Jürgen Trittin - Ungleichheit zu verringern, ist nicht totalitär

Alexander Grau bezeichnete die Forderungen von Jürgen Trittin nach mehr Gleichheit als „moralapostolischen Fetisch“. Hier antwortet ihm der Ex-Bundesumweltminister

Zelte für Obdachlose in Berlin
Zelte für Obdachlose in Berlin / picture alliance

Autoreninfo

Jürgen Trittin ist Bundesminister a.D. und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages. 

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Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll. Über die völlige ökonomische Ignoranz oder die neodogmatische Schwarz-Weiß-Malerei von Alexander Grau.

Dass ökonomische Ungleichheit zyklisch globale Finanzkrisen gebiert, ist ihm keinen Gedanken wert. Die Weltwirtschaftskrise in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, das Platzen der New-Economy-Blase und die Finanzmarktkrise von 2009 haben Prozesse ausgelöst, die Millionen in die Arbeitslosigkeit stießen, Unternehmen zusammenbrechen ließen, Staaten überschuldeten. Ihnen allen schmettert Alexander Grau entgegen, das Verfahren sei gerecht. Es sei nicht Aufgabe des Staates für Ergebnisgerechtigkeit zu sorgen.

Das kommt davon, wenn man die globalisierte Finanzwirtschaft mit einem Amtsgericht vergleicht.

Tatsächlich ist es Aufgabe des Staates, für Spielregeln zu sorgen. Teil dieser Spielregeln muss eine Begrenzung der ökonomischen Ungleichheit sein. Nicht nur wegen der Stabilisierung der Wirtschaft. Eine Welt, in der eine Busladung von 62 Milliardären so viel besitzt wie die 3,5 Milliarden Menschen der ärmeren Hälfte der Welt, ist nicht nur schreiend ungerecht. Sie ist auch keine sichere Welt.

Gerechtigkeit und Gleichheit sind nicht dasselbe

Man muss sich nur die rohstoffexportierenden Länder dieser Welt anschauen. Rohstoffreichtum und Armut der Bevölkerung gehen hier häufig Hand in Hand. Abgesehen von Norwegen und Botswana sind sie durchgehend von bad governance und Korruption geprägt. Es handelt sich vielfach um zerfallende oder zerfallene Staaten.

Gerechtigkeit und Gleichheit sind nicht dasselbe. Extreme Ungleichheit produziert nicht nur regelmäßig ungerechte Ergebnisse, sondern unterminiert somit auch die Legitimierung durchs Verfahren.

Dass die Minderung der Ungleichheit die Legitimität der Verfahren stärkt, ist keine totalitäre Idee. Sie stammt auch nicht aus dem Fundus der dem Alexander Grau so grauenvollen 68er. In Wahrheit stammen sie aus der Denkschule des Ordoliberalismus. Ein gewisser Ludwig Erhard hat sie mal in dem Slogan „Wohlstand für Alle“ zusammengefasst – als Konsequenz der Erfahrung des totalitären Regimes des deutschen Nationalsozialismus.

Nicht totalitär, sondern liberal

„Wohlstand für Alle“ hieß die Teilhabe aller an der wirtschaftlichen Wertschöpfung einer Gesellschaft. Sie ist nicht Gleichmacherei, wie es das Schwarz-Weiß-Denken des Grau uns weismachen will, sondern Teilhabe. Diese Teilhabe ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter zurückgedrängt worden – wofür die seit den siebziger Jahren gesunkene Lohnquote ebenso ein Ausdruck ist wie die gewachsene Einkommens- und Vermögensungleichheit in den Ländern des demokratischen Kapitalismus. Auch in Deutschland.

Doch nicht nur die Ungleichheit ist gewachsen. Auch die Gerechtigkeit hat gelitten. Die Menschen in Spanien, Portugal und Irland fanden es überhaupt nicht gerecht, dass in Folge der Übernahme von Bankenschulden ihre – zuvor niedrige – Staatsverschuldung explodiert ist. Und noch weniger gerecht finden sie es, dass sie die Finanzierung dieser Schulden nun durch Kürzung ihrer Pensionen und Krankenversicherungen bezahlen sollen. Weshalb sie dieser Ungerechtigkeit durch Abwahl der Regierungen ein Ende bereiten wollen. Nur haben sie da die Rechnung ohne das deutsche Austeritätsregime in Europa gemacht.

