Ex-Parteichef suspendiert - Streit um Corbyns Antisemitismus-Problem zerreißt Labour

Vor einem Jahr wollte Jeremy Corbyn noch britischer Premierminister werden, jetzt hat der ehemalige Labour-Chef seine politische Heimat verloren: Sein Nachfolger Keir Starmer suspendierte den 71-jährigen Altlinken über den Antisemitismus-Streit, der die Partei zu zerreißen droht. 

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Jeremy Corbyn, Keir Starmer: „Tag der Schande“ / dpa

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Tessa Szyszkowitz ist Londoner Korrespondentin des österreichischen Wochenmagazins Profil. Im September 2018 erschien „Echte Engländer – Britannien und der Brexit“. Foto: Alex Schlacher

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Tessa Szyszkowitz

Einig sind sich in der linken Reichshälfte des Vereinigten Königreichs alle über eines: Der gestrige Donnerstag war, so hatte es Labourchef Keir Starmer ausgedrückt, ein „Tag der Schande“ für die traditionelle Arbeitspartei. Die Mitgliedschaft des ehemaligen Parteichefs Jeremy Corbyn in der Labour-Party war suspendiert worden. Corbyn selbst zeigte sich „tiefst schockiert“, er sei schließlich seit einem halben Jahrhundert Mitglied gewesen. Seine Gegner dagegen – und dazu zählt auch sein Nachfolger Keir Starmer  - empfanden allerdings nicht die Suspendierung Corbyns als schändlich, sondern den Umgang der Labour Party unter Corbyns Führung mit antisemitischen Vorfällen.

Ein Untersuchungsbericht der britischen Kommission für Gleichheit und Menschenrechte (EHRC) wirft der ehemaligen Parteispitze vor, antisemitische Vorfälle nicht ausreichend verfolgt zu haben. Die Labour-Führung unter Jeremy Corbyn hat demnach das Gleichstellungsgesetz aus dem Jahre 2010 dreimal gebrochen: Sie habe Beschwerden um antisemitische Vorfälle politisch motiviert heruntergespielt; sie habe jene Mitarbeiter, die sich um diese Beschwerden kümmern sollten, nicht ausreichend ausgebildet; und sie habe jene, die Klagen wegen Antisemitismus vorgebracht haben, unter Druck gesetzt und belästigt.

Antisemitismus-Problem unter Corbyn

Der Antisemitismus-Streit ist mit diesem Bericht nicht wie erhofft beendet worden. Zu tief sind die Verletzungen der vergangenen Jahren. Der moderate Flügel zeigte sich seit Jahren entsetzt darüber, dass eine Partei, die historisch immer das antirassistische Lager und die politische Heimat der britischen Juden gewesen war, unter Jeremy Corbyn plötzlich ein Antisemitismus-Problem bekommen hatte. 

Luciana Berger war eine jener acht Abgeordneten, die im Februar 2019 aus Protest gegen den grassierenden Antisemitismus aus der Partei ausgetreten waren. „Ich wurde bedroht und antisemitisch belästigt – und zwar aus den eigenen Reihen“, sagte die 39-jährige Politikerin, die zu den Liberaldemokraten wechselte, in einem Fernsehinterview rückblickend. Vorausschauend meinte sie: „Corbyn sollte sich überlegen, auch sein Abgeordnetenmandat zurücklegen.“

Schon immer gegen die Parteilinie

Die linke Fraktion um Corbyn zeigt sich gleichermaßen empört über den Antisemitismus-Streit. Er selbst sieht sich als lebenslangen Aktivisten gegen Rassismus und bezeichnete den Bericht postwendend als „politisch motiviert“ und „übertrieben“. Der 71-jährige Altlinke wird seine Suspendierung bekämpfen.

Das ist nicht weiter überraschend. Schließlich hat der Abgeordnete für den Nordlondoner Wahlkreis Islington immer schon gegen die eigene Parteiführung opponiert – über 600 Mal stimmte der demokratische Sozialist gegen die eigene Parteilinie im britischen Unterhaus, bevor er 2015 selbst als Außenseiterkandidat zum Chef der Partei gewählt wurde. Nachdem er anfänglich viele junge Linke begeistert hatte, brach die Unterstützung für ihn bei den nationalen Wahlen 2019 in sich zusammen. Als Nachfolger wählten die Mitglieder im April 2020 den moderaten und forensisch genauen Juristen Keir Starmer.

