Buchpräsentation von Pussy Riot-Sängerin - Nadja Tolokonnikowa will nicht ernst sein

Als Nadja Tolokonnikowa am Montagabend ihr Buch „Anleitung für eine Revolution“ im Berliner Maxim Gorki Theater vorstellte, war wenig Ernsthaftes zu hören, dafür umso mehr Albernheiten über männliche Genitalien

Irgendwo zwischen Lady Gaga und Nina Hagen: Nadja Tolokonnikowa
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Moritz Gathmann berichtet seit vielen Jahren als freier Journalist für deutsche Medien aus dem postsowjetischen Raum. Gathmann studierte Russistik und Geschichte in Berlin, volontierte danach beim Tagesspiegel und lebte von 2008-2013 in Moskau und Kaluga. Seit 2013 lebt er wieder in Berlin. Von 2010 bis März 2014 war er zudem als Gastredakteur für die SZ-Beilage „Russland HEUTE‟ tätig.

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Im Berliner Maxim Gorki Theater dreht sich an diesem Montagabend vieles um den Schwanz. Es gibt ihn in der philosophischen Version (Phallus), in der medizinischen (Penis), in der russischen (Chuj) und in der englischen (cock). Natürlich geht es auch um das weibliche Pendant. „No pussy, no riot“, wird Nadja Tolokonnikowa nach der Lesung jenen ins Buch schreiben, die Schlange stehen um ein Autogramm von ihr.

Richtig, es ist DIE Nadja Tolokonnikova von der Punkband „Pussy Riot“, die hier ihre Fans trifft, eine bunte Schar aus Studenten, links-grünem Jungbürgertum und Intellektuellen. Für ein provokativ-obszönes „Punkgebet“ in einer Moskauer Kathedrale wurden sie und eine Mitstreiterin in einem skandalösen Prozess zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt, Ende 2013 jedoch amnestiert. Wellen der Solidarität überschlugen sich während des Prozesses rund um den Globus, die Band fand sogar Eingang in eine von CDU/CSU und FDP verabschiedete Bundestagsresolution zu Russland. Insbesondere die hübsche Tolokonnikowa stilisierten die einen Medien zur furchtlosen Jeanne d'Arc im Kampf gegen Putin, die anderen zur Star-Philosophin.

Yoko Ono überreichte der Band einen Friedenspreis, 2014 gab es in Bremen den Hannah-Arendt-Preis, und um ein Haar hätten sie auch noch den Lutherpreis der Stadt Wittenberg und den Sacharow-Preis des EU-Parlaments bekommen, benannt nach dem großen sowjetischen Dissidenten. An diesem Abend wird klar, dass das ein Fehler gewesen wäre.

Altmodischer Herr neben cooler Pop-Ikone
 

Denn auf der Bühne lümmelt sich eine 26 Jahre junge Frau, irgendwo zwischen Lady Gaga und Nina Hagen. Eine blau-grüne Strähne (Punk!) hat sie in die schwarzen Haare gefärbt, in einer Baseball-Joppe, in Leggins und Turnschuhen sitzt sie da, die sie irgendwann lässig (Punk!) auf den Tisch legt.

Neben ihr, größer könnte der Kontrast nicht sein, sitzt der schüchterne Philosoph Michail Ryklin, Jahrgang 1948, ein klassischer sowjetisch-russischer Intellektueller und Dissident. Auf Deutsch mit hartem Akzent stellt er der jungen Frau neben ihm ernste Fragen, und wirkt immer etwas konsterniert, wenn er nur Späße und Ausflüchte als Antwort bekommt. Die Tolokonnikowa-Fans lachen dann, weil er so lustig aussieht, dieser altmodische Herr neben dieser coolen Pop-Ikone. Es ist entwürdigend.

