Keimzelle Familie - Durch den Markt erodiert das Familienmodell

In Deutschland sind die Geburtenzahlen konstant auf niedrigem Niveau. Das liegt vor allem an den äußeren Bedingungen junger Arbeitnehmer. Und die äußeren Bedingungen sind kapitalistische

In Deutschland werden konstant wenig Kinder geboren. Liegt das am Kapitalismus?
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Autoreninfo

Nils Heisterhagen ist Sozialdemokrat und Autor des Buches „Die liberale Illusion. Warum wir einen linken Realismus brauchen“, welches letztes Jahr im Dietz-Verlag erschienen ist.

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Nils Heisterhagen

Kann es vielleicht sein, dass die niedrige Geburtenzahl in der Bundesrepublik auch auf einen systemischen Konflikt zurückzuführen ist? Herrscht vielleicht ein grundsätzlicher Gegensatz zwischen dem Prinzip des Kapitalismus und dem Prinzip der Familie? Der Philosoph Dieter Thomä hat es in einem Interview einmal so ausgedrückt:

„Zwischen dem Kapitalismus und der Familie besteht ein klassischer Konflikt: Im Kapitalismus zählt der eigene Nutzen, den man aus seinem Tun zieht. Dies liegt nun einmal quer zur Familie, in der ein unglaublicher Aufwand für andere getrieben wird.“

Der Kapitalismus fordert den Egoismus heraus. Es geht um individuelle Nutzenmaximierung und eben nicht um die Zuwendung zum Anderen. Im Kapitalismus geht es um das „Ich“ und nicht um das „Wir“. Im Gegensatz zum kapitalistischen Wettbewerb erzeugt die Familie enge soziale Bindungen zwischen Personen. Das Vertrauensniveau ist üblicherweise in Familien am Größten und auch die Kräfte der Solidarität leben zwischen Familienmitgliedern am Stärksten. Es gibt ein Band der Zusammengehörigkeit und der gegenseitigen Anteilnahme. Der Familienmensch muss also heute zwei eigentlich gegensätzliche Denkweisen zusammenbringen. Aber obgleich dieser Konflikt für viele einer ist, den man bereit wäre auszuhalten und anzugehen, geben die schlechten Rahmenbedingungen für Familiengründung dann doch für viele den Ausschlag es mit der Familiengründung zu lassen.

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Von jungen Leuten wird heute Mobilität, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft gefordert. Den Unternehmen geht es erstmal um sich selbst, das heißt um die Verfügbarkeit von effizienten Arbeitskräften. Sie wollen ihr Humankapital gut einsetzen und fordern von diesem, dass es sich hörig so einsetzen lässt, wie man es von ihm verlangt. Die Ungebundenheit ist der höchste Wert des Kapitalisten, ob er es nun selber will oder ob die Unternehmen ihn dazu zwingen. Viele meinen, dass gerade in der Ungebundenheit die eigentliche Freiheit liegt, so ist das Singleleben auch in Mode gekommen, weil man dort ungebunden ist und eben keine festen Entscheidungen mit Konsequenzen treffen muss. Auch die Partnerwahl unterliegt zunehmend mehr dem Kapitalismusprinzip von Angebot und Nachfrage. Der Markt der Singles ist groß und warum nicht mehrere Produkte testen, warum sich auf eine Marke festlegen?

Obgleich auch feste nicht-monogame Beziehungen möglich sind, was man heute offene Beziehung nennt, und wo sehr wohl die familiäre Bindung möglich ist, ist selbst so ein loser Bund für viele schon zu viel, weil der Supermarkt der Liebesbeziehungen einem erlaubt, gerade das zu kaufen, worauf man gerade Lust hat. Der Kapitalismus gibt dem Hedonismus freies Spiel. Und Familie bedeutet Festlegungen, Verpflichtungen oder anders gesagt: Konsequenzen, die einen binden. Und heute zählt für viele Leute in utilitaristischer Absicht, was hinten raus kommt, also man wägt ab in Kosten und Nutzen. Der betriebswirtschaftliche Grundgedanke der Kosten/Nutzenabwägung überträgt sich somit auch in die privaten Angelegenheiten. Und in privater Hinsicht zählt für viele daher die Maximierung des Angenehmen. Kinder gelten da zunehmend als Lebensqualitätseinbuße.