Ungerechtes Steuersystem

Vielleicht lässt sich Alexander Graus Horror vor einer Besteuerung extrem hoher Vermögen ja aus seinem Staatsbild erklären. Wer staatliche Investitionen in Bildung, digitale und energetische Infrastruktur sowie die Einstellung von Polizisten als „allerlei Wohltaten“ abtut, der wird noch gegen jede Form der solidarischen Gemeinschaftsfinanzierung wettern.

Weiter schreibt er: „Es geht um gerechte Spielregeln, nicht um ‚gerechte‘ Ergebnisse“ – stimmt. In Deutschland gilt der Grundsatz der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit. Ist es also gerecht, dass die Kapitaleinkommen über die Abgeltungssteuer mit 25 Prozent, Arbeitseinkommen über die Einkommenssteuer aber mit bis zu 42 Prozent besteuert werden? Und wie ist die faktische Steuerfreiheit des leistungslosen Einkommens bei Erben mit den gerechten Spielregeln zu vereinbaren? Gar nicht – wie man im Urteil des Bundesverfassungsgerichts nachlesen kann.

Ungerechtigkeiten wie diese befördern die Ungleichheit. Wer von Gleichheit nicht reden will, redet die Ungerechtigkeit schön.

Arndt Reichstätter | Fr, 22. Juli 2016 - 11:03

Würde "ökonomische Ungleichheit zyklisch globale Finanzkrisen" auslösen, dann hätte es zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte Krisen geben müssen, denn Kapital war stets ungleich verteilt. Tatsächlich gab es (z.B. im 19 Jhd.) lange Zeit der relativen Stabilität, nämlich unter einem goldgedeckten Vollreservesystem.

"Korruption in anderen Ländern" ist kein Argument gegen individuelle deutsche Freiheit und Verantwortung (=freier Markt).

Ja, die "Ungleichheit ist gewachsen". Aber im Gegensatz zu sozialistischen Ländern, wo gerade Katzen gejagt werden, haben die Menschen im Westen lediglich ungleich effektive Klimaanlagen.

Und ja, beim "Erben mag es sich um ein leistungsloses Einkommen" handeln. Aber beim Umverteilen auch.

Der Hinweis auf unterschiedliche Abgeltungssteuern bei Kapitaleinkommen im Gegensatz zu Arbeitseinkommen ist korrekt. Allerdings ist das Investieren von Kapital auch "Arbeit". Besser beide Steuern nach unten anstatt nach oben anpassen!

Sie haben völlig recht. Das FIAT-Money (Kreatur von Jekyll Island 1913), dann die Aufgabe der Goldbindung durch Nixon zur Abwälzung der Vietnam-Kosten waren der Kern aller heutigen Probleme. Es folgte nämlich die Kopplung des Dollar an's Rohöl, die weltweite Fakturierung löste einen Boom nach Dollar und damit US-Treasuries aus. Saudi-Arabien wurde engstens an die USA, gebunden, nach dem Sturz des Schahs wichtigster und bevorzugter Nahost-Partner im Öl. Mit allen polit. Konsequenzen: Ausdehnung des wahabitischen Islam in alle Winkel und Ecken mittels Saudi-finanzierter Imame und Moscheen, totale Feindschaft zum Iran, ... Saddam und Ghaddafi mußten wohl auch fallen, weil sie statt Dollar lieber Euro und Gold wollten.

Steuerschlupflöcher für Megakonzerne (Amazon und Co.) z.B. in Luxemburg zu schließen, hätte Ungleichheit eher verringert. Gell, Hr. Juncker?!
Unternehmenssteuern tragen immer weniger zum Staatshaushalt bei!

Ihr Hinweis bei den Abgeltungssteuern ist auch stimmig. Voll Afd zwar -Pfui! ;) aber richtig.
Die "Linke" =LINKE, GRÜNE, SPD(-Teile), CDU(-Teile) will einfach nicht begreifen, daß seit den ersten Freihandelsabkommen (GATT, WTO, etc.) theoretisch alles frei zirkuliert. Waren, Nahrungsmittel, z.T. Arbeitskraft, vor allem aber KAPITAL! Das ist sogar das wichtigste, zumindest für die BIG-Player (Banken, Hedgefonds).