„Anleitung für eine Revolution“ heißt das Buch, mit dem Tolokonnikowa gerade von Köln über Berlin bis Zürich tourt. Wie sie das denn mit der Revolution meine, will Ryklin etwa wissen, und erinnert an seine eigenen Vorfahren, die an der Oktoberrevolution beteiligt waren und in den 30er Jahren ermordet wurden. Eine gute Frage, zumal man von Libyen über Ägypten bis zur Ukraine in letzter Zeit sehen konnte, dass Revolutionen auch im 21. Jahrhundert noch ihre Kinder fressen können. Der Titel sei ironisch gemeint, antwortet die Russin, sie meine eher die „pop-kulturelle Wahrnehmung der Revolution“ und erinnert an die britische Sängerin Adele auf dem Cover der neuen „Vogue“, neben der ja auch das Wort „Revolution“ stehe. Pop halt.

Das Publikum klatscht und macht höhö
 

Ihr Buch beginnt mit den Worten: „Wenn ich meine Seele verkaufen muss, damit Putin verschwindet und in Russland politischer Wettbewerb entsteht, dann tue ich es.“ Doch auf Nachfrage bekommt man nur postmodernes Gequirltes zu hören: „Wir haben viele Seelen, und die können wir auch verkaufen.“ Das Publikum klatscht und macht höhö.

Klatschen und höhö ruft auch ihre Replik auf Ryklins Frage hervor, welche Fehler sie gemacht habe. „Ich kann man mich nicht an meine Fehler erinnern“, lautet sie. Weiter: Ob sie Menschenrechtlerin oder Revolutionärin sei? „Ich fürchte Ernsthaftigkeit. Deshalb macht mir diese Frage Angst.“

Am lautesten wird das Johlen, wenn die Wortfelder Putin und Penis elegant gepaart werden. „Auch ich habe einen Schwanz, und der ist größer als Putins“, heißt es zum Beispiel. Wow, welch Chuzpe. Die Fans sind zufrieden.

Wirklich interessant sind Tolokonnikowas Erzählungen aus dem rauen Lageralltag in der Teilrepublik Mordwinien. Aber auch hier endet vieles in Albernheiten. Etwa, als sie erzählt, wie sie mit ihrer ehemaligen Lageraufseherin nach der Entlassung Wodka trinkt. Worüber haben sie gesprochen, will man wissen, die eine Teil des Systems, die andere Kämpferin gegen das System. Aber man erfährt es nicht. Man erfährt auch nicht, welche konkreten Erfolge sie mit ihrer Organisation „Zona Prava“ (Zone des Rechts) hat, mit der sie seit ihrer Entlassung für die Rechte von Gefangenen kämpft. Stattdessen hört man den Vorschlag, die Geschlechtertrennung in den Gefängnissen abzuschaffen. „Das wird lustiger sein“, lautet die Begründung. Da wird es selbst einigen Zuschauern zu viel. „Bloß nicht“, zischt eine.

„Etwas vielschichtiger“ hätte sie schon sein können
 

In ihren Aussagen über Russland versteigt sich Tolokonnikowa. „Viele Russen“, so sagt sie, „würden es dem Künstler Pawlenskij gerne nachtun und ihre Eier auf das Pflaster des Roten Platzes nageln. Nur die Angst hindert sie daran.“ Schon klar, reine Metapher. Man weiß nicht, ob Tolokonnikowa wirklich so weit von der Wirklichkeit der russischen Gesellschaft entfernt ist, oder ob es mal wieder so ein Satz war, der nicht so ganz ernst gemeint war. Wie das mit der Revolution.

Nicht alle warten am Ende selig in der Autogrammschlange. Zwei Frauen um die 40 wundern sich, was das Spektakel sollte. „Etwas vielschichtiger“ hätten sie sich die Russin schon vorgestellt.

Es gibt Momente, da wünscht man sich an diesem Abend im März 2016 zurück in jene gar nicht so ferne Zeit, als Moskau und Berlin sich um das Strafmaß für Nadja Tolokonnikowa stritten. Denn in gewisser Weise zeugte das ja davon, dass die Welt damals noch einigermaßen in Ordnung war.

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