Allstars-Mode - Die unsterblichen Chucks

Seit den 50er Jahren kommen „All Stars" immer wieder in Mode. Auch wenn der Schuh eigentlich total unfunktionell ist. Im Sommer stinken die Dinger erbärmlich, im Winter kriegt man Frostfüße. Doch das zeitlose Äußere und das Trendgespür der Hersteller überwiegen

Rote Chucks
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Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Meine ersten waren rot. Das war 1985. Depeche Mode seufzten ihr „Shake the Disease“, The Smiths stellten fest „The Joke isn’t funny anymore“ und The Style Council sahen „Walls come tumbling down“.

Und auch wenn das alles wahnsinnig schwermütig und bedeutsam klang: Mitte der 80er Jahre war das ewige Schwarz irgendwie vorbei. Der düstere Fischgratmantel verschwand mit der schwarzen Hose und den Creepers im Keller. Dafür schlüpften man in Verte Vallée Hemden. Die waren so schön bunt und vintagehaft, genau so wie die karierten Hosen, die man dazu trug. Und was passte besser zu diesem etwas romantischen Look als „All Stars“, wie Chucks damals noch hießen – natürlich in rot.

Die „All Stars“-Mode der 80er war allerdings nicht das erste Revival dieses Schuhs. In der Alltagskleidung tauchte er das erste Mal in den 50er Jahre auf. James Dean trug die Schuhe publikumswirksam als Zeichen halbstarker Jugendrebellion. Später dann entdeckten die Hippies die alten Basketballschuhe, weil sie so herrlich unbürgerlich waren und man sie so hübsch mit Glöckchen, Schleifen und Blumen verzieren konnte. Auch die Punks der 70er erkannten, dass der Leinenschuh und seine Gummikappe sich prima mit Anarchiezeichen oder anderen Insignien des Widerstandes versehen ließen. Und vor allem: Man konnte zwei verschiedenfarbige tragen – das war dann so richtig punk.

„All Star"-Revivals belebten zum ersten Mal ein Produkt und nicht nur einen Trend
 

Die „All Stars“ waren das erste echte Produktrevival. Wiederbelebungen von irgendwelchen Trends hatte es schon immer gegeben. Auch, dass Jugendliche alte Kleidungsstücke neu interpretieren und in ihre Subkulturen integrieren, war kein neues Phänomen. Doch dabei ging es um Looks, nicht um eine konkrete Marke.

Das war bei den „All Stars“ anders. Erstmals wurde tatsächlich ein erkennbar altes, im Grunde unzeitgemäßes Produkt unverändert aus der Versenkung geholt. Und das merkt man den Teilen an – bis heute. Denn immerhin wird der „All Star“ seit 97 Jahren produziert. Ursprünglich übrigens ausschließlich in Schwarz.

Sein für einen Sportschuhe biblisches Alter bringt allerhand Nachteile mit sich. So ist der „All Star“ der Schrecken aller Orthopäden. Fußbett? Komplette Fehlanzeige. Auch die Luftzirkulation und die Verdunstungsfähigkeit lassen arg zu wünschen übrig. Um es deutlich zu sagen: Die Dinger stinken nach kurzer Zeit ganz erbärmlich, insbesondere wenn man sie im Sommer auch noch barfuß trägt. Kommt man in einen Regenschauer, saugt sich der Schuhe schneller voll Wasser, als man einen Unterschlupf gefunden hat. Und im Winter sind Frostfüße garantiert. In den 80er Jahre galt es daher als besonders lässig, grobe graue Strickstrümpfe zu den Teilen zu tragen.

Kurz: Als Schuh ist dieser Schuh eigentlich eine komplette Fehlanzeige. Er ist unbequem, macht einen fürchterlichen Gang und erzeugt einen äußerst unerfreuliches Binnenklima, das den Verkauf einschlägiger Sprays in die Höhe treiben dürfte.

All diese Widrigkeiten konnten jedoch nicht verhindern, dass inzwischen das dreitausendste „All Stars“-Revival über uns hinwegrollt bzw. unter uns herumlatscht. Allerdings: Die Hartnäckigkeit, mit der der Sportschuhe an den Füßen von Generationen klebt, überrascht nicht wirklich. Die Gummikappe, das Leinen mit den Metallösen, all das gibt dem Schuh schon wieder etwas Zeitloses, was ihn von dem Gros anderer Sportschuhe abhebt.

