Gustav Schickedanz - Quelles düstere Vergangenheit

Jeder kennt Quelle, das einst erfolgreichste Versandhaus Deutschlands. Weniger bekannt ist die Rolle von Gustav Schickedanz im Nationalsozialismus: Hat sich der Gründer des Unternehmens im Dritten Reich an jüdischem Besitz bereichert?

Quelle - das einst erfolgreichste Verlagshaus
(picture alliance) Quelle - das einst erfolgreichste Verlagshaus

Im Juli 1933 wird der jüdische Unternehmer Oskar Rosenfelder, dessen Vereinigte Papierwerke Heroldsberg AG in Nürnberg erfolgreich Camelia-Frauenbinden und Tempo-Taschentücher herstellen, unter einem Vorwand zum Ortsgruppenleiter der NSDAP, Lorenz Goldfuß, kommandiert. Der Nazi wirft ihm vor, Kantinengelder unterschlagen zu haben, und empfängt ihn mit zehn Gesinnungsgenossen. Rosenfelder spricht 1947 in einer eidesstattlichen Versicherung von einer „Horde bewaffneter SA-Männer“, die ihm mit seiner Verhaftung drohten und ihn „körperlich belästigten“. Sie fordern 12000 Reichsmark. Er gibt ihnen die Hälfte und sie lassen ihn gehen.

Kurze Zeit später startet Frankens NSDAP-Gauleiter Julius Streicher in seinem antisemitischen Hetzblatt Der Stürmer eine Kampagne gegen die „Camelia-Juden“. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg leitet ein Ermittlungsverfahren gegen die Gebrüder Rosenfelder ein. Nur knapp entgehen sie der Verhaftung, indem sie nach England fliehen. Die Nationalsozialisten erlassen Haftbefehl. Der Neffe eines Minderheitsaktionärs, Fred Obermeyer, wird verhaftet. Streichers Stellvertreter Karl Holz befiehlt den zuständigen gleichgeschalteten Behörden die „Arisierung“ des Unternehmens.

Die Nazis setzen einen Rechtsanwalt wider dessen Willen zum Vertreter der jüdischen Besitzer ein und drängen auf den Verkauf. Als der Anwalt verschiedene Gebote prüfen möchte, befiehlt NSDAP-Oberführer Hanns König dem Vormundschaftsgericht, dass der Verkauf an den Unternehmer Gustav Schickedanz erfolgen müsse, wie der Anwalt später aussagt. Andernfalls werde seine Kanzlei geschlossen und er ins Konzentrationslager verbracht. Obermeyers Angehörige erfahren, dass er nur freikomme, wenn sie verkaufen.

In einem Schreiben vom 11.4.1934 erklärt Schickedanz, die Aktien für 457000 Reichsmark zu übernehmen, laut Rosenfelder nur ein Bruchteil des tatsächlichen Wertes von mehreren Millionen. Die Gauleitung, so Rosenfelder, hatte ein entsprechendes Gutachten angewiesen, wonach der Kaufpreis deutlich unter dem Wert liegen solle. Rosenfelder stellt nach dem Krieg fest, „dass: 1.) Herr Gustav Schickedanz mit Unterstützung und auf schärfsten Druck der Gauleitung hin die mir und meinem Bruder gehörenden Aktien an sich zu bringen verstanden hat, 2.) wir nie auch nur einen Pfennig für diese Aktien erhalten haben und 3.) zwischen Herrn Schickedanz und uns nie ein Vergleich geschlossen worden ist, der sich auf Enteignung der Aktienmajorität bezogen hätte.“ Schickedanz habe die Firma mit dem firmeneigenen Vermögen bezahlt, sie also praktisch geschenkt bekommen. Erst in den Wiedergutmachungsverfahren wird eine Entschädigung für die Enteignung ausgehandelt.