Die Tobinsteuer (wie von Lafo einst vorgeschlagen könnte zumindest den HF-Handel etwas dämpfen und selbst bei 0,0x einen großen Beitrag bringen, wenn ALLE mitmachen. Klappte schon in der EU nicht, London (u.a.) war dagegen. Da alles über Server läuft, zieht die HF-Börse dann eben virtuell nach Guernsey oder Hongkong, wird also schwer, wenn man zu hoch pokert seitens der Politik.

Also lieber Flat-Tax, Steuersystem entrümpeln, Verwaltung straffen und mehr Eigeninitiative ermöglichen. Ergibt einen Gründerboom!

Miesterfeld, Bernd | Fr, 22. Juli 2016 - 11:07

Danke für diesen verständnisvollen Artikel mit verständlicher, dialektischen Schlussformel. Eine Wohltat, verglichen mit dem abgehobenen Artikel von Herrn Grau. Die politische Realität ist eben doch härter als es sich ein Philosoph in seinem heimischen Elfenbeinturm ausmalen möchte. Elitäres Denken, ohne Rücksicht auf die Marginalisierten in einer Gesellschaft hat schon immer zu Konflikten und weniger Stabilität geführt.

Albert Keller | Fr, 22. Juli 2016 - 11:16

Danke für die Klarstellung. Sie bestärkt mich in der Ansicht, daß Herr Grau Recht hat.

Johann Prossliner | Fr, 22. Juli 2016 - 11:26

Wahrscheinlich hat Herr Trittin nicht viel mehr von Herrn Grau gelesen als diesen einen Artikel. Sonst wüsste er, dass Grau einer der nicht sehr vielen Intellektuellen in Deutschland ist, der auf einem solides philosophisches Fundament operiert.

Arndt Reichstätter | Fr, 22. Juli 2016 - 11:33

Das beste Buch zur großen Depression ist übrigens "America's Great Depression" von Murray Rothbard.

Dort wird dargelegt, wie die künstliche Ausweitung der Kredite durch die Zentralbanken den Goldstandard unterminiert hat. Die Illusion von Sparvorhaben, die es real nicht gab, hat die Industrie wie blöd investieren lassen.

Da, aus diesem nachvollziehbaren Grund, nicht alle Investitionen finanziert und finalisiert werden konnten, war die Krise der (eigentlich heilsame!) Zeitpunkt, an dem sie offensichtlich wurde.

Aber anstatt überschuldete und ineffektive Markteilnehmer pleite gehen zu lassen und auf solidem Grund weiterzumachen, wurden endlose staatliche "Hilfs"programme erlassen. Die amerikanische Regierung lies 6 Mio. Schweine töten, um die Bauern "zu retten". Löhne wurden künstlich hochgehalten, um "Nachfrage" zu steigern.

Zu denken geben sollte Hr. Trittin die Krise von 1923, die viel schlimmer war, aber -weil die Regierung nichts tat!- nach kurzer Zeit überstanden war.

peter hauser | Do, 4. August 2016 - 19:47

In reply to by Arndt Reichstätter

Wahr und wohl verstanden.
Etwas paradox hatten dann Roosewelt und Hitler( Hjalmar Schacht) zwar unterschiedlich aber gleichgerichtet Mittel umgesetzt die wirkten, bei allen Unterschieden, aber imense Opfer verlangten. Schon Keynes empfhal solche Maßnahmen (anders im Zusammenhang zu verstehen) und neben bei sei angemerkt ist seine Kritik am Vertrag von Versaille erst jetzt veröffentlicht worden.
Ökonomie ist nicht nur Neoklassik sondern auch Ansicht des Geschehens.( Ich halte trotzdem nicht viel von dieser "Wissenschaft" )

Michael Ginster | Fr, 22. Juli 2016 - 11:40

Sehr geehrter Herr Trittin, sie werfen in diesem Artikel eine Nebelbombe nach der anderen und vernebeln Ihre Absichten. Sie reden von Gleichheit wobei wohl Sie derjenige sind, der die Inhalte der Gleichheit definiert.
Gleichheit wurde bereits von vielen Totalitären Staaten versucht, wie z.B. der DDR, Maos China, Stalins Sowjet Union, Castros Kuba und vielen anderen.
Menschen mit ungleichen Gedanken, Wünschen und Lebensvorstellungen mussten dazu gnadenlos gebrochen werden.

Menschen sind nicht gleich und wollen nicht gleich sein. Ich will z.B. nicht so sein wie Sie und Sie wohl auch nicht wie ich. Ich will keine Uniformierte Fremdbestimmtheit.