Hinzu kommt, dass der Hersteller Converse – 2003 übrigens von Nike gekauft – es immer wieder verstanden hat, den farblichen Trends der Zeit zu folgen. Und so bevölkern derzeit vor allem mintgrüne, hellblaue und in anderen Pastelltönen getauchte „All Stars“ die deutschen Straßencafés.

Das liegt allerdings auch daran, dass sich die Kundschaft spätestens seit der letzten Retrowelle in den 00er Jahren erheblich verändert hat. Wurde der Schuh während der letzten vierzig Jahre meist von Teenagern getragen, so sind es heutzutage vor allem in der Zwischenzeit deutlich gealterte ehemalige Jugendliche, die mit den zwischenzeitlich zu „Chucks“ mutierten „All Stars“ die Bistros, Eisdielen und Spielplätze der Republik bevölkern.

Den Namen „Chucks“ verdanken die Sportschuhe im Übrigen einem Basketballstar der 20er Jahre: Chuck Taylor. 1921 wendete sich Charles Hollis Taylor, so sein bürgerlicher Name, an das Büro von Converse in Chicago. Der Mann hatte Glück und wurde in das Management von Converse übernommen.

Chuck Taylor sorgte dafür, dass der Schuh bequemer und sporttauglicher gemacht wurde – was die Frage aufwirft, wie um alles in der Welt sich das Ursprungsmodell angefühlt haben muss. Immerhin muss der Fortschritt so erheblich gewesen sein, dass seit 1923 der Namenszug von Chuck Taylor das Logo am Knöchel der Schuhe ziert.

Der Mann, mit dessen Namen man die „All Stars“ vor allem verbindet, starb 1969. Da waren die Schuhe, an deren Erfolg er maßgeblichen Anteil hatte, schon fest in der Jugendkultur verankert.
 

Die offensichtliche Verbürgerlichung der Chucks schadet ihrem Image
 

Inzwischen ist das Sortiment von „All Stars“ unüberschaubar: sogar in Silber und Gold gibt es sie seit einigen Jahren. Aber vermutlich werden auch diese Versuche, dem Zeitgeist hinterher zu hecheln, die Chucks nicht totkriegen.

Einfältige Marketingkampagnen sind das eine. Viel gefährlicher für das Image der „Chucks“ ist da schon ihre unübersehbare Verbürgerlichung. „All Stars“ standen immer für Rebellion oder zumindest für Eigensinn und Unkonventionalität: Alle Welt redet von gesunden Füßen, von Fußbett und Atmungsaktivität? – Egal. Irgendwelche Werbeopfer rennen in Hightech-Sportschuhen herum, die Astronauten auf dem Mars getestet haben? – So what? Kalte Füße? – Na und, so richtig cool sind die „All Stars“ sowie erst im Schnee.

Diese trotzige Aura ist natürlich flöten, wenn Mama und ihrer Freundinnen in ihren neuen mintgrünen Sneakers beim Aperol Spritz im Bistro sitzen und Papa in seinen weißen Chucks in den Biergarten watschelt.

Die aktuelle Sneaker-Welle ist Ausdruck der triefigen Nostalgie jener, die sich noch einmal fühlen wollen wie damals. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen, aber unfair ist es dennoch: Retten wir die Sneakers für unsere Kinder! Es ist ihr Schuh. Was soll man denn sonst anziehen mit 16? Und worauf bitte schön soll man den Namen seiner Lieblingsband malen? Auf Bootsschuhe etwa? Und außerdem: Ab einem gewissen Alter kehrt sich jede Jugendlichkeitsgeste schnell in ihr Gegenteil. Mit 50 in den – natürlich blitzsauberen und gepflegten – „All Stars“ herumzulaufen, ist nicht besonders jugendlich, sondern macht alt. Dann doch lieber zuhause ganz entspannt die alte „Stop Making Sense“-Platte auflegen. In Vinyl, versteht sich.

 

 

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