Die Stunde der Gegner

Als Corbyns Mitgliedschaft am Donnerstag suspendiert wurde, stieg nicht nur die Wut seiner Fans beträchtlich. Auch seine finanziellen Kapazitäten schwollen an. „Jeremy’s Legal Fund“, ein Fundraiser für den Ex-Chef, mit der er seine Gerichtskosten für ein Verfahren wegen Verleumdung gegen einen BBC-Reporter bezahlen soll, wuchs Freitagvormittag auf 362.000 Pfund (ca. 400.000 Euro) an. Über 18.000 Spender wurden verzeichnet, die meisten von ihnen gaben zehn Pfund pro Kopf. „Die ewigen Attacken gegen Mr. Corbyn - einen Mann von Integrität, Ehrlichkeit und Bescheidenheit - dürfen nicht weitergehen. Diese Initiative soll ihn wissen lassen, dass seine Unterstützer ihn nicht vergessen haben.“

Erst einmal aber ist dies die Stunde seiner Gegner. Jahrelang hatte Keir Starmer als Schattenminister für den Brexit zusehen müssen, wie Corbyn in Sachen Brexit und Antisemitismus die Partei in eine dogmatische Sackgasse geführt hat. Der Proeuropäer Starmer will jetzt gemeinsam mit seinem Team die Labour Party wieder in Richtung aufgeklärten Internationalismus führen.

Der erste suspendierte Ex-Parteichef

Das ist in der derzeit gespaltenen Partei nicht einfach. Schattenaußenministerin Lisa Nandy saß einst auch in Corbyns Schattenkabinett, verließ dieses aber nach einem Jahr 2016 aus Protest gegen seine Brexitpolitik und seinen Unwillen, gegen antisemitische Vorfälle in den eigenen Reihen vorzugehen. „Es ist richtig, Corbyn zu suspendieren“, sagte die 41-jährige Abgeordnete aus dem nordenglischen Wigan nun.

Jeremy Corbyn ist somit der erste ehemalige Parteichef der Labour-Party, dessen Mitgliedschaft zumindest temporär ausgesetzt wurde. Sollte er nach der nun folgenden parteiinternen Untersuchung aus der Partei ausgeschlossen werden, dann teilt er dieses Schicksal mit dem ehemaligen Labour-Premierminister Ramsay MacDonald. Im Gegensatz zu Corbyn war MacRamsay Zentrist. Er wurde 1931 aus der Partei geworfen, weil er die Partei in eine nationale Koalition mit Konservativen und Liberalen geführt hatte, um gemeinsam gegen die Wirtschaftsdepression zu kämpfen. MacDonald blieb noch bis 1935 Premierminister.

„Ein Akt schwerwiegender Ungerechtigkeit“

Corbyns Chancen auf eine weitere politische Karriere stehen dagegen derzeit schlecht.  Zwar warf sein alter Freund Len McCluskey sein ganzes politisches Gewicht für ihn in die Waagschale: „Die Suspendierung ist ein Akt schwerwiegender Ungerechtigkeit“, sagte der Chef der mächtigen Gewerkschaft Unite in einem Interview düster. Und: „Einer gespaltenen Partei droht die Niederlage.“ Unite ist der größte Geldgeber der Partei. Ohne McCluskeys politische und finanzielle Unterstützung wird es für Starmer eng. Schon im Oktober hatte McCluskey einen Teil der bisherigen Gelder in Richtung von sozialistischen Gruppen links von Labour umleiten lassen. 

Vor einem offenen Bruch aber schreckt auch McCluskey jetzt zurück. Er forderte die Corbyn-Fans auf, „die Partei nicht zu verlassen und gemeinsam einen besseren Weg zu finden“.

Holger Jürges | Fr, 30. Oktober 2020 - 14:30

...bei den Linken: Ein grundlegender Judenhass ist bereits bei Karl Marx verwurzelt, das ist historisch belegt.
Gern wird das Antisemitismusproblem hierzulande allein rechten Umtrieben zugeschoben.

Karl Lagerfeld jedoch hat Flüchtlinge in Deutschland als "die schlimmsten Feinde" der Juden bezeichnet: Kanzlerin Merkel habe zu viele Muslime ins Land gelassen...