Natürlich ist die These, dass die Arbeitsbedingungen das Modell Familie erschweren, nicht einfach so zu plausibilisieren. Schaut man in das Land des Turbokapitalismus, die USA, sieht man, dass die Familie dort eine stärkere Bedeutung hat. Das mag an der stärkeren Verankerung christlicher Werte in der Gesellschaft liegen, aber auch daran, dass im mittleren Westen der USA andere Bedingungen und Werte vorliegen, wie in den kapitalistischen Zentren New York und Los Angeles, und so die Gesamtstatistik anders ausfällt. Auch in Europa gibt es Länder, wie Frankreich, Schweden, Norwegen, sogar Großbritannien, die bei der zusammengefassten Geburtenziffer deutlich besser abschneiden als Deutschland. In diesen Ländern wird teilweise sogar die natürliche Reproduktionsrate - also etwas mehr als zwei Kinder - erreicht.

Betrachtet man die geringen Geburtenzahlen in Deutschland kann man noch andere Erklärungsansätze bemühen, warum hierzulande Babyebbe herrscht: Ein entscheidender Faktor ist das gesellschaftliche Klima: Schnell wird in Deutschland von einer „Rabenmutter“ gesprochen, wenn eine Mutter nicht bereit ist, auf ihre Arbeit zugunsten stärkerer Kinderbetreuung in den ersten Lebensjahren des Kindes zu verzichten. Auch die noch nicht ausreichenden Kita-Kapazitäten kann man als Erklärung heranziehen. Politik und Gesellschaft tragen auch ein Teil zum Familiendilemma in Deutschland bei.

Nun sind vor allem kulturelle Einflüsse empirisch kaum zu messen. Die Soziologie kann sich nur an die Erklärung soziologischer Phänomene herantappen. Heike Trappe, Professorin für Familiendemographie an der Universität Rostock, spricht rückgriffnehmend auf das deutsche Beziehungs- und Familienpanel, davon, dass „Familie bei ziemlich vielen jungen Menschen hoch im Kurs steht.“ Dieser soziologische Befund steht der These entgegen, dass durch den Kapitalismus das Modell Familie erodiert. Aber die beiden Thesen müssen kein Widerspruch sein.

Diese Renaissance des Wertes Familie überrascht nicht so sehr. Jener Konservatismus kann als eine Gegenwendung gegen die Unsicherheit der Postmoderne gelesen werden, in der junge Leute gewissermaßen zum Narzissmus aufgefordert werden, eben sich selbst zu verwirklichen und alles zu erreichen, was sie erreichen wollen, wenn sie denn nur wollen und sie mit jener Ideologie der unbegrenzten Möglichkeiten nicht mehr zurecht kommen. Man kann auch seine Orientierung verlieren, wenn die Möglichkeiten zu viele werden. Man kann die Renaissance des Modells Familie – meist gepaart mit der entsprechenden Verpflichtungserklärung zur Monogamie – als Gegenreaktion gegen den ausufernden Möglichkeitshorizont der eigenen Biographie verstehen, weil man sich dadurch Sicherheit und Geborgenheit verspricht, die man als individueller kapitalistischer Glückskämpfer nicht mehr zu finden glaubt. Die Familie steht für Sicherheit und Sicherheit bekommt zunehmend einen höheren Stellenwert als Wahlfreiheit – dafür spricht auch der gerade zu beobachtende Konservatismus in der Politik. Nehme man an, dass in diesem Konservatismus sich ein Widerstand gegen die unsicheren kapitalistischen Verhältnisse ausdrückt, müsste sich eigentlich ein Babyboom in Deutschland verzeichnen lassen. Aber davon kann keine Rede sein.

Es spricht viel für die These, dass überall da, wo junge Personen mit befristeten und schlecht bezahlten Jobs kämpfen müssen und überall da, wo kapitalistische Wertüberzeugungen wichtiger sind als andere, das Modell Familie einen schweren Stand hat. Und es spricht viel dafür, dass auch da, wo der Wert der Familie hoch gehalten wird, die äußeren Bedingungen des Lebens den Ausschlag geben, es mit der Familiengründung zu lassen. Und die äußeren Bedingungen sind kapitalistische. Daher kann man davon sprechen, dass der Kapitalismus die Familiengründung erschwert.

Aber – und das stimmt hoffnungsfroh – die wenigsten Personen, die eine Familie gegründet haben, bereuen es danach, weil sie die Glücks- und Erfahrungsmomente höher schätzen als die Kosten, die damit verbunden sind. Die Eltern lernen von ihren Kindern und erfreuen sich an ihrer Existenz, und die Kinder, die verdanken ihren Eltern, dass sie existieren. Man darf nicht vergessen, dass ein jeder erst geboren werden musste, um zu leben.

 

 

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