Kolonialismus-Raubkunst in Frankreich - Zurückgeben oder Zurückkrebsen?

Emmanuel Macron versprach es, ein Regierungsbericht verlangt es nun: Frankreich soll geraubte Kunstgüter aus der Kolonialzeit an die betroffenen Staaten zurückgeben. Das könnte europaweit Auswirkungen haben

 Große königliche Statuen des Königreichs Dahomey aus den Jahren 1890-1892 im Musée du Quai Branly
Geraubte Kunst aus der Kolonialzeit: Auch Frankreich debattiert über Rückgabe / picture alliance

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Stefan Brändle arbeitet von Paris aus unter anderem für den Cicero, die Frankfurter Rundschau, die Stuttgarter Zeitung und den Standard aus Wien.

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Über eines herrscht Einigkeit: Die Empfehlungen sind radikal. Zwei von Präsident Emmanuel Macron eingesetzte Kunstexperten verlangen nichts weniger als die umfassende „Restitution afrikanischen Kulturerbes“ an die Ursprungsländer. So lautet auch der Titel ihres Regierungsberichts, der nun in Buchform erschienen ist. Betroffen davon sind in Frankreich schätzungsweise 90.000 Kunstobjekte aus der Kolonialzeit. Zwei Drittel davon befinden sich im Pariser Völkerkundemuseum Quai Branly, das zu dem Bericht bislang elegant schweigt.

Dabei sind die Empfehlungen kulturpolitisches Dynamit: Schon die Rückgabe auch nur einzelner Stücke, so 2009 im Fall antiker Fragmente an Ägypten oder 2012 von Maori-Köpfen an Neuseeland, hatte in Frankreich hitzige Polemiken ausgelöst.

Macron will aber offenbar reinen Tisch machen. Nachdem er die Kolonialzeit bereits einmal eher beiläufig als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet hatte, versprach er 2017 in einer Uni-Aula in Ouagadougou (Burkina Faso) einen neuen Zugang zu der weitreichenden Frage, wie sein Land mit Raubkunst umgehen solle. Um eine Entscheidungsgrundlage zu haben, berief der Staatschef dann ein Expertenduo ein, von dem er wusste, dass es zur Sache gehen würde.

Zwei Wissenschaftler mit radikalen Vorschlägen

Der senegalesische Wirtschaftstheoretiker Felwine Sarr (46) ist mit dem Werk „Afrotopia“ (das Buch erscheint Anfang 2019 in deutscher Übersetzung im Matthes-&-Seitz-Verlag) aufgefallen und der Sicht der vom Kolonialismus betroffenen Staaten zugetan. Die gleichaltrige Französin Bénédicte Savoy lehrt an der Technischen Universität Berlin Kunstgeschichte. 2017 war sie ist als Beirat des Humboldt-Forums mit Knalleffekt zurückgetreten. Dort gab es ebenfalls heftige Raubkunst-Diskussionen. Die Vorschläge der beiden Experten sind deshalb radikal, weil sie mit dem französischen – und in sich kolonialistischen – Prinzip der „Unveräußerlichkeit“ musealer Kunstobjekte aufräumen wollen. Das würde eine Gesetzesänderung erfordern.

Der Bericht fordert zweierlei: Die Ausbeute von Kriegen und Kolonialexpeditionen sei ohne weiteres zurückzugeben. Das verstehe sich von selbst, meinen die beiden Autoren: Diese Kunstobjekte wiesen einen offensichtlichen „Mangel zu Zustimmung“ auf. Die übrigen Kunstgegenstände, die in der Kolonialzeit (1885 bis 1960) namentlich aus Zentral- und Westafrika nach Frankreich gekommen sind, soll Frankreich aufgrund bilateraler Abkommen an die afrikanischen Museen zurückerstatten. Eine Ausnahme bestünde dann, wenn die Bezieher den Nachweis erbringen können, dass sie das Objekt „aus freien Stücken“ – zum Beispiel als Geschenk für den französischen Präsidenten – erhalten haben.

Kritik kommt sogar von links

Wie brisant diese Vorschläge sind, zeigen die kritische Reaktionen in Paris: Selbst linke Magazine wie L'Obs reduzieren den Bericht auf eine „Auslegeordnung“ und fragen unumwunden: „Können die afrikanischen Museen sie (die Kunstobjekte) überhaupt aufnehmen?“ Auch unterstellt die Zeitschrift, die Rückgabe von Raubgütern an die einzelnen Staaten würde zur Bildung „nationaler“ Kunstsammlungen führen, was dem Prinzip universeller Museen zuwiderlaufe. Das könnte sich letztlich auf Museen in ganz Europa auswirken.

