein Land von der Größe der Ukraine jedoch mit Schwierigkeiten verbunden sein würde – selbst wenn man sich sicher war, dass die USA nicht mit Gewalt reagieren würden.

Vorspiel zur umfassenden Invasion?

Russland musste also seine Drohung wahr machen, ohne eine theoretische militärische Reaktion oder eine viel wahrscheinlichere finanzielle Reaktion auszulösen. Es musste das Engagement der USA und im Gegenzug das Engagement Europas für sein Bündnis mit Amerika abschätzen. Die Invasion einer Region, die praktisch, wenn auch nicht nominell, zu Russland gehörte, war ein gutes Mittel, um dies zu erreichen. Sie hat ihre Aggression gezeigt, ohne einen aggressiven Schritt zu unternehmen.

Die Gefahr besteht natürlich darin, dass dies als Vorspiel zu einer umfassenden Invasion angesehen werden könnte. In der Tat wird dies von den meisten so dargestellt. Die Wahrheit ist jedoch, dass es dadurch nicht weniger schwierig wird, die Ukraine gewaltsam einzunehmen, dass die Rechtfertigung nicht weniger schwierig zu verkaufen ist und dass das Überraschungsmoment völlig verloren geht.

Dennoch stehen die Vereinigten Staaten vor einem Problem. Es steht außer Frage, dass Russland die Kontrolle über die Ukraine übernehmen will. Doch bevor das passiert, muss Moskau die Solidarität des Westens auf die Probe stellen. Es hat die USA zum Handeln gezwungen, auch wenn sie die Kosten dafür nicht wirklich auf sich nehmen wollen. Wenn Washington nichts tut – weil es nichts zu tun gibt –, dann kann das allein schon das westliche Bündnis untergraben.

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GPF

Gerhard Lenz | Mi, 23. Februar 2022 - 13:18

Es gibt immer Alternativen. Zum Beispiel mit dem Westen ein gutes Verhältnis pflegen, mit Nachbarländern respektvoll umgehen und deren Souveränität achten - auch wenn diese Länder z.B. in ihrer Verteidigungsstrategie andere Wege gehen. Denn eine Hinwendung der vormaligen Sowjetrepubliken zu EU und NATO bedeutet ja nicht automatisch eine Bedrohung Russlands. Der Kalte Krieg ist doch zu Ende, oder?

Für Putin ganz offensichtlich nicht.

Und wenn er es war, hat ihn Putin neu entfacht. Die Feinde sind jene, die sich in anderen Verteidigungsbündnissen organisieren. Denn die müssen ja gegen Russland gerichtet sein.

Behauptet Putin.

Unter Putin bestehen wirkliche Alternativen nicht mal auf dem Papier. Für den Ex-KGB-Mann gibt es nur Kampf und Sieg. im Innern des Landes gegen Oppositionelle, im Außen gegen den ewigen Feind, die NATO.

Insofern hat Putin tatsächlich keine andere Wahl, er muss seinen Zwängen folgen.

Die Russen können nur hoffen, dass Putins Tage als Zar gezählt sind.

Jens Böhme | Mi, 23. Februar 2022 - 13:37

Wieso sollten Russen ukrainischen Partisanenkampf und ukrainischen Terror herbeisehnen? Putin mag zwar alt sein, aber nicht blöd. Das ist mit dem Schachzug mit der Krim gut gelungen. Jetzt kommen reguläre Truppen in russisch geprägte Ostukraine, um die Russen zu beschützen. Seit vielen Jahren hat in der Ostukraine kein ausweislicher Ukrainer diese Region betreten. Diese "Volksrepubliken" haben seit Jahren russische Strukturen und Administrationen aufgebaut, Währung, Ausweise usw. Es wäre sinnvoller, der westlichen Öffentlichkeit reinen Wein einzuschenken, dass entweder unsere klugen Köpfe das seit Jahren hinnahmen oder uns wissentlich was vom Pferd erzählen.

