Kontroversen in den USA - Im Treibhaus der politischen Polarisierung

Was hat eigentlich zur extremen Polarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft geführt? Häufig wird Social-Media-Kanälen die Schuld gegeben. Doch die Gründe liegen tiefer. Und sie geben Anlass zur Hoffnung.

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Wirkt US-Präsident Biden der Polarisierung genügend entgegen? / dpa

Autoreninfo

Moritz Mücke hat am Hillsdale College in Michigan in „Politics“ promoviert, und war ein Publius Fellow am Claremont Institute in Kalifornien. Er lebt und arbeitet bei Frankfurt am Main.

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„Die klügsten Köpfe meiner Generation denken darüber nach, wie man Leute dazu bringt, auf Werbebanner zu klicken.“ Das sagte vor knapp zehn Jahren ein melancholischer Jeff Hammerbacher, der als früherer Facebook-Ingenieur daran mitgearbeitet hatte, eine digitale Maschinerie anzuwerfen, die heute über zwei Milliarden Menschen katalogisiert. Sie ist, zusammen mit den anderen Internetgiganten des Silicon Valley, das mächtigste je erschaffene Werkzeug nicht nur der Vermarktung, sondern der Beeinflussung.

Ein Dreh an der richtigen Schraube und das Meer teilt sich. Ist das dieselbe Macht, die uns auch politisch auseinandertreibt und die Polarisierung, etwa in den USA, immer weiter vorantreibt? Die sozialen Netzwerke sind der vorläufige Höhepunkt eines Trends, den Winston Churchill 1925 als „Masseneffekte des modernen Lebens“ bedauerte. Die Zeit des heroischen Feldherrn schien ihm besiegelt, ersetzt von techno-politischen Massenstrukturen, in die das Individuum eingeebnet wird wie ein Molekül.

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Manfred Bühring | Mo, 5. April 2021 - 16:22

Meinem Alter mag es geschuldet sein, aber mein Weltbild ist da doch nicht so verschwurbelt kompliziert. Und etwas Zynismus - ohne Menschenverachtung - ist mir da auch gestattet. Deshalb kann ich nur konstatieren, dass wir die (digitale) Welt bekommen haben bzw. werden, die wir verdient, sprich oft genug geliket haben. Gerade die Generation Smartphone hat genau diese Zustände herbeigeklickt und sie somit auc vedient. Denn jeder einigermaßen vernunftbegabte Mensch weiß, was mit seinen Daten gemacht wird. Und wenn man's dann trotzdem nicht lassen kann und sich um den Verstand liket, hat man selbst schuld, wenn aus dem Like irgendwann ein Tilt! wird.

Wilfried Düring | Di, 6. April 2021 - 11:10

In reply to by Manfred Bühring

Stringente Argumentation.
Nur sollte geprüft werden, ob die Voraussetzungen wirklich gegeben sind.
Wer sagt, daß die 'Generation Smartphone' wirklich 'vernunftbegabt' ist?
Ist es 'vernünftig' zu glauben, daß 80 Millionen Deutsche (1% der Weltbevölkerung) 'das Klima retten' können? Und, daß 'wir' dazu 'wenige Jahre Zeit' haben?
Zweifel sind angebracht.
Meines Erachtens muß in der Abiturstufe die Anzahl der Wochenstunden für Physik (Mechanik, Elektrodynamik, 'Kapazität', 'Widerstand') und Biologie (Photosynthese, 'H2O', 'CO2', 'Wärme') signifikant erhöht werden.
Und wer bestimmte Dinge nachweislich nicht begriffen hat, hat das Abitur de facto nicht bestanden. Und das sollte dann auch auf dem Zeugnis festgeschrieben werden!

Abitur hieß früher 'Reife-Prüfung'.
Vor der Un-Reife der Hüpfer und ihrer Hohe-Priester fürchte ich mich!

Thorwald Franke | Mo, 5. April 2021 - 17:25

Im Kern bestimmen immer noch die klassischen Medien die Wahrnehmungslandschaft. Die sozialen Medien sind völlig davon abhängig und reichen nur Meldungen herum, die aus den klassischen Medien stammen.
Deshalb glaube ich sofort, dass der Wegfall der Fairness-Doktrin 1987 eine wichtige Ursache ist. Die Organisation der Medien ist für eine Demokratie fast genauso wichtig wie das Wählen selbst. Und wenn man immer nur das eine zu hören bekommt, aber nie das andere, dann geht es eben schief. Ob das nun daran liegt, dass man sich selbst in eine Filterblase zurückzieht, oder daran, dass das Öffentlich-Rechtliche zu einer gigantischen Filterblase geworden ist, in die die gedankenlose Masse unfreiwillig hineingezogen wird.
Wenn unser System eine Reform braucht, dann ist es wohl eine Medienreform vor allem anderen. Eine Medienreform, die systematisch darauf abzielt, dass Themen unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet werden. Hauser & Kienzle haben es vorgemacht.