Kritik an Israel bietet den Linken heute eine Möglichkeit, antisemitischen Einstellungen eine vermeintlich politisch legitime Form zu geben.
Natürlich wird man hierzulande vegeblich ein nötiges Anprangern solcherlei Einstellungen bei den Linken suchen - warum wohl ?: Der Zeitgeist lässt grüßen...

Richtig Herr Jürges!
Dies wird jedoch in fast allen Foren nicht zugelassen - unglaublich!

Zitat:
"Selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen", sprach Lagerfeld. Dabei habe Merkel es eigentlich "gar nicht nötig gehabt", noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen, nachdem schon Millionen gut integrierter Migranten im Land lebten, betonte der 84-jährige Modedirektor von Chanel. Offenbar habe sie aber ihr "Image als Rabenmutter" aus der Griechenlandkrise verbessern wollen, vermutete er."
Der Spiegel, 13.11.2017

Ein Interview von Karl Lagerfeld im französischen TV.

In demselben Interview Interview sagte er, dass er die AfD für eine gefährliche Partei halte und er sich ob all dieser Umstände für Deutschland schäme.

Und Herr Lagerfeld hat Recht!

Warum darf das nicht mehr zitiert werden?
Ich hoffe auf "meinen" Cicero!

auch Judenhass gegeben haben, aber die Rechten behaupten ja immer, Hitler sei ein linker Sozialist gewesen.

Die rechte NPD (oder ist die auch links?), oder Parteien wie der "Dritte Weg" oder "Die Rechte" glorifizieren allerdings die Nazis - wahrscheinlich sind die einfach zu blöd, in den Nazis das "Linkssein" zu entecken.

Marx war ein Antisemit? Stimmt wohl. Und Kant, Nietzsche, Bismarck, Hindenburg...auch das waren selbstverständlich alles Linke.

Man kann sich die Welt kognitiv zurechtbiegen, nur wird sie im Aussen dummerweise nicht so, wie sie sein sollte.

Markus Michaelis | Fr, 30. Oktober 2020 - 15:08

Sind das letzte Klärungen, um wieder die gemeinsamen Werte herzustellen, oder erst der Anfang vieler Gegensätze?

Ich tippe eher auf Letzteres - nicht nur bei Labour, sondern eher an vielen Stellen in Europa. Wir sind eine offene Gesellschaft in einer sich ändernden Welt mit sich ändernden und vielen widersprüchlichen Werten. Auch die festen Werte der offenen Gesellschaft werden so feste verteidigt, weil es alles andere als klar ist, wer da für was steht.

Ich denke da liegt einiges unter dem Teppich und man wird noch mehr Klärungen in verschiedene Richtungen sehen, wenn der Teppich hier und da mal angehoben wird.

Dr. Andreas Oltmann | Fr, 30. Oktober 2020 - 15:51

Großbritannien war und ist für mich immer noch ein Land mit jahrhundertealter Demokratie, die keines Grundgesetzes bedarf und und ein Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt. Und es ist offen, selbstverständlich müssen die Regeln eingehalten werden. Die geschilderte Situation um Jeremy Corbin leidet darunter, dass ich mir selbst kein Bild machen kann, weil die konkreten Belege fehlen. Ein bisschen schmeckt das nach dem intolerante Hype in Deutschland, wenn es um Aktionen geht, die den politischen Mainstream widersprechen, nach dem bekannten Motto, wir sind die Guten und Gerechten, und wer nicht so denkt wie wir, wird einen Kopf kürzer gemacht. Es wäre gut zu wissen, wann Corbin was konkret gesagt und getan hat - das fehlt leider im Artikel. Und sind auch von der EHRC-Kommision so flau beschrieben, dass man sich fragen muss, wer dahinter steht : laut Wiki eine Nicht-Regierungsorganistion, die sich um Menschenrechte und Gleichstellung kümmert und Antdiskrminierung, Vorstand David Isaac.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 30. Oktober 2020 - 16:00