Ertüchtigt die Menschen zur Eigenverantwortung und somit zur Selbstbestimmtheit. Macht ihnen Bildungsangebote die sie annehmen dürfen. Belohn das Wahrnehmen von Chansen.

Darüber hinaus setzt Rahmenbedingungen und geht endlich pfleglich mit unsere maroden Infrastruktur um.

Politik hat keinen Erziehungsauftrag!

Harro Meyer | Fr, 22. Juli 2016 - 12:38

Beim Herrn Trittin bin ich mir nie so sicher: Vater SS-Obersturmbannführer, bis zum letzten Kriegstag fürs Volk gekämpft. Da bleibt halt in den Genen etwas hängen. Und da sich in der alten Richtung nichts mehr tut, hat man in die andere Kerbe, ohne Fingerspitzengefühl, einfach nur druf, etwas bleibt immer hängen.

Kat Teker | Fr, 22. Juli 2016 - 13:10

der Verringerung von Ungleichheit? Dass auf dieser Welt nicht jedem das gleiche ökonomische Kapital zur Verfügung steht, führt offensichtlich leider auch zu ungleichen Chancen, aber warum dort aufhören? Die Chancenungleichheit wird schließlich auch noch von ganz anderen Faktoren beeinflusst! Was ist mit den Unterschieden kognitiver Leistungsfähigkeit? Und Talente, warum darf die der eine haben, der andere aber nicht? Wo bleibt da der Aufschrei gegen diese himmelschreiend ungerechte Vorteile ggü Unbegabteren? Auch dagegen könnte man doch endlich Spielregeln fordern, die zu weniger Ungleichheit führen!

Das würde zu mehr Gleichheit führen, ließe sich aber nicht umsetzen? Die Zeichenbegrenzung lässt mich jetzt einfach mal (mit einem kleinen Augenzwinkern) auf diesen Film verweisen: https://de.wikipedia.org/wiki/Harrison_Bergeron_%E2%80%93_IQ_Runner

Günter Frey | Fr, 22. Juli 2016 - 13:17

Immer die gleiche Leier, die Superreichen besteuern um die Ungleichheit abzubauen, das kennt man ja.
In Wahrheit ist der Feind der Mittelstand und die Leistungsträger, die sollen unter diesen fadenscheinigen Vorwänden geschröpft werden.

Theo Kruse | Fr, 22. Juli 2016 - 13:26

Trittin türkt! Beim Thema rohstoffexportierende Länder: "Abgesehen von Norwegen und Botswana sind sie durchgehend von bad governance und Korruption geprägt. "
Australien und Kanada (u.a. die größten Uranproduzenten) zeichnen sich durch schlechte Regierungsführung und Korruption aus? Interessant.
Südafrika ist zwar deutlich abgerutscht, aber das hat andere Gründe, deren Nennung politisch unkorrekt wäre.
Auch unsere "Partnerländer" Saudi-Arabien, Katar, VAE und Kuwait sind sicher nicht erfreut über Ihre Einschätzung.
Irak und Libyen könnten noch stabil sein, wenn, ja wenn. .. G.W. Bush und Killary nicht so "entschlussfreudig" gewesen wären. Libyen war sogar ein wirtschaftliches Musterexemplar an Stabilität. Geringe Staatsverschuldung, niedrigster Gini-Koeffizient Afrikas. Vorbei!
Was ist mit der Mongolei? Erlöse fast nur aus Mineralexporten, wenig korrupt, Regierung recht effizient! Was mit Chile (größter Kupferproduzent)?

Nene, so wird das nichts mit dem Posten im AA ab 2017!

Wolfgang Tröbner | Fr, 22. Juli 2016 - 14:20

„Wohlstand für Alle“ hieß die Teilhabe aller an der wirtschaftlichen Wertschöpfung einer Gesellschaft.

Für Sie heißt das offensichtlich, dass die erarbeiteten Werte an alle gleich verteilt werden, nicht aber, dass sich auch alle in gleicher Weise an der Wertschöpfung beteiligen müssen. Ich habe dies Ihrem Artikel jedenfalls nicht entnehmen können. Haben Sie schon mal daran gedacht, dass ungleiche Einkommen auch mit unterschiedlicher Berufsausbildung/Qualifikation zu tun haben könnten? Jemand mit Hochschulstudium wird in aller Regel erst ab Mitte/Ende 20 ins Erwerbsleben eintreten, hat also im Vergleich zu jemand mit Facharbeiterabschluß ca. 10 Jahre weniger Zeit, sich Einkommen zu erabeiten. Bis zum Uni-Abschluß muss er übrigens von den Eltern unterhalten werden.

