Jens Weidmann - Der Mann mit den Filzstiften

Der neue Bundesbank-Präsident Jens Weidmann verkörpert eine neue Generation deutscher Ökonomen – es sind weltoffene Pragmatiker anstatt dogmatischer Ordnungspolitiker. Trotzdem soll die Bundesbank eine Trutzburg der geldpolitischen Orthodoxie bleiben.

Jens Weidmann – Der neue Präsident der Bundesbank
(picture alliance) Jens Weidmann – Der neue Präsident der Bundesbank

Es ist spät geworden in der „Brasserie Entrecôte“, einem kleinen französischen Restaurant am Checkpoint Charlie in Berlin. Jens Weidmann hat einen langen Arbeitstag hinter sich, als er sich mit einem Journalisten zum Abendessen trifft. Irgendwann nach 22 Uhr greift er zu seinem Mobiltelefon. Er ruft sich einen Wagen samt Fahrer. Weidmann will nicht ins Bett, sondern zurück ins Büro. Zurück zu seinen Akten.

Fünf Jahre ist diese Begegnung her. Damals, im Spätsommer 2006, hatte Weidmann gerade einen Job als Abteilungsleiter bei der Bundesbank aufgegeben und war nach Berlin gezogen – als Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Jetzt ist Weidmann an seine ehemalige Wirkungsstätte zurückgekehrt. Anfang Mai tauschte der 43-Jährige das Kanzleramt in Berlin-Mitte gegen die Bundesbank-Zentrale im Frankfurter Norden.

Seinerzeit war Weidmann der jüngste Abteilungsleiter der Bundesregierung. 2011 ist er der jüngste Bundesbank-Präsident aller Zeiten. In Berlin agierte er im Hintergrund, in Frankfurt wird er ins Scheinwerferlicht gerückt. In der deutschen Finanzmetropole ist man gespannt, was für eine Geldpolitik er verfolgen wird.

Die Episode aus der „Brasserie Entrecôte“ verrät eine Menge über ihn. Weidmann ist ein Arbeitstier, gewissenhaft und mit einem ausgeprägten Sinn für Details – und er versteht sehr viel von Volkswirtschaftslehre. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein für einen Notenbanker. Aber nicht in Deutschland. Die Politik wählt Bundesbank-Vorstände häufig nach politischem Proporz statt nach ökonomischem Sachverstand aus.

Jens Weidmann hat kein Parteibuch. Dafür hat er beim Bonner Volkswirt Manfred Neumann promoviert, einem der führenden deutschen Experten für Geldpolitik. Weidmanns Doktorarbeit beschäftigte sich mit Währungsintegration und den Zinssätzen in Europa. Die Arbeit war „methodisch auf modernstem Stand und sehr gelungen“, lobt Neumann noch heute. Weidmann gehört zu einer neuen, weltoffenen Generation von Ökonomen in Deutschland – sie stehen für vorurteilsfreie Volkswirtschaftslehre. Daten statt Dogmen, lautet ihr Credo.

Während Weidmanns Zeit als Leiter der Bundesbank-Abteilung „Geldpolitik und monetäre Analysen“ hing in seinem Büro stets eine schlichte, weiße Tafel an der Wand. Darauf waren von oben bis unten mit bunten Filzstiften Grafiken und Gleichungen gekritzelt, nachdem Weidmann mit Kollegen über ökonomische Probleme diskutiert hatte.

Er ist kein Ordnungspolitiker der alten Schule. Pragmatische Lösungen, die Nutzen stiften, sind ihm wichtiger als Grundsatzüberlegungen. „Ihn interessieren empirische Zusammenhänge, nicht ideologische Fragen“, sagt ein Vertrauter. Doch bei aller Offenheit: Weidmann steht für angebotsorientierte Wirtschaftspolitik in neoklassischer Tradition, die dem freien Markt prinzipiell mehr zutraut als dem Staat. Unter seiner Ägide als Generalsekretär schrieb der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2002 das Gutachten „Zwanzig Punkte für Beschäftigung und Wachstum“, das die rot-grüne Regierung in wichtigen Teilen als Blaupause für die „Agenda 2010“ nutzte. Weidmann legt Wert auf möglichst ausgeglichene Staatshaushalte, stabile Preise und langsame Lohnanstiege. Damit passt er gut in die Tradition der Bundesbank.

Wenn er damals hinter vorgehaltener Hand über die fünf Wirtschaftsweisen redete, philosophierte er gerne über den „Becket-Effekt“ – das Phänomen, dass Menschen, die Teil einer Organisation werden, automatisch deren Positionen übernehmen, auch wenn sie vorher ganz anders geredet haben. Es geht auf Thomas Becket zurück, der im 12.Jahrhundert erst Berater und Lordkanzler des englischen Königs war und sich als Kritiker der Kirche einen Namen machte. Dann wurde er Erzbischof von Canterbury und ein loyaler Diener der Kirche. (Bis sein König ihn wegen Illoyalität ermorden ließ. Derlei Strafen sind Gottlob aus der Mode.)

Sorgen, dass die politische Unabhängigkeit der Notenbank gefährdet ist, weil nun ein Merkel-Vertrauter an der Spitze der Institution steht, sind jedenfalls unbegründet. Weidmann war nie ein Parteisoldat, und als oberster Notenbanker der Republik wird er auch keiner werden.

Im Vergleich zur Axel-Weber-Bundesbank dürfte sich vor allem der Kommunikationsstil ändern – weniger die Inhalte. Die Bundesbank wird eine Trutzburg der geldpolitischen Orthodoxie bleiben. Den Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbank – in den USA im großen Stil üblich – lehnt man in Frankfurt strikt ab.

Amtsvorgänger Axel Weber hatte die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), griechische Staatsanleihen zu kaufen, um die Märkte zu stabilisieren, im vergangenen Jahr auch öffentlich scharf kritisiert – und damit gegen ein ungeschriebenes Gesetz der Notenbank verstoßen. „Bei der EZB sind viele Leute froh, dass Weber weg ist“, sagt ein Kenner der Notenbank. Allerdings habe Weber, trotz seines ruppigen Auftretens, die Position der Bundesbank sehr effektiv vertreten. „Weidmann steigt da in große Fußstapfen – ob er sie ausfüllen kann, bleibt abzuwarten.“

Unterschätzen sollte man ihn besser nicht. Auch wenn das selbst Leuten passiert, die ihn sehr genau kennen, wie Bert Rürup. „Er ist ein brillanter Kopf“, sagte der ehemalige Wirtschaftsweise vor Jahren, „wahrscheinlich wird er der nächste Chefvolkswirt der Bundesbank.“ Ein ehrenwerter Posten mit Renommee – für Weidmann aber schon länger ein paar Nummern zu klein.

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