Die beiden Autoren des Berichts kontern solche Argumente zornig: Sie hätten auf vorbereitenden Reisen in Afrika 500 aufnahmebereite Museen ausgemacht, die auch große Skulpturen oder wertvolle Objekte wie etwa den Goldschatz von Ségou (Mali) aufnehmen könnten, sagt Felwine Sarr. Die betroffenen Konservatoren wollten die zurückerhaltenen Stücke keineswegs in ihre Museen einschließen, sondern sie zirkulieren lassen, sagt Sarr. Deshalb sei es „dumm“ zu befürchten, der Westen werde seine afrikanischen Sammlungen verlieren: „Es geht nicht darum, die französischen Museen zu leeren!“ Bénédicte Savoy macht zudem klar, dass nur öffentliche Museen von ihren Empfehlungen betroffen wären, nicht Privatsammlungen.

Macron wird wohl wenig bewegen

Macron scheint die Tragweite des Berichts erst jetzt richtig zu erfassen. Der anfangs so wagemutige Präsident will den Bericht nun ohne TV-Kameras in seinem Büro entgegennehmen. Und er zieht inzwischen auch bloß „temporäre“ Rückgaben, also Leihgaben, in Betracht. Das nennen Savoy und Sarr in ihrem Bericht einen Widerspruch in sich.

Die negativen Reaktionen und das absehbare Zurückkrebsen des politisch geschwächten Präsidenten machen klar: Die Rückgabe kolonialer Raubgüter in Frankreich ist noch nicht wirklich spruchreif. Solange Napoleons Raubzug durch die ägyptische Antike in französischen Schulbüchern nach wie vor als „Wissenschaftsexpedition“ ausgegeben wird, dürfte der neue Regierungsbericht faktisch wenig bewegen. Wenn man die Raubkunst-Debatte um das Humboldt-Forum als Psychogramm Deutschlands bezeichnen will, dann besteht Frankreichs Psychogramm darin, seine weniger glorreichen Geschichtskapitel massiv zu verdrängen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 27. November 2018 - 10:54

Identität von afrikanischen Gesellschaften nicht in Frankreich verortet sein muss.
Wurde Geld bezahlt, sollte es zurückgegeben werden und vom französischen Staat als Mitgift an die afrikanischen Museen weitergegeben werden, damit die Kunstwerke auch entsprechend geschützt werden können.
Gleichzeitig sollte man sich bemühen, einige dieser Kunstschätze als Dauerleihgaben gegen Gebühr nach Frankreich zurückholen zu können.
Das wäre sehr sinnvoll im Zuge gegenseitigen Kennenlernens bzw. dessen Vertiefung. Zu bedenken ist auch das Zusammenwachsen in Frankreich selbst.
Wer sich mit afrikanischer Kunst über die Maßen identifiziert - mir würde Picasso, also die Beschäftigung damit reichen - der kann bei zu starken Verlustängsten ein Eintauchen in afrikanische Gesellschaften in Erwägung ziehen.
Ihren Zauber entfalten sie sicher dort eher als in Paris.
Gleiches gilt für die Schätze des Pergamonmuseums oder jüdische Kunst. Entweder es wird gestattet von den Ländern oder es geht zurück.

Von "den Ländern gestattet"? Nur, weil die Fundorte heute zu deren Staatsgebiet zählen?
Viele dieser Länder gab es zu Zeiten der Grabungen noch gar nicht, geschweige denn zu Zeiten der Erschaffung der Kunstwerke durch Völker, die längst untergegangen sind.
Es ist ja auch nicht so, daß man z.B. das Pergamonmuseum "zusammengeraubt" hätte.
Vieles wäre ohne die sichere Verwahrung in europäischen Mussen längst verloren, sei es nun achtlos weggeworfen, als gottlos absichtlich vernichtet oder durch Kriege zerstört (nebenbei, genau das würde dort auch in Zukunft drohen !!).
Vieles würde auch schlicht immer noch im Sand verborgen liegen, vor Ort längst vergessen und in tausend Splitter zersprungen.
Erst durch die unermüdliche Recherche, Suche, Grabung, Katalogisierung, Einordnung, Restauration etc. wurden diese Kunstschätze überhaupt, was sie sind.
Ich finde, diese Lebensleistung unzähliger Forscher erzeugt mehr Anspruch auf Besitz, als der zufällige Verlauf momentaner Staatsgrenzen.

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