Und was das "leistungslose Einkommen bei Erben" anbelangt, unterhalten Sie sich doch mal mit einem Bauernsohn. Im Gegensatz zu dem Sohn eines Bankdirektors mußte der nämlich auch als Kind schon arbeiten.

Gabriele Bondzio | Fr, 22. Juli 2016 - 14:56

Stimme ich Herrn Trittin durchaus zu. Komischerweise beinhalten die Spielregeln nicht eine Begrenzung der ökonomischen Ungleichheit. Diese nimmt immer mehr zu statt ab. Dafür gibt es zig Beispiele. Mein Beispiel, die Rettung von Banken, die nun wiedermal in Italien ansteht. EZB-Chef Mario Draghi will eine Banken-Rettung mit Steuergeldern durch die Hintertür durchsetzen. Er möchte den Steuerzahler die faulen Kredite zuschieben. Ein Gewinn für die Investmentbanken – auf Kosten der Steuerzahler. Und einer Umgehung der selbst aufgestellten Regel der EU. Normalerweise müssten zuerst Gläubiger und Aktionäre für Verluste haften. Aber die nehmen lieber Geld ein...als welches auszugeben. Und somit werden Einzelne reicher, während Viele ärmer werden.

Dimitri Gales | Fr, 22. Juli 2016 - 15:03

Der Staat muss regulative Funktionen wahrnehmen. Man stelle sich eine belebte Hauptpstrasse mit Kreuzungen etc. vor; es gäbe keine Ampel, keine Schilder und keinen, wie in alten Zeiten, Schutzmann, der den Verkehr regelt. Es würde totale Freiheit herrschen. Ich möchte auf dieser Strasse nicht mein Leben riskieren.
Der Staat sollte, im Idealfall, die Potenziale jedes Individuums fördern; jeder hat andere Talente, eine anderes Kontinuum an Fähigkeiten - in diesem Sinn kann es keine Gleichheit geben. Aber eine gewisse Gerechtigkeit, was die Chancen angeht, dass sollte sein. Ist aber auch heutzutage nicht immer gegeben.

Nein muss er nicht und kann er nicht.

Muss er nicht, denn Unternehmer bedienen bereits die Bedürfnisse ihrer Kunden. Ein interventionistischer Staat wäre nur doppelt gemoppelt, womit sich beide Institutionen (Markt und Staat) im Wege stehen. Der Staat würde nur Anreiz beiten, diesen zu wirtschaftlichen Zwecken auszunutzen. Der Unterschied ist, Wettbewerb zwischen den Unternehmern (den es zwischen dem Staat und sich selbst nicht gibt) sorgen für ständig steigende Qualität und/oder fallende Preise. Vergleichen Sie mal den (größtent. staatlichen) Bildungsmarkt zum (freieren) Computermarkt.

Kann er nicht, denn im Gegensatz zum Markt, dessen Preise für Güter und Dienstleistungen durch tägliche millionenfache Tauschgeschäfte entstehen, kann eine kleine Gruppe von Bürokraten niemals alle Bedürfnisse von Millionen Menschen exakt kennen. Diese Misswirtschaft führt zur weiteren Notwendigkeit von Eingriffen, die wiederum Misswirtschaft hervorbringt.

(Mehr hierzu bei Ludwig von Mises)

Jacqueline Gafner | Fr, 22. Juli 2016 - 15:40

"Tatsächlich ist es Aufgabe des Staates, für Spielregeln zu sorgen. Teil dieser Spielregeln muss eine Begrenzung der ökonomischen Ungleichheit sein."
Der ersten Feststellung wird kaum jemand widersprechen wollen, auch Herr Grau hat das nicht getan. Diese Binsenwahrheit muss man nicht vertiefen.
Mit der zweiten Feststellung des Autors verhält es sich anders: sie ist eine Behauptung, die direkt seinem politischen Glaubensgebäude entspringt, das in ökonomischer Ungleichheit den Kern allen Übels sieht. Dieser Sichtweise kann man sich anschliessen, so man will. Von müssen kann aber keine Rede sein. Das weiss natürlich auch Herr Trittin. Als Konzession an das, was sich Realpolitik nennt, verlangt er daher nur eine Begrenzung der ökonomischen Ungleichheit, nicht deren totale Beseitigung wie in einer ideal gedachten kommunistischen Welt. Und bleibt dabei den Beweis schuldig, dass a) die Ausgangshypothese stimmt und b) mehr ökonomische Gleichheit automatisch mehr Gerechtigkeit generiert.