Gustav Abraham Schickedanz ist nicht irgendein Unternehmer für die Nazis. Er schrieb mit Quelle eine Erfolgsgeschichte, heißt es in der offiziellen Biografie seiner gleichnamigen Stiftung. „Von den Nazis behindert, von den Alliierten in seiner Entwicklung gebremst, setzte er sich mit seiner Idee, preiswerte Waren von guter Qualität nach Hause zu liefern, durch.“ Von den Nazis behindert? Die Realität sah anders aus, sagen Historiker, die mehr als 1000 Seiten Akten des Entnazifizierungs- und Wiedergutmachungsverfahrens im Staatsarchiv Nürnberg gesichtet haben. Eckart Dietzfelbinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, bezeichnet Schickedanz als „eine historisch belastete Person“. Er sei das Paradebeispiel eines Unternehmers, der dank seines politischen Opportunismus von den Nazis im Zuge der Arisierung profitiert hat. Ebenso exemplarisch sei, wie er nach Kriegsende als Mitläufer eingestuft wurde und nahezu unbehelligt blieb. Dietzfelbinger beschrieb die Arisierungen 2007 in dem Skript „Warum braune Flecken kein Makel blieben: Anmerkungen zum Fall Gustav Schickedanz“ und präsentierte die Erkenntnisse öffentlich in Fürth. Peter Zinke bestätigte die Kritik an Schickedanz 2008 im Jahrbuch des Nürnberger Institutes für NS-Forschung und jüdische Geschichte. Zinke hat dazu ebenfalls die Akten der Verfahren ausgewertet.

Schickedanz ist am 1.Januar 1895 in Fürth geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er Mitarbeiter, später Teilhaber eines Kurzwarengrossisten. 1927 gründete er ein Versandhaus, dessen Kunden ohne Zwischenhandel, also an der Quelle, einkaufen sollten. 1938 machte es rund 40 Millionen Reichsmark Umsatz. Ein nach 1945 erstelltes Gutachten erklärt, weshalb die Nazis sich mit ihm verbündeten: „Die Partei zeigte damals reges Interesse an der Erwerbung der Aktien (der Vereinigten Papierwerke – E.D.) durch Schickedanz. Man suchte nach einem fränkischen Industriellen und da gab es nur einen, der die dazu notwendigen Summen aufwenden konnte, und der war Schickedanz.“

Dabei hatte Schickedanz den ersten Schritt getan. Noch bevor Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, war er 1932 in die NSDAP eingetreten. Damals beschäftigte er über 100 Mitarbeiter. Seine offizielle Biografie sieht ihn dennoch als Opfer: „Die Machtübernahme der Nationalsozialisten warf ihn in seiner Entwicklung zurück. Der Versandhandel galt als ‚jüdisch beherrschte Niedrigpreispolitik‘ zur Gefährdung des deutschen Einzelhandels. Doch unbeirrt suchte sich Schickedanz neue Geschäftsfelder.“ Das klingt fast, als sei er gezwungen gewesen, sich abzugrenzen und auf seinen Katalogen als garantiert christliches und arisches Unternehmen zu werben.

1935 drängte ihn der Oberbürgermeister von Fürth, sich im Stadtrat zu engagieren. Zwar trat Schickedanz auch den Organisationen Deutsche Arbeitsfront, Kraft durch Freude, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und dem NS-Reichsbund für Leibesübungen bei. Er sei jedoch kein strammer Nazi gewesen, sagt Dietzfelbinger. Im Stadtrat nahm er in neun Jahren von 77 Sitzungen nur an 40 teil.

Zu seinen Freunden zählt Julius Streicher, der die Arisierungen in Franken kontrolliert. Schickedanz gilt als „Günstling der Gauleitung“, wie die Nazis festhielten. Allein in der ersten Phase der „Arisierung“ zwischen 1933 und 1937, die ohne rechtliche Grundlage erfolgte, habe Schickedanz zehn Firmen und Grundstücke übernommen, sagt Dietzfelbinger. Dazu zählen neben der Vereinigten Papierwerke A.G. in Nürnberg-Heroldsberg die Brauerei Geismann A.-G. in Fürth sowie die Firmen Baum&Mosbacher in Frankfurt, M.Ellern in Forchheim-Stadtsteinach, Ignatz Mayer in Nürnberg, die Kohn’sche Briefmarkensammlung, außerdem mehrere Grundstücke in Fürth und Forchheim. Das Muster sei immer gleich, schreibt Peter Zinke: Mithilfe seiner Kontakte zur Gauleitung übte Schickedanz Druck auf die jüdischen Besitzer aus. „Die Drohungen führen dazu, dass die Haus- und Fabrikbesitzer zum Verkauf genötigt wurden. Dies hat Schickedanz über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren genutzt.“ Die Einschätzung der Spruch- und Wiedergutmachungskammer, er habe dies nicht gewollt und nichts davon gewusst, hält Zinke für „abwegig“. Max und Martin Ellern-Eichmann, denen die Fabrik in Forchheim gehört, wird mit „schärfsten Maßnahmen“ gedroht, falls sie den Verkauf verweigerten. Sie befürchten Konzentrationslager und Tod, wie sie später aussagen, und verkaufen. Eine Woche nach dem erzwungenen Kauf habe Schickedanz auch noch drei Grundstücke von der Ehefrau von Martin Ellern-Eichmann gefordert, wie sie eidesstattlich versicherte, und zwar ohne dafür bezahlen zu wollen. Sie weigerte sich, und Schickedanz drohte, die Parteileitung einzuschalten. Offenbar hatte er damit keinen Erfolg.
Noch vor Kriegsende übertrug Schickedanz seinen Besitz seiner Frau und seiner Tochter. Hatte er Angst vor den Siegermächten? Nach dem Krieg warfen ihm die Amerikaner seine Zugehörigkeit zur NSDAP vor und belegten ihn mit Berufsverbot. Den Wiederaufbau des Unternehmens übernahm seine Frau.