Anton Stöger | Mi, 23. Februar 2022 - 15:20

haben die armen Ukrainer alles den beiden
Katastrophen Damen -Ashton+Allbright zu -verdanken-!

nicht Putin, der jetzt die Ukraine überfällt, ist an irgendetwas schuld - nein es sind ein paar amerikanische Politiker, die in der Vergangenheit - vielleicht oder auch nicht - irgendwelche Fehler gemacht haben.

Und jetzt den armen Vladimir dazu zwangen, in die Ukraine einzumarschieren.

Na hoffentlich hört er das nicht. Dann wäre das ja ein Anzeichen von Schwäche - und die verträgt der russische Napoleon überhaupt nicht.

Wenn Putin jetzt Russland mit den früheren Sowjetrepubliken nebst den ehemaligen Ostblockstaaten in einem neuen, großen und schönen Groß-Russland vereint, wird das dann auch die ehemalige DDR umfassen? Die Ultra-Putin-Fans aus dem deutschen Osten würden das sicher begrüssen.

Dann wäre zwar Schluß mit Tasten-Widerstand - Putin mag sowas wahrscheinlich nicht - aber den braucht es ja dann auch nicht mehr. Russland - unter Putin - das gelobte Land!

Wobei ich mich schon frage, warum so viele Russland-Deutsche hierherkommen.

es waren Herr Obama, Herr Kerry, Herr Biden, Frau Merkel und Herr Barroso und im Hintergrund Herr Brennan damals CIA Chef. Die Laiendarsteller waren Rebeca Harms, Marie Luise Beck, Werner Schulz, Elmar Brok das Opfer als Filmdiva spielte Frau Timoschenko, Frau Nuland war die gute Fee die verteilte Feuerwasser und Glasperlen (pardon belegte Kekse) auf dem Maidan und vorher fein ausgesuchte Komparsen (Jaze ist unser Mann). All diese haben zu dem Drama in mehreren Akten beigetragen. Und das ukrainische Volk und die dummen Europäerlein dürfen als Komparsen den Schlamassel ausbaden

Tomas Poth | Mi, 23. Februar 2022 - 15:33

Die USA sollten sich stärker auf den pazifischen Raum fokussieren.
Die europäischen Staaten müssen ihr eigenes Ding machen. Europäische Sprach- und Kulturvielfalt darf nicht eingeebnet, verschüttet oder eliminiert werden.
Ein europäisches militärisches Bündnis mit eigener Abschreckungsoption kann die Dominanz eines einzelnen unterbinden.

Heidemarie Heim | Mi, 23. Februar 2022 - 16:13

Eine provokante Analyse bzw. Erklärungsversuch wieso weshalb warum gerade nun for ever-Präsident Putin Fakten schuf zum Entsetzen seiner eventuell leichtgläubigen bzw. glauben wollenden westlichen Verhandlungspartner. Man muss sich schon etwas wundern über die teilweise Fassungslosigkeit der Genannten angesichts der ganzen Auseinandersetzungen auf unserem Planeten, den bestehenden Machtverhältnissen, der ständigen Verschiebung von gesetzten Grenzen und dem Übertreten jedweder Regeln, die das Zusammenleben der Menschen und Völker seit ewigen Zeiten ausmachen. Friede auf Erden? Wenn da nicht die menschlichen Raubtiere und ihre Alphas wären, die sich einen Dreck um Völkerrecht scheren wenn es das politische Spiel oder das dicke Geschäft verlangt. Jahrelang interessierte uns hier in der Komfortzone wenig bis gar nicht die Einhaltung der Vereinbarungen von Minsk, und zwar von beiden Seiten! Wie die Menschen nach zig Kriegsjahren dort denken bzw. überlebten. Aber urteilen, das können wir!

