Visionen des Einäugigen

Friedrich August von Hayek ist der Urvater aller Neoliberalen. Seine Freiheits-Philosophie trägt ideologische Züge. Doch sie macht Schule. Ein Cicero-Autor wirft sich der Mode entgegen

Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992)
() Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992)
Jetzt also auch Angela Merkel. In einem Beitrag für die Financial Times Deutschland hat sich die CDU-Partei-vorsitzende der wachsenden Schar von Bewunderern von Friedrich August von Hayek angeschlossen. Das verheißt nichts Gutes. Denn anders als Merkel glaubt, hat Hayek nicht etwa die „geistigen Grundlagen der freiheitlichen Gesellschaft herausgearbeitet“. Hayeks Theorien sind viel eher geeignet, diese Grundlagen mutwillig zu zerstören. Sie zielen darauf ab, alles Soziale aus der sozialen Marktwirtschaft zu entfernen. Darüber hinaus will Hayek die Politik dem Markt unterordnen. Was dann noch bliebe, wäre die Freiheit zu kaufen und zu verkaufen – vorausgesetzt, man verfügt über das nötige Kleingeld. Friedrich August von Hayek, Nobelpreisträger von 1974, hatte keine Fragen, nur Antworten. Hayek war ein Utopist, der wusste, wie die perfekte Wirtschaft funktionieren soll, nämlich als Markt mit vollkommener Konkurrenz. Probleme können nur durch Abweichungen vom perfekten Markt entstanden sein und deshalb gibt es immer nur eine Lösung – mehr Markt. Hayeks Utopie erstreckt sich auf den ganzen Staat. Das zeigt sich vor allem in seinen beiden Hauptwerken („The Road to Serfdom“, 1944, und „The Constitution of Liberty“, 1960), für die er den Nobelpreis erhalten hat. Knechtschaft und Freiheit sind die beiden Eck- und Angelpunkte in Hayeks Werk. Hayek versteht sich als Philosoph der Freiheit. Er verurteilt mit dem „staatlichen Interventionismus“ insbesondere auch jede Form von Umverteilung. „Soziale Gerechtigkeit“, spottete Hayek 1981, „ist einfach ein quasi-religiöser Aberglaube, den wir bekämpfen müssen, sobald er zum Vorwand wird, gegen andere Menschen Zwang anzuwenden. Der vorherrschende Glaube an „soziale Gerechtigkeit“ ist gegenwärtig wahrscheinlich die schwerste Bedrohung der meisten anderen Werte einer freien Zivilisation.“ Oswald von Nell-Breuning, der Begründer der katholischen Soziallehre, würde sich wohl sehr darüber wundern, dass sich eine CDU-Vorsitzende jemanden zum Vorbild nimmt, der für soziale Gerechtigkeit nur Hohn übrig hat. Für Hayek ist die Freiheit nicht die Voraussetzung für materielle Vorteile, sondern das entscheidende Kriterium für das Glück der Menschen. „Die Freiheit“, so Hayek, „kann nur erhalten bleiben, wenn sie nicht bloß aus Gründen der erkennbaren Nützlichkeit im Einzelfall, sondern als Grundprinzip verteidigt wird.“ Oder an anderer Stelle: „Genau genommen sind oberste Ziele niemals wirtschaftliche, und die so genannten wirtschaftlichen Ziele, die wir verfolgen, sind bestenfalls Zwischenziele, die uns sagen, wie wir anderen helfen können, ihre eigenen Zwecke zu erreichen, die niemals wirtschaftlicher Natur sind.“ Hayek argumentiert in diesem Punkt ähnlich wie der indische Ökonom Amartya Sen, der 1998, 24 Jahre nach Hayek, den Nobelpreis erhielt. Auch für Sen ist Freiheit das oberste Ziel. Doch im Gegensatz zu Hayek versucht Sen zu verstehen, was genau für die Menschen Freiheit bedeutet, und anders als Hayek schließt er nicht aus, dass Freiheit auch eine rein materielle Grundlage haben kann: Besitzlosigkeit macht unfrei. Hayek hingegen verfährt mit dem Begriff der Freiheit genau wie mit dem des Marktes: Ohne Rücksicht auf die Realitäten postuliert er, dass Freiheit nur die Abwesenheit von staatlichem und politischem Zwang sei. Der Wirtschaftshistoriker Jerry Z. Muller kommt in Bezug auf Hayeks Beobachtungsgabe zu einem etwas milderen Urteil: „Seine Einsichten waren die kristallklaren Visionen eines einäuigigen Mannes.“ Ein Auge. Immerhin.

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