Das sind pauschale Vorwürfe und bei den Begriffen Rassismus/Antisemitismus werde ich besonders misstrauisch. Dem Artikel hätte es gut getan, wenn mal zwei/drei Kurzbeispiele dargestellt worden wären, um dem Leser selbst die Möglichkeit zu geben, die vorgeworfenen Sachverhalte einzuordnen. Auch wenn er aus dem linken Lager der britischen Partei kommt, die von sich behauptet, für Juden einzutreten und ihnen eine politische Heimat zu geben, gibt es bei diesen genauso Judenfeinde wie in allen Parteien. Bei uns hier wird auch gerne sofort bei Kritikern der Migrationspolitik oder des Islam mal schnell die Rassismus Keule ausgepackt und Konservative gerne per se als Antisemiten stigmatisiert. So kann ich jedenfalls nicht beurteilen, ob Corbyn zu Recht suspendiert wurde oder nicht. Das Recht der Unschuldsvermutung ist universell und gilt auch in GB. Wird da vielleicht gerade ein unliebsamer und schon immer störender Parteigenosse auf diesem Weg versucht zu "entsorgen"? Das reicht mir nicht.

Marianne Bernstein | Fr, 30. Oktober 2020 - 16:23

Auch wenn Corbyn nicht alles richtig gemacht hat und es durchaus ein sensitives Thema ist. Wer so mit verdienstvollen Mitgliedern umgeht braucht sich nicht zu wundern, wenn es die Partei zerreißt und das zarte Pflänzchen der Gewinne von Labour komplett kaputt macht. Starmer ist ein Parteichef auf Abruf, er weiss es nur noch nicht!

Romuald Veselic | Fr, 30. Oktober 2020 - 19:55

Unterschied erkenne, indem ich seit August 1968 den Roter Stern = Swastika als analog/gleichwertig betrachte. Siehe Dokufotos aus der Straßen (CSSR) von damals, mit diesen Graffitis an den Fassaden. Nach dem die sowjetische Soldateska in CSSR einmarschierte und mit 100-tausenden von Soldaten besetzte u. dutzende von Menschen ermordete, sowie Schäden in Milliardenhöhe verursachte. Dass diese/solche Parteien ihre Widersacher (ideologisch/klerikal) töten u. foltern, ist bekannt. Welche Stoffe/Gegenstände sie dabei verwenden; Gas, Spaten, Munition, Machete, Krummdolch; ist an sich abwegig. Den Toten, ist das egal. Als Breschnew endlich tot war, freuten wir uns u. haben gefeiert. Der eine Polit-Zombie war weg.

Karla Vetter | Fr, 30. Oktober 2020 - 20:55

Das es tatsächlich Menschen gibt die den Antisemitismus des Herrn Corbyn auch noch relativieren, macht einem traurig. Ich gehöre bestimmt nicht zu denen, die überall " Rassismus" sehen. Aber Antisemitismus -Judenhass, hat eine ganz andere Qualität. Er braucht gar keine Juden, es reicht" die Erzählung vom Juden". Wenn Corbyn 2009 Hamas und Hisbollah, beides Terrororganisationen die den jüdischen Staat beseitigen wollen, zu Reden ins Parlament einlädt, ist das keine Aktion gegen diesen? Der unsägliche Pfarrer Seizer, dieser macht die Juden für den 11.September verantwortlich, gehört zu seinem bevorzugten Kreis. All das kann man nachlesen, wenn man denn will. Bei vielen Linken sind die Liebe zum Islam und der Hass auf Juden und Israel die beiden Seiten der selben Medaille. Juden interessieren nur wenn sie die NSDAP getötet und gequält hat.

Michael Theuring | Fr, 30. Oktober 2020 - 22:27

Einst allgemein geteilte demokratische Werte erodieren auch auf anderen Ebenen und nehmen paradoxe Formen an. Etwa im Verständnis und im Umgang mit sog. Hate Speech, wie geschehen in einer Grammar School in Islington (London): Eine neunjährige
Schülerin beklagt sich bei ihrer Lehrerin, dass sie sich ausgeschlossen fühle, weil die beiden ihr in einer Gruppenarbeit zugeteilten pakistanischen Mitschülerinnen ausschließlich Urdu reden, das sie nicht verstehe. Die Lehrerin greift nicht helfend ein. Der Vater, ein typischer East Londoner, spricht am nächsten Tag in der Schule vor und ist in seiner Empörung wohl etwas laut geworden. Ein Wort gibt das andere. Die Lehrerin ruft die Polizei, der Vater wird festgenommen und verbringt das Wochenende im Gefängnis. Bis zum Beginn seines Prozesses, der wegen Hate Speech gegen ihn angestrengt wird, muss er jetzt eine Fußfessel tragen. - Die Geschichte ist wahr, so mir zugetragen von meiner Tochter, die in London lebt.