Ernst-Günther Konrad | Mi, 23. Februar 2022 - 17:33

Ja, ich war überrascht, dass Putin diesen Schritt tut, kann ihn aber aufgrund Ihrer Analyse für mich gut einordnen. Nein, ich finde es nicht gut, aber ich kann es verstehen. Der sog. Westen hat dies aber selbst verbockt. Jahrelang, selbst nach der Annexion der Krim, hat die NATO das Thema ausgesessen und auf die USA vertraut, so wie sie es noch immer tut. Anstatt diplomatisch zu wirken, wurden immer wieder thematisiert, die Ukraine habe die Wahl in die NATO einzutreten, nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht übermorgen? Der Ball liegt aber jetzt wieder auf dem Spielfeld des Westens. Putin hat Zeit, die beiden Provinzen zu stärken. Ich denke nicht, dass er in das ukrainische Kernland einmarschieren wird. Vielmehr soll das aufgefahrene Militär die Ukraine davon abhalten, in der Ostukraine eine Gegenwehr zu erzeugen, die dann tatsächlich zu einem großen Krieg ausarten könnte. Ich kann nur wieder und wieder appellieren, dieser Konflikt müssen Russland, die Ukraine und die NATO lösen.

Wer ist überhaupt NATO und wer ist überhaupt der "Westen" um als "Richter" dort aufzutretten?
Dieser Konflikt lösen Russland und die Ukraine schneller und leichter ohne NATO als mit NATO - da NATO kein Interesse für friedliche Lösung hat.
Wo kommt diese Überheblichkeit her? Was ist das für ein Verteidigungsbündniss?
Zum Beispiel - Serbien möchte nicht in die NATO und hat Recht dazu, wird aber wegen NATO-Beitritt-Ablenung mächtig unter Druck gesetzt und drangsaliert - wahrscheinlich bis zum "freiwilligen" Beitritt!
Zuerst zerbombt und danach vom Täter bis zur "Zwangsehe" vergewaltigt.
Wer manipuliert hier?

M. Bernstein | Mi, 23. Februar 2022 - 19:02

Beide wären in der Lage die Situation in der Ukraine zu entschärfen indem den ethnischen Russen in der Ukraine nicht alle Rechte genommen würden und Rußland sich auf sein Territorium zurückziehen könnte. OSZE und UN-Blauhelme würden den Frieden sichern. Leider funktioniert das aber nicht, da die Ukraine eben auch kein Friedensengel ist und die Situation in der Ostukraine eskalieren lässt. Was der Westen tut ist grob fahrlässig. Auf der einen Seite heizt man den Konflikt verbal an und jetzt auch mit Sanktionen, auf der anderen Seite hält man sich komplett raus und will nicht zum Friedensprozeß beitragen. Der Westen müsste die Ukraine endlich in die Pflicht nehmen, dass die Ukraine auch die Russen auf ihrem Staatsgebiet als vollwertige Staatsbürger anerkennt.

Hans Schäfer | Mi, 23. Februar 2022 - 19:12

<dieser Konflikt müssen Russland, die Ukraine und die NATO lösen.>
Konflikte müssen die Staatschefs lösen. Die Nato ist ein Verteidigungsbündnis.
Aufgabe: Gegenseitige Hilfe leisten, wenn ein Mitglied angegriffen wird. Stoltenberg soll sich raushalten. Der Mann redet zu viel.

Christoph Kuhlmann | Mi, 23. Februar 2022 - 21:59

und damit der Kosten. Die Gaspreise in Europa werden steigen. Wie sieht es mit den amerikanischen Ölimporten aus Russland aus?

Bernhard Kaiser | Do, 24. Februar 2022 - 02:09

Die Amis verlangen von uns, dass wir Nordstream II beerdigen, damit wir ihr klimaschädliches und völlig überteuertes Fracking Gas kaufen, während sie gleichzeitig weiterhin russisches Öl importieren und zwar genau so viel wie vor dem Konflikt, keinen Liter weniger! Tolle Verbündete!

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