Gisela Fimiani | Mo, 5. April 2021 - 19:02

Um die Spaltung in den USA zumindest aufzuhalten, bedarf es des Mutes, der Kraft, der Unerschrockenheit und eines guten Kompasses. Über nichts davon hat Biden jemals in nennenswertem Ausmaß verfügt. Inzwischen darf man sich wohl mit einiger Berechtigung fragen, wer mittels Biden das Land regiert? Die Antwort auf diese Frage dürfte Auskunft darüber geben, ob ein „Heilen“ der Nation überhaupt intendiert ist.

Schon letzte Woche hat hier jemand das Bild vom "Strohmann" Biden bemüht. Wollen Sie wenigstens versuchen zu erklären, mit welcher Berechtigung Sie davon fantasieren, dass jemand "mittels Biden das Land regiert" - und vor allem würde mich natürlich interessieren, wer?!
Auch würde mich interessieren, wie Sie darauf kommen, dass die neue Administration an einem Heilungsprozess möglicherweise gar nicht interessiert ist.
Biden macht bis jetzt einen sehr soliden Job und hat Zustimmungswerte, von denen Trump selbst zu seinen besten Zeiten (da lag er bei knapp über 40%) nur träumen konnte.

https://projects.fivethirtyeight.com/biden-approval-rating/

Insofern schlage ich vor, wir überlassen Ihre Sorgen den Amerikanern; es sei denn, Sie haben doch etwas Verwertbares vorzuweisen. Das wäre dann allerdings eine Premiere in diesem Forum.

"Ob ein Heilen der Nation überhaupt intendiert ist".Diese Frage stellt sich auch angesichts des letzten "Ereignisses"am Kapitol.Zum Heilen gehört sich ehrlich machen. I,n diesem Fall aber dröhnendes Schweigen über den politischen Hintergrund des farbigen Täters.Man muß schon die "NY "genau lesen, um zu erfahren, dass es sich um einen Anhänger der "Nation of Islam handelte".Farrkhans Hasstruppe. Die sonst so erethischen Medien verzichten auf weitere Beichterstattung.Nicht auszudenken, wäre der Täter weiß und Trumpanhänger gewesen.

gabriele bondzio | Mo, 5. April 2021 - 20:51

Ich bin nicht unbedingt ein Pessimist, aber sehe nicht so sehr viel Hoffnung der Teilung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Weder in den USA noch in DE.
Und sehe keinesfalls, was Biden besser macht. Er bevorzugt lediglich ein anderes Machtgefüge.

Teile und herrsche ist immer die Devise der Macht.

Als Beispiel kann seine Annäherung an das iranische Regime dienen. Aber den Iran und Islamisten zu hofieren (Sanktionen aufzuheben und von Trump eingefrorene Vermögen freizugeben) hat zur Folge, dass sich die Saudis auf den Schlips getreten fühlen.
Einmischung in ein politischen Systems oder eine Regierung ruft Sympatisanten und Gegner auf den Plan und wirkt gegen den sozialen Zusammenhalt. Menschen denen die Nation abgesprochen wird, sowieso.

"Die angeblich kürzeren Wege haben die Menschheit immer in Gefahr gebracht; sie verläßt immer bei der frohen Botschaft, daß ein solcher kürzerer Weg gefunden sei, ihren Weg - und verliert den Weg."(Friedrich Nietzsche)

Markus Michaelis | Mo, 5. April 2021 - 22:32

Ja, Facebook etc., die künstlich Unterschiede erzeugen/anheizen. Aber der Artikel sagt richtig, dass es auch echte Unterschiede gibt, wobei er genetische anführt. Es ist denke ich wichtig, dass noch weiter zu denken: es gibt jede Menge Unterschiede zwischen Menschen, und die meisten politisch relevanten kommen aus kulturellen Systemen, Glaubenssystemen und solchen Dingen. Menschen leben (durch Geburt oder Wahl) in einem System, in dem sie immer breitere Netzwerke an Denkstrukturen und sozialen Verknüpfungen aufbauen. Die jeweiligen Systeme sind oft zueinander inkompatibel, können sich auch diametral gegenseitig ausschließen.

Im Moment kennen wir dazu nur den Ansatz immer Gemeinsamkeiten zu erkennen und alle Gegensätze sozusagen dialektisch in der nächsten, als besser gedachten Stufe aufzuheben.

Dieser Ansatz könnte für manches einfach untauglich, weil realitätsfremd, sein. Vielleicht muss man dysfunktionale Gesellschaften auch beenden und aufteilen können.