Nicht alle Historiker teilen die Sicht, Schickedanz sei ein Opportunist und Profiteur. Gregor Schöllgen, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen, der den Nachlass von Schickedanz für eine Biografie sichtet, behauptet: Die von Quelle übernommenen Firmen befanden sich schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten „in erheblichen wirtschaftlichen oder finanziellen Turbulenzen“. Genauso urteilte nach dem Krieg die Spruchkammer in seinem Entnazifizierungsverfahren. In der FAZ schrieb Schöllgen: „Gemeinsam ist ihnen auch, dass der Quelle-Gründer in keinem einzigen Fall die für die jüdischen Eigentümer zusehends bedrückenden politischen Rahmenbedingungen ausnutzt, sondern ihnen vielmehr durch korrekte Verträge hilft, ihre schwierige Lage im Rahmen des Möglichen zu klären. Gustav Schickedanz gehört zu den wenigen Unternehmern, die auch in dieser Zeit an den Maximen des Anstandes und der Redlichkeit festgehalten haben.“ Hat Schöllgen Gründe, die Aussagen Rosenfelders zu bezweifeln? Das will er auf Anfrage nicht sagen und verweist lediglich auf sein Buch, das bald erscheinen soll. Sein Zentrum für Angewandte Geschichte (ZAG) hat dazu von Familie Schickedanz exklusiven Zugang zum Nachlass und Geld für den Aufbau und die Sichtung des Archivs erhalten. Belege nennt er nicht.
Und Schickedanz? Er hat sich schließlich mit allen Firmen auf eine Entschädigungszahlung beziehungsweise einen Vergleich geeinigt. Den Erben der Gebrüder Rosenfelder sowie Fred Obermeyer zahlte er 1951 jeweils 1,6 Millionen Mark. Freiwillig, korrekt und hilfreich? Wohl kaum. Oskar Rosenfelder beklagte 1947: „Herr Gustav Schickedanz stellt in diesen seinen Ausführungen nach dem Motto: ‚Nicht der Mörder, sondern der Ermordete ist schuldig‘ die Dinge so dar, als ob die Schuld an dem – ich möchte die ganze Angelegenheit gleich mit dem richtigen Wort bezeichnen – Diebstahl nicht etwa der Dieb habe, sondern diese Schuld ausschließlich beim Bestohlenen selbst zu suchen ist.“
In seinem Entnazifizierungsverfahren wurde Schickedanz beschuldigt, dass sieben der mehr als neun Millionen Mark seines Vermögens aus jüdischem Besitz stammten, schreibt Zinke. Schickedanz bot 41 Zeugen auf, die ihn nicht als Günstling, sondern als „unbeugsamen Gegner“ des Nazi-Regimes bezeichneten. Der bayerische Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard, der aus Fürth kommt, sagte: „Die Schuld des Herrn Schickedanz ist es, dass er, um für seine geschäftliche Tätigkeit freie Hand zu behalten und um sein Werk zu retten, mit den Nationalsozialisten Kompromisse schloss und sich durch die Parteizugehörigkeit die wirtschaftliche Freizügigkeit sichern zu können glaubte. Es war also ein gewisses Maß politische Dummheit, Schwäche, vielleicht sogar Feigheit, die Herrn Schickedanz zum Eintritt in die Partei bewogen.“ 1949 wurde Schickedanz als Mitläufer zu 2000 Mark Strafe verurteilt. Es war ein „gigantischer Persilschein“, wie Dietzfelbinger sagt. Man brauchte den Unternehmer für den Wiederaufbau.

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