Karola Schramm | Fr, 22. Juli 2016 - 21:05

Sicher Herr Trittin: "Tatsächlich ist es Aufgabe des Staates, für Spielregeln zu sorgen. Teil dieser Spielregeln muss eine Begrenzung der ökonomischen Ungleichheit sein. Nicht nur wegen der Stabilisierung der Wirtschaft."

Und warum haben die Grünen Hartz 4 zugestimmt ?
Warum die Banken dereguliert, dass sie zocken, wetten können, bis zur nächsten Krise, die sie stoppt?
Warum hat Gerechtigkeit nicht dafür gesorgt, dass die Banken ihre eigene Suppe auslöffeln müssen statt die Einwohner ?
Warum haben die Grünen nicht protestiert, als GR per Austeritätsdiktat so gut wie zerschlagen ist ?
Warum haben die Grünen der Schuldenbremse zugestimmt, sodass jetzt nicht mehr investiert wird ?

Sie, die Grünen, haben die Spielregeln ausser Kraft gesetzt & meinen die Wirtschaft damit stabilisiert zu haben. Die macht nun was sie will und die AN gucken in die Röhre.

Schön, dass Sie die neoliberale Politik erwähnen, die nur Schlechtes erzeugt. Doch leider- Sie, die Grünen, haben zugestimmt.

Liebe Frau Schramm, besten Dank,

Sie haben zu 100% Recht - leider. Trittin war ja in dieser Regierung Schröder.
Und genau dieser Herr Schröder brüstete sich am 28. 01. 2005 auf dem World Economic Forum in Davos damit, dass seine Regierung in Deutschland einen der besten Niedriglohnsektoren in Europa geschaffen habe. Vielleicht hat diese Großtat ja auch etwas damit zu tun, dass in Deutschland Ungleichheit zum Thema wurde und zudem infolge unseres enormen Außenhandelsüberschusses andere Länder, die ihre Arbeitnehmer ordentlich bezahlen, Wettbewerbsnachteile erleiden mussten. Flassbeck, Bofinger u. a. haben dazu ja genug publiziert.
Meine Frau und ich haben die Konsequenzen gezogen: Seit der Agenda 2010 wählen wir die LINKE - und zwar nur aus diesem Grund.

hermann klein | Fr, 22. Juli 2016 - 21:30

Das Geld wurde nicht nur massenhaft in den Neunzigern für Schaffung von Stellen und Apparaten für Ausländerbeauftragte, Integrationsbeauftragte, Sozialarbeiter, Migrationforscher usw., die sich gegenseitig die Notwendigkeit ihrer Arbeit bescheinigen.
Die Multikulti-Bürokratie ist inzwischen soweit herangewachsen und perfekt eingespielt, das selbst aus dem Scheitern der zu Grunde liegenden Ideologie der Ruf nach neuen Studien und noch mehr Sozialarbeitern ertönt.
Fazit: Alle Politiker sind nicht in der Lage den Allgegenwärtigen Gutmenschenpathos zu unterbinden und damit machen sie sich schuldig am totalen Untergang Deutschlands.

Walter Wust | Sa, 23. Juli 2016 - 12:21

Herr Trittin ist schon mitten im Wahlkampf. Diese Träume, die er da öffentlich träumt, hätte er damals mit Schröder recht effizient verwirklichen können, allerdings waren da die Prioritäten anders gesetzt. Jetzt mit Spitzfindigkeiten und nebulösen Hinweisen die Versäumnisse von Damals als neue Heilslehre zu propagieren, dazu muss man schon grüner Politprofi sein.

Yvonne Walden | Sa, 23. Juli 2016 - 12:56

Nach meinem Eindruck sollten die Ausführungen des Herrn Grau durchaus provokativ wirken. Dies gehört einfach zu seiner Art zu schreiben und zu philosophieren.
Der Replik von Jürgen Trittin stimme ich ausdrücklich zu; er hat gewisse Sachverhalte wieder richtiggestellt.
Allerdings möchte ich Herrn Trittin die Frage stellen, weshalb der die "Schweinereien" der Regierung Schröder-Fischer so klaglos mitgetragen hat, denn er war zu jener Zeit bekanntlich Bundesumweltminister.
Dennoch billige ich ihm zu, neue Erkenntnisse und Erfahrungen gesammelt zu haben mit der Folge, daß er eine ungerechte Politik künftig niemals wieder unterstützen würde.
Bleibt zu hoffen, daß Jürgen Trittin in einer künftigen rot-grün-roten Bundesregierung an maßgeblicher Stelle mitwirken kann, um endlich ein deutliches Mehr an sozialer und gesellschaftlicher Gerechtigkeit verwirklichen zu können.
Von einer CDU/CSU-SPD-Bundesregierung kann eine politische Gerechtigkeit bekanntlich nicht erwartet werden. Schade!

Entschuldigung, aber Trittin ist substanslos, und von solch einem Menschen möchte ich nicht "regiert" werden......
Wenn man einmal gnau zuhört, was er sagt, so sind es nur Platitüden die er von sich gibt. Mich stößt seine Selbsgefälligkeit nur ab, weil seine Inhalte nur alzu bekannt sind,(nichts Neues und wenig orginell aber selbstbertörend.)
Man möge doch genau zuhören, was er sagt......und sich nicht blenden/beindrucken lassen, wie er erscheint und auftritt.

Ullrich Ramps | Sa, 23. Juli 2016 - 13:58

Wenn Trittin (das "Herr" muss ich ihm entgegen meiner Art aberkennen, gesteht er es doch auch Herrn Grau nicht zu) die Bankenrettungen zu Lasten u.a. der Spanier anführt, ist das lächerlich.
Dies genannte wirkliche Verbrechen hat nichts mit der Argumentation von Herrn Grau zu tun, sondern mit einer völlig verfehlten Europa-Wirtschaftspolitik.

Trittin hat simpel in unserem heilen Staat, der ihm sogar das Steinewerfen und die Verehrung von Terroristen erlaubte, den philosophischen wie auch gesellschaftspolitischen Inhalt des RISIKOS nicht verstanden.
Ein Unternehmer darf "ungleich" sein, denn im Gegensatz zum Wähler einer Beamtenlaufbahn kann er halt auch Krachen gehen und landet unter der Brücke. Oder als Millionär. Das ist völlig in Ordnung.
Was natürlich NICHT in Ordnung ist, ist, wenn bei Großkopfeten oder Banken und anderen anonym von (idiotisch hoch bezahlten) Angestellen (Managern) geleiteten Unternehmen das RISIKO wegfällt, indem der Staat hier stützend eingreift.

Nicolas Wolf | Sa, 23. Juli 2016 - 19:23

Wen es interessiert, wo er im Vergleich zur restlichen Weltbevölkerung steht, der kann hier nachschauen: http://www.globalrichlist.com . Wer meint es gäbe zu wenig Gleichheit bei Besitz und Einkommen aber nicht im Mittelfeld ist, der sollte mal fix seinen eigenen Wohlstand verteilen. Wer in der Spitzengruppe ist, Herr Trittin, mehr als 0,x% werden doch nicht vor Ihnen sein (das sie es auch verstehen: von 100 durchschnittlich Menschen auf dieser Welt sind Sie höchstwahrscheinlich der wohlhabendste!), und von zu wenig Gleichheit spricht, zeigt was für ein Mensch er ist...

Yvonne Walden | So, 24. Juli 2016 - 15:11

In seiner Selbstdarstellung wirkt Jürgen Trittin vielfach überheblich und besserwisserisch; seine Gedanken und seine politischen Zielvorstellungen sind jedoch durchaus nachvollziehbar und akzeptabel.
Eigentlich wäre Herr Trittin bei der Partei DIE LINKE als "Zugpferd" besser aufgehoben, denn bei den BÜNDNISGRÜNEN gibt es inzwischen eine starke kapitalismus-freundliche Strömung, deren Protagonistinnen und Protagonisten (etwa Frau Göring-Eckart) nicht zu erkennen vermögen, das man sie als kapitalistische "Türöffner" und Mehrheitsbeschaffer missbraucht.
Wenn die BÜNDNISGRÜNEN ihre ursprünglichen politischen Ziele wirklich ernst nehmen würden, kann deren Umsetzung nur in einem rot-grün-roten Bündnis erfolgen.
Eine schwarz-grüne Bundesregierung wäre dagegen eine Schimäre ohne politische Zukunftsgestaltung.
Wenn es gewissen GRÜNEN-Politikerinnen und GRÜNEN-Politikern lediglich um Macht und Mandate gehen sollte, wäre dies ein verwerflicher Irrweg, der unbedingt vermieden werden muß.

<Wenn es gewissen GRÜNEN-Politikerinnen und GRÜNEN-Politikern lediglich um Macht und Mandate gehen sollte, wäre dies ein verwerflicher Irrweg, der unbedingt vermieden werden muß.>
Genau dieses ist es, was man wohl generell "den Grünen" vorwerfen muß. All ihr agieren ist in Nachhaltigkeit nur dessen Echo verpflichtet. Sie suchen und finden Ideale, wo keine mehr sind....verständlich; doch daraus Politik zu konstruieren, ist eben ihr Anliegen und deshalb abzulehnen.
Sie ignorieren die kritischen Hinweise und unterstützen Lobbyisten eigener Provenienz, was kaum einer merkt.
Ökologie (survival of the fittest) ist die die falsch verstandene Ersatzreligion der Neuzeit.

peter hauser | Mo, 25. Juli 2016 - 19:21

Man hat meine mit " Abneigung" als Betreff gesendeten Kommentar bezogen auf Herrn Tretin gelöscht.... Warum ? (meine Angaben/Meinungen sind alle überprüfbar...).

Sollte er mich nicht unvermittelt kennen, ist dieses ein Argument ?

Habe inzwischen festgestellt, er wurde nicht gelöscht nur im anderern thread (Contra) gepostet.
Trotz allem, mein Kompliment an Cicero...

Auch der weitestgehenden Sachlichkeit der generell veröffentlichten Kommentare in ihrer Argumentation, gebührt Anerkennung.........gerade von mir, einem Legastheniker.

peter hauser | Di, 26. Juli 2016 - 14:16

Vielen Dank für ihre aufrichtige Darstellung eines bewerteten Sachverhalts.
Cicero könnte vielleicht mehr Zukunft haben als gedacht:-)

Jan Lolling | Fr, 5. August 2016 - 12:06

Ungleichheit ist schlicht zu pauschal um überhaupt diskutiert zu werden. Ungleichheit ist nie ein Problem sondern Chancen-Ungleichheit!
Gleichmacherei ist stets ein Hinderungsgrund für jede Gesellschaft sich zu entwickeln.

peter hauser | Sa, 6. August 2016 - 15:16

In reply to by Jan Lolling

Cancegleichheit suggeriert trotzdem ja immer noch eine Form von Gerechtigkeit, die es so nicht gibt und nie geben wird.
Gleichwertigkeit....("Forrest Gump".....:-)_) ist hier exemplarisch eine menschenwürdige Anerkennung, die mit Respekt jedem gegenübertritt, der seine Fähigkeiten in der "Sozialgemeinschaft" einbringt......und das ist wirklich nicht schwierig, bedarf allerdings Besinnung auf das Eigentliche und nicht Vergleich mit Vorstellungen, die irreal nur Leid bewirken.

Georg Dallmann | So, 7. August 2016 - 10:02

Die Argumente von Trittin gehen durchaus in die richtige Richtung. Ohne Gerechtigkeit (wozu vor allem auch FAIRNESS (!) gehören würde) gibt es nicht einmal ansatzweise "Gleichheit", weder im Recht noch in der Ökonomie.
Bei all der - berechtigten - Kritik Trittin`s an Grau`s Thesenkonvolut..........sollte man allerdinges EINES NICHT VERGESSEN:
Die GRÜNEN höchstselbst (!) waren es BEKANNTLICH, die - zusammen mit der selbsternannten "Sozialkümmererpartei SPD" die Hartz 4 - Verarmungs- und Ausgrenzungsgesetze aus der Taufe gehoben haben!
Also genau das Regelwerk, welches tagtäglich zu massiver Ausgrenzung, Demütigung und TEILHABELOSIGKEIT von Millionen von Bürger*innen führt! Was das mit "Gleichheit" und "Gerechtigkeit" zu tun hat, sollte Trittin in diesem Zusammenhang AUCH ERKLÄREN!
ALLERSPÄTESTENS bei diesem Punkt, kommt die bigotte HEUCHELEI der GRÜNEN (!) voll zum Tragen.
Was wirklich FAKT ist, ist die TATSACHE, daß auch die GRÜNEN nur SCHWURBELN wenn es gerade opportun ist!

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